wassollausmirwerden 12.02.2004, 16:58 Uhr 12 0

Mein Vater ist ein Säufer

Ein Bier zum Feierabend, dann zwei, damit fing es an.

Mein Papa war schon immer selbständig, die Firma lief nicht gut, es gab Probleme. Misstrauisch wurde ich ungefähr mit zwölf oder dreizehn. Wir gingen freitags immer zusammen einkaufen, ein Kasten Bier und eine Flasche „Mariacron“ oder „Nordhäuser Doppelkorn“ landeten jedes Mal im Einkaufskorb. Meine Eltern stritten sich oft, an manchen Tagen kam mein Vater kaum aus dem Bett, sein Gedächtnis litt unter dem Alkohol. Ich fand Schnapsflaschen in Schränken und Schubläden, am Anfang habe ich sie ausgeschüttet.

Bis ich achtzehn war wurde es immer schlimmer. Mein Vater arbeitete nachts, kam am frühen morgen nach Hause und trank um einschlafen zu können. Am Wochenende war spätestens am späten Nachmittag sternhagelvoll und schlief schnarchend auf der Couch im Wohnzimmer. Freunde mitzubringen war schwierig, nie konnte ich mir sicher sein, ob mein Vater nicht gerade torkelnd durchs Haus läuft.

Vor zwei Jahren dann die scheinbare Wende. Nach langem hin und her entschloss er sich zu einem Entzug im Krankenhaus. Danach sollte alles besser werden. Nach einem „trockenen“ Jahr sind die meisten Alkoholiker über den Berg. Man Vater hatte seinen ersten Rückfall nach drei Monaten. Seitdem habe ich aufgehört, sie zu zählen. Mittlerweile bin ich ausgezogen um zu studieren. Jetzt bekomme ich die Rückfälle meines Vaters nur am Tonfall meiner Mutter mit, wenn wir telefonieren. Bis auch meine Mama depressiv wurde und wochenlang im Krankenhaus war. Mein Papa ist, auch wenn er gerade trocken ist, oft verwirrt oder erfindet Geschichten, wenn er sich nicht mehr erinnern kann. Er weiß um seine Sucht, die eine Krankheit ist, aber er wird trotzdem immer wieder schwach.

Das schlimme daran ist, dass die ganze Familie darunter leidet. Ständig wird der Alkoholkranke nach außen entschuldig und geschützt. Wir haben das alle am Anfang getan. Mein Bruder hat sich inzwischen enttäuscht von meinem Vater abgewandt, meine Mutter ist in Therapie und versucht ein normales Leben zu führen. Wenn mein Vater trocken war, dachte ich, diesmal schafft er es. Als die Erfahrung mir das Gegenteil bewies, befürchtete ich ständig einen erneuten Rückfall, bekam sogar Alpträume. Co-Abhängigkeit nennen die Fachleute es, wenn Angehörige eines Süchtigen die Hochs und Tiefs der Sucht mitleben. Heißt, wenn mein Vater trocken war, ging es mir auch gut und bei Rückfällen ging es mir schlecht. Besonders bedrückend ist, dass ich mit niemandem außer meiner Familie darüber reden kann. Nicht einmal mein Freund weiß davon. Man geht ja nicht damit hausieren, dass der eigene Vater Alkoholiker ist. Und zu Selbsthilfegruppen habe ich mich nicht getraut.

Es hat fast zwei Jahre gebraucht, bis ich mir klar wurde, dass seine Sucht nichts mit mir zu tun hat. Nur der Alkoholiker selbst kann den Entschluss fassen, seine Abhängigkeit zu überwinden. Die Angehörigen können zur helfen, wenn sie darum gebeten werden. Ich habe meinen Vater lieb, auch wenn er trinkt. Ich verstehe inzwischen die Gründe seiner Labilität und meine Hilflosigkeit ist einem gewissen Pragmatismus gewichen.

Ich mache mir weiterhin Sorgen, versuche aber, mein eigenes Leben davon nicht beherrschen zu lassen. Ich hoffe immer noch, dass meine Familie irgendwann ein normales Leben führen kann.

12 Antworten

Kommentare

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    Ich kann dich verstehen, bei mir läuft es ähnlich.
    Ich mache mir auch oft vorwürfe ob ich etwas dafür kann oder nicht,. Aber wenn ich das tue versuch ich oft es abzulegen, weil es nichts bringt.
    Man kann nichts dafür.
    Lass den Kopf nicht hängen

    28.12.2010, 16:22 von likeheaven
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    Mein Vater trinkt seit über 30 Jahren. Ich glaube sogar das meine Mutter ihn als Alkohliker kennen gelernt hat. Richtig gemerkt habe ich erst mit zwölf, weil es schlimmer geworden ist. Er leugnet es vor uns, nur einmal hat er es vor mir zugeben. Wir haben immer darüber geredet, auch mit anderen, dass er trinkt. Bei uns wurde nix verheimlicht. Ob es geholfen hat, weiß ich nicht? Vielleicht uns?

    04.05.2006, 13:08 von Honigkuchenmond
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    die familienangehörigen mütterlicherseits trinken alle ganz gern einen über den durst .... hat man schon nicht viele verwandte und dann trinken auch noch über die hälfte ...

    ich persönlich habs zuhause nicht mehr ausgehalten, 300km in die ferne. ich bin gern zuhause, zu besuch! ich mach mich deswegen auch nicht mehr fertig - doch gerade wenn es die eltern betrifft hofft man immer, dass sie noch die kurve kriegen .... :s

    22.04.2006, 11:08 von g-anja
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    mein pa war auch alkoholiker unsd wurde gewalttätig wenn er getrunken hatte. die therapeutin hat meiner mutter eingeredet, dass sie daran schuld sei, dass er uns schlug. sie trinkt jetzt auch. mein vater ist vor 4 jahren gestorben. ich war 14 und hab gelernt, dass es besser ist, wenn das niemand weiß- in solchen situationen verliert man viele freunde. ich bin depressiv und war magersüchtig und meine ma unterstellt mir bis heute, dass ohne meine geburt das alles nich passiert wäre. wenn ich leuten erzähle, was in meiner vergangenheit passiert ist, können sie nicht mehr normal mit mir reden- fast so, als trüge ich ein kainsmal. ich werde wohl nie eine richtige beziehung führen können und es gibt immernoch menschen, die sagen, am alkohoismus ist das umfeld schuld, die konsequenzen zu tragen, muss es akzeptieren. das hat mir ne andre therapeutin gesagt. is doch zum kotzen, sowas.

    24.03.2005, 19:38 von husti
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      @[Benutzer gelöscht] Hallo mein Paps war bzw. ist noch Alkoholiker aber ein trockener, seit 12 jahren, aber ich weis wie es ist und es gut das du dich nicht von deiner familie abwendest, ich finde das sollte man nicht tun, obwohl es ein dickes problem ist ...

      05.02.2005, 20:45 von Emilythestrange
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    Ich bin der Meinung das meine mutter auch eine alkoholikerin ist auch wenn sie es nicht zugibt...es ist nicht das bild von der mutter die sich gehen lässt nur noch im jogginganzug rumläuft ect. Sie steht voll im Leben..ich habe kürzlich erst ein referat über Kinder alkoholkranker eltern geschrieben , die auswirkungen auf die Kindewr sind so heftig...zum beispiel sind kinder alk.kranker eltern schlechter in der schule, werden häufig selbst alkoholiker oder haben einen alkoholkranken partner, es fällt schwer freundschaften zuzulassen ect. .... das schlimmste ist aber das ich mich in einigen verhaltensweisen von kindern alk.kranker eltern selbst wieder gefunden habe...
    alles liebe....

    30.05.2004, 15:35 von rothaarigeElfe
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      @[Benutzer gelöscht] ich kann es nur bestätigen, daß kinder von alkoholkranken kaum vernünfigte partnerschaften aufbauen können. der partner meiner freundin behandelt sie schlecht und nutzt sie aus. trotzdem sind sie seit 5 jahren zusammen. zwar mit pausen, aber sie kehrt immer wieder zu ihm zurück. es gibt genügen männer, die auf sie stehen, die lieb sind und ihr gut tun würden, aber anscheinend hat sie angst davor, weil sie es nicht kennt...

      mein mitbewohner ist auch alkoholiker. inziwschen gibt er es wenigstens zu. er sucht sich gelegenheiten zu trinken und trinkt auch allein. meistens "nur" bier, aber wenn er "richtig" trinkt, dann auch ohne maß bis er kotzt. einmal hat er so viel getrunken, daß er bewußtlos war und ich 4 h neben seinem bett gesessen hab, weil er zwischendurch aufgehört hat zu atmen. ins krankenhaus konnte ich ihn nicht bringen, weil er dort arbeitet und ich es ihm versprochen hatte...danach hab ich ihn gebeten 1 monat lang nichts zu trinken. er hat nichtmal 1 woche geschafft. wenn er nicht trinkt, wird er depressiv und rastet bei kleinigkeiten komplett aus...

      24.12.2004, 13:55 von ZoePage
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      @[Benutzer gelöscht] klar hatte ich angst, aber sein (ehemaliger)mitbewohner ist auch krankenpfleger und der hat im zimmer nebenan geschlafen. ich kenn mich in der hinsicht auch recht gut aus, aber das telefon lag die ganze zeit neben mir und ich hatte ständig mit mir gerungen, ob ich anrufen soll oder nicht. dazu muß man sagen, daß wir zu der zeit auch zusammen waren und das war deswegen doppelt so hart.

      zur therapie: er gibt es zu daß er krank ist, möchte aber nichts daran ändern. er sagt, er wird sich dann wohl irgendwann zu todesaufen. ich hab schon alles versucht.inzwischen lass ich ihn trinken und versuch ihm seelisch bezustehen bei seinen problemen...vieleicht hilft ja das...

      24.12.2004, 14:08 von ZoePage
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      @[Benutzer gelöscht] die einzige möglichkeit aus diesem loch rauszukommen, ist sich selbst rauszuziehen. anders wird es niemals funktionieren. ich habe auch mal lang in solch einem loch gesteckt(nicht wg alkohol) und kenne beide seiten. so finde ich es auch einfacher ihm zu helfen bzw. ihn zu verstehen.

      wir sind nicht mehr zusammen...im endeffekt lag es vieleicht auch daran. er ist ein sehr egoistischer mensch und ich hatte irgendwann einfach keine kraft mehr für ihn in diesem ausmaß da zu sein...ohne etwas zurückzubekommen. inzwischen hab ich einen neuen freund und schöpf auch aus ihm die kraft meinem ex beizustehen...

      24.12.2004, 14:25 von ZoePage
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      @[Benutzer gelöscht] genau das ist es was die meisten leute einfach nicht begreifen und das regt mich manchmal auch ganz schön auf!
      sie wollen nicht hilfe, sie wollen mitleid und aufmerksamkeit... ich glaub, wenn man sowas selbst durchgemacht hat und weiß, daß es geht, geht man mit den leuten auch viel härter ins gericht...

      24.12.2004, 14:36 von ZoePage
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      @ZoePage wie geht es ihr denn inzwischen?

      24.12.2004, 14:37 von ZoePage
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      @[Benutzer gelöscht] den kontakt abzubrechen war für sie wohl notwending, da sie so weiter vor der wahrheit fliehen konnte.das hatte nichts mit euch zu tun, denk ich. ich hoffe, du beziehst das nciht auf dich und ihr gehts besser inziwschen.
      ich wünsch dir, daß der kontakt wieder zu stande kommt...

      lg
      zoe

      24.12.2004, 18:43 von ZoePage
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    *respect*
    du sprichst genau das aus, was viele betroffene denken bzw. fühlen - so wie ich!

    11.05.2004, 19:11 von kamikatze
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    Ich finde es gut, dass du hier das alles erzählst! Die meisten leben einfach so damit und fressen es in sich rein...

    23.02.2004, 08:11 von Kroschka
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