Patrick_Bauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Schiefe Bahn

Unterwegs mit den minderjährigen Dealern in der Berliner U-Bahn

A m 18. Juli dieses Jahres, einem normalen Sonntag in Berlin, wird ein Kind festgenommen. Am U-Bahnhof Schönleinstraße verhaftet die Polizei zum elften Mal einen Jungen, der Heroin verkauft haben soll. Als er entdeckt wird, schluckt er die Kügelchen hinunter. Der Junge stammt aus dem Libanon, ist wohl erst einige Monate zuvor mit dem Flugzeug in Berlin angekommen, allein, ohne Papiere. Er gibt an, elf Jahre alt zu sein.

Einen Tag später halten Beamte einen 13-Jährigen fest, der bei einer Drogenübergabe beobachtet worden war. Er hat viel Bargeld bei sich, manche sprechen davon, dass er in tausend Fällen mit Heroin und Kokain gehandelt hat. Die Ermittler schätzen ihn auf achtzehn. Trotzdem wird er dem Kindernotdienst übergeben. Als er vor einem Jahr in Berlin-Tegel gelandet war, hatte der Junge angegeben, im April 1997 in einem Flüchtlingslager im Libanon geboren worden zu sein. Gegen 20 Uhr geben die Mitarbeiter des Kindernotdienstes eine Vermisstenanzeige auf, der 13-Jährige ist geflüchtet. »Wer stoppt die Kinderdealer?«, fragen die Boulevardzeitungen, die Öffentlichkeit empört sich über die machtlose Justiz. Es ist die Zeit vor Sarrazin, aber die Debatte um kriminelle Ausländer ist längst im Gang. Gerade ist das Buch der Jugendrichterin Kirsten Heisig erschienen, die sich am 3. Juli das Leben nahm. In »Das Ende der Geduld « schildert sie, wie die arabische Drogenmafia Kinder und Jugendliche aus palästinensischen Flüchtlingslagern nach Berlin bringt und sie als Dealer einsetzt. Sie schreibt, den Einreisenden würden noch im Flugzeug die Pässe abgenommen, sodass sie staatenlos sind - und nicht strafmündig, wenn sie behaupten, jünger als vierzehn zu sein.

Etliche Politiker, darunter auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, fordern geschlossene Heime. Andere fordern die Senkung der Strafmündigkeit auf zwölf Jahre.

Die beiden gefassten Jungen liefern sich ein wochenlanges Versteckspiel mit den Behörden, schließlich heißt es, sie seien in Einrichtungen in Brandenburg untergebracht. Ihr tatsächliches Alter soll per Handwurzelanalyse festgestellt werden.

Die Aufregung um die beiden verhafteten Minderjährigen ist vorüber, der Alltag der anderen Berliner Kinderdealer geht weiter. Ein Alltag, der sich vor allem auf einer U-Bahn-Strecke abspielt. Die Linie 8 - 24 Haltestellen, achtzehn Kilometer -, die aus dem Berliner Norden tief hinein führt nach Neukölln, in den Problemkiez, gilt seit jeher als Hauptschlagader des Heroinhandels. Ihr Herzstück sind fünf Bahnhöfe.

Der Junge, der eigentlich nicht Samir heißt, steigt die Stufen hinab in die Welt, in die er nicht gehört.

Mitte September: Es ist eine fremde Welt, doch er hat gelernt zu verstehen. Nicht die Worte der Menschen, aber ihre Gesichter. Die traurigen Gesichter, die blassen, gierigen, die der Junkies, der »kaputt Männer«, wie er sie nennt. Und die strengen Gesichter, die suchenden, wütenden, die der Zivilpolizisten, genannt »Bolis«. Die Junkies sind schwach. Die Polizisten stark. Drei Mal haben sie Samir schon erwischt, seine Hosentaschen geleert, sein Handy, ein schwarzes Nokia N81, und 20-Euro-Scheine gefunden. Gestern haben sie ihn nicht mitgenommen, ihn auf die Bank unten am Gleis gedrückt und wieder nichts gefunden. Samir hat gelächelt. Er will stark sein. In dieser Welt gibt es Menschen, die er verachtet, und Menschen, die er fürchtet, und alle rennen sie ihm hinterher.

Samir ist schnell, er war immer der Schnellste, wenn sie Fußball spielten in Ramyah, sagt er, ganz im Süden des Libanon, Israel ist nicht weit, der Krieg ist nicht weit. Man muss ihm glauben, nur Samir weiß, woher er stammt. Zu den Dingen, die ihm in diesem einen Jahr in Berlin beigebracht wurden, gehört, sich schnell etwas auszudenken. Und sich zu bewegen wie jemand, der nicht gesehen werden will. Samir blickt zu Boden, er kennt den Weg auswendig, hinab in den U-Bahnhof, immer an der Wand entlang, vorbei an den Säufern, die gebrauchte Fahrscheine weiterverkaufen, an der vietnamesischen Blumenverkäuferin, die wieder die betäubten Gestalten verscheucht, die sich um ihre Gerberasträuße versammelt haben.

Als Samir auftaucht, werden die Männer hektisch. Ey, psst, ein gebeugter Mann mit langen Haaren und einem viel zu großen Ledermantel kommt auf Samir zu, Alter, wann geht?s wieder los, verdammt? Samir sagt: »Warte«, »gehweglassmich «, die wenigen Vokabeln. Er eilt wieder Treppen hinunter, dort, wo die Linie 8 abfährt, stehen schon die anderen und der Ältere, der weiß, wo Samir heute das Heroin erhalten wird, die kleinen Kugeln. Ey, beeil dich jetzt mal, ruft es Samir hinterher. Unten ruft der Ältere, yallah, yallah, los, los. Samirs Arbeitstag beginnt.

Der U-Bahnhof Kottbusser Tor, von Berlinern »Kotti« genannt, ist ein berüchtigter Ort, eine mutierte Straßenkreuzung in Kreuzberg, unzählige Winkel, Verstecke, Sackgassen, nicht in den Griff zu bekommen, genauso wenig wie die 1.-Mai-Demonstrationen, die hier jährlich ihren Höhepunkt finden. Das Gebiet hat den höchsten Ausländeranteil Berlins, 55 Prozent, achtzig Prozent der Anwohner haben einen Migrationshintergrund. Aber es hat ein Wandel stattgefunden, Kneipen, Restaurants, Modeläden haben eröffnet. Nur der U-Bahnhof sieht aus wie immer, grau und schmutzig wie die Vergangenheit.

Samir ist ein schmaler Junge in einer blauen Nike-Trainingsjacke, auf die er sehr stolz ist, seine schwarzen Locken hat er mit Gel geglättet. Meist sitzt er am Kottbusser Tor oder eine Station weiter, am baufälligen Bahnhof Schönleinstraße. Mal mit ebenso jungen Begleitern, sie schubsen sich, teilen Kaugummis miteinander. Mal alleine, gelangweilt, »Snake« auf dem Handy spielend. Dann wieder mit einem der Älteren. Unruhig wird Samir, wenn eine U-Bahn kommt. Dann tauscht er etwas mit Männern, die aussteigen. Manchmal nimmt Samir selbst die Bahn, fährt zum Hermannplatz oder zur Leinestraße, sitzt dort herum, trifft die an - deren, tauscht etwas, so geht das jeden Tag. Samir könnte dreizehn sein, wie er sagt, er könnte auch siebzehn sein. Er sieht zu jung aus für das, was er macht, er macht es zu routiniert, um jung zu sein. Samir sagt, er habe seine Eltern verloren. Abends geht er in ein Neubauhaus, nahe der U-Bahn. Hat er hier Familie? Freunde, sagt er. Wohnt er in einem Heim? Nein. Was mag er an Berlin? U-Bahn, sagt er.

Der Beamte, der hier B. heißen soll, steigt wie so oft die Stufen hinab in die Welt, die er hasst. Er trägt Uniform, er ist Streifenpolizist. B. grüßt die wartenden Kollegen in der Uniform der Zivilpolizisten: sportliche Jeans, Bomberjacke. Fast täglich treffen sie sich und beobachten ihre »Pappenheimer«, Halbstarke, Halbmänner, Kinder, große Kinder. Sie lachen, als würden sie über ihn lachen. Wie oft haben sie schon welche von denen festgenommen. Und am nächsten Tag waren sie wieder da. Er macht hier den Job, den die Politik nicht hinbekommt, sagt B, er räumt auf. Es ist frustrierend. B. und seine Kollegen wissen ja, wie das läuft: Die erwachsenen Dealer warnen die Minidealer vor Razzien. 13-Jährige! Du wirst doch bekloppt!

Im ersten Halbjahr 2010 seien in Berlin 26 minderjährige Drogendealer geschnappt worden, sagt SPD-Innensenator Ehrhart Körting, im vergangenen Jahr waren es 35 Fälle. Dass Kinder zum Dealen eingeschleust werden, bestätigen die Behörden nicht offiziell, sie verweisen auf »laufende Ermittlungen«. Fragt man aber Drogenfahnder oder Polizisten wie B, sagen sie: Es steckt ein System hinter den Kindern. Man kann nichts dagegen machen. Zwanzig bis dreißig Großfamilien aus dem arabischsprachigen Raum leben in Berlin, jede zählt fünfzig bis 500 Mitglieder. Dreizehn der Familien fallen immer wieder auf: Betäubungsmitteldelikte, Gewaltdelikte. Laut Polizei gibt es unter den Großfamilien sechs libanesisch-kurdische Familien, die eine überproportional hohe Anzahl an polizeibekannten Straftätern zu ihren Mitgliedern zählen. Diese Clans folgen ihren eigenen Gesetzen, sie sollen Konflikte von »Friedensrichtern« aus ihren Reihen klären lassen. Mitarbeiter des Jugendamts sagen: Wir trauen uns da nicht hin. Der Beamte B. sagt: Ich verteidige hier einen Staat, der keine Befugnisse hat.

Der Große, der sich Balu nennt, steigt wie immer, wenn es dringend ist, die Stufen hinab in die Welt, aus der es kein Entrinnen gibt.

Seit 25 Jahren nimmt Balu Heroin, spritzt es, wenn er noch eine Vene findet, raucht es, schnieft es. Er ist 45, aber er sieht älter aus, wie ein alter, kranker Bär. Früher war Heroin et was Aufregendes, sagt Balu, sie waren jung, intelligent, sie hatten es im Griff, Geschichte hat er studiert. Irgendwann starben die Freunde. Heute fangen nur völlig Verzweifelte mit dem Heroin an, frustrierte Russlanddeutsche, sagt Balu, der in einem längst vergangenen Leben in Bielefeld geboren wurde. In den Achtzigern, sagt Balu, gab es zwei deutsche Dealer. Dann haben die Türken das Geschäft übernommen. Dann die Araber. Die Fixerstube am Kottbusser Tor wurde geschlossen, die Anwohner hatten sich beschwert, es werde ungemütlicher, sagt Balu. Und die Polizei, berichten Streetworker, verabschiede sich gerade von der Strategie, nicht gegen die verwahrlosten, aber harmlosen Konsumenten, sondern gegen die Händler vorzugehen. Balu sagt, sie jagen ihn oft die Treppen hoch. Denn: Gegen die Händler sind sie sowieso machtlos. Balu weiß alles über das Bahnhofsgeschäft, hat es studiert, nur darauf kann er sich schließlich konzentrieren: wie er an das Zeug kommt. Die kleinen Araber, sagt Balu, sind die Laufburschen. Die Älteren dirigieren bloß. Schicken sie in die Wohnungen der Bosse, in denen die Drogen lagern. Balus Kumpel Andi arbeitet mit den Dealern zusammen. Er bringt Süchtige zu den Arabern, als Provision bekommt er seinen Stoff umsonst. »Traumjob«, sagt Balu. Werden die Dealer jünger? »Ja, scheiße, ich will nicht bei Knirpsen kaufen! Ich bin kein Schwein!« Balu ist ein stolzer Mann geblieben, aber er ist abhängig von einer Droge, die ihm jede Würde nimmt.

Der Mann, dessen Familie in Gefahr wäre, würde man seinen Namen nennen, steigt nur noch selten die Stufen hinab in die Welt, die er nicht aus den Augen verlieren möchte. Man darf nicht viel sagen über diesen Mann. Er stammt aus dem Libanon und kümmert sich in Neukölln um kriminelle Jugendliche, er hat gute Kontakte zu Politik, Polizei - und zu den libanesischen Familien in seinem Kiez. Zu einem Zeitpunkt, als niemand sonst weiß, wo sich der 13-Jährige und der 11-Jährige, die als »Kinderdealer« bekannt wurden, aufhalten, weiß er es. Er besucht sie fast täglich in Brandenburg, anderthalb Stunden Autofahrt entfernt. Er spricht ihre Sprache. Und er kennt ihr Heimatdorf im Libanon, er war erst vor kurzem im Urlaub dort, hat Verwandte von ihnen getroffen. Die Jungs haben Respekt, wenn er sagt: Ich kenne deinen Onkel. Der Mann sagt, kleine Dealer wie sie werden von kriminellen Clans nach Deutschland geschleust, aber sie stammen meist nicht aus Flüchtlingslagern wie oft behauptet, es sei vielmehr so, dass es in Berlin sehr mächtige kurdische Familien aus dem Südlibanon gebe, die zur Hälfte hier und zur Hälfte dort leben. Die holen entfernte Verwandte nach Berlin. Der Mann sagt: »sozusagen Gastarbeiter«. Die jungen Männer sollen Geld verdienen, es nach Hause schicken. Ein Kügelchen mit 0,2 Gramm Heroin kostet bis zu dreißig Euro. Die Jugendlichen verdienen am Tag fünfzig bis achtzig Euro. Sie sind für die Drogenhändler gefundene Opfer: Sie kommen bei den Familien unter, kennen in Berlin niemanden, sind von ihnen abhängig, materiell und psychisch, werden mit Klamotten oder teuren Handys belohnt, mit Prügeln bestraft. Etwa dreißig solcher Jungs zwischen vierzehn und zwanzig Jahren, sagt der Mann, halten sich momentan in Berlin auf, alle behaupten, jünger zu sein als vierzehn. Der Mann sieht die Chefs der Clans jeden Tag im Shishacafé an der Ecke. Wenn sie wüssten, dass er Kontakt hat zu den gefassten Dealern, er wäre ihr Feind. Sie suchen die Jungs. Diese Leute sind die Verbrecher, sagt der Mann. Sie werden aber nie erwischt.

Der Junge, der eigentlich nicht Samir heißt, steigt nach Tagen, an denen er nicht zu sehen war, wieder die Stufen hinab in die Welt, aus der er nicht mehr wegzudenken ist. Fährt man eine Station weiter, sieht man Junkies im Hauseingang, erleichtert, berauscht.

An der Schönleinstraße ist es für Samir zu unsicher geworden. Gerade, Mitte Oktober, wurde an der Schönleinstraße der mutmaßliche Kopf einer Heroinhändlerbande fest genommen, acht weitere Drogendealer mit ihm. Laut Polizei handelt es sich um einen 45-jährigen Mann, der mit seinen 17- und 19-jährigen Söhnen zusammenarbeitete. Alle Verdächtigen sollen zu einer berüchtigten Großfamilie gehören. Ein junges Familienmitglied wird bei der Polizei als einer der registrierten »Kinderdealer« geführt. Eine Woche zuvor wurde dem im Sommer festgenommenen 13-Jährigen nachgewiesen, dass er mindestens 21 ist, womöglich deutlich älter. Der Junge, oder soll man sagen: der Mann wurde in Brandenburg verhaftet. Er sitzt im Jugendgefängnis Plötzensee. Da seine Staatsangehörigkeit ungeklärt bleibt, kann er nicht abgeschoben werden. Ihm drohen mindestens fünf Jahre Haft, da er bei seiner Festnahme einen Schlagring und Reizgas bei sich hatte. Man vermutet zudem, der 11-Jährige sei mindestens fünfzehn Jahre alt.

Ein Sozialarbeiter, der beide erlebt hat, sagt, dass dies für ihn keinen Unterschied mache. Fünfzehn oder elf - es handele sich um zwei verängstigte, missbrauchte junge Männer.

Beide festgenommenen Dealer kamen nach dem Sommer in Brandenburger Einrichtungen für straffällige Jugendliche, für die dieser Mann zuständig ist, Ort und Name müssen anonym bleiben. Es sind abgelegene Anwesen, jeder Bewohner wird ständig betreut. Solche »Flöhe«, sagt der Sozialarbeiter, hatten sie noch nie. Die beiden hatten nichts anderes im Kopf, als wieder nach Berlin zu reisen, um wieder Drogen zu verkaufen. Der 11-Jährige wurde eines Tages am nächsten Dorfbahnhof gefunden, er war zwei Stunden lang über Felder gerannt. Die Brandenburger Heime sind keine geschlossenen Einrichtungen. Aber sie sind weit weg. Man muss die Jungs von den Familien trennen, sagt der Sozialarbeiter. Er fragt: Wie soll man jemandem begreiflich machen, dass es nicht richtig ist, Drogen zu verkaufen, wenn er nur aus diesem einen Grund nach Deutschland gebracht wurde: Drogen zu verkaufen? Die Jungs hätten ihn nicht wütend gemacht, sagt er, sondern eher traurig, man musste ihnen alles erklären, das Essen, Schlafen, Jungsein.

Samir lacht nur, wenn man ihn fragt, ob er Angst habe. Balu weint fast, wenn man ihn fragt, ob der Kotti noch der Kotti sei. Der Polizeibeamte seufzt, wenn man ihn fragt, ob es je besser werde. Der Heimleiter vom Land wundert sich, wie verkommen die Stadt heute ist. Allen kommt die Welt um sie herum fremd vor. Der Deutschlibanese, der sich um die zwei bekannten Kinderdealer gekümmert hat und den man einen Brückenbauer nennen kann, sagt am Ende: »Wir dürfen eines nicht vergessen: Das ist kein Ausländerproblem, es ist ein Mafiaproblem.« Ein Problem in seinem Kiez, in seinem Land, nicht in einer fremden Welt.

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