XeNia79 07.05.2009, 21:46 Uhr 5 13

Von einer Minute zur nächsten....

...kann sich Alles so anders anfühlen. Mit nur einer Diagnose! Von der Seele geschrieben....

Es ist Freitag, der 24. April.

Am späten Nachmittag trudeln wir zu Hause ein, erzählen uns, wie der Tag war, trinken kalten Kakao und ich freue mich auf das bevorstehende Wochenende. Die Kleinen rennen nach draußen, schaukeln und kichern. Ich genieße diese Ruhe, räume das Geschirr beiseite, blicke durch das Küchenfenster hinaus zur Schaukel und lausche zufrieden ihren Stimmen.
Die zuvor entnommene Post auf meiner Kommode kommt mir wieder in den Sinn und ich überblicke rasch die Briefe. Einen ziehe ich heraus.

Die Stimmen meiner Kinder verschwimmen weit im Hintergrund, genau wie der Blick auf den hellblauen Stempel links oben auf dem Brief. Es ist Post von meiner Ärztin!
„Sie hören nur von uns, wenn Etwas gefunden wird.“, sagte sie wie immer, wenn ich zur Kontrolle erschien.

Dieses Stück Papier sackt in meinen Händen nach unten und meine Gedanken rasen in meinem Leben umher. In Sekundenschnelle suche ich nach Lösungen für meine Kinder, erkenne, was ich noch Alles schaffen und erleben wollte, halte mir vor Augen, was ich bisher verpasst habe und sehe meine Familie, meine Freunde und Bekannten vor mir, wie sie eine Hand voll Erde auf mich werfen.
Das Atmen fällt mir extrem schwer und dieses Gefühl, genau jetzt in diesem Moment völlig einsam und allein zu sein, raubt mir jede Klarheit. Zittrig öffne ich den Brief und lese nur einen Satz, der besagt, dass ich mich umgehend in der Praxis melden solle. Die angegebene Telefonnummer tippe ich mit nervös zuckenden Fingern ein. Das Rufsignal lässt mich frösteln. Die Sprechstundenhilfe weiß sofort mit meinem Namen etwas anzufangen und stellt mich zur Ärztin durch. Leise und ruhig redet sie auf mich ein.
Sie redet. Ich weine.

„Ich bin 29! Ich habe zwei kleine Kinder!“, höre ich mich stammeln und nehme nur am Rande wahr, wie meine Kleinen längst neben mir stehen und mich mit erschrockenen Augen anschauen. Sie kennen keine weinende Mama und dicke Tränen kullern aus ihren verängstigten Kinderaugen. Meine Kleinste will meine Beine umklammern, instinktiv reiße ich mich los. Ich kann sie nicht beruhigen! Ich renne durch meinen Flur auf und ab, um den Worten der Ärztin einigermaßen folgen zu können. Mein momentanes Denken verläuft nur geradlinig entlang einem Tunnelblick und an dem Ende erkenne ich nur diese dunkle Nacht.
Die Ärztin bietet mir freundlich an, einen Termin in der folgenden Woche zu vereinbaren, um mir alles Weitere zu erklären. ‚Nächste Woche?! Wie soll ich dieses Wochenende überstehen, diese Tage bis zu diesem Termin?!’, denke ich verwirrt.
„Es ist 17 Uhr, unsere Praxis schließt jetzt.“ Ich schlucke und es fällt mir schwer, das Telefon zu halten - dem Ganzen so hilflos ausgesetzt zu sein. „Wollen sie lieber gleich vorbeikommen?“, fragt sie mit einfühlsamer Stimme.

Minuten später sitze ich vor ihr, der herrliche Tag ist längst vergessen und die Augen schwimmen in meinen Tränen. Alles zieht wie ein Film an mir vorüber, so als gäbe es mich und dieses Problem nicht wirklich. Ich bitte sie um weitere Tests, möchte diese empfohlene Biopsie hier und gleich. Wir gehen ins Behandlungszimmer. Es schmerzt. Es lähmt.
Ich sehe vor mir, was mir so fehlt. Ich sehe ihn, den ich unbedingt noch einmal treffen wollte, dem ich doch noch soviel zu sagen hätte, was gerade jetzt wichtig wäre. Ich sehe meine Pläne vom Auswandern und der neuen Chance im Beruf an mir vorbeiziehen. Mein Kopf schreit, meine Seele blutet und ich nehme nur vage all diese neuen Tests wahr. Dieser Schmerz ist kaum spürbar, weil die Gedanken und Ängste Alles in mir überfluten.

Die Tür der Praxis fällt hinter mir ins Schloss. Nun stehe ich mitten auf dem Bürgersteig in meinem Leben, was sich in diesen Momenten so gar nicht nach Leben anfühlt. Hastig wische ich meine Tränen aus den Augen, atme intensiv ein und setze einen Fuß vor den Anderen. Circa 14 Tage muss ich auf die weiteren Ergebnisse warten, aber meine Ärztin schrieb voller Mitgefühl „Eilig!“ darauf. In weiteren präzisen Untersuchungen im Klinikum werde ich erfahren, welche Behandlungsschritte und Therapien auf mich zukommen werden.
Ich friere unter der Abendsonne und fange an zu funktionieren, lächle für meine Kinder und gehe dem gewohnten Tagesablauf nach. Nur am Abend in meinem Liegestuhl auf der ruhigen Terrasse überfällt mich erneut meine Diagnose und ich blicke gelähmt auf unsere Zukunft. Der Wein in meinen Händen schlägt unruhige Wellen. Meine Augen brennen. Ich fühle mich endlos allein und hilflos.

Samstagmittag endet diese Lethargie, ich bereite mittags eine frische Nudelsuppe zu und lache mit meinen Töchtern. Ich informiere meine Familie im sachlichen Ton und erläutere die medizinischen Grundlagen. Sie weinen, lassen sich nicht beruhigen. Sie tun mir so unendlich leid und es schmerzt so tief, ihnen soviel Trauriges an so einem sonnigen Tag sagen zu müssen und noch mehr machen sich schlechte Gefühle in mir breit, weil ihnen längst genug Schmerz angetan wurde; viele Jahre zuvor.
Nachmittags treffe ich meine Freunde wie verabredet beim Ausflug, teile es ihnen so völlig teilnahmslos mit, als wäre ich erstarrt und absolut gefühlskalt. Als auch sie weinen und mein Kollege kreideweiß wird, vergesse ich, dass sie um mich schluchzen und versuche sie zu trösten.

Wie eine Außenstehende schaue ich auf mich und die Fakten, aber fühle seit diesem Samstagmittag nichts mehr, als würde MICH all das nicht betreffen. Nur kurzzeitig schießt Angst durch meine Adern und Unruhe überwältigt mich, um einige Minuten später wieder in diese Vogelperspektive auf mich und diese Diagnose zurückzukehren. Ich gehe weiter zur Arbeit, koche und backe für meine Kinder und mich, wasche und putze, lese und bügle, telefoniere und flachse mit meinen Freundinnen über unsere Alltagserlebnisse….

In den letzten Tagen standen überraschend meine Brüder vor mir. Ganz unabhängig voneinander verließen sie ihre beruflichen Verpflichtungen in Hamburg und Frankfurt. Mein Jüngster übergab mir mit verheulten Augen eine Tasse mit einem Schaf darauf „Ohne Schwester ist Alles doof!“! Ich musste so lachen, weil ich Schafe liebe und weil ich das große Tässlein so witzig finde mit den einzelnen Aufführungen „Baum doof! Sonne doof!....“
Aus der Tasse streckte ein kleiner süßer Schutzengel sein Köpfchen hervor und lachend kamen mir die Tränen, weil es mich tief bewegte, dass ich ihm schon immer so wichtig war! Er ist seit meiner Kindheit mein eng verwachsenes Bruderherz und wir passten schon immer gut aufeinander auf! Dann steht er da mit seinen 1,95 Metern und heult wie mein Brüderchen eben weinen kann. „Ich gebe nicht auf! Ich werde wieder gesund!“, höre ich mich in sein Ohr flüstern, als seine großen Arme zärtlich um mich fallen.
Mein Ältester ist der Sachlichste von uns Dreien und er schritt mit starken Schritten auf mich zu. Sofort legte er mir sämtliche Unterlagen auf den Tisch rund um dieses Thema und redete hastig, dass Alles gut laufen wird. Alle wichtigen Punkte hatte er längst farbig markiert und erzählte von einem Telefonat mit einem seiner Freunde, der Medizin studiert hat. Dann rannte er zum Auto zurück und brachte mir einen riesigen Topf und in diesem Ungetüm von Topf streckte ein Lebensbaum seine Zweige empor. „Den stellst du dir auf die Terrasse und er wird dir Glück bringen! Weinend stellte er ihn neben meinem Rosenbäumchen ab und drückte mich so fest, dass mir das Atmen schwer fiel. Mit jedem Bruder redete ich eine Nacht hindurch. Wir bestellten uns leckeres Essen, tranken kostbaren Wein und lachten über vergangene Tage und über gemeinsame Kindheitserinnerungen. All das tat mir so gut! Ich genoss es, aber noch viel stärker machte sich dieser Stolz in mir breit, zwei solche Brüder zu haben! Noch nie ließen sie mich im Stich, sie hielten zu mir, egal welche Entscheidungen ich traf und stärkten mich, wenn ich schwierige Wege gehen musste.

Auch unter meinen engsten Freunden sprach es sich blitzartig herum und sie tauchten auf. Alle wuseln mit glasigen Augen um mich herum, rufen mich wortkarg an, suchen verzweifelt nach Worten, um mir mitzuteilen, dass ich stark sein solle. Nur meine Kinder, von denen ich all das derzeit noch fernhalte, und ich – wir lachen und bleiben lebendig, halten den Alltag nicht an. Dieses Warten auf die weiteren Test-Ergebnisse strahlt zwar eine seltsame Unruhe in mir aus, aber ich halte meine Zeit nicht an. Ich will nicht traurig sein, ich will es einfach nicht, weil ich Nichts ändern kann! Ich kann nur abwarten und Alles auf mich zukommen lassen.

Ich sehe brennend klar vor mir, was ich jetzt noch unbedingt schnell verwirklichen möchte, ehe mich die Behandlungen zum Stillstand zwingen und ich weiß auch, dass ich ihn noch dieses letzte Mal gegenüberstehen will! Ich will es und werde mich durch Nichts aufhalten lassen! In den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne aufgeht, die Vögel zwitschern und Alles um mich herum still schläft, verlässt mich manchmal mein Mut und es überkommt mich unendlich viel Angst, Nichts mehr davon zu schaffen, weil mir die Zeit davonrennt!
Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich mir ZEIT wünschen!

Jeden Morgen nehme ich mir nun etwas mehr Zeit, wenn meine Töchter noch halbverschlafen in mein Bett krabbeln, von ihren nächtlichen Träumen erzählen und Fragen über den neuen Tag stellen. Oft ertappe ich mich, wie ich sie minutenlang anstarre – so voller Stolz, weil sie so wunderbar und so lebensfroh sind und vor allem, weil sie zusammenhalten und sich überall als unzertrennliche Schwestern präsentieren. Ihre Augen gefallen mir in den letzten Tagen ganz besonders; so klar und neugierig, wie sie in diese Welt blicken und mich so groß und funkelnd betrachten. Rehbraun sind die Äuglein meiner Ältesten und grau-grün bis funkelnd Blau die meiner Kleinsten. Ich erinnere mich, wie strahlend blau sie bei ihr waren, als sie zur Welt kam und wie sie in den ersten zwei Jahren nachfärbten. Ich könnte Beiden ewig lange in die Augen schauen und stelle mir manchmal urplötzlich ihre Zukunft vor, wie sie wohl sein werden, was sie erreichen und wie hübsch diese zwei jungen Frauen mal ihr Leben meistern. Jeden Abend bleibe ich länger an ihren Bettchen stehen, wenn ich meinen Kontrollblick auf diese zwei schlafenden Wonneproppen werfe. Ich stehe einfach nur wie verzaubert vor ihnen und betrachte dieses ruhige, unschuldige Schlafen und staune, wie schön sie aussehen! Diese kleinen geschwungenen Lippen, wie sie etwas geöffnet ganz gleichmäßig Luft ein- und ausatmen und diese langen Wimpern, die so sternförmig aufliegen. Manchmal lache ich leise auf, wie ruhig sie nachts sind und wie lebendig, sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Rollläden fallen. Und wie unterschiedlich ihre Wesen sind?! Meine Große ist ganz bedacht und voller Gefühl und meine Kleinste hat einen Sturkopf, der durch jede Wand will. Beide sind sie sehr ausgeglichen und lieb, hören auf Mamas Worte und himmeln mich an, dass es mir jetzt richtig bewusst wird, wie schlimm Alles wäre….! Meine Kleine wird bald Drei, meine Große wird Ende des Jahres Fünf. Die Zeit verging so wahnsinnig schnell! Sie brauchen ihre Mama – mich! All das kann es doch nicht für mich gewesen sein?!
[…]

Und heute, nachdem nun der 13. Tag vorbei ist und ich wohl morgen alle weiteren Befunde in Erfahrung bringe, ergreift mich Angst und zugleich wächst der Wille! Diesen Monolog widme ich meinem Feind und versuche mich mit diesen krampfhaften Worten selbst zu stärken, meine innere Last der letzten Tage zu schmälern….

‚Soviel möchte ich in meiner Zukunft noch erledigen und ich lasse mich nicht eher zu Boden zwingen – von dir – du mieser, gefürchteter Krebs!!!

Du hast mich mit unschuldigen 16 in die Knie gezwungen! Angst vor deiner Rückkehr hatte ich in all den Jahren nach meiner Genesung und diesmal werde ich dich wieder besiegen, egal welche Waffen ich einsetzen muss und wie gewaltsam du auf mich losgehst! Ich werde meine Kinder allein großziehen, sie aufwachsen sehen und mich an ihnen erfreuen! Nichts – gar Nichts – werde ich aus der Hand geben, sondern ich werde das Ruder kraftvoll in meinen Händen halten! ICH, nur ICH, bin ihre Mama und ich werde Mama sein, immer bleiben, diese Rolle niemals vorzeitig abgeben und dich Monster mit voller Wucht erschlagen! Du kannst mich mit deinen Zellen verseuchen, ich werde jede Einzelne aus mir raus schneiden lassen und dich Stück für Stück aus meinem Körper verbannen!

Ich werde leben und meine Lebendigkeit nicht beenden! Deine Fratze habe ich nun begrüßt! - Freuen kannst du dich nicht, denn viel zu früh habe ich dich erkannt und meine Chancen stehen nahe 100%! Genau diese Prozentzahl werde ich erreichen, egal welche Wege und Schmerzen ich eingehen muss! Ich werde keine Gnade kennen, genauso wenig wie du Gnade mit uns Allen hast, denen du so verdammt wehtust und uns so oft ganz klein werden lässt! Seit 13 Tagen bin ich umso größer geworden – bereit für meinen Kampf mit dir und ich stärke weiterhin meine Muskeln mit Sport, mein Immunsystem mit Vitaminen und gesunder Kost und speise jede Wärme meiner Familie und engsten Freunde in meine Seele ein! Jede Faser meines Herzens kräftigt sich und mein Blut pumpt schneller und intensiver! Ich lebe um zu leben, obwohl du mich von einer Minute zur nächsten aus meinem bunten Dasein gekickt hast!

Mit voller Kraft voraus und auf dass ich dich erneut besiege, du elendiger Menschenfresser!!!’


Auf mich und mein Leben!!!
Meine Töchter haben nur mich….!!!
Bitte…………! […]

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5 Antworten

Kommentare

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    Du hast es geschafft.... und ich muss dir wiedersprechen... du hast echt sehr gut geschrieben- und dein text war ebenso offen wie meiner... ich wünsche dir alles gute weiterhin.... liebe grüße!

    11.10.2010, 17:19 von sassyyy
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    Meine Cousine und mein Cousin sind vor einigen Jahren schwer an Krebs erkrankt. Ich glaube bis heute, dass sie ihn beide mit ihrem Willen, den ich immer fast in Ehrfurcht bewundert habe, in die Flucht geschlagen haben.
    Deine Zeilen strahlen genau diesen Willen aus. Mach ihn fertig, den Sausack!

    11.05.2009, 21:40 von AnnaEcke
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    Ich wünsche dir vom ganzen Herzen Kraft.
    Ich wünsche dir, dass deine Töchter weiterhin eine so tolle Mutter haben, wie du es bist!!
    Ich habe selber meine Mutter früh verloren, mit 13 Jahren, und ich leide sehr stark darunter.
    Wenn du magst kannst du meinen Text ...ohne dich ist es so lieblos...lesen, der meiner Mutter gewidmet ist!!
    Wenn du weiterhin so stark bleibst, wirst du es schaffen.
    Ich bete für dich!!

    08.05.2009, 17:04 von Dina-Lisa
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    ...dass Du das...

    07.05.2009, 22:57 von Steifschulz
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    Ich friere unter der Abendsonne und fange an zu funktionieren...
    Ich hoffe, dass Du auch weiterhin können wirst.

    07.05.2009, 22:54 von Steifschulz
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