Jackie_Grey 29.09.2012, 12:11 Uhr 23 25

Wenn Haie lächeln...

Sie werden sie fressen. Blut wird fließen.

Ich sehe sie ganz deutlich: Da, auf dem Boden, sitzt anmutig und lieblich die kleine Meerjungfrau aus dem Märchenbuch meiner Kindertage. Ich höre sie singen. Welch betörender Gesang entweicht ihrem schön geschwungenen Mund. Das klare, türkisblaue Wasser, von dem sie umgeben ist, der feine, beigefarbene Sand unter ihr: Alles leuchtet verführerisch und in den schönsten Farben. Ihre langen, leicht gewellten blonden Haare reichen ihr bis zur Taille und bedecken ihre winzigen Brüste. Ich bin verzaubert von ihrem Anblick. Sie ist noch schöner, als in meinem Märchenbuch. Sie ist ganz allein in diesem endlosen, großen Meer.

Plötzlich verfinstert sich die Szenerie: Große, dunkle Schatten tauchen auf. Kommen bedrohlich immer näher. Und jetzt erkenne ich, dass es Haie sind. Sie schwimmen elegant und ruhig um das Mädchen, in immer enger werdenden Kreisen. Mit listigen, klugen Augen und gefährlichen Seitenblicken lassen sie nicht mehr von ihr ab.

Sie werden sie fressen, Blut wird fließen. Das Meer sich rot verfärben. Mir wird schlecht.

Doch das Mädchen wirkt unerschrocken. Sie beobachtet die Haie interessiert und liebevoll. Ganz sanft und langsam streckt sie ihre rechte Hand nach ihnen aus, als wolle sie einen der Haie begrüßen. Mir stockt der Atem. Ich höre mich keuchen. Bekomme kaum noch Luft. Ich glaube nicht, was ich sehe: Ein Hai schwimmt direkt auf das Mädchen zu und… lächelt. Es ist ein böses Lächeln, doch sie streichelt ihn zärtlich unter seinem riesigen Maul. Einmal nur tut sie das, aber der Anblick ist so köstlich. Haie streicheln… wer hätte das gedacht?

Meine Hände ertasten kühlen, glatten Stoff. Die Haie schwimmen weg - verziehen sich in die Finsternis des Meeres. Die kleine Meerjungfrau winkt ihnen traurig hinterher. Das Meer wirkt plötzlich aufgewühlt und düster. Das herrliche Türkis ist ganz verschwunden. Alles wirkt grau –so grau wie die Haie. Sie weint. Ich verstehe nicht warum. Das Meer hat sich abgekühlt. Ich friere. Mir ist so kalt.

Das Mädchen spielt mit seinen Haaren. Es dreht eine Strähne versonnen um ihre zarten Finger und schaut mir plötzlich in die Augen. Sie hat mich entdeckt. Sie schwimmt auf mich zu, so schnell und elegant wie nur Meerjungfrauen das können. Ihre Schwanzflosse glitzert smaragdgrün. Mein Herz schlägt ganz schnell. Es rast – ich habe Angst. Bekomme kaum Luft.

Vielleicht fühlte sie sich zu sehr beobachtet? Vielleicht haben die Haie ihr von mir erzählt? Jetzt ist ihr Gesicht schon ganz nah an meinem…

Wenn nur diese Kälte nicht wäre. Ich zittere am ganzen Leib. In meinen Ohren pfeift es unerträglich laut, dass es mich schmerzt. Meine Hände krallen sich an kalte Metallstreben. Ich höre Stimmen aus der Ferne zu mir rufen: „Sie müssen atmen.“ Ein Gesicht beugt sich über mich – es ist die kleine Meerjungfrau, ich erkenne sie sofort. Ich kann meine Augen nicht richtig öffnen. Meine Lider sind so schwer. „So atmen Sie doch. Konzentrieren Sie sich. Sie sind hier im Aufwachraum. Sie müssen atmen!“

Ich muss atmen. Atmen, damit ich am Leben bleibe.

Ich möchte antworten, aber meine Stimme versagt. Ein befremdlicher Laut entweicht meinem trockenen Mund. Dann sehe ich einen der Haie ganz nah. Seine schlauen, gefährlichen Augen blicken mich an. Er trägt eine Brille – das ist komisch. Ich möchte lachen oder weinen. Nein, das ist kein Hai, das ist ja der Arzt. Jetzt erinnere ich mich wieder. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich möchte nicht aufwachen.

Er sagt: „Alles ist gut. Alles gut. Alles gut.“ Und er fasst mich am Arm und streichelt ihn kräftig. „Hören Sie mich?“ Und ich sehe sein Gesicht und dann wieder den Hai. Und ich sage zu ihm: „Danke. Danke. Sie sind unglaublich lieb“. Und ich bin glücklich, dass ich diese Worte herausbekommen habe, trotz schwerer Zunge und der großen Angst. Und dann gleite ich in warmes, seidiges Wasser, ganz tief und immer tiefer, und da sehe ich sie wieder sitzen: Dieses schöne Märchenwesen - meine kleine Meerjungfrau.

Ein Schwarm bunter, schillernder Fische schwimmt um sie herum. Sie hat ihre Arme weit geöffnet, sie lächelt. Ist ganz in ihrem Element. Es sind so viele Fische. Unzählig viele. Sie leuchten in den herrlichsten aller Farben. Sie glitzern und schillern. Sie sind so niedlich. Das Mädchen freut sich so und nun lächelt sie mir zu. Und ich schwimme, so schnell ich nur kann, zu ihr und nehme sie in meine Arme.

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Kommentare

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    ach, das war für Sultanine persönlich? das wusste ich nicht. und jetzt habe ich es aus Versehen ebenfalls gelesen und bin dabei an manchen Stellen über den Stil gestolpert, der mich an eines der Häkeldeckchen meiner Großmutter erinnerte, das sie von ihrer Tante Hilde gegen Ende des 19.Jahrhunderts geschenkt bekam. aber die Idee ist cool.

    Gruß,
    Waschbär (der anbiederndes Gesülze nicht aufstehen kann)

    30.10.2012, 23:46 von derWaschbaer
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      äh, ausstehen kann

      31.10.2012, 06:04 von derWaschbaer
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  • 1

    Geschichten sind gut, wenn sie das nicht Ausgesprochene in uns bewegen. Und das tut dieser Text, auch wenn ich mit meinem darin empfundenen Suizidversuch anscheinend alleine bin. 

    04.10.2012, 07:22 von King-Lube-III
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    Naja, ist ja schon Ich-Erzählsituation... aber was soll's, der Text kann das ab. Es lebe die künstlerische Freiheit!  ;)

    03.10.2012, 16:27 von Trebor-Faust
    • 0

      miau ...

      03.10.2012, 16:30 von Jackie_Grey
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  • 1

    .. ich finde, das hast du wieder gut gemacht. kompliment! .. dabei mag ich persönlich die Haifische. Nun ja ... möglicherweise auch wieder aufgelebt durch Rammstein ..

    http://www.youtube.com/watch?v=-h9IEF_wzI4


    03.10.2012, 14:23 von ilofi
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  • 2

    "Welch betörender Gesang entweicht ihrem schön geschwungenen Mund.", Hüstel. Aber trotzdem ganz cool.

    03.10.2012, 13:55 von Trebor-Faust
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  • 2

    Ein wirklich schöner, märchenhafter Text der zum Träumen bringt. Schön gemacht, Tante Jackie.

    03.10.2012, 11:37 von missweiss
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  • 2

    Schöne Vorstellung vom 'nach der OP nicht mehr zurück in die Wirklichkeit zu kommen'.


    Lasse mir nur immer beschreiben, wie es ist, in die Narkose eingeleitet und wieder aus geleitet zu werden und weiß aus Gesprächen, dass die Menschen schon wach scheinen, auch erzählen, aber von diesen Erzählungen später, völlig aus der Narkose erwacht, nichts mehr wissen. Ein besonderes Phänomen.
    Ich selbst habe es noch nicht am eigenen Leibe erlebt.

    03.10.2012, 01:22 von Tora
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    • 0

      Nö. Dann lieber kopfüber
      in den Ätna mit einem
      roten Sportflugzeug ....

      Volare ...

      19.08.2015, 14:16 von Alexander13
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