missweiss 21.09.2012, 11:43 Uhr 17 4

Schwarz

Der erste Schritt zur Besserung ist, das Dunkle, das Schwarze, das in meiner Seele steckt, zu akzeptieren.

Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, hat mich das Schwarze mein Leben lang begleitet. Immer ein Stückchen mehr von mir eingenommen, versucht mich aufzufressen.

Ein schwarzes Etwas lauert in der Ecke meines Kinderzimmers. Ich bin vielleicht acht Jahre alt.

Ich sitze aufrecht auf meinem Bett. Mein Gesicht tränenüberströmt, mein Brustkorb schmerzend von den schnappenden Luftzügen. Mein ganzer Körper, mein tiefstes Inneres, alles schmerzt. Alles ist heute schwarz.

Was an dem Tag genau passiert ist, weiss ich nicht mehr. Aber das Bild, das ich danach jahrelang verdrängt habe ist noch gestochen scharf vor dem inneren Auge: Ich sitze da, mit einer kleinen Schere in der Hand. Die Plastikumrandungen sind orange. Ganz selten höre ich ein kleines Rascheln aus dem Käfig meiner Meerschweinchen.

Ich weine bitterlich, verabschiede mich schon von meiner Familie, denke ich doch, dass ich sowieso nur eine Belastung für meine Mutter bin. Mein Weggehen wird ihr Leben erleichtern. Mein Bruder mag mich sowieso auch nicht, ihm wäre es bestimmt auch recht, wenn er endlich ein richtiges Einzelkind ist. Ich öffne die kleine Kinderschere - die, wie ich in dem Moment natürlicht nicht begreife, viel zu wenig gut schneidet, um meine Pulsadern zu öffnen - und bin mir sicher, dies wäre das Ende.

Da höre ich wieder ein Rascheln, ein leises Quieken. Und da platzt mein Herz fast vor Traurigkeit: Was wird aus meinen Meerschweinchen, wenn ich nicht mehr bin? Zum Glück war ich schon immer so ein Tierfreund. Das hat mir wohl wortwörtlich das Leben gerettet, das Schwarze bezwungen.

Wenn ich eine gute Phase hatte (und noch immer habe) und stark genug bin, merke ich, dass es sich beschämt in seine Ecke zurückzieht oder sogar manchmal weggeht. Dann atme ich auf, fühle mich frei, leicht, wieder am Leben teilhabend. Wenn das Schwarz weg ist, fühle ich mich, als könnte ich alles erreichen, jeden Menschen von meinen Visionen begeistern und jede Krise erfolgreich umschiffen. Dann ist ein Rückschlag nur ein Kieselstein auf dem Weg.
Doch dann merke ich, wie es wieder näher kommt. Noch nicht sichtbar oder fühlbar, mehr eine Vorahnung. Und dann stehe ich am nächsten Tag auf und der Kieselstein fühlt sich wie ein kolossaler Fels an, der mich das Licht des Tages nicht mehr sehen lassen will. Er stellt sich vor meinen Optimismus, der verzweifelt dahinter hin und her rennt und mich ruft, doch zu ihm zu kommen. Aber der Fels siegt. Oft jedenfalls.
Dass ich den Fels vor mir habe, ist leider keine Willensfrage. Es ist ein Zeichen und meist nicht aufhaltbar.
Das erfolgreichste Rezept bisher war, das Schwarze einfach anzunehmen. Nicht zu zelebrieren, nicht darin zu versinken aber es einfach zulassen. Dagegen anzukämpfen kann einen umbringen. Die Resignation aber auch.
Dazwischen eine Balance, eine Mitte, ein Zusammenleben mit dem Schwarz in mir zu finden, ist schwierig. Beruhigend zu wissen ist allerdings, dass viele Menschen damit kämfpen und ringen und versuchen, damit zu leben. Irgendwie damit umgehen, ohne sich zusehr darin zu verlieren aber auch ohne sich zu wenig damit zu konfrontieren.
Der erste Schritt zur Besserung ist, das Dunkle, das Schwarze, das in meiner Seele steckt, zu akzeptieren.
Im Buddhismus wird einem geraten, sein Leiden wie ein Kleinkind zu umarmen. Und irgendwie scheint mir diese Vorstellung tröstlich und hilfreich.
Anstatt sich einzureden, dass es von selbst weggeht und nicht existiert. Denn das wird es nicht. Das wird es wohl nie.
Im Moment ist der Kieselstein so winzig, dass ich ihn kaum sehen kann. Nur erahnen. Und falls das Schwarz wieder mächtig und dunkel mit seinem Schattensein zurückkehrt, bin ich vorbereitet. Ich habe ein Sicherheitsnetz um mich herum, durch meine Freunde, Familie. Und durch mich selbst.


Tags: Depression, Bewusstsein
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17 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Super Text!
    Nicht zu zelebrieren, nicht darin zu versinken aber es einfach zulassen.
    Das kenne ich mittlerweile auch gut. Aber du scheinst auf einem guten Weg zu sein und zu wissen, wie du am besten mit dir umgehen kannst.

    02.01.2013, 16:27 von jeritiana
    • 0

      Danke dir. Ja, mal gehts besser und mal schlechter. Aber genau, nichts erzwingen ist immer gut.

      ***

      03.01.2013, 21:50 von missweiss
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  • 1

    Hast du sehr fein geschrieben. Kann ich absolut nachempfinden.

    21.09.2012, 23:14 von Jackie_Grey
    • 1

      Danke, liebe Jackie.

      21.09.2012, 23:46 von missweiss
    • 1

      Wenn das Schwarz weg ist, fühle ich mich, als könnte ich alles erreichen, jeden Menschen von meinen Visionen begeistern und jede Krise erfolgreich umschiffen.

      Ich denke noch heute an deinen Text. Er ist wirklich sehr gelungen, Miss Weiss :*

      23.09.2012, 11:36 von Jackie_Grey
    • 1

      Oh, danke liebe Jackie. Das freut mich unendlich. :)


      :-*

      23.09.2012, 11:42 von missweiss
    • 1

      Ich druck ihn mir aus, Schatz!

      23.09.2012, 12:00 von Jackie_Grey
    • 0

      Jetz werd ich aber rot, Liebes. Du bist zu süss :-*

      23.09.2012, 12:02 von missweiss
    • 1

      Musste nicht. Rot-schwarz-weiß :) Ich denke, wenn ein Text bei mir haften bleibt, bei dieser Textflut, dann hat er mir etwas zu sagen gehabt. Ich finde ihn darüber hinaus unglaublich ehrlich und mutig. Genau DAS gefällt mir an deinen Texten. Du lässt etwas raus, ohne beeindrucken zu wollen. Hier wird ständig nach Authentizität geschrien und kaum jemand hat wirklich den Mut in seinen Texten, genau diese auch rauszulassen. Du hast ihn. Kannste stolz drauf sein. :*

      23.09.2012, 12:06 von Jackie_Grey
    • 0

      Miss rot-schwarz-weiss, haha :) Oh dankeschön. Ja, die Authentizität ist mir sehr wichtig, deshalb schleichen sich auch mal Fehler ein oder die Texte wirken nicht so gaaanz logisch, weil ich total im "flow" bin ;)

      Danke danke danke. Weiss nicht was ich noch sagen soll :)

      23.09.2012, 12:15 von missweiss
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  • 0

    Passt jetzt nicht so zum Usernamen, und wie alt bitte ist dein Meerschweinchen.


    Ansonsten geb ich dir recht, und schwarz kann sogar eine Bereicherung sein.

    21.09.2012, 11:55 von EliasRafael
    • 1

      Mein Meerschweinchen ist dann auch mal abgetreten. Aber hat mir, wie gesagt eigentlich das Leben gerettet ;)

      Danke für deinen Kommentar.

      21.09.2012, 11:57 von missweiss
    • 2

      Ich finde, dass der Username gerade wegen des Artikels hier sehr gut passt.

      21.09.2012, 12:32 von Max-Jacob_Ost
    • 0

      Dankö Max :)

      21.09.2012, 12:59 von missweiss
    • 1

      Max, dann bring bitte auch als Kalauer, ich mein Thema, des Tages demnächst "Nichts Neues im Westen"

      21.09.2012, 13:06 von EliasRafael
    • 1

      Wenn du mich kennen würdest, wüsstest du: das wird früher oder später kommen. Hundertprozentig.

      21.09.2012, 13:09 von Max-Jacob_Ost
    • 0

      Jetzt hast du mich beeindruckt :D

      21.09.2012, 13:12 von EliasRafael
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