pepe79 26.10.2008, 19:37 Uhr 1 0

Mit dem Leben mal wieder abgeschlossen

Die wahrscheinlich unangenehmste Krankheit des Universums hat mich überfallen: die Hypochondrie.

Ich hab mal wieder mit dem Leben abgeschlossen. Verabschiede mich innerlich von allem, was mir lieb ist. Stelle mir vor, wie die Lieben um mich weinen, wenn ich endgültig von dannen ziehe. Drei Tage geht das so. Ich krieche mit letzter Kraft aus dem Bett, schleppe mich zum Klo und schwerfällig wieder zurück ins verschwitzte kalte Laken. Alles tut weh. Die Brust schmerzt, die Nase läuft, der Kopf dröhnt unaufhörlich, die Glieder drücken quälend, egal, wie ich mich drehe und wende. Am schlimmsten ist es um den Allerwertesten bestellt. Der ist im Fünf-Minuten-Takt gefordert und kennt kein Wohlgefühl mehr. Nichts geht mehr. Und dann diese Träume in der Nacht. Eine Aneinanderreihung kleiner Szenen, die sich ständig wiederholen. Ich halluziniere und fühle mich wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich bin sicher: besser wird es nie mehr. Es ist das Ende. Der Magen-Darm-Virus wird mich dahinraffen.

Nach einer Woche bin ich zwar immer noch schlapp auf der Brust, wenn ich in den vierten Stock marschiere, aber ansonsten wieder vollkommen hergestellt. Lachen kann ich über meine blöden Gedanken, meine Melancholie, meine Angst vor dem es-hört-nie-wieder-auf-Gefühl. Und doch weiß ich schon heute, bei guter Laune, bestem Appetit und Sonnenschein, dass es beim nächsten Mal nicht anders wird. Ich werde halbtot im Bett liegen, diese ewigen Kopfschmerzen werden mich innerlich zersägen. Ich werde vor Kraftlosigkeit niemanden anrufen können und mir Gedanken darüber machen, wie ich innerlich austrockne, weil ich es nicht mehr zum Supermarkt geschafft habe, um mir Gemüsebrühe, Salzstangen und Cola zu holen. Das Kranwasser hängt mir nach drei Stunden zum Hals heraus, und ohnehin glaube ich fest daran, dass es meiner Krankheit nur förderlich ist. Die vielen Bakterien in den unzähligen Leitungen – das kann doch nicht gesund sein.

Was wird mal aus mir, wenn es wirklich ernst wird? Also auch aus medizinischer Sicht ernst. Werde ich dann überhaupt die Kraft zum Weiterleben haben? Oder wird mein innerer Schweinehund ein Einsehen haben und mit mir zusammen nach wenigen Tagen oder Wochen aufgeben?

Woher zum Teufel kommt eigentlich diese Scheiß-Hypochondrie? Cordula Stratmann meint ja, die Hypochondrie sei durchaus wertzuschätzen, da man durch sie seinen Körper besonders gut im Auge hat und auf sich achtet. Keiner kenne seinen Körper und sein Befinden besser als der Hypochonder.
In Wahrheit verhält es sich bei mir allerdings anders. Geht es mir schlecht, würde ich alles tun, damit es mir schnell besser geht. Ich schwöre Stein und Bein, nie wieder fettige Sachen zu essen, nie wieder zu viel Alkohol zu konsumieren und selbstverständlich sofort mit dem Rauchen aufzuhören und regelmäßig Sport zu treiben – sollte ich jemals das Krankenbett wieder verlassen dürfen.
Doch all die guten Vorsätze schwinden allzu schnell dahin, wenn es mir binnen weniger Tage deutlich besser geht. Ich merke ja: ui, noch mal gut gegangen. Und verdränge, wie mies es mir ging. All die Ängste, die Übelkeit, die schlimmen Gedanken an unheilbare Krankheit und Tod sind zerplatzt wie eine klitzekleine Seifenblase. Juhu, Leben, du hast mich zurück. So muss es auch Müttern nach der Entbindung gehen. Während des Pressens, Drückens, des Schmerzes und der Schreie denkt sich vermutlich jede „Nie wieder!“. Doch ist das goldige Schätzelein erstmal da, wird ans Geschwisterchen gedacht.

Es muss doch möglich sein, sich mal ein paar Tage ins Bett zu legen, die Zeit vielleicht sogar noch für alte Comics und blöde TV-Shows zu nutzen, mit dem Wissen, dass alles wieder gut wird. Aber jedes Mal überfällt sie mich wieder: die beklemmende Angst, dass die Übelkeit, die Schmerzen, die Schwäche nicht mehr weggehen. Oder noch schlimmer eben. Dass es aus ist!
Gibt es nicht eine wirksame Medizin gegen Hypochondrie? Oder reichen da starke Beruhigungsmittel? Happy Pills vielleicht?
Ich habe es diesmal mit einer anderen Taktik probiert: ich hab allen, die mich angerufen haben, erzählt, wie scheiße es mir geht. Ob sie es hören wollten oder nicht. Und siehe da: tatsächlich bin ich nicht die einzige, die mal so knapp dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Jedem ging es auch schon mal so mies: Schnupfen, Zerrung, Magenverstimmung, Grippe. Alles schon dagewesen. Und die leben ja schließlich auch noch alle …

Tja, vielleicht werde ich ja doch 100 Jahre alt. Hauptsache fit im Kopf. Und einen halben beinahe-Tod werde ich wohl alle paar Jahre mal überstehen.

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Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Das freut mich :)
      Ich verspüre heute übrigens schon wieder einen leichten Anflug von Übelkeit - hoffentlich kein Magentumor ...

      02.11.2008, 18:38 von pepe79

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