King-Lube-III 23.12.2009, 10:04 Uhr 28 26

Stille Nacht

Wie lange werde ich auf dich warten?

* Warum macht es mich nur so kribbelig? Wir hatten diese Situation schon so oft und nie hat es mir etwas ausgemacht. Ich habe mich damit abgefunden. Du hast Spätschicht und ich sitze alleine zu Hause. Vielleicht liegt es daran, dass heute Weihnachten ist, Heilig Abend und ich bin nicht gerne alleine. Ich habe dich nur ungerne gehen lassen, denn ganz wohl hast du dich nicht gefühlt. Deine Schicht geht bis 22 Uhr. Ich weiß das und trotzdem rufe ich dich schon um 18 Uhr an und frage, wann du endlich kommst. Ein Grund, weshalb ich dich liebe ist, dass du nicht genervt bist, dass du in den Hörer säuselst, wie sehr du dich auf mich freust, obwohl wir uns Tag für Tag sehen, aber du musst Schluss machen, im Krankenhaus kennt man keine Feiertage, im Gegenteil, gerade an solchen Tagen nehmen sich die Leute endlich die Zeit, das Magendrücken der vergangenen Wochen, den schmerzenden Fuß der letzten Tage, den blutigen Auswurf untersuchen zu lassen.

In unserem kleinen Wohnzimmer duftet es nach Zimt, der Tisch ist weihnachtlich gedeckt und eine kleine Tanne thront auf einem Hocker mitten im Raum. Das einzige Licht ist das Leuchten der winzigen Glühbirnchen, die an einer Lichterkette um das Tannengrün drapiert sind. Du wolltest es so. Ich fand es ein bisschen kitschig und konventionell, aber du meintest, du hättest schon immer so Weihnachten gefeiert und nur so könne sich bei dir das Weihnachtsgefühl einstellen. Ich habe das Essen vorbereitet, nichts Ausgefallenes, das klassische deutsche Weihnachtsessen: Kartoffelsalat mit Würstchen. Ich hatte alle Zeit etwas Besonderes und Aufwendiges zu machen, aber du hast mich nur geküsst und gesagt, Kartoffelsalat wäre perfekt.

Um 18:30 rufe ich dich nochmal an. Draußen ist es schon eine ganze Weile dunkel und es schneit. Die Straßenlaternen lassen die Schneeflocken vor meinem Fenster glitzern und ich will dir davon erzählen. Nach dem vierten Klingeln geht dein Anrufbeantworter dran. Anscheinend hast du zu tun. Dreieinhalb Stunden und du hast Feierabend, vier Stunden und du bist bei mir. Ich rücke das Besteck und die Kerzen noch einmal zurecht. Wenn schon kein vier Sterne Menü, dann wenigstens ein vier Sterne Gedeck. Die Rotweinflasche ist schon offen, der Wein soll atmen. Ich atme mit.

Kurz nach sieben versuche ich dich noch einmal zu erreichen. Ausgerechnet heute habe ich so große Sehnsucht nach dir. Wie oft war ich alleine zu Hause und habe mich beschäftigt? Ein gutes Buch gelesen oder noch lieber deine Gedichte, vor mich hergesungen oder einfach nur aufgeräumt oder Wäsche gewaschen oder gebügelt. Nie hat es mir etwas ausgemacht, aber heute, mitten im Gefühl einer besonderen Nacht, fehlst du. Ich überlege kurz etwas auf deinen AB zu sprechen, aber ich entscheide mich dagegen. Dein Geschenk liegt auf dem Teller, ein kleines Kästchen in rotem Papier mit einer Schleife. Mir wäre das zu dick aufgetragen, aber dir wird es gefallen. Soviel weiß ich.

Endlich erreiche ich dich gegen halbneun. Noch zwei Stunden, dann bist du zu Hause. Du stöhnst, auf der Station sei die Hölle los. Die Patienten kommen mit der ganzen Familie und alles gerät aus den Fugen. Ständig wirst du aufgehalten, festgehalten, gefragt, warum geht das nicht schneller, du versorgst und kümmerst dich, wo du nur kannst. Überarbeite dich nicht, sage ich, geht es dir besser? Jaja, antwortest du, nun doch etwas gestresst. Ich habe dich, sagst du noch, aber da wird das Gespräch unterbrochen. Ich versuche es noch einmal, aber du gehst nicht dran.

Ein bisschen Musik wäre nicht schlecht, aber es gibt keine Musik, die zu meiner Stimmung passt. Weihnachtsmusik ist mir zu pathetisch, andere Musik zu wenig weihnachtlich und »Last Christmas« macht mich nur noch mehr wuschig. Mit einem hypnotischen Blick fixiere ich die Wanduhr, doch je länger ich sie anstarre, desto langsamer bewegen sich ihre Zeiger. Fast neun Uhr, noch eine Stunde und ich könnte das Wasser für die Würstchen aufsetzen.

Zum glitzernden Schnee in der Straßenlaterne gesellt sich nun auch das Licht des Mondes. Ich stelle mich ans Fenster, um ihn besser zu sehen. Fast Vollmond. Er sieht ziemlich lädiert aus, wie jemand, der viele Schläge abbekommen hat, so verletzlich, ein bisschen so, wie es in deinem Seelenleben aussieht, denke ich. Die Kühle des Fensterglases lässt mich frösteln. Ich entzünde die beiden Kerzen auf dem Tisch und sofort sorgt das behagliche Licht dafür, dass ich mich leichter fühle.

Ich spiele mit dem Kästchen auf deinem Teller, meinem Geschenk für dich. Es ist nicht so teuer, wie es aussieht, aber es ist ein ganz besonderes Geschenk, etwas, das viel Liebe enthält. Es ist der Hochzeitsring meiner Altgroßmutter. Bis dahin konnte ich seine Herkunft zurückverfolgen, vielleicht ist er sogar noch älter. Ich liebe solche Geschichten, wie ein Ring Generationen verbindet, von einer Hand zur anderen wandert und bislang sind alle Träger steinalt geworden und ungeschieden geblieben. Auch du magst solche »Zeichen« über alles und, ja, ich würde gerne all meine Zeit mit dir verbringen, solange wir haben, solange man uns gewährt.

Um zehn rufe ich dich nicht an, denn ich weiß, du beendest jetzt deinen Dienst und meldest dich auf dem Weg zum Bus. Dann habe ich dich für eine halbe Stunde, bis zu endlich zu Hause bist und das Fest komplettierst. Das Fest der Liebe. Ich seufze und mein Magengrummeln nimmt zu. Zu behaupten, es wäre wie immer, ist eine glatte Lüge. Den Ring verschenke ich nur einmal und das ist heute. Ein klitzekleines bisschen Angst habe ich schon vor deiner Reaktion, obwohl ich mir meiner Sache sehr, sehr sicher bin. Jeden Moment wird das Telefon klingeln und ich werde deine einzigartige Stimme hören, sie ist ein Geschenk und wie Balsam für mich.

Ich laufe nervös auf und ab und ein Lächeln zuckt über meine Wangen. Als hättest du etwas geahnt und spannst mich heute absichtlich auf die Folter. Darin bist du ein Künstler. Ich weiß, du machst das nie mit Absicht, aber je dringender und drängender ich dich hören, sehen oder spüren will, desto unsichtbarer bist du in diesem Moment. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste. Ich rücke das Geschenk noch einmal zurecht, eile in die Küche, weil ich das Wasser vergessen habe. Gabel, Messer, Kerzen, alles am richtigen Platz, Servietten, perfekt. Kurz vor halbelf endlich der erlösende Anruf, aber nicht du bist am Apparat, es ist die Krankenhausleitung. Du kommst nicht, sagen sie und ich werde furchtbar wütend. Du hast ein Anrecht auf deinen Feierabend, Ausbeuter!, sie sollen dich gefälligst gehen lassen, es ist Heilig Abend! Blut schießt mir ins Gesicht, ich ringe nach Luft, so sehr rege ich mich auf und es braucht, bis ich den Unterton der bedrückten Stimme endlich registriere. Du kommst nicht, bis ich endlich begreife, du kommst nicht, hallt es noch einmal nach. Nicht. Nie mehr."Wichtige Links zu diesem Text"
Letztes Weihnachten mit Mama

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28 Antworten

Kommentare

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    Sehr sehr traurig, schmerzvoll und unendlich schlimm.. :( .. Empfehlung

    11.03.2010, 11:16 von MissChaos
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    Super fesselnd geschrieben aber wie sie gestorben is wüsste ich trotzdem gern...!?

    11.01.2010, 21:21 von nitschef
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    Mir gefällt der Text!
    Nur die teils niveaulosen Kommentare wirklich nicht...

    08.01.2010, 23:01 von contact
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    Ich meine, dass der Ring nicht die Frau erreichte, die ihn verdient hätte.

    07.01.2010, 23:50 von Lisn
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    Scheiße.

    07.01.2010, 23:44 von Lisn
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    auch wenn alle hier zu cool sind um überhaupt irgendwas zu mögen, weil ihnen ja doch alles zu "neon" ist (was macht ihr hier?) - mir gefällt der text :)

    04.01.2010, 19:47 von .madita.
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      @.madita. das ist schön und gut und richtig und wichtig und fein. grüß lotta und karlsson und habt spaß!

      08.01.2010, 01:35 von SchubLade
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    weihnachts-drama pur. tränendrüsig und konstruiert.
    na ja.

    29.12.2009, 17:27 von nanenu
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    frauen scheinen von der klette abzustammen... was soll dieser text? in aller öffentlichkeit? vielleicht bist du aber auch eine meiner exfreundinnen - in gestalt von king_lube virtuell reinkarniert? jedenfalls interessiert mich tatsächlich keine einzige information. antworten auf fragen, die ich niemals stellte. der falsche adressat, befürchte ich. das ende hat mich entgegen anders lautender stimmen wohl dennoch überrascht. ich hatte nicht damit gerechnet, dass in der story überhaupt irgendwas spannendes passieren könnte. letztes weihnachten mit mama - deinen link - habe ich mir übrigens doch gespart. vielleicht eine episode l lá heintje? mit kinderheimerfahrung? zeit ist wertvolles gut. und: nein, ich benötige keine weiteren antworten. wirklich nicht! so achte ich zukünftig und desöfteren mehr auf den absender. guten rutsch!

    28.12.2009, 03:58 von SchubLade
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    Fragt sich hier keiner, wie die Olle während des Dienstes im Krankenhaus draufgehen konnte?

    27.12.2009, 05:49 von WieSieSehnSehnSieNix
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      @WieSieSehnSehnSieNix "Fragt sich hier keiner, wie die Olle während des Dienstes im Krankenhaus draufgehen konnte?"

      Nö.
      War vermutlich im ambulanten Dienst unterwegs.
      In amerikanischen Filmen und Serien gibt es dort oft Schießereien. Oder andere böse Sachen. Zack, ist man tot.

      Und dann ruft Cuddy an, völlig aufgelöst.
      Dann weint man mit wegen der Betroffenheit.
      Reflex.
      Man kann nicht anders.

      28.12.2009, 21:57 von JackBlack
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    also umgehauen hats mich jetzt nicht, aber trotzdem erkenn ich den wert irgendwie von dieser geschichte...

    bin überrascht von der ganzen negativen kritik...scheint für mich so, als ob manch einer hier die sache zu ernst nimmt...so seh ich das;)
    frohe weihnachten!

    25.12.2009, 22:50 von sonie.mie
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