LillyIdol 24.05.2012, 19:27 Uhr 11 0

Rabenfrau

Hm... (Harte Kost, für die ich mich im Voraus schon mal entschuldige...)

Heute ist ein guter Tag. Ein Ja!undNein!Tag. Kein Hm...Tag. Du bist nicht bei mir, nicht in mir. Ich kann wieder mit dem Mund sprechen. Ich kann wieder hören und vor allem reflektieren, was man mir sagt. Ich spüre mich wieder. Du bist weg.

Dennoch weiß ich, dass du mich nicht für immer verlassen hast. Du ruhst dich nur aus, sonst nichts. Dein Fuß wird jederzeit in meiner Tür stehen, dessen bin ich mir bewusst. Ich habe deine Existenz anerkannt und mich damit abgefunden, auch wenn heute ein guter Tag ist.

Wenn du beschließt, deine Messer zu wetzen, kann ich das spüren und mache mich wieder auf dich gefasst. Die Angst kriecht dann in mir hoch, weil ich nicht weiß, wie sehr du diesmal tobst und wie lange du bleiben wirst. Dennoch lasse ich dich zu... was bleibt mir auch übrig? Ich habe Respekt vor dir und kämpfe nicht gegen dich an. Es würde auch nichts nützen, denn du bist die Stärkere von uns beiden. Noch immer hast du mich in die Knie gezwungen. Die Tage mit dir sind so kalt und grausam, und mir bleibt nur die Hoffnung, dass sich diese deine Tage nur zu Wochen und bitte nicht zu Monaten summieren mögen.

Das erste sichere Zeichen, dass du wieder Besitz von mir ergriffen hast, ist mein Äußeres. Ich gehe in schwarz. Meinen Hals vermumme ich mit riesigen Tüchern, als wolle ich dir damit die Möglichkeit nehmen, dich direkt in mein Genick zu krallen. Es beginnt mir egal zu werden, wie mein Haar sitzt und ob meine Schuhe sauber sind. Man sieht mir so oder so an, dass du mich innehast, da könnte ich machen, was ich wollte. Du hast mir mein Lächeln weggeholt, und als nächstes nimmst du mir die Worte. Jedes Wort ist mir zuviel, schon ein einfaches Ja! oder Nein! Ich werde dankbar für jede Frage, die ich nur mit Hm... beantworten kann und jede Minute, in der niemand mit mir reden möchte. Mein Kiefer ist wie narkotisiert und meine Ohren schwimmen im Eismeer. Ja, ich kann noch hören. Aber ich kann nicht mehr zuhören. Nicht aus Desinteresse, sondern weil es mir nicht möglich ist, mich zu konzentrieren. Es geht einfach nicht.

Alles Wichtige müsste ich mir jetzt aufschreiben, damit ich es wieder in Erinnerung rufen kann. Aber die reale Wahrnehmung, was wichtig ist, schwindet jeden Tag ein bisschen mehr. Irgendwann ist sie ins Bodenlose gesunken. Ich tue nur noch das Allernötigste, nämlich meine Familie mit Essen und Trinken zu versorgen. Schon der tägliche Einkauf kostet mich Kraft ohne Ende. Die Geschäfte sind einfach zu laut und zu hell und zu bunt. Wenn ich wieder auf dem Heimweg bin, hoffe ich, dass mir der Kopf nicht platzt und die Beine nicht versagen. Ich fühle mich, als wäre ich bei Gewitter einen Marathon gelaufen... dabei habe ich doch nur ein paar Lebensmittel eingekauft. Zu Hause stelle ich die Taschen im Flur ab. Nichts wird an seinen Platz geräumt. Wir leben in dieser Zeit nicht aus dem Kühlschrank, sondern aus der Tüte. Es ist schmutzig bei uns. Die Wäscheberge wachsen, und nicht nur die. Der Briefkasten quillt über... ich bin nicht in der Lage, ihn zu leeren und wenn doch, schütte ich den Inhalt nur auf den Haufen Post, der sich inzwischen angesammelt hat. Ich zahle keine Rechnungen mehr und hole keine Kontoauszüge von der Bank ab. Mir fehlt jeder Überblick und ich bin jedesmal im Laden einfach nur froh, dass der Automat meine EC-Karte nicht abweist. 

Aber das alles ist noch längst nicht das Schlimmste, was du mit mir machst. Du verwünschst mich zur Rabenfrau. Ohne etwas daran ändern zu können, bin ich schlagartig Rabenmutter und Rabenfreundin. Es gelingt mir nicht mehr, mich um meine Lieben zu bemühen. Wenn sie mir etwas sagen, kann ich beinahe nichts erwidern, was über ein Hm... hinausgeht. Ich bin wie ein kaputter Fernseher... Bild da, Ton weg. Das weiß ich, und schon bombardierst du mich mit deiner gruseligsten Mitgift: das Gefühl der Schuld an allem, was unterbleibt. Meine Kinder tun mir leid, weil ich mich nicht optimal um sie kümmern kann. Meine Freunde tun mir leid, weil ich sie schon ewig und drei Tage anschweige. Meine Kollegen tun mir leid, weil ich so wenig schaffe und noch mehr dafür, dass so schwer mit mir auszukommen ist. Zur Arbeit gehe ich nämlich noch, vor allem um wenigstens an der Notwendigkeit festzuhalten, morgens aufzustehen, mich anzuziehen und meine Wohnung zu verlassen. Das würde ich sonst wahrscheinlich nicht mehr tun. Und letztendlich tue ich mir selber leid, weil ich mich über nichts mehr freuen kann. Du enthältst mir jedes Endorporphin vor, sogar das Adrenalin. Vor Serotonin jedoch kann ich mich nicht retten. Meine Genussfähigkeit ist mausetot. Du hast meine Lebensfreude geschluckt und mein einziger Trost ist, dass du sie wieder ausspucken wirst, wenn du erst mit mir fertig bist. Bis dahin legst du mir Geningel in den Mund. Wenn ich überhaupt noch etwas sage, dann ist es wehleidiges Gejammer, und das nimmt mir jeden Respekt vor mir selber. Ich bin Ballast ohne jeden Nutzen. So fühle ich mich, wenn ich schlafen gehe, und mit diesem Gefühl wache ich wieder auf.

Wenn du dich allmählig verabschiedest, bemerke ich das auch. Nicht an meiner Kleidung, die ist vorerst noch immer schwarz, wie es sich für eine Rabenfrau gehört. Ich kann es an der Wirkung erkennen, die Musik auf mich hat. Sobald die fetten Bässe meinen Hintern wieder zappeln lassen, bist du auf dem Rückzug und je lauter und kraftvoller die Oktaven werden, desto mehr kehre ich zu den wahrhaft Lebenden zurück. Und dann setze ich mich in meinen Flur vor den riesigen Postberg und hoffe, dass es noch nicht zu spät sein möge, um die Rechnungen zu zahlen. Das Geld habe ich, denn ich gebe während deines Regimes ja kaum welches aus, außer für Nahrung und Zigaretten. Wenn du mich zur Rabenfrau machst, spare ich mir nicht nur Worte und Freude. Rabenfrauen sparen sich alles. Und das erste, was ich dann haben möchte, ist Radau. Nach dem lange überfälligen Weg zur Bank schaffe ich mir immer einen neuen Silberling voller Trommelwirbel an, und von da an weiß ich, dass ich die guten Tage endlich wiederhabe.
Ich lege die schwarzen Sachen ab, verhülle meinen Hals nicht mehr und spreche wieder in ganzen Sätzen. Und Hm... sage ich nur noch, wenn ich erst über etwas nachdenken muss, bevor ich antworte. Auch das gelingt mir wieder... ich kann wieder nachdenken... oh wie schön! Und ich bin froh über jeden Freund, der mir geblieben ist und unendlich dankbar, dass er obgleich der langen Zeit des Tonausfalls auf mich gewartet hat. 

Von nun an hoffe ich inständig, dass du mich nun für lange verschonen wirst, auch wenn mir klar ist, dass dein Fuß immer noch, und das auf Lebenszeit, meine Tür offenhält. Er wird mir nicht erspart bleiben, der Tag deiner nächsten Heimsuchung. Das ist die einzige Sicherheit, die ich habe. Aber davon will ich heute nichts wissen, denn heute ist ein guter Tag!

Kein Hm... Ja! oder Nein!, laut und deutlich. Das Leben ist schön!

(Ja, harte Kost... zusammengefasst in der Befürchtung, dass sich viele darin wiederfinden werden und in der Hoffnung, dass andere viele mich und alle, die es immer wieder am eigenen Leib spüren müssen, ein klein wenig besser verstehen mögen. Vielleicht habt ihr uns von unserer Schokoladenseite kennengelernt; uns ist die auch lieber. Aber wir Rabenmenschen können uns nicht wehren gegen die Schübe der Depression, ebenso wie es dem Querschnittsgelähmten nicht gelingt, den Himalaya zu besteigen.)   


Tags: Depressionen
11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich finde die Formulierung "Ich fühle mich, als wäre ich bei
    Gewitter einen Marathon gelaufen..."
    sehr treffend. Auch für viele andere Situationen.

    27.05.2012, 19:31 von topfbluemchen
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  • 0

    "Querschnittsgelähmten nicht gelingt, den Himalaya zu besteigen"

    Stimmt nicht, man kann alles schaffen wenn man den Willen hat!

    27.05.2012, 18:40 von missbutterfly400
    • 0

      Ich wiederhole: ein Querschnittsgelähmter kann nicht aus eigener Kraft den Himalaya besteigen, und sei der Wille noch so groß. Es geht nicht ohne die Kraft der Beine. Es ist unmöglich! 

      27.05.2012, 18:42 von LillyIdol
    • 0

      Solche Sätze wie "Man kann alles schaffen, wenn man den WIllen hat" finde ich grenzwertig, teils fast verhöhnend.

      27.05.2012, 19:31 von topfbluemchen
    • 1

      Ich bin das so oder so ähnlich inzwischen gewöhnt, darum: sei es drum. Wenns mir gut genug geht, dann antworte ich immer: "Okay, dann will ich jetzt Spanisch können, und zwar fließend." Jedesmal kommt der Einwand, dass ich das lernen müsste, um es zu können. Und genau das gleiche tue ich in diesen Phasen: ich lerne wieder zu leben, wie es gut und schön ist. Jeder Tag ist ne Trainingseinheit. Nichts ist einfach so, wie man es gern hätte. Wohl dem, der das mit Geduld akzeptiert und nicht gleich hinwirft.

      27.05.2012, 20:46 von LillyIdol
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  • 0

    Als harte Kost empfinde ich es nicht, eher realistisch grau

    24.05.2012, 23:07 von EliasRafael
    • 0

      Dann wirst du es vielleicht kennen, das realistisch (dunkel)graue.
      Nach meiner Erfahrung wirds für den, der es nicht kennt, schon als harte Kost empfunden. Die Selbstehrlichen unter ihnen sagen: Ich kann damit nicht umgehen. Und die Selbstnichtehrlichen unter ihnen sagen: kein Problem, mach ich mit links... bis zum nächsten Schub fernab der Schokoaldenseite.

      24.05.2012, 23:13 von LillyIdol
    • 0

      Rabenmensch klingt nach sehr viel Unverständnis

      24.05.2012, 23:28 von EliasRafael
    • 0

      Ja. Besonders verstanden hab ich mich auch nicht so unbedingt gefühlt ca. 41 Jahre lang. Eher so besonders unverstanden.

      24.05.2012, 23:39 von LillyIdol
    • 0

      die nächsten 41 Jahre werden besser!

      24.05.2012, 23:44 von EliasRafael
    • 1

      Schön wärs... Danke!!! Aber echt... danke!!!

      24.05.2012, 23:48 von LillyIdol
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