hanako 23.07.2010, 21:13 Uhr 25 21

Organspende

Das Leid der Eltern ist nicht zu erfassen, deshalb versuche ich es gar nicht erst zu beschreiben.

Kurz gesagt: Der Junge, der Sohn, das einzige Kind, 21 Jahre alt, hat sich mit seinem Motorrad bei überhöhter Geschwindigkeit ausgiebig zerlegt. Wir haben selbstverständlich alle Register der modernen Medizin gezogen, aber hirntot ist hirntot bleibt hirntot, auch wenn sich der Brustkorb hebt und senkt (was ja die Maschine tut, aber es sieht echt aus) und das Herz schlägt (weil ja der Körper noch funktioniert, was tatsächlich enorm schwierig zu verstehen ist).

Die Eltern stehen nun also neben diesem Bett, umgeben von vielen Kabeln und Maschinen, die machen, dass der Körper weiter funktioniert (denn das ist gar nicht so einfach, ohne Schaltzentrale, man muss einiges beachten) und ständig piept irgendetwas und drin liegt ihr totes Kind. Ich würde am liebsten mit der Mutter mitheulen und dann auch ein bisschen in den Arm genommen werden, gemahne mich aber zur Professionalität ("reiß dich zusammen, Vollidiot!") und spreche das Thema Organspende an.

Ob sie sich vorstellen könnten, was ihr Junge für sich gewollt hätte? Blablabla. Was der gewollt hat war Party machen, studieren, Mädels aufreißen und Motorrad fahren, das weiß ich auch, aber aus der Nummer sind wir raus.

Nein, Schmerzen hat er keine, versprochen - wir irrationalen Füchse geben ihm tatsächlich heimlich Schmerzmittel, obwohl so ohne Adressaten die ggf. funkenden Schmerzrezeptoren in seinem Körper sich einen Wolf signalisieren könnten. Schmerz entsteht ja erst, wenn wir ihn wahrnehmen, und nicht vergessen, da ist nix mehr zum Wahrnehmen. Das Gehirn ist Matschepampe Matschepampe Matschepampe.

Trotzdem werden wir bei der Explantation - denn die Organe dürfen raus, die Eltern, differenziert und belesen, haben dem ohne viel Zögern zugestimmt - eine Narkose machen wie bei einem gesunden Menschen, bis zu dem Moment, an dem sich jeder genommen hat was er braucht und es keinen Kreislauf mehr gibt, weil es kein Herz mehr gibt und kein Sauerstoff mehr das Blut heller macht, weil es keine Lunge mehr gibt und kein Urin mehr produziert wird, weil es keine Nieren mehr gibt und die Bauchhöhle ganz leer ist.

Dann gibt es auch keine Narkose mehr und der Junge ist nicht nur hirntot sondern ganztot, und seine Organe sind in diversen Helikoptern und Rettungswagen mit Blaulicht auf dem Weg zu Kliniken, irgendwo nah und fern, wo ein Empfänger schon auf dem OP-Tisch liegt und auf ein Stück geschenktes Leben wartet, das diesem überflüssigen Tod folgt.

Und hätte ich nicht später erfahren, dass die einundzwanzigjährige Leber dieses Jungen an einen vierundfünfzigjährigen (Ex-)Alki ging, der sich seine eigene kaputtgesoffen hatte, wäre vielleicht tatsächlich alles gut gewesen, soweit man von gut sprechen kann in einem solchen Zusammenhang.
So kams mir hoch. Abends ging ich nach Hause und betrank mich, dann konnte ich ein bisschen weinen."Wichtige Links zu diesem Text"
Deutsche Stiftung Organtransplantation
Organspendeausweis zum Runterladen

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25 Antworten

Kommentare

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    Sehr schön geschrieben, nüchtern und doch berührend...

    Und es ist schon schrecklich.
    Dass so junge Menschen sterben,
    ganz plötzlich.

    Und damit älteren das Leben retten...
    Und wahrscheinlich ziemlich schwer zu verkraften,
    ich bewundere alle, die in so Jobs arbeiten können,
    ich glaub ich könnte es nicht.

    29.07.2010, 22:21 von Annykan
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      @MrsMacmillan Meistens haben gerade diese keinen Spendeausweis, weil sie auch die Schattenseiten kennen. Organe werden nicht nur nämlich entnommen um Leben zu retten...

      Und wenn Ex-Alkoholiker vieler Meinung nach Organe verweigert werden sollen, wer ist dann als Nächstes dran? Raucher? Diabetiker?

      Hiermit erhebe ich mein Glas auf den hypokratischen Eid!

      04.08.2010, 18:53 von diacetylmorphin
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      @diacetylmorphin Und ich auf das Hypopotamus!
      Und die Hippo-Vereinsbank!
      Und auf qualifizierte Kommetare!

      ui... bin schon ganz angeschickert.
      ARGH!

      05.08.2010, 00:08 von hanako
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      @[Benutzer gelöscht] ui, Lag,
      das ist aber eine gewagte Hippothese!

      05.08.2010, 13:43 von hanako
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    so ist das leben...schöne abhandlung der vorgehensweise, der text zeigt das leben in dem job, man darf einfach keine emotionalen bindungen aufbauen, sonst macht es einen kaputt!

    der abschnitt mit der stelle "auch wenn sich der Brustkorb hebt und senkt" beschreibt finde ich sehr gut, wie schwer es in diesen situationen aber dennoch immer ist zu akzeptieren das der körper eines menschen eigentlich doch tot ist

    27.07.2010, 21:43 von onchela
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    Find ich gut! Ich bin Ende nächsten Jahres hoffentlich auch Ärztin und stell mir das echt schwer vor, im Ernstfall dann nach einer Organspende zu fragen. Es gibt sicher viele Leute, die dann nicht so positiv reagieren. Dass man nicht bestimmen kann, wer die Organe bekommt, finde ich manchmal auch problematisch. Vor allem in so einem Fall, wie du ihn geschildert hast. Auf der anderen Seite ist es aber auch gut, dass man nicht alles beeinflussen kann. Und auch wenn es unwahrscheinlich ist - vielleicht nutzt der Ex-Alki ja seine Chance...

    27.07.2010, 19:57 von SiSaSo
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    "Und hätte ich nicht später erfahren, dass die einundzwanzigjährige Leber dieses Jungen an einen vierundfünfzigjährigen (Ex-)Alki ging, der sich seine eigene kaputtgesoffen hatte, wäre vielleicht tatsächlich alles gut gewesen, soweit man von gut sprechen kann in einem solchen Zusammenhang."

    Verstehe ich es richtig, dass du es moralisch bedenklich findest, wenn ein Motorradfahrer, der seinen Geschwindigkeitsrausch glücklicherweise "nur" mit seinem eigenen Leben bezahlt hat, mit seiner Leber einem Menschen hilft, dessen eigene aufgrund einer Krankheit nicht mehr voll funktionstüchtig ist?

    "Abends ging ich nach Hause und betrank mich, dann konnte ich ein bisschen weinen."

    Nachtijall, ick hör dir trappsen.

    27.07.2010, 19:20 von JackBlack
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      @JackBlack Aaah, danke!
      Ich dachte eigentlich die Neon-Leserschaft würde sich als allererstes das rauspicken um drauf rumzuhacken...
      hab ich extra gemacht um das ggf. aufgekommene Schwarz/Weiß-Klischee zu knacken.
      Um drauf hinzuweisen, dass der Arzt beileibe nicht über die Fehler (?) oder besser Unzulänglichkeiten seiner Patienten erhaben ist.

      Es ist ja alles immer eine Ansichtssache.
      Wenn man halt mal mit Suchtkranken gearbeitet hat, dann weiß man um diese enorme Hilflosigkeit, die sich wie eine dunkle Decke um einen wickelt, wenn der Patient nach dem 25. stationären Entzug doch wieder als allererstes einen Kiosk zwecks Bierkauf ansteuert, statt die mit Engelszungen angepriesene Langzeit-Therapie wahrzunehmen.

      Und tatsächlich, ja, ich hätte diese Leber jemand anderem mehr gegönnt, jemandem, der keine andere Chance hat, der nicht 25 Mal hätte aufhören können zu trinken.
      Zum Glück, wie oben geschrieben, sind die Entscheidungsmechanismen andere, zum Glück sind die nicht emotional geprägt.

      Aber lass mir doch meinen persönlichen Unwohlsein-Moment.

      28.07.2010, 00:25 von hanako
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      @Chiral @chiral
      Wenn du eine neutralere Einstellung von deinem Arzt erwartest, gehst du wohl besser zu Robodoc.

      29.07.2010, 11:04 von frolleinmueller
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    doll. sicherlich für manche leute ein schocker mal sowas zu lesen. gelungen!
    das sind themen über die man nicht so gern spricht. man steckt sie weg, um nicht drüber nachzudenken.
    hast du gut gemacht.
    ne dicke haut muss man im medizinischen bereich haben, das weiss ich selbst ;) aber der mensch im arbeitstier ist doch irgendwo immer versteckt anwesend und kommt nach feierabend nach hause um sich zu betrinken und zu heulen.

    27.07.2010, 16:11 von SkeletonGirl
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    »Ihr Mann ist doch Organspender?«
    »Ja, schon...«
    »Sehr gut. Wir bräuchten dann mal seine Leber.«
    »WAS?«
    »Seine Leber. Ein großes, drüsenartiges Organ im rechten Oberbauch.«
    »Ja, aber... Er ist doch noch garnicht tot...«
    »Machen Sie sich keine Sorgen. DAS überlebt keiner.«

    27.07.2010, 13:36 von sailor
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      @sailor Monty Pythons "Sinn des Lebens" klasse Film

      27.07.2010, 13:40 von Dendroaspispolylepis
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    gutes Thema aber bescheiden beschrieben. kommahölle wurde schon angesprochen, ansonsten fehlt die dynamik im text, es mutet schwer an - ok, ist vielleicht gewollt und so kann der text halt irgendwie wirken.

    27.07.2010, 11:21 von getsomesleep
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