oern 07.03.2005, 20:35 Uhr 93 5

wenn einem nichts vertraut ist

Mir kam es vor, als sei ich bei Nebel gegen einen Baum gerast. Der Aufschlag war hart und kam plötzlich. Mittlerweile seh ich klar: Nie wieder kiffen.

Sicher, mein Freund Joint hat mich eine ganze Weile von dem, was ich nicht allein ertragen konnte, beschützt. Auf ihn war Verlass, wenn ich ihm sagte: "Mach, dass ich glücklich bin!" Er zauberte ein riesiges Lächeln auf mein Gesicht.
Vor allem auf Partys waren wir ein perfektes Team. Er meinte immer: "Steh zu dir! Du bist doch so cool, dass du dir alles erlauben kannst." Und ich hörte auf ihn, schließlich bekam ich soetwas nicht alle Tage zu hören. Er machte mich mit Leuten bekannt, die für mich vorher unerreichbar schienen. Ich machte Sachen, die ich bislang für unmöglich hielt. Ein toller Hecht war das, dieser Freund. Grenzenloses Vergnügen wurde unser gemeinsamer Nenner.

Nach etwa drei Jahren entgleisten Cannabiskonsums hatte ich irgendwie gespürt, dass ich mich von meinen Freunden, die nicht kifften, abgespalten habe. Hinzu kamen Probleme mit den Leuten, mit denen ich immer so "chillig" abhing. Der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören, dachte ich. Denken.
Das hätte ich das ein oder andere mal anderen Menschen überlassen sollen.
Einfach nur "Nein" sagen. Aber das war noch nie meine Stärke.

Auch nicht am 8. Februar 2003.
An diesem Abend nahm ich den letzten Zug. Wenn ich gewusst hätte wohin er führt...
"Nur ein Zug", dachte ich. Dabei wollte ich die Tüte eigentlich nur für jemand anderen bauen. Das konnte ich ganz gut.
Ich führte den Joint also zum Mund und nahm diesen einen, letzten Zug. Normalerweise hätte mich so ein lächerlicher Zug nichtmal zu einem kleinen Lächeln bewegt. Aber in dem Moment legte jemand eine Filmspule in meinem Kopf auf. Dieses Mal keine Komödie. Ein Horrorfilm. So einer, bei dem man weggucken will, weil man an der dramatischen Musik und der Mimik des Opfers schon genau erkennt, dass gleich etwas Schreckliches passieren wird. Nur war ich dieses Mal das Opfer. Weggucken war nicht.

Mein potenzieller Mörder kam näher, obwohl ich ihn nicht als solchen identifizieren konnte. Schließlich stand ich noch nie wirklich vor einem.
Ich spürte, wie mein Körper nicht mehr im Gleichgewicht war. Sie kam näher. Meine Hände wurden regelrecht nass. Sie stand schon fast vor mir. Ich verschluckte meinen Atem.
Plötzlich schaute ich ihr direkt ins Auge: es war die Angst.
Ich hatte sie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie sah so anders aus als alles, was ich vorher kannte. So fremd.
Es war die Angst vor dem Tod.
Von der einen auf die andere Sekunde raste mein Herz. Es war eine Unbekannte in meiner Rechnung, die jetzt nicht mehr aufging. Mein Herz drohte aus seinem gemachten Nest zu springen. Es schlug so heftig, dass ich es hören konnte. Wie sich wohl ein Herzinfarkt anfühlen muss? Genau so, dachte ich. "Du wirst jetzt und hier sterben", schrie ich mich an.
Ich schaute mich um, suchte nach Vertrautem. Alles was ich sah, war Leere. Mein Freund Joint war bereits fort, als sie sich anbahnte. Toller Freund. Keine Stütze, kein Halt - Klatsch! Da lag ich nun japsend auf dem Boden. Ganz mit mir allein.

Keiner der umstehenden Leute auf der Party konnte mich beruhigen. Die schlimmsten Minuten. Dann hörte ich ein Martinshorn, sah blaues, flackerndes Licht. Vielleicht doch noch eine Chance? Mein Puls war wahrscheinlich "nur" noch auf 160...
Nach einer Übernachtung im Krankenhaus, weiteren drei Krankenwagenfahrten und zig Arztbesuchen ohne jegliche Anzeichen auf Tumore, Infarkte oder kleinste Krankheiten musste ich umdenken. Es verging Monat für Monat voller Panik.
Alles, was ich panisch fühlte, fühlte sich so unwahrscheinlich echt an.
Alles was ich dachte, was sich in meinem Körper abspielt, war ich selbst.
Was ich für wahrscheinlich hielt, war unwahrscheinlich.

Woran soll man denken, wenn seine Welt zusammenbricht? Ich wusste es nicht.
Ich dachte ständig nur an den Tod. Wer wird wohl an deinem Grab stehen? Wie viele werden es sein? Werden sie am Boden zerstört sein oder bin ich nach dem sechs Wochen Seelenamt wieder vergessen? Ich schämte mich für derartige Gedanken. Heute weiß ich es besser.

Wenn du da unten liegst, kannst du nur hoffen. Hoffen, dass es in deinem richtigen Leben Menschen gibt, die dir eine Hand reichen. Eine richtige, menschliche Hand. Nicht eine, die sich automatisch wieder zurückzieht, wenns eng wird. Nein. Solche Hände bekommst du an jeder Straßenecke.
Und wenn du es geschafft hast, die eine Hand fest zu greifen, dann streckst du nach einer gewissen Zeit aus eigener Kraft die andere Hand entgegen und ziehst dich selbst wieder hoch.
Viel Spaß am Leben. Unbetäubt in vollen Zügen."Wichtige Links zu diesem Text"
...keine panik. lass die angst nicht dein leben bestimmen.

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93 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wenn uns unsere Erfahrungen weiterleben lassen, dann haben wir Glück gehabt.

    16.05.2012, 18:24 von zehnmomente
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    Wer kennt sie nicht, die ganzen panischen Jamaikaner...

    12.05.2012, 00:41 von RAZim
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      was ein "argument"...

      14.05.2012, 23:32 von oern
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  • 0

    ein, meiner Meinung nach,wirklich wundertoller Text.
    Sehr schön -_-!

    18.02.2006, 20:45 von florance
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    Vor nicht allzulanger Zeit habe ich erfahren, dass auch mein Cousin ab und zu zu einem Joint greift. Ich war mir nicht mehr sicher, was ich davon halten sollte, immerhin machen einige meiner Klassenkameraden das auch. Kommen in diesem "Zustand" zum Unterricht. Kiffen kommt mir in dieser Weise eher harmlos vor, dabei weiß ich doch eigentlich, das es nicht so ist. Jedoch ist er erwachsen und wenn man ihn darauf anspricht, sucht er nach Punkten, die es verharmlosen. "Ich machs doch nur manchmal!" Aber verdammt nochmal: das reicht, um abhängig zu werden. Solche Leute tun mir echt leid, die diese Droge brauchen, um gut drauf zu sein. Versucht einfach mal eure Probleme zu lösen, anstatt sie "wegzukiffen"!

    21.05.2005, 17:36 von mew
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    ja, das glaub ich dir dann gern mit den stories.
    danke, eben so einen sonnigen sommer, mal schaun was er bringt.
    ich denk auch mittlerweile, dass das maß eine große rolle spielt, wie der körper drauf reagiert... wie es auch schon hier angesprochen ist und wie es bei vielen substanzen, dingen ist...

    22.04.2005, 01:05 von oern
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    @oern
    naja, es ist halt so, dass ich seit 8 Jahren täglich einen kleinen spliff genieße (mal auch mehr) und ich hatte dabei wirklich noch nie angstzustände. auch mit anderen sachen experimentiert man halt mal rum...dass ich in dieser zeit genug stories gehört habe, kann du dir also vorstellen oder auch "einfach" glauben;)
    damit will ich deine erfahrungen nicht in frage stellen, ich hab halt bloß noch nie davon gehört... also glaube ich dir "einfach" :)

    genieße einfach den beginn eines wundervollen sommers...

    21.04.2005, 18:04 von Lensen
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    Nachdem ist die gesamte Diskussion gelesen habe, überkommt mich irgendwie das Gefühl, dass sich Papst Benedikt XVI als ein ganz bestimmter Neon-User hier eingeschlichen hat..;-)

    21.04.2005, 13:48 von Seesternchen
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    hey ihr,
    vielen lieben dank für die letzten netten antworten.
    kann sternenkind, SabZero, lenulitschka, BudSpencer, Zuckerziege und LilaPause nur zurückgeben, dass ich euch die nötige kraft wünsche, scheinbar hoffnungslose situationen zu meistern. und dass sie danach nicht wieder rückfällig werden oder abermals auf den boden zurückfallen, scheinbar hoffnungslos.
    die letzten wochen waren recht hart für mich, quasi ein deja-vue zu vergangenen zeiten, aber ich komme da raus!
    @rena: eine schöne vorstellung, wenn das alles so harmonisch klappt, wünsch ich dir weiterhin so! und die überschrift ist ja mal klasse... die themen ausländerfeindlichkeit, sexualität und drogen in EINER prägnanten überschrift. welche zeitung das wohl gewesen ist?!!? ^^
    @lensen: es fällt schwer, zu glauben, dass du schon eine unmenge an drogen stories gehört oder erlebt hast, denn angstzustände sind wohl neben lach- und fressattacken und dergleichen die häufigsten "nebenwirkungen" dieser droge.
    hoffe aber, dass das bei dir auch so bleibt.
    und ansonsten kannst mir "einfach" glauben, dass das oben stehende ein nicht-fiktionaler text ist.

    alles gute
    liebe grüße

    21.04.2005, 13:29 von oern
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