manao 01.04.2011, 13:49 Uhr 2 3

Als wäre nichts gewesen

Es ist 00:06 Uhr. Vor einer guten halben Stunde habe ich mein Buch weggelegt, das Licht ausgemacht und bin wenig später eingeschlafen.

Jetzt werde ich vom lauten Alarmton meines Funkmeldemepfängers geweckt. Es dauert einige Sekunden, bis ich merke, wovon ich wach geworden bin. Nach der 5-Ton-Folge sagt eine fremde Stimme zu mir, dass ein Schuppen brennt.
Ich werde nervös. Gehe ich, gehe ich nicht? Schaff ich es noch auf ein Fahrzeug? Schaff ich es, um halb 7 zu Arbeit zu fahren?
Ich entscheide mich dafür zu gehen. Während ich meine Socken suche, höre ich, dass die Tür der Wohnung unter uns zugeknallt wird. Mein Kamerad ist schon fertig.
"Scheiße" denke ich mir. Sein Auto steht direkt vor dem Haus, meins 300m weiter weg. Ich zweifel daran, dass ich noch eines der Fahrzeuge erwische.
Trotzdem laufe ich die zwei Stockwerke runter und lege einen Sprint zu meinem Wagen ein.
Mir fällt gar nicht auf, dass es für Mitternacht ziemlich mild ist.
Das Losfahren fällt mir schwer. Meine Beine zittern, aber nicht wegen des Laufens, sondern weil ich so aufgeregt bin. Gas geben geht noch, aber die Kupplung wieder sanft zurückgleiten lassen ist nicht machbar. Nach jedem Schaltvorgang knallt sie wieder zurück.
Mit 80km/h und Fernlicht fahre ich durch die Stadt. Außer zwei unserer Feuerwehrautos ist in dem Moment niemand unterwegs.
Die besten Parkplätze auf dem Hof sind schon vergeben, so muss ich mich noch ordentlich an die Seite stellen.
Ich renne ins Gebäude, streife die Schuhe von den Füßen, steige in meine Latzhose und Stiefel, schnappe mir meinen Helm und die Handschuhe und die dicke Jacke.
Die Anderen haben gesehen, dass ich noch gekommen bin und haben auf mich gewartet. Mit meinem Nachbarn und fünf weiteren Kameraden sitze ich nun im größten unserer Fahrzeuge.

Auf der Anfahrt sieht man schon von Weitem das Feuer, der Himmel ist orange.
Es ist das erste Mal, dass ich bei einem Brand dabei bin. Für einige Augenblicke starre ich mit offenem Mund vom Fahrzeug aus auf das Feuer.
Mir ist schon vorher bewusst gewesen was es bedeutet, wenn es brennt.
Aber direkt davor zu stehen und mit eigenen Augen zu sehen, wie das Eigentum von Jemandem verbrennt ist schon ein komisches Gefühl.
Die Trupps, die schon früher hier angekommen sind, beginnen mit den Löscharbeiten.
Nachdem unser Gruppenführer mit dem Einsatzleiter die Lage besprochen hat, müssen wir absitzen. Ich bin für die Wasserleitung zuständig.
Das heißt: Unterflurhydrant suchen, Standrohr setzen und Schläuche vom Auto zum Hydranten verlegen. Durch die Haspel sind die 180m Schlauch aber schnell gelegt,
Jetzt merke ich, dass ich beim Griff in meine Sockenkiste Füßlinge genommen hab. Und ich merke wieder, dass es ganz schön mild ist und ich die dünne Jacke hätte anziehen sollen.

Als die Wasserverbindung steht, stelle ich mich zum Maschinisten und beobachte alles. Solange ich vom Gruppenführer keine neue Aufgabe bekomme, laufe ich nicht wirr an der Einsatzstelle rum und mache irgendwas.
Die Polizei ist auch schon eingetroffen. Den einen Polizisten schätze ich auf Mitte 50, der andere ist verdammt jung und verdammt hübsch.
Irgendwann steht er neben mir, er fragt mich, warum da eben aufeinmal so eine große Flamme entstand. Ich beantworte ihm die Frage. Dann stehen wir eine Zeit einfach nur so da.
Mein Gruppenführer ruft mich, ich soll meinem Kameraden helfen, das Strahlrohr zu halten.
Die Aufgabe hat sich aber nach zwei Minuten schon wieder erledigt. Ich helfe noch, ein paar Trümmer zur Seite zu schaffen und begeb mich wieder ans Fahrzeug. Ich frage den Polizisten, ob er schon weiß, wie das Feuer entstand. Als ich dabei "Sie" zu ihm sage, sagt er mir, dass wir "Du" zueinander sagen sollten, er sei ja nicht viel älter als ich. 22 ist er.
Irgendwann meint er, ob ich nicht am Morgen zur Arbeit muss. Das muss ich allerdings, ich sage ihm, dass ich um halb 7 im Auto sitzen muss.
Er sieht auf die Uhr, die 02:00Uhr anzeigt, lacht und wünscht mir viel Spaß.
Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis der Mann von der Kripo kommt. Er muss mit seinem Kollegem zu ihm. Das Feuer ist mittlerweile gelöscht, eine Ortsteilfeuerwehr löst uns ab.
Wir packen unsere Schläuche soweit zusammen, einige lassen wir aber liegen, damit die andere Wehr die Leitung nicht nochmal aufbauen muss.
Sie wird noch zwei Stunden bleiben und nach Glutnestern suchen.
Während dem Aufräumen sehe ich die zwei Polizisten mit dem Kripobeamten den Schuppen begutachten.
Als wir fertig zum Abrücken sind, ist er verschwunden. Ich gucke, ob das Polizeiauto noch steht, doch genau jetzt fährt es Weg.
Leicht enttäuscht setze ich mich ins Fahrzeug. Meine Kameraden sind aber am Rumblödeln und so vergesse ich meine Enttäuschung schnell wieder.

Um kurz vor 3 melden wir uns bei der Leitstelle ab.
Jetzt müssen die Fahrzeuge wieder beladen werden, aber ich ziehe erstmal meine Stiefel aus. Meine Fersen sind total aufgescheuert, weil die Füßlinge immer wieder runtergerutscht sind. Außerdem bin ich geschwitzt ohne Ende, da ich unter der dicken Jacke noch ein T-Shirt und einen Kapuzenpullover trage.
Nachdem ich mich aus meinen Einstzklamotten gepellt hab, helfe ich.
Es geht alles recht schnell, weil jeder mit anpackt und so ist um 3:10Uhr schicht im Schacht. Ich wünsche allen eine gute Nacht und fahre nach Hause.
Weil ich nach Rauch stinke, dusche ich noch schnell.
In mein Bett lege ich mich gar nicht erst, bis ich da eingeschlafen bin, würde es lange dauern. Ich würde den ganzen Einsatz Revue passieren lassen. Also lege ich mich aufs Sofa und mach den Fernseher an.
Auf DMAX kommt "Zerstört in Sekunden". Das ist eindeutig unterhaltsamer als "Richterin Barbara Salesch".
Nach der ersten Werbung mit nackten Frauen, die auf einen Anruf warten, schlafe ich gegen viertel vor vier ein.

Um 5:30Uhr geht mein Handywecker. Ich schalte ihn wieder aus.
Mein Bruder kommt um kurz vor halb 7 ins Wohnzimmer und fragt mich, ob ich nicht langsam aufstehen will.
Geschockt über die Uhrzeit springe ich auf und ziehe mich an. Putze meine Zähne, schmier mir ein Brot und verpflaster noch meine Fersen ein wenig.
Es ist 06:42Uhr, es wird schon langsam hell, es ist 9°C und vor mir läuft mein Nachbar. Ich hole ihn ein. Mit den Worten "lange nicht gesehen" begrüßt er mich lächelnd.
Dann steigt er in das Auto seines Kollegen, der schon auf ihn wartet und ich in meines. Die Lautstärke meines Radios ist ein wenig übertrieben, aber das brauche ich jetzt, um wach zu werden.
An der Arbeit wird alles wie immer sein: als hätte ich wie die Anderen in der Nacht geschlafen.

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2 Antworten

Kommentare

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    gut, wenn man gebraucht wird:)

    02.05.2012, 19:31 von zehnmomente
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    Jaja der Ärger mit den Socken. Wenn die rutschen ists vorbei und die Fersen werden unweigerlich wund.
    Erinnert mich irgendwie entfernt an die Zeit als das alles für mich auch noch neu und besonders aufregend war.

    04.04.2011, 15:52 von NeoZed
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