Organspende
Das Leid der Eltern ist nicht zu erfassen, deshalb versuche ich es gar nicht erst zu beschreiben.
Kurz gesagt: Der Junge, der Sohn, das einzige Kind, 21 Jahre alt, hat sich mit seinem Motorrad bei überhöhter Geschwindigkeit ausgiebig zerlegt. Wir haben selbstverständlich alle Register der modernen Medizin gezogen, aber hirntot ist hirntot bleibt hirntot, auch wenn sich der Brustkorb hebt und senkt (was ja die Maschine tut, aber es sieht echt aus) und das Herz schlägt (weil ja der Körper noch funktioniert, was tatsächlich enorm schwierig zu verstehen ist).
Die Eltern stehen nun also neben diesem Bett, umgeben von vielen Kabeln und Maschinen, die machen, dass der Körper weiter funktioniert (denn das ist gar nicht so einfach, ohne Schaltzentrale, man muss einiges beachten) und ständig piept irgendetwas und drin liegt ihr totes Kind. Ich würde am liebsten mit der Mutter mitheulen und dann auch ein bisschen in den Arm genommen werden, gemahne mich aber zur Professionalität ("reiß dich zusammen, Vollidiot!") und spreche das Thema Organspende an.
Ob sie sich vorstellen könnten, was ihr Junge für sich gewollt hätte? Blablabla. Was der gewollt hat war Party machen, studieren, Mädels aufreißen und Motorrad fahren, das weiß ich auch, aber aus der Nummer sind wir raus.
Nein, Schmerzen hat er keine, versprochen - wir irrationalen Füchse geben ihm tatsächlich heimlich Schmerzmittel, obwohl so ohne Adressaten die ggf. funkenden Schmerzrezeptoren in seinem Körper sich einen Wolf signalisieren könnten. Schmerz entsteht ja erst, wenn wir ihn wahrnehmen, und nicht vergessen, da ist nix mehr zum Wahrnehmen. Das Gehirn ist Matschepampe Matschepampe Matschepampe.
Trotzdem werden wir bei der Explantation - denn die Organe dürfen raus, die Eltern, differenziert und belesen, haben dem ohne viel Zögern zugestimmt - eine Narkose machen wie bei einem gesunden Menschen, bis zu dem Moment, an dem sich jeder genommen hat was er braucht und es keinen Kreislauf mehr gibt, weil es kein Herz mehr gibt und kein Sauerstoff mehr das Blut heller macht, weil es keine Lunge mehr gibt und kein Urin mehr produziert wird, weil es keine Nieren mehr gibt und die Bauchhöhle ganz leer ist.
Dann gibt es auch keine Narkose mehr und der Junge ist nicht nur hirntot sondern ganztot, und seine Organe sind in diversen Helikoptern und Rettungswagen mit Blaulicht auf dem Weg zu Kliniken, irgendwo nah und fern, wo ein Empfänger schon auf dem OP-Tisch liegt und auf ein Stück geschenktes Leben wartet, das diesem überflüssigen Tod folgt.
Und hätte ich nicht später erfahren, dass die einundzwanzigjährige Leber dieses Jungen an einen vierundfünfzigjährigen (Ex-)Alki ging, der sich seine eigene kaputtgesoffen hatte, wäre vielleicht tatsächlich alles gut gewesen, soweit man von gut sprechen kann in einem solchen Zusammenhang.
So kams mir hoch. Abends ging ich nach Hause und betrank mich, dann konnte ich ein bisschen weinen."Wichtige Links zu diesem Text"
Deutsche Stiftung Organtransplantation
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Kommentare
Sehr schön geschrieben, nüchtern und doch berührend...
29.07.2010, 22:21 von AnnykanUnd es ist schon schrecklich.
Dass so junge Menschen sterben,
ganz plötzlich.
Und damit älteren das Leben retten...
Und wahrscheinlich ziemlich schwer zu verkraften,
ich bewundere alle, die in so Jobs arbeiten können,
ich glaub ich könnte es nicht.
Achso: Auch wenn es nicht so rausgekommen sein mag, ich finde den Text natürlich gut und lesenswert!
28.07.2010, 13:59 von Chiral@Chiral die befürchtung, "die geräte" würden eher abgestellt werden, fängt nicht erst beim organspendeausweis an. kürzlich haben wir eine achtzigjährige frau reanimiert, intubiert und beatmet, mit einem hämofilter bei nierenversagen versehen etc., das ganze fette programm. am telefon teilt die tochter dann mit, dass es aber eine patientenverfügung gäbe, in der ihre mutter ausdrücklich dafauf hinweist, dass sie gerade diesen apparativen aufwand nicht wolle. auf die frage, warum sie denn jetzt erst damit ankäme, antwortete die tochter (die als vormund fungierte), "ich dachte, dann machen sie gar nichts mehr bei meiner mutter!" was für eine hanebüchene scheiße! die hat den sinn und zweck dieser verfügung ü-ber-haupt nicht kapiert! die war zwar bevollmächtigt, im sinne ihrer mutter zu entscheiden - und hat genau das nicht geregelt gekriegt.
29.07.2010, 13:30 von lavishnatürlich ist es toll, wenn möglichst viele menschen einen spenderausweis haben. aber ich möchte kein fatalistisches und selbstgerechtes gekeif hören, wenn angehörige sagen, "nein, wir möchten das nicht." zumal das natürlich auch oftmals in einer gewissen zeitknappheit über die bühne geht. da setzen sich die angehörigen mit dem tod auseinander und dann kommt auch schon der nächste um die ecke und fragt, ob man die organe haben dürfe. aus der perspektive der angehörigen ist das durchaus horror, die denken nicht primär, "oh, klar, logo, wenn unser kind schon stirbt, dann soll jemand anderer auch was davon haben." und das ist auch ganz richtig so.
@MrsMacmillan Meistens haben gerade diese keinen Spendeausweis, weil sie auch die Schattenseiten kennen. Organe werden nicht nur nämlich entnommen um Leben zu retten...
04.08.2010, 18:53 von diacetylmorphinUnd wenn Ex-Alkoholiker vieler Meinung nach Organe verweigert werden sollen, wer ist dann als Nächstes dran? Raucher? Diabetiker?
Hiermit erhebe ich mein Glas auf den hypokratischen Eid!
@diacetylmorphin Und ich auf das Hypopotamus!
05.08.2010, 00:08 von hanakoUnd die Hippo-Vereinsbank!
Und auf qualifizierte Kommetare!
ui... bin schon ganz angeschickert.
ARGH!
@[Benutzer gelöscht] ui, Lag,
05.08.2010, 13:43 von hanakodas ist aber eine gewagte Hippothese!
so ist das leben...schöne abhandlung der vorgehensweise, der text zeigt das leben in dem job, man darf einfach keine emotionalen bindungen aufbauen, sonst macht es einen kaputt!
27.07.2010, 21:43 von onchelader abschnitt mit der stelle "auch wenn sich der Brustkorb hebt und senkt" beschreibt finde ich sehr gut, wie schwer es in diesen situationen aber dennoch immer ist zu akzeptieren das der körper eines menschen eigentlich doch tot ist
Find ich gut! Ich bin Ende nächsten Jahres hoffentlich auch Ärztin und stell mir das echt schwer vor, im Ernstfall dann nach einer Organspende zu fragen. Es gibt sicher viele Leute, die dann nicht so positiv reagieren. Dass man nicht bestimmen kann, wer die Organe bekommt, finde ich manchmal auch problematisch. Vor allem in so einem Fall, wie du ihn geschildert hast. Auf der anderen Seite ist es aber auch gut, dass man nicht alles beeinflussen kann. Und auch wenn es unwahrscheinlich ist - vielleicht nutzt der Ex-Alki ja seine Chance...
27.07.2010, 19:57 von SiSaSo"Und hätte ich nicht später erfahren, dass die einundzwanzigjährige Leber dieses Jungen an einen vierundfünfzigjährigen (Ex-)Alki ging, der sich seine eigene kaputtgesoffen hatte, wäre vielleicht tatsächlich alles gut gewesen, soweit man von gut sprechen kann in einem solchen Zusammenhang."
27.07.2010, 19:20 von JackBlackVerstehe ich es richtig, dass du es moralisch bedenklich findest, wenn ein Motorradfahrer, der seinen Geschwindigkeitsrausch glücklicherweise "nur" mit seinem eigenen Leben bezahlt hat, mit seiner Leber einem Menschen hilft, dessen eigene aufgrund einer Krankheit nicht mehr voll funktionstüchtig ist?
"Abends ging ich nach Hause und betrank mich, dann konnte ich ein bisschen weinen."
Nachtijall, ick hör dir trappsen.
@JackBlack Aaah, danke!
28.07.2010, 00:25 von hanakoIch dachte eigentlich die Neon-Leserschaft würde sich als allererstes das rauspicken um drauf rumzuhacken...
hab ich extra gemacht um das ggf. aufgekommene Schwarz/Weiß-Klischee zu knacken.
Um drauf hinzuweisen, dass der Arzt beileibe nicht über die Fehler (?) oder besser Unzulänglichkeiten seiner Patienten erhaben ist.
Es ist ja alles immer eine Ansichtssache.
Wenn man halt mal mit Suchtkranken gearbeitet hat, dann weiß man um diese enorme Hilflosigkeit, die sich wie eine dunkle Decke um einen wickelt, wenn der Patient nach dem 25. stationären Entzug doch wieder als allererstes einen Kiosk zwecks Bierkauf ansteuert, statt die mit Engelszungen angepriesene Langzeit-Therapie wahrzunehmen.
Und tatsächlich, ja, ich hätte diese Leber jemand anderem mehr gegönnt, jemandem, der keine andere Chance hat, der nicht 25 Mal hätte aufhören können zu trinken.
Zum Glück, wie oben geschrieben, sind die Entscheidungsmechanismen andere, zum Glück sind die nicht emotional geprägt.
Aber lass mir doch meinen persönlichen Unwohlsein-Moment.
@hanako Das Problem ist das Du zu sehr im Prozess involviert bist, als das zu eigentlich werten dürftest. (Von Deinem tollen Eid mal ganz abgesehen).
28.07.2010, 12:06 von ChiralIch finde es enorm abschreckend, wenn ich mir vorstelle, dass da solche Befindlichkeiten im Raum sind, wenn mich das Schicksal des Jungen ereilen sollte. Nee, sry, ich erwarte da schon eine neutrale Einstellung!
@Chiral @chiral
29.07.2010, 11:04 von frolleinmuellerWenn du eine neutralere Einstellung von deinem Arzt erwartest, gehst du wohl besser zu Robodoc.
@frolleinmueller Da hast DU mich mißverstanden. Mir ging es darum das ich es nicht als Aufgabe eines Arztes sehe, eine ethische Haltung zu bestimmten Themen zu haben. Sonst wird es schwierig. Sagt Dir der Begriff "Morbiditätsgrad" etwas?
30.07.2010, 10:51 von Chiraldoll. sicherlich für manche leute ein schocker mal sowas zu lesen. gelungen!
27.07.2010, 16:11 von SkeletonGirldas sind themen über die man nicht so gern spricht. man steckt sie weg, um nicht drüber nachzudenken.
hast du gut gemacht.
ne dicke haut muss man im medizinischen bereich haben, das weiss ich selbst ;) aber der mensch im arbeitstier ist doch irgendwo immer versteckt anwesend und kommt nach feierabend nach hause um sich zu betrinken und zu heulen.
»Ihr Mann ist doch Organspender?«
27.07.2010, 13:36 von sailor»Ja, schon...«
»Sehr gut. Wir bräuchten dann mal seine Leber.«
»WAS?«
»Seine Leber. Ein großes, drüsenartiges Organ im rechten Oberbauch.«
»Ja, aber... Er ist doch noch garnicht tot...«
»Machen Sie sich keine Sorgen. DAS überlebt keiner.«
@sailor Monty Pythons "Sinn des Lebens" klasse Film
27.07.2010, 13:40 von Dendroaspispolylepisgutes Thema aber bescheiden beschrieben. kommahölle wurde schon angesprochen, ansonsten fehlt die dynamik im text, es mutet schwer an - ok, ist vielleicht gewollt und so kann der text halt irgendwie wirken.
27.07.2010, 11:21 von getsomesleepmatschepampe find ich sexy!
27.07.2010, 10:39 von Surecampdoch, gefällt mir.
mich könnt Ihr alle ausweiden, inkl. Penis und so.
Ja ja surecamp wieder geschmacklos bei diesem Thema und so.
ach lasst mich doch in Ruh'.
ich find den Text gut.