See_Emm_Why_Kay 28.06.2012, 14:54 Uhr 2 4

Sterben wollen

Über die Gefangenschaft im eigenen Körper.

Inge?

Ingeeeeeee?

Inge, wo bist du denn?

Wo ist meine Lesebrille? Ich kann doch nicht so gut sehen ohne meine Brille. 

Ach, Inge ist ja gar nicht hier. Bestimmt arbeitet sie gerade. Ja, das macht sie so toll mit der Kleinen und dann noch ihre schöne Gärtnerei.

Wo bin ich? 

Nein, nein. Jetzt kommen die grässlichen Gedanken. Und immer diese weiße Decke. Ich bin es so satt. Ist da jemand?

"Frau Berling, wir müssen ihnen jetzt Blut abnehmen. Meinen Sie, dass sie das schaffen?"

"Nein, bitte Schwester. Ich habe so Schmerzen. Haben Sie meine Inge gesehen? Wir wollten noch einkaufen gehen. Gleich machen die Geschäfte doch zu."

"Nein, Frau Berling, sie können jetzt nicht einkaufen gehen, hm. Ich komme gleich wieder. Dann ruhen Sie sich noch etwas aus".

Ich spüre meine Füße nicht mehr. Sind sie noch da? Was ist heute für ein Tag? 

Vielleicht schaffe ich es mich zur Seite zu drehen. Wenn ich doch wenigstens etwas aus dem Fenster sehen könnte. 

Au, nein. Vielleicht morgen. Der Himmel muss ganz blau sein. Wie schön der Lichtstrahl die öde weiße Decke verziert. Nein ich hasse die Sonne. Regentage mag ich lieber. Dann will ich ja sowieso lieber drinnen sein. Ha, ja dann könnte man fast von Gemütlichkeit sprechen. 

"So, Frau Berling, jetzt muss ich Ihnen aber wirklich etwas Blut abnehmen. Und dann gebe ich Ihnen auch was gegen die Schmerzen."

"Schwester, können sie mich drehen? Nur ein bisschen zur rechten Seite. Es tut schon so weh."

"Ja das machen wir.  Aber nicht, das sie wieder Ihre Schläuche rausziehen. Und wenn die Maschine gleich wieder piepst, drücken sie den roten Knopf, ja?"

"Ja das kann die Inge gleich auch machen, wenn sie kommt."

"Wenn die Inge aber noch nicht hier ist, müssen sie das selber machen, ok?"

"Ja jaaa"

Nerviges Pack hier. Alle Nasen lang kommen sie rein und raus. Immer dasselbe. Immer dasselbe. Ich kann nicht mehr. 

Sollen sie mich doch verrecken lassen. Was nutze ich schon noch? Nichts. Ich liege und liege. Und diese verdammte weiße Decke schaut mitleidig auf mich herab und tut nichts. Genau wie ich. Irre bin ich. Ich bin in meinem eigenen Irrenhaus. Und nirgends gibt es eine Tür. Wenigstens im Schlaf habe ich Ruhe. Ja, der Albtraum fängt erst an, wenn ich aufwache. Ich muss einschlafen. Und nicht mehr aufwachen.

"Schönen guten Abend, Frau Berling. Na, was machen die Schmerzen?"

"Ach das hört doch nicht mehr auf."

"Ich gebe Ihnen jetzt nochmal eine Trombosespritze und dann wird das schon besser. Soll ich Ihnen noch etwas Creme auf die Lippen machen? Die sind ganz trocken geworden"

"Geben sie mir die Spritze und lassen sie mich in Ruhe!" 

"Warum denn wieder so grantig heute Frau Berling? Die Sonne hat doch so schön heute geschien und der Himmel war richtig blau und wolkenlos."

"Raus jetzt hier! Ich hab die Schnauze voll! Machen Sie doch einfach die verdammten Kabel ab und die Maschinen aus! Dann geh ich hier auch niemanden mehr auf die Nerven."

"Ich lass sie jetzt mal besser schlafen. Und wenn was ist, drücken sie den roten Knopf, ja? Ich bin die ganze Nacht hier"

Gott, wie hasse ich dieses verdammte blaue Licht von dem ollen schwarzen Kasten. Das das so mit mir zu Ende gehen muss. Was war das noch schön damals im Sommer. Barfuß über die Wiese laufen. Den warmen Wind im Gesicht spüren. Die Sonne auf meiner Haut. Und jetzt verdorre ich hier. Immer seltener kommen sie mich besuchen. Als wäre ich schon tot. Ach wär ich doch einfach schon tot. Das ist doch kein Leben mehr. Mein Körper ist doch bloß noch eine kaputte, verrostete Dose, die man mit etwas Öl noch vor dem Verfall retten will. Und ich liege hier und werde verrückt mit mir. Kein einziges bisschen Freude bleibt mir. Ja nicht mal essen kann ich. Wann habe ich das letzte Mal gekaut? Ein herrliches Stück Apfelkuchen gegessen? 

"Guten Morgen Frau Berling. Na, haben sie gut schlafen können die Nacht? Ich muss ihnen leider wieder Blut abnehmen und gleich kommt die Schwester und wäscht sie dann."



Über Frau Berling, meine immer noch sterbende Zimmergenossin im Krankenhaus.

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2 Antworten

Kommentare

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    Ja, ich denke so fühlt es sich für manche Menschen an, die dem Ende des Lebens entgegen sehen. Ich finde gut, dass du dieses Thema aufgegriffen hast.

    29.06.2012, 23:22 von Sultanine
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