Caraluna 01.06.2004, 19:08 Uhr 3 0

Tinnitus - kleiner Mann im Ohr

Er kam ganz plötzlich. Und ging nicht mehr. Der Piepton in meinem Kopf.

Ich saß nachts im Wohnzimmer. Das Baby zum Stillen an der Brust. Wir wohnten in einer „Übergangswohnung“. Unser Dachausbau war ins Stocken geraten. Und so dachte ich erst, dass ich wohl noch nicht alle Geräusche der neuen Wohnung kennen würde. Vielleicht war es der Kühlschrank? Der Verkehr? Die Heizung?

Ich legte den Kleinen zurück in sein Bett und ging ins Bad. Schloss die Tür. Der Pfeifton blieb. Ich ging ins Schlafzimmer zurück. Der Pfeifton blieb. Jetzt wollte ich es genau wissen. Ich nahm den Schlüssel und ging in den Keller. Schloss sämtliche Stahltüren hinter mir. Der Pfeifton blieb. An Schlafen war nicht mehr zu denken.
Wir fuhren zum Notarzt. Der konnte nicht helfen. Gab dem Ton einen Namen: Tinnitus. „Machen Sie sich keine Sorgen. Bei einer Behandlung innerhalb von 3 Tagen haben Sie beste Chancen ihn loszuwerden.“

Kaum dass es 8.00 Uhr morgens war, machte ich den ersten Arzttermin aus. Es folgte eine Odyssee von A wie Allgemeinmediziner bis Z wie Zahnarzt (der Kiefer?). Über den Chiropraktiker (der Nacken?), den Hals-Nasen-Ohrenarzt (das Ohr selbst, der Gleichgewichtssinn?), den Heilpraktiker (irgendwelche Mangelerscheinungen?), den Internisten (die Nieren?).

War der Schlafmangel Schuld? Das Babygeschrei direkt am Ohr? Die Narkose beim Kaiserschnitt? Eine Verspannung vom Umherschleppen des Babys?

Ich musste Abstillen, bekam Infusionen, Sauerstofftherapie, Akupunktur, wurde eingerenkt, mit Magnesium und Calcium gefüttert und schluckte Tropfen, die laut Packungsaufdruck zur Durchblutungsförderung bei alten Menschen eingesetzt werden. Nichts half. Bis heute. Das ist jetzt fast 7 Jahre her.

Der Ton wird mal lauter. Mal leiser. Mal anders. Bei Verspannungen und Stress hört es sich an, als käme ein Lastwagen vorbei oder ein startendes Flugzeug. Ein sonores Brummen. Mitten in der Nacht wache ich auf, weil wahlweise das linke oder rechte Ohr einen neuen Ton gefunden hat und dauerpiept. Dann hilft aufstehen und etwas trinken. Finger-auf-die-Ohren-drücken. Kniebeugen machen.

Am Anfang konnte ich nur mit Musik einschlafen. Es hat mich wahnsinnig gemacht, nicht entfliehen zu können. Nicht weghören zu können. Aber mit der Zeit lernt man das. Der Dauerton wird vertraut. Fast würde etwas fehlen, wenn er nicht mehr wäre. Wie neulich nachts, nach der ersten Stunde im Fitnessstudio. Ich wachte auf und es war still. Für Sekunden. Dann kam er wieder. Er gehört zu mir. Wie zeitweise zu rund 8 Millionen anderen Menschen. Und keiner weiß, woher er kommt – und wann er geht.

Ich kenne einige, die sind ihn wieder los geworden. Einfach so. Andere mit Hilfe einer „Retraining“-Therapie, bei der man ein kleines Kästchen – ähnlich einem Hörgerät - trägt, das einen Gegenton aussendet.

Was man weiß: Irgendwie hat es immer mit Lärmbelastung zu tun. - Zu viel Disco. Maschinen am Arbeitsplatz. Reizüberflutung. - Dazu wenig Schlaf. Stress. Schlechte Durchblutung.

Vor 3 Jahren hatte ich noch einmal einen leichten Hörsturz. Nach einem anstrengenden Tag: Viel Kaffee im Büro. Kein Wasser. Schnell noch in den Supermarkt. Kindergeburtstag. Anschließend langes Zusammensitzen mit der Familie. Plötzlich hörte ich alle wie durch eine Käseglocke. Mir wurde schwindelig. Ich fuhr in die Notaufnahme. Hing wieder am Tropf. Nach etwa 24 Stunden war dieses schreckliche Gefühl weg. Der Pfeifton unverändert da.

Mein Gehör ist übrigens in Ordnung. Überempfindlich. Ich kann in kein Konzert ohne Ohropax gehen. Empfinde körperliche Schmerzen beim Klirren von Geschirr und dem Herabfallen von Besteck. Ausgehen in laute Restaurants ist beinahe unerträglich. Nach so einem Abend versucht mein Ohr die aufgenommenen Geräusche bestmöglich nachzuahmen.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das schon vor 20 Jahren. Den ganzen Sonntag nach einer durchtanzten Nacht. Ich dachte, das muss eben so sein. Habe auf die Warnungen nicht gehört. Von Tinnitus hat damals keiner gesprochen. Gemocht habe ich sie zwar nie, die dröhnenden Boxen an der Tanzfläche, aber man hatte ja keine Wahl. Und Ohropax mit 16 in der Disco? Niemals. Ich war viel zu eitel.

Ich würde immer noch gerne tanzen gehen. Ich liebe es. Aber nicht um diesen Preis.

Ich meide diese Geräusche so gut es geht. Verloren gegangen ist dabei ein Stück Lebensqualität. Viele Lieblingslieder kann ich nicht mal mehr zu Hause hören, weil die hellen Töne wie Messerstiche im Ohr sind.

Immer präsent die Angst vor dem nächsten Hörsturz. Ich brauche mein Gehör doch noch viele Jahre. Was, wenn es schlimmer wird? Wie bei einem Freund. Bei der Party an seinem 30. Geburtstag verlor er plötzlich vollkommen die Orientierung, kam in die Klinik. Im rechten Ohr herrscht seitdem totale Funkstille. Bis auf den Piepton natürlich. Ironie der Geschichte: Er ist Hals-Nasen-Ohrenarzt.

3 Antworten

Kommentare

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    Herzlichen Glückwunsch zum Erscheinen im Neon-Newsletter!!! Das hab ich auch erst einmal geschafft!

    10.07.2004, 19:51 von dpeters
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      @dpeters Leide auch seit 3 Jahren unter Tinnitus, was bei mir aber von der Halswirbelsäule verursacht wird. Jaja, die Informatiker, die halt den ganzen Tag vorn PC hocken und abends auch nix besseres zu tun haben. Ich nehme den Ton inzwischen nicht mehr wirklich wahr, halte ich aber inne, dann höre ich ihn natürlich trotzdem. Er ist immer da, ich kann nicht wirklich was dagegen machen. Bei mir ist es aber problematisch, da ich sowieso sehr schlecht höre und wenn dann das Pfeifen sehr laut ist, hör ich eigentlich überhaupt nix mehr.

      11.07.2004, 20:19 von Filigrantechniker
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] ich hatte meinen hörsturz als ich 20 war. nach 10 tagen krankenhaus und infusionstherapie war es natürlich kein stück besser. weil die krankheit mit der psyche eng verbunden ist auch wenn es vermutlich zusätzlich körperliche auslöser gibt (in meinem fall wahrscheinlich zähneknirschen) dass niemand im krankenhaus sich ernsthaft entspannen kann sollte den ärzten eigentlich klar sein. ich würde mittlerweile jedem raten die infusionen ambulant zu überstehen, dann kann man tagsüber daheim sein, in der vertrauten umgebung und bei menschen die sich wirklich dafür interessieren wie es einem geht. was ich daraus gelernt habe war dass man sich aus dem teufelkreis befreien muss. die angst vor dem nächsten hörsturz trägt nur dazu bei den psychischen stress zu erhöhen und das ohrgeräusch damit zu verstärken. ebenso die ständige sorge wenn man ausgeht. denn selbst in kneipen und bars ist der lärmpegel beachtlich. mittlerweile habe ich gelernt mit dem geräusch zu leben, ich kann es ausblenden. ich gehe immer noch gern aus, aber die oropax sind immer dabei. wenn meine ohren "nervös" werden wie ich es nenne dieses ganz bestimmte gefühl das sie erzeugen wenn es zu laut wird dann gehe ich einfach. keine angst mehr etwas zu verpassen. keine angst mehr vor dem durchdringenden geräusch. für mich hat sich diese kombination als die richtige erwiesen.

      08.07.2004, 13:48 von claude
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    Super beschrieben... und eine Warnung, die fast jeder lieber "überhören" möchte.
    Ohne laute Musik, würde mir was im Leben fehlen...

    aber mit Tinitus vermutlich mehr..

    ich werde nachdenken. So wie viele andere auch nachdenken sollten!

    Gruß,
    Daniel

    08.07.2004, 12:06 von dpeters
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