derHalbstarke 22.11.2006, 13:45 Uhr 23 15

Sind Safersex & Kondome kein Thema mehr?

Seit den 80igern wissen wir: HIV betrifft uns alle. Trotzdem scheint eine Randgruppe wieder besonders betroffen: Meine.

Nach den aktuellen Erkenntnissen sind in diesem Jahr 2,9 Millionen Menschen an den Folgen von Aids gestorben und ca. 11.000, die sich täglich neu mit HIV infizieren.

Tendenz steigend.
Lese ich die Zahlen des neuesten Statusberichtes von UNAIDS und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), packt mich schon die Wut, wenn ich an den offensichtlich sorglosen Umgang mit Aids denke. Dann kommen meine Erinnerungen wieder hoch und die eigenen Erfahrungen, die ich mit dieser Krankheit machen musste. Damals in den Achtzigern, als die ersten „Aids-Fälle“ bekannt wurden und eine regelrechte Massenhysterie auslösten, gefüttert von den Medien und auf sogenannte Randgruppen fokussiert.

Ich gehöre zu einer dieser gesellschaftlichen Randgruppen.

Denn ich bin schwul.
Habe aber aus meiner Homosexualität nie einen Hehl gemacht und fühlte mich auch nicht wirklich ausgegrenzt. Sicher, auch damals gab es intolerante Stimmen in der Gesellschaft, doch Mitte/Ende der Siebziger konnte man sich als Homosexueller schon ausleben, ohne nennenswert angegriffen oder benachteiligt zu werden. Außerdem hatte ich ganz andere Dinge im Kopf, war jung und wollte meinen Spaß, auch sexuell. Erst als HIV die Öffentlichkeit erreichte wurde es thematisiert, plötzlich waren ich und alle anderen die scheiß Homos, die neben Drogensüchtigen oder Prostituierten, andere Menschen mit einem Todesvirus verseuchen.

Sehr schlimme Zeiten.
Die sich heute kaum jemand, der davon nicht betroffen war bzw. ist, vorstellen kann. Nicht nur die öffentlichen Hetzkampagnen und Anfeindungen, die teilweise in Gewaltübergriffe ausarteten, auch die Angst selbst infiziert sein zu können und sterben zu müssen, mit anzusehen, dass Freunde wie die Fliegen wegstarben, weil Sex plötzlich einen tödlichen, unbekannten Nebeneffekt hatte – all das machte uns auf einmal wirklich zu einer Randgruppe. Begriffe wie Safersex und Misstrauen allem und jedem gegenüber, standen im Vordergrund und das hatte nichts mehr mit einer annehmbaren Lebensqualität zu tun. Ganz im Gegenteil. Die Angst, sich zu infizieren, Angst vor gesellschaftlicher Verfolgung hat viele Betroffene, selbst, wenn sie gesund waren, isoliert und gefühlsmäßig einsam werden lassen. Für lange Zeit auch mich, gerade, weil ich Glück hatte und gesund geblieben bin und, so schwer es auch fiel, Jahre auf Sex mit anderen verzichtete – um mich zu schützen.

Heute gibt es, was das HI-Virus und Aids betrifft, keine Randgruppen mehr.

Die Zahlen sprechen für sich.
Nach neuesten Erkenntnissen sind weltweit inzwischen mehr als 39,5 Millionen infiziert, allein zwei Drittel davon in Afrika und gesamt 0,9 Millionen mehr als im vergangenen Jahr. Darunter sind 17,7 Millionen Frauen und 2,3 Millionen Kinder. Die zunehmende Ausweitung der Epidemie hat in verschiedenen Ländern unterschiedliche Gründe. Sind es in Osteuropa und Zentralasien mehr als 67 Prozent, die sich durch verunreinigte Spritzen beim Konsum von Drogen infiziert haben, steckten sich in Süd- und Süd-Ostasien ca. 47 Prozent der Infizierten bei Prostituierten an.

Sind die Zahlen, bezogen auf diese Länder und Umstände wie fehlende Aufklärung und Vorsorge, schon mehr als Besorgnis erregend, erschreckt die Entwicklung hier in Deutschland erst recht. Es scheint, als hätten die wenigsten etwas aus den Erfahrungen der Achtziger für sich angenommen und jegliche Präventiv-Kampagne ignoriert. Und das sorglos. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts leben bei uns ca. 49.000 infizierte Menschen und davon ungefähr 6.000, die bereits an Aids erkrankt sind. Zunehmend davon betroffen sind junge Leute, die sich HIV beim ungeschützten Sex eingefangen haben – „schließlich sind es ja immer die anderen, die es erwischt“ – und auch die Suggestion, dass die heutige Medikation ein langes Leben verspricht, führt zu solch fataler Gedankenlosigkeit.

Für mich persönlich kommt noch der alarmierende Fakt hinzu, dass sich gerade bei den Homosexuellen die Infizierungen seit 2001 verdoppelt haben, in 2005 machten schwule Männer rund 70 Prozent der Neu-Infizierungen aus. Und hier setzt bei mir besonders Wut und Unverständnis ein. Gerade „meine“ Leute, die es wissen müssten und damals Vorreiter in Prävention gewesen sind, führen durch ihr fahrlässiges Verhalten diese ganze aufwändige Aufklärungsarbeit privater und öffentlicher Vereine und Stiftungen ad absurdum. Kondome sind nach 20 Jahren offenbar out, es wird vielerorts leichtsinnig und oft bewusst ohne Gummi gevögelt und wenn es einen dann erwischt, gibt es inzwischen scheinbar schlimmeres, als das Schicksal Aids – dank der recht wirksamen, lebensverlängernden Medikamente.

War es damals großes Mitleid denen gegenüber, die sich unbewusst und unschuldig infiziert haben, kann ich meine ablehnenden Gefühle für diejenigen, die es heutzutage geradezu darauf anlegen, sich und andere anzustecken, nicht in Worte fassen, ohne zynisch zu werden..."Wichtige Links zu diesem Text"
Geschichte & Fakten zu HIV / Aids
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23 Antworten

Kommentare

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    es ist doch wirklich immer wieder traurig,so was zu lesen.
    schlimm,dass die die menschen heut solche alarmierenden zahlen brauchen,um aufzuwachen.oder auch nicht...

    29.11.2006, 22:32 von jansche
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      @[Benutzer gelöscht] Manche Themen, die man immer wieder diskutieren MUSS, haben ihren toten Punkt erreicht. Vereinfacht: Alle wissen Bescheid und es ist keine Trendwende in Sicht.
      Vielleicht steigen die Zahlen der Infizierten auch deswegen: AIDS ist schon so lange keine Neuigkeit mehr, dass die mögliche Gefahr nur ein stumpfer Hintergedanke wird.
      Skepsis ist gerade bei sexuellen Kontakten sehr wichtig. Evtl. lebenswichtig.
      Liebe Grüße,

      Stef

      27.11.2006, 22:20 von Gigigolo
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    Ziemlich erschreckend, daß hier nicht wirklich über das Thema des Artikels, sondern über NEBENSACHEN, heftig diskutiert wird. Wenn Euch das Thema nicht interessiert, dann laßt es eben bleiben!!! Ich finde den Artikel gut und mir ist es SCH...egal wo die Kommas hingehören. Hoffe er regt außerhalb zum diskutieren an! Ich jedenfalls werde das Thema mit meinen Freunden besprechen! Danke!

    27.11.2006, 13:21 von alltgsueberlebende
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    Ist das tatsächlich hier bei Neon der erste AIDS Text? Ziemlich peinlich oder? Dann wundern auch nicht mehr die hohen Infektionsraten, egal wo, bei dem ganzen wegsehen und ignorieren!

    26.11.2006, 04:04 von LiamMurphy
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      @LiamMurphy @Liam: In der Tat gibt es in der Rubrik schon einige Texte dazu - solltest Du mal anklicken, wenn's Dich interessiert!

      Merkwürdig finde ich allerdings, dass hier die ganze Zeit immer wieder an dem wichtigen Thema vorbei diskutiert wird!

      Schade eigentlich...

      Grüße

      26.11.2006, 19:07 von Kiyan
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      @Kiyan
      Guten Abend, Kiyan.

      Du findest es "merkwürdig", dass hier keine Diskussion zustande kommt (außer über "unseriös" wirkende Überschriften)?
      Doch was ist noch zu diskutieren? Kennen wir nicht ungefähr alle die Fakten? Man kann beständig die neusten Zahlen erötern, doch zu neuen Ergebnissen kommt man nicht. Was soll man noch auswerten, außer deinen Schreibstil? Jeder hier (!) weiß, was los ist - auch wenn es gern verdrängt wird.

      26.11.2006, 21:28 von bibliophile
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      @bibliophile @bibliophile:

      Ich kann dir nicht zustimmen - es gibt noch genügend darüber zu diskutieren - besonders, um das Thema endlich bewusster zu machen. Es ist nicht so, dass "jeder" weiß, was los ist - hier unter "uns" vielleicht schon viele - aber ansonsten ist es eher ein Witz, wie wenig besonders junge Leute und Jugendliche aufgeklärt sind, um sich entsprechend zu verhalten - es gibt sogar etliche Jugendliche, die nicht mal wissen, dass es HIV/Aids überhaupt gibt.

      Dass das Thema gerne verdrängt wird halte ich ebenso für merkwürdig - auch wenn's allzu menschlich ist...
      Also, es gibt noch viel darüber zu diskutieren, meine ich...
      Grüße!

      26.11.2006, 23:19 von Kiyan
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      @[Benutzer gelöscht] SO isses, Danke!!!

      25.11.2006, 22:55 von Kiyan
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    genau. "Über Aids weis ich alle" Und wann zum letzten mal Kondome gekauft. und im kulturbeutel nutzen kondome"sehr viel"

    25.11.2006, 21:17 von SeanSander
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      @[Benutzer gelöscht]
      Der Artikel sah vorher anders, eher unseriöser aus. Deswegen vermutlich. Aber nu ist gut. Oder?
      :)
      zz.

      25.11.2006, 10:26 von zzebra
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      @[Benutzer gelöscht] @Struwwel
      und da gebe ich dir wiederum recht. dadurch eben, dass das thema so wenig angesprochen und ausführlich besprochen wird, denken manche leute, ob nun jugendliche oder erwachsene, wirklich nur von der tapete bis zur wand. und resultat sind dann eben solche sprüche. sollte sich grundlegend an schulen ändern. die ganze problematik aufklärung, verbunden mit HIV etc. aber erzähl das einer mal den leuten, die diese tollen pläne erstellen, was unterrichtet wird. da wird das thema drogen lieber doppelt und dreifach durchgenommen und anderes außenvor gelassen.

      25.11.2006, 15:46 von salzstange.
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