Rabenfrau
Hm... (Harte Kost, für die ich mich im Voraus schon mal entschuldige...)
Heute ist ein guter Tag. Ein Ja!undNein!Tag. Kein Hm...Tag. Du bist
nicht bei mir, nicht in mir. Ich kann wieder mit dem Mund sprechen. Ich
kann wieder hören und vor allem reflektieren, was man mir sagt. Ich
spüre mich wieder. Du bist weg.
Dennoch weiß ich, dass du mich
nicht für immer verlassen hast. Du ruhst dich nur aus, sonst nichts.
Dein Fuß wird jederzeit in meiner Tür stehen, dessen bin ich mir
bewusst. Ich habe deine Existenz anerkannt und mich damit abgefunden,
auch wenn heute ein guter Tag ist.
Wenn du beschließt, deine
Messer zu wetzen, kann ich das spüren und mache mich wieder auf dich
gefasst. Die Angst kriecht dann in mir hoch, weil ich nicht weiß, wie
sehr du diesmal tobst und wie lange du bleiben wirst. Dennoch lasse ich
dich zu... was bleibt mir auch übrig? Ich habe Respekt vor dir und
kämpfe nicht gegen dich an. Es würde auch nichts nützen, denn du bist
die Stärkere von uns beiden. Noch immer hast du mich in die Knie
gezwungen. Die Tage mit dir sind so kalt und grausam, und mir bleibt nur
die Hoffnung, dass sich diese deine Tage nur zu Wochen und bitte nicht
zu Monaten summieren mögen.
Das erste sichere Zeichen, dass du
wieder Besitz von mir ergriffen hast, ist mein Äußeres. Ich gehe in
schwarz. Meinen Hals vermumme ich mit riesigen Tüchern, als wolle ich
dir damit die Möglichkeit nehmen, dich direkt in mein Genick zu krallen.
Es beginnt mir egal zu werden, wie mein Haar sitzt und ob meine Schuhe
sauber sind. Man sieht mir so oder so an, dass du mich innehast, da
könnte ich machen, was ich wollte. Du hast mir mein Lächeln weggeholt,
und als nächstes nimmst du mir die Worte. Jedes Wort ist mir zuviel,
schon ein einfaches Ja! oder Nein! Ich werde dankbar für jede Frage, die
ich nur mit Hm... beantworten kann und jede Minute, in der niemand mit
mir reden möchte. Mein Kiefer ist wie narkotisiert und meine Ohren
schwimmen im Eismeer. Ja, ich kann noch hören. Aber ich kann nicht mehr
zuhören. Nicht aus Desinteresse, sondern weil es mir nicht möglich ist,
mich zu konzentrieren. Es geht einfach nicht.
Alles Wichtige
müsste ich mir jetzt aufschreiben, damit ich es wieder in Erinnerung
rufen kann. Aber die reale Wahrnehmung, was wichtig ist, schwindet jeden
Tag ein bisschen mehr. Irgendwann ist sie ins Bodenlose gesunken. Ich
tue nur noch das Allernötigste, nämlich meine Familie mit Essen und
Trinken zu versorgen. Schon der tägliche Einkauf kostet mich Kraft ohne
Ende. Die Geschäfte sind einfach zu laut und zu hell und zu bunt. Wenn
ich wieder auf dem Heimweg bin, hoffe ich, dass mir der Kopf nicht
platzt und die Beine nicht versagen. Ich fühle mich, als wäre ich bei
Gewitter einen Marathon gelaufen... dabei habe ich doch nur ein paar
Lebensmittel eingekauft. Zu Hause stelle ich die Taschen im Flur ab.
Nichts wird an seinen Platz geräumt. Wir leben in dieser Zeit nicht aus
dem Kühlschrank, sondern aus der Tüte. Es ist schmutzig bei uns. Die
Wäscheberge wachsen, und nicht nur die. Der Briefkasten quillt über...
ich bin nicht in der Lage, ihn zu leeren und wenn doch, schütte ich den
Inhalt nur auf den Haufen Post, der sich inzwischen angesammelt hat. Ich
zahle keine Rechnungen mehr und hole keine Kontoauszüge von der Bank
ab. Mir fehlt jeder Überblick und ich bin jedesmal im Laden einfach nur
froh, dass der Automat meine EC-Karte nicht abweist.
Aber das
alles ist noch längst nicht das Schlimmste, was du mit mir machst. Du
verwünschst mich zur Rabenfrau. Ohne etwas daran ändern zu können, bin
ich schlagartig Rabenmutter und Rabenfreundin. Es gelingt mir nicht
mehr, mich um meine Lieben zu bemühen. Wenn sie mir etwas sagen, kann
ich beinahe nichts erwidern, was über ein Hm... hinausgeht. Ich bin wie
ein kaputter Fernseher... Bild da, Ton weg. Das weiß ich, und schon
bombardierst du mich mit deiner gruseligsten Mitgift: das Gefühl der
Schuld an allem, was unterbleibt. Meine Kinder tun mir leid, weil ich
mich nicht optimal um sie kümmern kann. Meine Freunde tun mir leid, weil
ich sie schon ewig und drei Tage anschweige. Meine Kollegen tun mir
leid, weil ich so wenig schaffe und noch mehr dafür, dass so schwer mit
mir auszukommen ist. Zur Arbeit gehe ich nämlich noch, vor allem um
wenigstens an der Notwendigkeit festzuhalten, morgens aufzustehen, mich
anzuziehen und meine Wohnung zu verlassen. Das würde ich sonst
wahrscheinlich nicht mehr tun. Und letztendlich tue ich mir selber leid,
weil ich mich über nichts mehr freuen kann. Du enthältst mir jedes
Endorporphin vor, sogar das Adrenalin. Vor Serotonin jedoch kann ich
mich nicht retten. Meine Genussfähigkeit ist mausetot. Du hast meine
Lebensfreude geschluckt und mein einziger Trost ist, dass du sie wieder
ausspucken wirst, wenn du erst mit mir fertig bist. Bis dahin legst du
mir Geningel in den Mund. Wenn ich überhaupt noch etwas sage, dann ist
es wehleidiges Gejammer, und das nimmt mir jeden Respekt vor mir selber.
Ich bin Ballast ohne jeden Nutzen. So fühle ich mich, wenn ich schlafen
gehe, und mit diesem Gefühl wache ich wieder auf.
Wenn du dich
allmählig verabschiedest, bemerke ich das auch. Nicht an meiner
Kleidung, die ist vorerst noch immer schwarz, wie es sich für eine
Rabenfrau gehört. Ich kann es an der Wirkung erkennen, die Musik auf
mich hat. Sobald die fetten Bässe meinen Hintern wieder zappeln lassen,
bist du auf dem Rückzug und je lauter und kraftvoller die Oktaven
werden, desto mehr kehre ich zu den wahrhaft Lebenden zurück. Und dann
setze ich mich in meinen Flur vor den riesigen Postberg und hoffe, dass
es noch nicht zu spät sein möge, um die Rechnungen zu zahlen. Das Geld
habe ich, denn ich gebe während deines Regimes ja kaum welches aus,
außer für Nahrung und Zigaretten. Wenn du mich zur Rabenfrau machst,
spare ich mir nicht nur Worte und Freude. Rabenfrauen sparen sich alles.
Und das erste, was ich dann haben möchte, ist Radau. Nach dem lange
überfälligen Weg zur Bank schaffe ich mir immer einen neuen Silberling
voller Trommelwirbel an, und von da an weiß ich, dass ich die guten Tage
endlich wiederhabe.
Ich lege die schwarzen Sachen ab, verhülle
meinen Hals nicht mehr und spreche wieder in ganzen Sätzen. Und Hm...
sage ich nur noch, wenn ich erst über etwas nachdenken muss, bevor ich
antworte. Auch das gelingt mir wieder... ich kann wieder nachdenken...
oh wie schön! Und ich bin froh über jeden Freund, der mir geblieben ist
und unendlich dankbar, dass er obgleich der langen Zeit des Tonausfalls
auf mich gewartet hat.
Von nun an hoffe ich inständig, dass du
mich nun für lange verschonen wirst, auch wenn mir klar ist, dass dein
Fuß immer noch, und das auf Lebenszeit, meine Tür offenhält. Er wird mir
nicht erspart bleiben, der Tag deiner nächsten Heimsuchung. Das ist die
einzige Sicherheit, die ich habe. Aber davon will ich heute nichts
wissen, denn heute ist ein guter Tag!
Kein Hm... Ja! oder Nein!, laut und deutlich. Das Leben ist schön!
(Ja, harte Kost... zusammengefasst in der Befürchtung, dass sich viele darin wiederfinden werden und in der Hoffnung, dass andere viele mich und alle, die es immer wieder am eigenen Leib spüren müssen, ein klein wenig besser verstehen mögen. Vielleicht habt ihr uns von unserer Schokoladenseite kennengelernt; uns ist die auch lieber. Aber wir Rabenmenschen können uns nicht wehren gegen die Schübe der Depression, ebenso wie es dem Querschnittsgelähmten nicht gelingt, den Himalaya zu besteigen.)
Tags: Depressionen



Kommentare
Ich finde die Formulierung "Ich fühle mich, als wäre ich bei
27.05.2012, 19:31 von topfbluemchenGewitter einen Marathon gelaufen..." sehr treffend. Auch für viele andere Situationen.
"Querschnittsgelähmten nicht gelingt, den Himalaya zu besteigen"
Ich wiederhole: ein Querschnittsgelähmter kann nicht aus eigener Kraft den Himalaya besteigen, und sei der Wille noch so groß. Es geht nicht ohne die Kraft der Beine. Es ist unmöglich!
27.05.2012, 18:42 von LillyIdolSolche Sätze wie "Man kann alles schaffen, wenn man den WIllen hat" finde ich grenzwertig, teils fast verhöhnend.
27.05.2012, 19:31 von topfbluemchenIch bin das so oder so ähnlich inzwischen gewöhnt, darum: sei es drum. Wenns mir gut genug geht, dann antworte ich immer: "Okay, dann will ich jetzt Spanisch können, und zwar fließend." Jedesmal kommt der Einwand, dass ich das lernen müsste, um es zu können. Und genau das gleiche tue ich in diesen Phasen: ich lerne wieder zu leben, wie es gut und schön ist. Jeder Tag ist ne Trainingseinheit. Nichts ist einfach so, wie man es gern hätte. Wohl dem, der das mit Geduld akzeptiert und nicht gleich hinwirft.
27.05.2012, 20:46 von LillyIdolAls harte Kost empfinde ich es nicht, eher realistisch grau
24.05.2012, 23:07 von EliasRafaelDann wirst du es vielleicht kennen, das realistisch (dunkel)graue.
24.05.2012, 23:13 von LillyIdolNach meiner Erfahrung wirds für den, der es nicht kennt, schon als harte Kost empfunden. Die Selbstehrlichen unter ihnen sagen: Ich kann damit nicht umgehen. Und die Selbstnichtehrlichen unter ihnen sagen: kein Problem, mach ich mit links... bis zum nächsten Schub fernab der Schokoaldenseite.
Rabenmensch klingt nach sehr viel Unverständnis
24.05.2012, 23:28 von EliasRafaelJa. Besonders verstanden hab ich mich auch nicht so unbedingt gefühlt ca. 41 Jahre lang. Eher so besonders unverstanden.
24.05.2012, 23:39 von LillyIdoldie nächsten 41 Jahre werden besser!
24.05.2012, 23:44 von EliasRafaelSchön wärs... Danke!!! Aber echt... danke!!!
24.05.2012, 23:48 von LillyIdol