somemightsay 05.05.2005, 23:33 Uhr 29 0

11 Jahre

11 Jahre bin ich schon da. Heute werde ich kündigen.

Es ist Samstag, der Wecker klingelt wie immer um 6:00 Uhr. Ich bin sofort hellwach und mache mich zügig fertig. Aber obwohl heute eigentlich ein toller Tag ist, ist da diese Schwere. Vor einigen Tagen habe ich eine fette Gehaltserhöhung bekommen, so fett, dass ich meinen Nebenjob nicht mehr brauche. Heute werde ich ihn kündigen, meinen Hut nehmen, den Job an den Nagel hängen. Nie wieder muss ich mich Samstagmorgen um 6:00 Uhr aus dem Bett quälen, nie mehr arbeiten, wenn die Freundinnen sich zum Frühstück treffen oder Einkaufen gehen. Ich werde Freitagnacht durchfeiern und den ganzen Samstag im Bett verbringen. Montags erscheine ich gut erholt zur Arbeit, nie mehr plagt mich dieses Gefühl, für nichts Zeit zu haben. Endlich habe ich eine 5-Tage-Woche. Nie wieder Hinterteile abwischen und Windeln wechseln. Nie wieder Essensreste von einem fremden Mund wischen und Hämorrhoiden eincremen, es sei denn, es sind meine eigenen. Und trotzdem kommt keine rechte Freude auf.

Ein Berufsfindungspraktikum in der 9. Klasse stand an. Ich, 16 Jahre, verwöhntes Mädchen aus gutem Hause, rebellierte gerade mit roten Haaren und Punker-Freund gegen die Werte meiner Eltern. Was sollte ich machen? "Was Soziales" würde sich sicher bei meinen Freunden gut machen, überlegte ich mir. Ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet, fragte ich in einer Sozialstation an. Weil wer „Sozial“ heißt, wird auch Soziales machen...

Die Sozialstation hatte aber leider keine Verwendung für mich, gab mir aber die Nummer einer Tagesaltenpflege. Ich rief dort an, bekam direkt einen Vorstellungstermin und fand mich zwei Tage später in Vorstellungstermin-Klamotte dort ein. Ein knurriger Mann erklärte mir, wo ich mich befand und was genau dort gemacht würde, aber ich hatte keinen blassen Schimmer wovon er sprach. Nach einer halben Stunde verließ ich das Büro wieder mit einem Praktikumsplatz in der Tasche und ohne den Hauch einer Ahnung, was auf mich zukommen würde.

Die ersten Tage waren hart, denn ich war nicht vorbereitet auf das, was ich dort sah. Ich fühlte mich wie im "Irrenhaus", in einem falschen Film, auf einem anderen Planeten und wollte nur nach Hause. Ich war komplett überfordert, war ich doch bis dato nie mit Demenz- oder Alzheimer-Patienten in Berührung gekommen, ich kannte niemanden, der einen Schlaganfall erlitten hatte oder an Parkinson erkrankt war. Eigentlich wusste ich nicht mal wirklich dass es das alles gab. Wie sollte ich mich verhalten? Windeln wechseln, Mund abwischen bei einem völlig fremden Menschen, Gekautes in Wassergläsern, das war alles nichts für mich. Aber es wurde besser mit der Zeit und schließlich war ich überglücklich, als mir nach meinem 3-wöchigen Praktikum ein Job angeboten wurde. Auch, wenn ich den eigentlich nur wegen der attraktiven Zivis wollte...

Vor drei Wochen feierte ich 11-jähriges Jubiläum. Kaum vorstellbar, dass ich schon so lange da bin. Ich bin doch noch gar nicht so alt!? All die Jahre arbeitete ich dort nebenbei. Neben der Schule, neben meiner Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, neben meiner Ausbildung zur Werbekauffrau und auch jetzt noch, obwohl ich längst ausgelernt habe, arbeite ich weiterhin nebenbei in der Tagesaltenpflege, weil mir das Anfangsgehalt nicht reicht. Mir war früh klar, dass das kein Job ist, denn ich Tagtäglich ausführen möchte. Seit 2 Jahren habe ich schon einen festen Job in der Schicki-Micki-Branche und gehe samstags zur Altenpflege. Ich quäle mich um 6:00 Uhr aus dem Bett und komme erst gegen 19:00 Uhr wieder nach Hause. Es ist ein Knochenjob, der ganz schön an den Nerven zerrt. Aber ich habe einfach keine Lust jeden Pfennig umzudrehen. Nicht selten ging ich freitags nicht weg, weil ich Samstag arbeiten musste und nicht selten ging ich am Samstag nicht weg, weil ich arbeiten war. Zudem ist eine 6-Tage-Woche auf Dauer auch nicht wirklich gesund.

Kurz vor meinem 11-jährigen hatte ich eine Premiere. All die Jahre war mir ein derartiges Erlebnis erspart geblieben und ich hätte auch weiterhin gut darauf verzichten können. Ich hielt die Hand einer Frau, während sie starb. Ich habe ihren Kopf gestreichelt und mit ihr gesprochen, während mein Kollege ihr Herz massierte. Ich stand daneben, als die Notärzte die Elektroschocks auf ihre Brust drückten und ich trank zu Hause als erstes einen Vodka. Möchte jemand diesen Job?

Ich habe oft gesagt, dass ich in dem Laden irgendwie hängen geblieben bin. Ich habe nie gekellnert, nie Zeitungen ausgetragen, nie bei H&M gearbeitet. Ich jobbte immer dort. Und ja, ich habe die Ommas gern, aber sie rauben mir auch oft den letzten Nerv. Und jeden Samstag, wenn der Wecker mich um 6:00 Uhr aus dem Schlaf geklingelt hatte und ich schlaftrunken durch die Wohnung schwanke, schwöre ich mir, dass ich sofort aufhöre, wenn mein Gehalt stimmt.


Nun ist es endlich soweit. Ich erscheine zur Arbeit mit dem Wissen, dass ich heute kündigen werde. Und irgendwie nehme ich plötzlich alles viel bewusster wahr. Zum Frühstück füttere ich wie immer Frau E. Sie ist unberechenbar, neigt zu Aggressivität, schlägt oft um sich, aber wir kommen gut klar. Sie schmilzt wie Butter in der Sonne, wenn ich ihren Kopf streichle und so übernehme ich auch immer gerne das Füttern. Sie lebt schon lange in ihrer eigenen Welt, hat ihre ganz eigene Sprache und trotzdem lächelt sie, wenn sie mich sieht. Wahrscheinlich erinnere ich sie bloß an die Tochter oder an irgendwen anders. Aber sie lächelt und ich streichle ihr über den Kopf, während sie ihr Brot kaut. Nachmittags beim Tanztee tanze ich eine Runde mit Frau M. zu Udo Jürgens, bevor ich sie zur Toilette bringe, um ihre Windel zu wechseln. Frau M. tanzte so gerne, als sie noch jung war, heute lässt der schmerzende Körper nur noch langsame Bewegungen zu. Später fahre ich Frau S. nach Hause, die so schlecht laufen kann, aber laufen soll, damit sie nicht völlig einrostet. Sie hat Osteoporose und ihr ganzer Körper „knubbelt“ und knackt bei jeder noch so kleinen Bewegung. Ihr Geist ist fit, aber ihr Körper kaputt. Stolze 87 Jahre ist sie alt und so tapfer. Ich setze sie immer heimlich auf ihren Gehwagen und schiebe sie so zur Haustür, damit sie nicht laufen muss. Heute will sie mir unbedingt etwas zum Dank geben, aber sie hat nichts und ist ganz traurig, dass sie mir ihre Dankbarkeit nicht zeigen kann, obwohl ich beteuere, dass ich gar nichts haben möchte. Sie zieht mich zu sich runter und sagt, sie wolle mir wenigstens das geben und küsst mich auf die Wange. Mir werden die Augen feucht und ich verabschiede mich mit schwerem Herzen. In Zukunft wird sie jemand anders nach Hause bringen, denn ich werde gleich kündigen.

Ich habe viel gelernt in den 11 Jahren und der Job hat mich ganz sicher geprägt. Ich habe viele Menschen kommen und gehen sehen und hänge sehr an meinen Kollegen, die teilweise auch schon so lange da sind wie ich. Eigentlich bin ich quasi aufgewachsen in dem Laden. Es berührt mein Herz, wenn eine Frau E. lacht, weil ich ihre Wange streichle. Es rührt mich, wenn eine Frau S. mir zum Dank auf die Wange küsst. Das Strahlen in den Augen von Frau M., wenn wir zu Udo Jürgens tanzen, es macht mich glücklich.


Feierabend. Ich sitze zu Hause und mache mir ein Bier auf. Die Schwere ist von mir gewichen und ich bin auch gar nicht so müde wie sonst. Neulich sagte mal jemand zu mir, dass man bei so einem Job nicht einfach so hängen bleibt und ich denke schon den ganzen Tag über seine Worte nach. Ich schätze, er hatte Recht. Nein, man bleibt nicht einfach so bei so einem Job hängen. Ist es vielleicht gar nicht nur das Geld, was mich dorthin treibt? Hängt mein Herz nicht an den „Ommas“ und „Oppas“? Liebe ich diesen Job vielleicht sogar?

Ich habe heute nicht gekündigt.

29 Antworten

Kommentare

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    später habe ich meinen letzten Tag. Ich habe gekündigt, meinen Hut genommen, bin raus. Und das ist gut so.

    28.05.2007, 22:05 von somemightsay
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    ein toller text!
    ich kann deine situation gut nachvollziehen,...arbeite auch schon seit 12 jahren jeden samstag nebenbei. na ja fast....die "normalen" ausfälle mal inbegriffen.
    dein text ist sehr emotional geschrieben, das mag ich. man kann sich gut in die diversen situationen "hineinfühlen" - umso erleichternd war es für mich zu lesen, dass du doch nicht gekündigt hast!

    ich kenne dieses schreckliche morgendliche aufstehen ebenfalls nur zu gut u. wünsche mir auch, dass es vielleicht irgendwann aufhört.....obwohl ich auch verdammt an meinem nebenjob hänge....
    freitag abend nicht richtig feiern/saufen können, ist schon ab u. an echt mist.
    nun ja. wat solls.
    toller text, schön geschrieben - und die ommas u. oppas haben auch noch was davon!

    :)
    schöne grüße

    29.09.2006, 14:52 von Blaumond
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    tja, ich bin auch 4 jahre "hängengeblieben". Und jetzt wo ich im Ausland lebe 8und das Geld nicht mehr brauche), fehlen mir ab und an mal meine ommis... Kann dich gut verstehen.

    02.02.2006, 18:51 von arsinoe
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    Hallo SMS,

    meine "Omma" hat bis zu Ihrem Tode im letzten Jahr in einem solchen Seniorenheim gelebt, und beim Lesen Deines Artikels kamen eben sehr viele Erinnerungen wieder hoch. Nebenher spielen noch Death Cab For Cutie einige melancholischen Stücke und, believe it or not, der alte Mann hier hatte doch tatsächlich das Wasser in den Augen stehen.

    Ich habe den grössten Respekt vor Deinen nun 11-Jahre andauerndem Engagement! Ganz grosse Verbeugung!

    26.01.2006, 00:10 von Langschlaefer
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    dein text ist ja schon ein weilchen her. und?? arbeitest du noch da?

    11.08.2005, 13:17 von porcelina
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    Toll! Sehr schön geschrieben. Und das Ende macht einem die Augen feucht.

    Ich kann dich da echt verstehen, nach meiner Zivildienstzeit habe ich auch überlegt ob ich in dem Krankenhaus weiterarbeite. Aber sie konnten nur einen Hungerlohn zahlen, so rund 700€. Ich fand aber diese Dankbarkeit die einem da von den Patienten entgegengebracht echt sehr schön.

    14.07.2005, 00:28 von Kristallrainer
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    Hey, super entscheidung!
    für mich wäre so ein job nichts, aber meine mutter arbeitet auch als altenpflegerin, und daher weiß ich, dass so ein job einem viel geben kann, weil man den alten menschen so leicht eine freude machen kann.
    so wie du von deinem nebenjob erzählst, war es wahrscheinlich genau die richtige entscheidung nicht zu kündigen!

    11.07.2005, 01:59 von regenschauer
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    Wunderbarer text, er erinnert mich an meine Zivizeit und ich glaube ich sollte mal wieder im Wohnheim vorbeifahren und die Leute besuchen. Danke

    27.06.2005, 13:26 von DorianGray
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    Toller Text, kann alles sehr gut nachvollziehen, weil ich selber 5 Jahre als Krankenschwester gearbeitet habe. Jetzt studiere ich, aber die Zeit im Krankenhaus war die Beste meines Lebens und die Omis mit denen ich ímmer mein Cola teilte fehlen mir ........

    15.06.2005, 22:19 von ewokfrau
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