FeineKleine 27.01.2017, 23:58 Uhr 14 20

23:41 Uhr

Mit ihrer durchnässten Hose sucht sie nach der richtigen Tür. Genervt bin ich nicht. Erschöpft ist das richtige Wort.

Es ist 23:41 Uhr und ich schaue auf mich herab. Auf mein weißes Gewand mit vollgestopften Taschen. Die Kappe des schwarzen Eddings ist wohl irgendwo verloren gegangen, denn die Ecke meiner Tasche ist kohlrabenschwarz unterlaufen. Über die Blutflecken klebe ich dieses stoffartige Pflaster. Was sollen sonst die Leute denken?

Es ist viel zu spät, um mich noch richtig zu konzentrieren. Also, erst einmal Kaffee und eine Zigarette. Die Konzentration steigt aber auch dadurch nicht, denn ich werde immer wieder unterbrochen. Licht an, Licht aus. Fenster zu, Fenster auf. Die dicke Decke, nein – doch die dünne. Ich atme tief ein und wieder aus. Die meisten können nichts dafür. Zurückgekommen, glimmt nur noch der Zigarettenfilter. Kalter Kaffee soll ja schön machen. Ich trinke die Tasse aus. Mir wird kurz schlecht, dann schüttelt es mich.

Wie eine Maschine drücke ich die runden, manchmal eckigen, manchmal halben, mal bunten, mal weißen Smarties, wie ich sie liebevoll nenne, in die dazugehörigen Behälter. Seite für Seite mache ich das. Und manchmal fange ich wieder von vorne an. Tief atmen.

Klapprig und alt kommen sie kaum mehr hoch vom Klo und mir schmerzt der Rücken. Augen zu und durch. Noch ein Schluck vom lauwarmen Tee und dann hoffe ich, dass sie die Augen wieder schließen. Es ist 1:12 Uhr und die letzte Schachtel verschwindet im Wirrwarr zwischen sechsundzwanzig Buchstaben.

Mittlerweile herrscht ein wenig Leben. Mit ihren weißen Haaren und dem viel zu langen Nachthemd geht sie am Gang auf und ab. Wie ein Geist, denke ich. So recht weiß sie nicht, wo sie sich gerade befindet, aber das ist vielleicht auch besser so. Mit ihrer durchnässten Hose sucht sie nach der richtigen Tür. Nachdem ich ihr fünfmal erklärt habe, dass ich weder ihre Tochter, noch ihre Haushälterin bin, lässt sie sich an der Hand nehmen. Wohlig warm und trocken lässt sie sich niederlegen. Ich decke sie zu und streichle über ihr faltiges Gesicht.

Das Telefon klingelt. Zwei Minuten später bin ich oben. Kissen raus. Rücken. Rechte Seite. Kissen rein. Beine hoch. Kissen drunter. Decke drüber. Fertig. Irgendwie abweisend. Es ist 2:01 Uhr. Und das alle zwei Stunden. Der Tod haucht mir ein wenig entgegen.

Es scheint still geworden zu sein. Fast zu still, wie ich finde. Selten trügt mich mein Gefühl. Ein Glas geht zu Bruch. Er sitzt an der Bettkante, den Kopf zum Boden geneigt, sichtlich beschämt. Genervt bin ich nicht. Erschöpft ist das richtige Wort. Blut tropft von seinem Handgelenk. Lauernd warte ich auf das Geräusch, wenn das Blut den Boden berührt. Er lächelt mich an. Seine Augen bleiben dabei traurig. „Das wollte ich nicht“, sagt er. Ich nicke ihm zu und lächle ebenfalls. Er berührt meine Schulter. „Leicht hast du es nicht mit mir“, murmelt er. Längst hat es aufgehört zu bluten. Es brennt ein wenig, doch das stört ihn nicht. Die fädige Mullbinde um sein Handgelenk lässt ihn wie einen Boxer aussehen. Bitte jetzt keine Geschichten erzählen. 2:42 Uhr. Vorbei und abgehakt. Er möchte weiter schlafen. Gott sei dank.

Ich drücke auf den Knopf. Es rattert laut. Der heiße Kaffee läuft in die Tasse. Vielleicht wird es ja diesmal was. Tatsächlich. Genüsslich nehme ich den letzten Zug meiner Zigarette. Es ist 2:53 Uhr. Mit schweren Beinen bemühe ich mich leise zu sein. Leise zu atmen. Schnarchen dröhnt aus manchen Türschwellen. Ein schönes Geräusch.

Meine Fingerkuppen durchbohrt ein leichter Schmerz. Die Mine meines Bleistiftes ist stumpf. So vieles habe ich zu sagen. Kurz vor vier. Ich gehe wieder nach oben. Wie schnell doch zwei Stunden vergehen können. Die fahle Haut, der ruhende Körper, die fast trockenen Augen. Meine Hände haben damit kein Problem.

Meine Müdigkeit habe ich längst übertaucht. Ich versuche etwas zu entspannen. Erst jetzt merke ich, dass meine Blase prall gefüllt ist. Glücklich darüber gefühlte zwei Kilo leichter zu sein, schlendere ich über den Gang. Nicht schlafen zu können muss furchtbar sein. Die Nacht mit dem Tag zu verwechseln muss unerträglich sein. Nicht fassbar, nicht zu verstehen. In seiner kleinen eigenen Welt scheint alles logisch. Ich atme tief ein, durch den Mund wieder aus. Belüftet die Lungen besser, wie so viele sagen. Ich kann es schon bald nicht mehr hören. 4:33 Uhr.

Manchmal ist es traurig, manchmal erfrischt es. Bringt mich zum lächeln, zum staunen und zum stöhnen. Manchmal verdreht es mir die Augen. Manchmal beiße ich mir wütend auf die Zähne. Manchmal streichle ich eine alte Hand, zauber ein Lachen ins verwirrte Gesicht.

Die alte Dame steht wieder vor mir. Sichtlich desorientiert und mit zersausten Haaren. Noch einmal tief atmen, denke ich mir. Bald habe ich es geschafft. Ich gehe mit ihr den Gang auf und wieder ab. Sie sucht ihren verstorbenen Mann. Er soll in der Küche sein. „Ich habe ihn dort nicht gesehen“, sage ich zu ihr. Verwundert schaut sie mich an. Ratlos. Nervös tippelt sie mit ihren Füßen auf und ab. Ich halte ihre Hand. Mit der anderen Hand streift sie sich die Haare aus dem Gesicht und kaut auf ihren Lippen. „Er ist sicher Brötchen holen“, entgegne ich ihr. Sie lächelt. Ich bringe sie zurück in ihr Zimmer.

6:45 Uhr. Alle starren mich an. „Ist ja ganz ruhig gewesen, ge?!“

7:04 Uhr. Ich gehe aus der Tür. Der Leichenwagen kommt mir entgegen. Und ich freue mich so auf mein Bett.

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14 Antworten

Kommentare

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  • 1

    yah...schreibt man so´n text, sind die lobenden worte so sicher wie zahlreich.

    die dolle solidarität sucht man allerdings vergeblich, wenn man versucht die arbeitsbedingungen zu verbessern :).

    und spätestens dann, wenn die endlagerung der eigenen angehörigen zu unangenehmen mehrkosten führen sollte...dann wird der verschleiss der pflegekraft doch überaus billigend in kauf genommen und jeder implizite respekt entpuppt sich als worthülse.

    (disclaimer: nicht als herabwürdigung untenstehender kommentare oder kommentatoren gemeint...aber "die gesellschaft" ist voller schöner worte für all die "deinenjobkönnteichnichtmachen"-berufsgruppen, aber vollkommen frei von jeder solidarität...insbesondere für das selbstgeschaffene "pflegeprekariat".

    eine einzige schande und ein unendliches armutszeugnis - in den krankenhäusern, bei den rettungsdiensten usw. ist es ja schon mitunter schlimm...aber so räudig, wie es mehrheitlich in der altenpflege und/oder den ambulanten pflegediensten zugeht ist es doch vergleichsweise selten...)

    30.01.2017, 23:51 von PixelAspect
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  • 0

    Wau! 

    30.01.2017, 19:35 von Lalotte
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  • 0

    sehr gerne gelesen was riotsk und die anderen unter mir geschrieben haben.

    30.01.2017, 17:08 von jetsam
    • 0

      sehr gerne gelesen und was ...

      30.01.2017, 17:24 von jetsam
    • 1

      ...denn wer hätte nicht gern ne feine kleine als pflegerin? und keinen roboter, keinen brachial-ulf oder klaudiusz...

      30.01.2017, 17:41 von libido
    • 0

      :-)    

      30.01.2017, 19:00 von mirror87
    • 0

      oder keine brutal-małgorzata, hammerwerfer-tsvetelina, protuberanzen-iwan.

      30.01.2017, 20:49 von libido
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  • 3

    Als Sohn einer Altenpflegerin, die mit schweren Depressionen mit 53 in Frührente ging, muss ich Dir nicht weiter erläutern wie viel mir Dein Text hier bedeutet. Mein "Danke" dafür. Tiefsten Respekt für diesen Knochenjob und alle Menschen in solchen Jobs eh klar. 

    29.01.2017, 18:37 von riotsk
    • 0

      *Respekt vor...und alleN.....

      29.01.2017, 18:46 von riotsk
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  • 1

    Ist
    ja ganz ruhig gewesen, ge?!“

    thüringen, ge?

    29.01.2017, 15:48 von libido
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  • 0

    Diese Mitte zwischen Empathie und nötiger Distanz braucht man für manche Jobs. Scheint aber gut zu funktionieren ...

    29.01.2017, 15:02 von alter_hund
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  • 1

    du machst einen guten job ! respekt.

    29.01.2017, 12:12 von EC_Lino
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  • 3

    Ja, danke! Ich hoffe der Alltag lässt dich nicht abstumpfen und auch hoffe ich, es zerbricht nichts in dir, an ihm.

    29.01.2017, 11:31 von Fin_Fang_Foom
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  • 0

    danke!

    28.01.2017, 09:13 von sakonu
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