Nicht sehen - aber gesehen werden
„Die gute Nachricht ist, dass Sie nicht vollständig blind werden.“ Ich bin 23 Jahre alt und nehme Abschied von meiner gewohnten Welt.
In der letzten Zeit war vieles anders. Ich war ständig müde. Dauernd passierten Dinge, die ich irgendwie nicht mitbekam und ich traf Menschen, die aus dem Nichts auftauchen. Die Optikerin bat mich, sofort als Notfall zum Augenarzt zu gehen.
Augenlicht ist heilig. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Das sagt man sehr häufig, aber in diesem Fall ist es wahr. Wenn ich das hier schreibe, sitze ich wieder im Wartezimmer . Ich habe gerade meine Mutter angeschrieen, dass sie verschwinden soll, weil ich ganz alleine dorthin gehen will. Weil ich niemanden berücksichtigen will, weil ich mich nur auf mich konzentrieren kann. Weil ich weiß, dass niemand richtig reagieren kann, falls etwas Ernstes ist, weil es dann kein richtig gibt. Im Wartezimmer unterhalte ich mich noch mit einem netten alten Mann. Ich möchte, dass die Zeit vergeht, und ich möchte andererseits niemals in dieses Sprechzimmer. Der Termin an sich dauert nur fünf Minuten. Meine Netzhaut stirbt ab, unaufhaltsam, irreparabel. Ganz blind werde ich nicht, auch kein Pflegefall. Autofahren ist gelaufen, lesen wird mit Lupen möglich sein. Ich schaffe es dennoch nicht, mich dem Enthusiasmus der Ärzte anzuschließen. Das Gefühl ist dem Moment vergleichbar, in dem man den Freund mit einer anderen erwischt. Es fühlt sich an, als hätte man eine Panzerfaust gegen den Brustkorb bekommen. Vielleicht hat man etwas geahnt, aber tief drinnen hat man so sehr gehofft, dass es nicht passiert, also hat man auch keinen Notfallplan zur Hand. In meinen Ohren rauscht es, ich höre kaum mehr, dass die Ärztin sagt, dass sie nicht sicher ist, ob ich mein Studium zu Ende machen kann, ich versuche nur, nicht zu weinen. Warum, weiß ich heute nicht mehr. Sie schickt mich ins Wartezimmer, um etwas nachzulesen. Ich schleppe mich an den anderen Menschen vorbei, die mich alle anstarren, in den kleinen Raum, wo auch der nette Mann von vorhin sitzt. Ich habe das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. Dann weine ich. Der nette Mann tut mir leid.
Die nächsten Tage sind die unwirklichsten meines Lebens . Jeden Morgen wache ich auf und alles ist wie immer. Dann fixiere ich etwas und das Flimmern kommt und das Fixierte geht. Jeden Morgen eine neue Realität. Jeden Morgen mein neues Leben, das ich so gerne zurückgeben würde. Am vierten Tag verlasse ich meine Wohnung. Einsperren hilft nicht.
Das ist jetzt über drei Monate her. Hinter mir liegen viele Arzttermine und viele Gespräche, in denen man versichert bekommt, dass man das alles schafft - wie, sagt einem allerdings keiner. Ich habe mir einen Hund geholt und gehe wieder zur Uni, in meiner Tasche stets ein Fernglas. Wenn sich einer beschwert, dass ich ihn nicht grüße, sage ich offen, dass ich das in Zukunft sicher auch nicht tun werde, weil meine Augen kaputt sind. Das Wort sehbehindert mag ich nicht.
Komisch, wie einem das Leben so spielt. Gut, zu wissen, dass man mehr schafft als man denkt, aber auch ein bisschen beängstigend, dass man mehr schaffen muss, als man gedacht hätte."Wichtige Links zu diesem Text"
Krankeitsbild und Anlaufstelle






Kommentare
Dein Text hat mir nochmal gezeigt das es doch schneller gehn kann als man denkt. Ich wurde bereits 2 mal an der Netzhaut operiert, meine Augenlicht ist auch shcon schlecht... Ich wünsche dir alles gut!
28.10.2007, 17:40 von luttyPsst...mein bester freund ist bereits auf einem auge blind und er weiß seit seinem 10. lebensjahr, dass er eines tages morgens aufwachen wird und nie wieder sehen kann. man kann sich nicht in diese lage hineinversetzen, aber als freund setzt man sich damit auseinander. und ich weiß jetzt schon, dass ich die erste sein werde, die dann an seiner seite steht und ihm, wenn nötig, jeden tag auf die nerven geht! ich bin sicher, dass du auch solche freunde hast! er sagt immer: das leben ist ein test. und DAS ist SEIN test. ich wünsche dir alles gute!
28.10.2007, 00:04 von azuzenaIch wünsche Dir alles Gute, viel Glück und viel Kraft!
27.10.2007, 19:00 von millionskiV.a. wünsche ich Dir Menschen, die dir beistehen u. dich unterstützen.
glg
@[Benutzer gelöscht] Dem kann ich mich nur anschließen. Alles gute auch von meiner Seite.
21.10.2007, 17:42 von JackentascheDu bist verdammt stark und mutig... das bewundere ich. Ich selbst bin "nur" Kurzsichtig, aber schon bei über -8 und das macht mir manchmal schon angst...
20.10.2007, 22:23 von PienzchenIch wünsche dir also von ganzem Herzen alles gute und dass die Ärzte einen Weg finden! Ganz liebe Grüße
oh man - da sackt einem das herz ja gleich ne etage tiefer! ich wünsche dir auch alles alles gute und hoffe, dass du das ganze gut durchstehen kannst und wirst!
20.10.2007, 20:52 von nordfischbaby