Kaffeefleck 11.11.2004, 19:14 Uhr 21 0

"Wenn ich erstmal dünn bin..."

Ein Artikel über die "Pro-Ana"-Bewegung

"Wenn ich erstmal dünn bin, dann fange ich endlich an, richtig zu leben.", sagte ich mir, schaltete den Computer an und betrat die essgestörte Unterwelt des Internets. Wieviele Stunden ich in den letzten drei Jahren damit vergeudete, mich mit anderen kotzenden und hungernden Abmagerungsfreaks über Abnehmtipps und "verbote" Nahrungsmittel zu unterhalten, weiß ich nicht mehr, will es gar nicht wissen. Geblendet von der blitzenden Laufstegbeleuchtung auf "Fashion TV", geschädigt von hunderten "Diät Club"-Seiten aus der Bild der Frau. Die Zeit zwischen meinem 14. und 18. Lebensjahr.

Eigentlich war ich auf der Suche nach Hilfe, als ich mich durch diverste Seiten über Essstörungen klickte, doch ein Artikel über die amerikanische "Pro-Anorexie"-Bewegung machte mich aufmerksam. Ich googelte "pro-ana" und beschloss, das Dünnsein nun vollkommen zu meinem Lebensinhalt werden zu lassen.
Wenn ein Kind keine Aufmerksamkeit für seine Leistungen bekommt, dann fängt es an zu schreien, still, und mein Schrei war die Essstörung.

Die Zeit zog ins Land. Aus meiner Magersucht wurde eine Ess-Brechsucht und aus meiner Abnehmeuphorie ein Leidensdruck, doch wer hört schon stumme Schreie.
Hätte ich den Schritt nach außen (per Brief an meine damalige Klassenlehrerin) nicht gewagt, würde ich meine Essstörung wohl immer noch glorifizieren, wäre am "Low-Fat-Lifestyle" möglicherweise krepiert.

Mittlerweile gibt es etwa 20 deutsche "Pro-Ana"-Foren, welche tagtäglich von hunderten Essgestörten oder welchen, die es werden bedauerlicherweise werden wollen, besucht werden. Geredet wird über Diäten, Fasten, Abführmittelmissbrauch, Fressanfälle, Erbrechen und mögliche Ursachen. Leitsatz: "Dünn sein ist wichtiger als gesund sein."
Für einen gesunden Menschenverstand wohl unbegreiflich, bieten diese Plattformen jedoch anscheinend auch etwas positives: einen Weg aus der totalen Isolation einer Essstörung hin zum Kontakt mit anderen Betroffenen, was auch mir zu der Zeit "gut tat". Nur das in die falsche Richtung gesteuert wird, auf den Abgrund zu. Und gerade das ist die Gefahr.
Bei einer Essgestörten, die keine Pro-Ana-Foren besucht, wird der Leidensdruck schneller zu groß, so das sie sich Hilfe sucht. Doch wird eine Magersüchtige täglich darin bestärkt, weiter gegen ihren Körper und das Leben anzukämpfen, entsteht dieses Leiden erst sehr spät oder gar nicht - und "später" ist bei Essstörungen meist zu spät.

Zwei Klinikaufenthalte und einen Wochenende in der geschlossenen Psychiatrie erfahrener - das bin ich jetzt. Unzählige Rückfälle, Selbstmordgedanken und Narben auf meinen Unterarmen sind heute kein Grund mehr zu verzweifeln. Denn durch meinen Willen, die Menschen, die für mich da sind und durch meine neu begonnene Ausbildung habe ich Hoffnung gefunden - auch ohne Essstörung, jenseits des Internets.

21 Antworten

Kommentare

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    Gratulation! Du kannst stolz auf deinen Mut und deine Kraft sein! Ich bewundere dich.

    29.11.2009, 12:07 von SusaBa
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    Für Leute die sich der Folgen und negativen Seiten von pro ana bewusst sind ist das hier das richtige Forum:

    http://56562.rapidforum.com/

    21.06.2006, 14:19 von ana_hh
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    die disskussion zeigt doch deutlich, daß die essstörung nur an der oberfläche auftritt. viel interessanter sind die depressionen, die diese stimmungsschwankungen auslösen. ich kann das als betroffene nur bestätigen.
    ich habe meine bulimie 14 jahre ausgelebt. seit oktober bin ich zum erstenmal für einen so langen und durchgehenden zeitraum "clean"; dennoch reichen bereits kleinste seelische zwischenfälle um den gedanken an diesen lange gewählten "ausweg" wieder hochkommen zu lassen. die verlockung ist groß, da ich extrem geübt war zum schluß.
    ich verstehe die existenz dieser pro ana/mia-foren sehr gut, auch wenn ich selbst aus unwissenheit nicht von ihnen "profitiert" habe. ich selbst habe von beginn an eine gewisse wut gegen die gesellschaftliche ächtung meiner wahl verspürt. ich hätte meine essstörung gerne offen ausgelebt und habe es nur mit rücksicht auf meine eltern und freunde nicht getan (nicht etwa, weil ich mich geschämt hätte). ich bin bis heute der meinung, daß ich mich bewußt für diesen weg entschieden habe - genauso, wie ich mich gegen die auslebung meiner sucht entschieden habe (übrigens nur aus bequemlichkeit). trotzdem wird sie mich ein leben lang begleiten, und je stärker meine depressionen sind, desto stärker ist ihre präsenz. leistungsdruck spielt dabei eine entscheidende rolle; wer seinen körper im griff hat, der scheint auch anderes in den griff bekommen zu können.
    eine therapie könnte zumindest den letzten faktor in ein neues licht rücken. wegen der essstörung selbst (die immer noch existiert, jedoch als bloßer gedanke daran, was und wie ich esse) würde ich mich jedoch nie in therapie begeben. das scheint mir ein völlig sinnloses unterfangen und knüpft lediglich an den aspekt an, in wieweit jemand ohnehin bereit ist sich selbst unter anleitung zu helfen.
    mein leben war seit meiner geburt der unbeantworteten frage verschrieben, was ich wann in welchen mengen essen würde. die sucht beginnt an dem punkt, an dem das essen gedanklich thematisiert wird (in dem fall durch meine eltern). diese grenze ist sehr schwammig, weil sich die wenigsten zu einer sucht bekennen wollen (wie beispielsweise meine mutter). aus erfahrung kann ich sagen, daß in zeiten hohen nahrungsmittelangebots und starken wertewandels oder großer wertediskrepanzen dies im besonderen thema ist - und zwar bezogen auf das umfeld eines jeden.
    zu den seiten im internet läßt sich einfach sagen: gleichgesinnte treffen sich immer, während einer therapie, oder im internet - es spielt überhaupt keine rolle - sie finden einen weg sich auszutauschen und es ist ihr gutes recht! so funktioniert unsere gesellschaft nun einmal. sie läßt eben auch raum für selbstzerstörerische tendenzen. essstörungen sind dabei nur ein aspekt einer langen liste (metaphorisch gesehen: eine schlange des medusenhauptes ;-)).
    ich wünsche mir und allen anderen betroffenen, daß sie mit ihrer sucht zu leben lernen, ohne sich aufgeben zu müssen und sich letztlich zu zerstören. dazu gehört auch akzeptanz des freien willens seiten nicht-betroffener.

    09.03.2006, 15:20 von ohnesorge
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    Meine Mutter hat letztes Jahr einige Monate in eine psychosomatischen Klinik verbracht in der auch Magersüuchtige behandelt werden. Bei meinen Besuchen wurde mir zum ersten mal von Angesicht zu angesicht klar, was manche Mädchen/ Jungs ihrem Körper freiwillig (?) antun.
    Lesen kann man über Magersucht viel, aber so etwas live zu sehen, das ist etwas ganz anderes...

    06.03.2006, 16:48 von Charolina
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    Bis jetzt habe ich mich über solche Sachen aufgeregt wie eine Heidi Klum, die ihren Schützlingen mit Grösse 34 im Fernsehen ans Herz legt, sie sollen abnehmen... Aber das hier?!!! Mir fehlen echt die Worte...Ausserdem wenn ich das richtig verstanden habe, sind ja ganz viele hier, die pro ana Anhänger sind und ist es nicht so (neben all dem abartigen sowieso schon), dass die Site unter anderem dafür gedacht ist sich zu unterstützen? Nicht mal das ist möglich! Nach diesem Zeugs hier muss man sich ja schlecht fühlen und jeglichen Blick für die Realität verloren haben. Übel, übel.... Ich schäme mich schon zur Gattung Mensch anzugehören.

    06.03.2006, 03:54 von Mellita
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    na ja wenn du dich einer ambivalenten phase befindest bzw. eine ambivalentes leben führst solltest du keine artikel verfassen die mit aller wahrscheinlichkeit am darauffolgenden tag schon nicht mehr der wahrheit oder der aktuellen situation entsprechen. im grunde ist der artikel und die "aufdeckung" deiner identität ein beweis dafür das du dich tagtäglich selbst belügst. nenn dich pippi langstrumpf und mach dir die (deine) welt wie sie dir gefällt.

    01.03.2006, 18:12 von black
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      @black Hmmm, wieso sollte sie wegen ihrer Ambivalenz keine Artikel verfassen? Das hier ist doch kein rechtsgültiger Vertrag... und wir sind keine "Angehörigen", denen sie etwas vormacht, wenn sie ihre Zwiespältigkeit nicht zeigt, sondern nur 'ne anonyme Leserschaft. Mir hat das Optimistische an dem Artikel gefallen und ich hoffe für Kaffeefleck, dass sie es schafft, das beizubehalten und zu kämpfen. Ihr Artikel zeigt auf jeden Fall, dass sie das möchte und es zumindest Zeiten gibt, in denen sie die Power hat - find ich gut.

      03.03.2006, 21:03 von Browneye
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    Mein lieber Herr Gesangsverein!

    Das nenn ich ja mal eine Diskussion.
    Voila, hier bin ich, die Verfasserin dieses Beitrages. Jau, ich habe mich hier seit mehr als 7 Monaten nicht mehr blicken lassen und nun bin ich doch noch mal dazu gekommen und hoffe, doch jetzt weiterhin hier mehr zu schreiben.

    Ich danke besonders Sommersprosse und den anderen Verfasser/innen der letzten Kommentare, sie machen schon Mut.

    Es ist so fucking much passiert in all der Zeit... ich bin volljährig geworden, in meine eigene Wohnung gezogen und habe ein völlig neues Leben begonnen. Teils mit- teils ohne Essstörung. Wir leben mittlerweile nicht mehr ganz so arg auf Kriegsfuß.

    Entgegen allen Zweifeln - mein Artikel ist echt. Wer Zweifel hat, der soll mir schreiben, nachfragen und Kontakt zu mir suchen und nicht spekulieren.

    Alles Liebste,
    kaffeefleck

    31.01.2006, 22:10 von Kaffeefleck
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    GEHTS NOCH!!!!??? Mal abgesehen von eurer lächerlichen Diskusssion ist es ja sehr schlau Tempelpriesterin IRGENDWELCHE internetforen hier niederzuschreiben! Ja gut ihr seit krank und wollt nicht gesund werden und dennoch ist die philosophie von pro-ana wohl eher ich bin krank lebe damit und man kann nicht dünn genug sein. Aber nicht ich finde die ganze Welt sollte so sein wie ich und alle menschen sollen jetzt essgesört werden DENN DAS IST DOCH GEIL ODER? LASST UNS DOCH ALLE VERRECKEN! AUF KNOCHEN STEHEN WIR DOCH UND IHR SOLLT ES AUCH! Aus diesem Grund ist es sehr unklug Leute auf irgendwelche Foren aufmerksam zu machen denn das führt nicht selten zu einer Beteiligung in solchen Foren.!!!!! (und ist ja wohl ein absolutes no no in pro-ana kreisen)
    Kaffeefleck ich fand den Artikel gelungen und wie Babsi82 schon gesagt hat,"Artikel egal in welcher Form bleiben immer noch Artikel und sind nicht Aufnahmen der Wirklichkeit."
    Zumal ich mich wage zu behaupten, "einmal essgestört immer essgestört". Auch wenn man irgendwann wieder gesund ist, die gedanken bleibeen, das unwohlsein beim essen in der gesellschaft bleibt in einem bestimmten maße vorhanden. Auch noch nach 20 Jahren.

    Freundin einer Betroffenen.

    14.01.2006, 19:25 von koksi
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    Hey, ich habe gerade den Artikel von Kaffeefleck gelesen und stelle mir ernsthaft die Frage, ob hier wirklich alle Menschen davon ausgehen, dass jeder Artikel bei Neon online 100 % der Wahrheit entspricht. Artikel egal in welcher Form bleiben immer noch Artikel und sind nicht Aufnahmen der Wirklichkeit.
    Ich danke dir für den Artikel, da er für mich eine hilfreiche Warnung vor derartigen Foren bedeutet.
    Lg

    11.01.2006, 19:04 von Babsi82
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