Alida.Montesi 20.02.2013, 19:23 Uhr 25 17

Love, Drugs

"Bist du noch da, wenn ich aufwache?" "Ich bin da, wenn du mich brauchst."

Ein weißer Blitz, das Fraktal einer Lichterscheinung. Erst zischend und spitz, dann schäumend, sich über alle Sinne verteilend. Ein Moment Ruhe, dann ein dumpfes Pochen, bis in die Fingerspitzen. Das Gefühl nicht zu wissen, wohin und dann


Nichts.

Du bist weg und hast ein Andenken in meinem Kopf hinterlassen. Die Nebenwirkungen eines Medikamentencocktails aus deiner Hand: Codein gegen den Hustenreiz, Paracetamol gegen das Fieber, ein leichtes Schlafmittel, damit du weggehen konntest, sobald ich eingeschlafen war. Du hieltst meine Hand bis die letzte Tablette wirkte. Legtest mein Telefon und ein Wasserglas auf den Nachttisch.

"Bist du da, wenn ich aufwache?"

"Ich bin da, wenn du mich brauchst."

Das Wasserglas warf Schattentheater an die Wand. Violett-blaue Schlierenmonster, die sich gegenseitig auffressen, beleuchtet von Fernsehbildern - eine Dokumentation über die Nebenwirkungen von Antidepressiva: Suizidalität, Aggression, Autoaggression - und immer wieder, dein Gesicht weich über mir, um zu prüfen, ob ich schon schlafe. War ich schon eingeschlafen?

Du lagst auf der Bettdecke. Die Schuhe an deinen Füßen, die Uhr an deinem Handgelenk, Alles zum Aufbruch bereit. Ich begann mit deiner Uhr. Der Verschluss schnitt scharf in meine Haut, als ich sie öffnen wollte. Das Metall klebte an meinen Fingern, als ich sie von deinem Handgelenk streifte. Ich legte die Uhr, wie eine ausgestreckte Beute neben das Telefon und kroch das Bett hinunter zu deinen Füßen. Die Schnürsenkel bereiteten mir Kopfzerbrechen. Zehn Finger, jeder Finger eine Aufgabe, eine Aufgabe. Wie viele Aufgaben? Ein Finger, der sich traute, denn die Schuhbänder waren Schlangen, schnappend, zischend und auch dein Blick in meinem Rücken hatte eine Stimme, die zischte und biß - die positiven Wirkungen von Antidepressiva: stimmungsaufhellend, sedierend, angstlösend - Schweiß oder Tränen tropften auf das schöne Leder deiner Schuhe. Deine schönen Schuhe. Braunes, warmes Leder.

"Was machst du da?"

Du packtest mich unter meinen Kniekehlen und hobst mich an. Das T-Shirt, das du mir zum Schlafen angezogen hattest, haftete nass auf meiner Haut. Es fühlte sich fremd an, ich wollte es los werden und zerrte daran. Du trugst mich in dein Badezimmer, unter die Dusche und ließt das Wasser kalt auf uns hinunterbrausen. Das atmen fiel mir schwer, ich sah in dein aufgelöstes Gesicht, das langsam unter dem Wasser gerann.

"Ich brauche dich."

"Du brauchst mich nicht. Du brauchst das Gefühl, das ich in dir auslöse."

 

 

 

 

17

Diesen Text mochten auch

25 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    keine sorge, es gibt Hoffnung: "Wer in sich selbst verliebt ist, hat wenigstens bei seiner Liebe den Vorteil, daß er nicht viele Nebenbuhler erhalten wird." hehe..

    18.08.2014, 18:42 von donnerknispel
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ich glaube allerdings, dass es so  Momente gibt...Gefühle werden verwechselt. Und ich bin auch der festen Überzeugung, dass man seine Mitmenschen emotional als eigenständige Wesen wahrnehmen kann. Das ist, soweit ich weiß, sogar ein frühkindlicher Prozess.Soweit ich weiß... :)

      22.08.2013, 21:36 von Alida.Montesi
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ohoh, du Angeber :)


      das zu doof nehme ich dir übrigens übel. ;)

      22.08.2013, 22:34 von Alida.Montesi
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ja genau, da ist zu doof eine indikative variante

      22.08.2013, 22:52 von Alida.Montesi
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    "Ich brauche dich."



    "Du brauchst mich nicht. Du brauchst das Gefühl, das ich in dir auslöse."





    Klasse:) Die Einsicht vom Verstand ist der erste Weg zur Besserung.

    21.08.2013, 22:03 von SirMCPedta
    • 0

      ja genau.

      21.08.2013, 22:09 von Alida.Montesi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ziemlich - cool. ungewöhnlich gut.

    19.08.2013, 23:17 von yuhi
    • 1

      danke, sehr nett von dir.

      20.08.2013, 20:46 von Alida.Montesi
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Ohne diesen Titel würde er mir noch viel besser gefallen.

    19.08.2013, 09:21 von Jimmy_D.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Da sind wirklich gute, fesselnde Formulierungen drin. Allerdings komme ich mit der zweiten Person Singular Präteritum nicht klar. Dann lieber im Präsens schreiben, das klingt weniger schwülstig und wirkt direkter.

    Und äh den Titel mag ich irgendwie überhaupt nicht. ^^ Der ist irreführend.

    14.08.2013, 09:02 von quatzat
    • 0

      irreführend? 

      14.08.2013, 21:04 von Alida.Montesi
    • 1

      Ja. man denkt an rocknroll. wird dem text auch nicht gerecht.

      14.08.2013, 23:16 von quatzat
    • 0

      Jep. Wo Rock´n Roll drauf steht, muss Rock´n Roll drin stehen. Sonst klappts nich mit Qazzi, nä? Und mit mir ansonsten auch nich. Verschissen im Rock´n Roll Kreis: Und wo sind jetzt diese Drogen...ah...die Liebe ist die Droge. Gut, gut.
      Vielleicht die gefährlichste Droge überhaupt?

       

      21.08.2013, 22:08 von SirMCPedta
    • 1

      Wenn du den Text nochmal nüchtern liest, wirst du Drogen noch und nöcher finden.

      21.08.2013, 22:10 von quatzat
    • 0

      Wie soll man das nüchtern lesen können? 


      21.08.2013, 22:12 von SirMCPedta
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ja, gefällt mir irgendwie von der Art her.

    29.06.2013, 19:35 von topfbluemchen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön.

    31.05.2013, 09:59 von sailor
    • 0

      danke, schön

      31.05.2013, 13:14 von Alida.Montesi
    • Kommentar schreiben
  • 2

    ... und der letzte Satz bringt es perfekt auf den Punkt. Ich finde es gut geschrieben.

    23.02.2013, 17:28 von ANIMUZ
    • Kommentar schreiben
  • 1

    verwirrend geschrieben, aber es beschreibt das Gefühl gut, also Daumen hoch

    20.02.2013, 20:41 von EliasRafael
    • 0

      Daumen hoch für Daumen hoch

      22.02.2013, 20:29 von Alida.Montesi
    • Kommentar schreiben
  • Durchs Wochenende mit … Lars

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Text-Praktikant Lars Weisbrod.

  • Hobo-Reise: Zur großen Freiheit

    Wer auf Güterzügen durch Amerika reist, lernt Menschen und Landschaften kennen, die sonst verborgen bleiben. Ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe.

  • Fabelhafte Fundstücke

    Glück ist eben doch käuflich – die folgenden 10 Fundstücke, die die Moderedaktion für euch aufgespürt hat, sind der beste Beweis.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare