Malique 30.11.-0001, 00:00 Uhr 20 16

Leben leicht

"Komm mir nicht mit so 'nem Scheiß" schreit Martin mich an. "Willst du so ein Leben?" Er ist 23 und seine Nierenfunktion beträgt noch 18 Prozent.

Langsam biege ich in die Straße ein, in der Martin wohnt. Ich will ihn abholen. Wir wollen essen gehen. Da steht er schon und wartet auf mich, lässig eine Hand hinter dem Rücken verschränkt. Ich bin zu spät - wie immer. Er öffnet die Tür und rutscht neben mir auf den Sitz. "Hallo!" sagt er leise. Wir fahren los. Ich bin in Gedanken schon bei unserem Festmahl. Als Martin sich anschnallt, sehe ich, dass seine linke Hand verbunden ist. "Was ist los? Hattest du beim Wichsen einen Unfall?" witzele ich. Lange schaut er mich an und sagt: "Die Sache ist ernst, Mann!" Ich hake nochmal nach. Er bleibt stumm. Plötzlich sagt er: "Meine Nieren sind im Arsch!!!" "Was..." "Ich bin im Arsch!" "Für 3000 Dollar gibt's in Moldawien 'ne Neue, hab' ich gerade in NEON gelesen." rutscht es mir heraus.
Ich denke, es wäre wieder einer seiner hypochondrischen Anfälle. Nun merke ich, dass er das gar nicht witzig findet. "Was zum Teufel hat dein Handgelenk mit deinen Nieren zu tun?" will ich wissen. "Die haben mir 'nen verdammten Shunt angelegt!!!""Kannst Du mir bitte erklären, was das ist - ein Shunt?" frage ich beunruhigt.

Ich halte an und wir steigen aus. Stumm gehen wir in unseren Lieblingspark direkt am See. Hier haben sie kürzlich sogar Palmen gepflanzt, die bis minus 20 Grad überleben können. Dank der globalen Erwärmung kein Problem mehr. Seitdem heißt unser See bei uns nur noch "Mittelmeer". Wir nehmen Platz auf einer Bank und starren in die Ferne. Ein Shunt sei eine Art Zapfsäule, beginnt er. Die Ärzte durchtrennen eine Arterie, um sie gleich oberhalb des Handgelenks wieder an die Vene anzunähen. Somit fließt das Blut gleich wieder zurück zum Herz. Die Vene im Unterarm wird durch den Druck immer dicker und dicker. Eine künstliche Krampfader sozusagen. "Wozu?" will ich wissen. "Noch nie was von Dialyse gehört - Blutwäsche?" Nach ein bis zwei Monaten ist die Ader so dick, dass man zwei fette Nadeln reinstechen kann. Dann werden ca. 400 ml Blut pro Minute herausgepumpt, durch eine Maschine gejagt, dabei gereinigt und wieder zurückgegeben. Fünf Stunden dauert der Vorgang, abhängig von Gewicht und Größe, dreimal die Woche. Mir dreht sich der Magen um. Es gibt noch eine andere Möglichkeit: Die Bauchfelldialyse. Dort legen sie dir einen Katheder durch die Bauchdecke. Durch den lässt man sich vorgewärmte Dialyseflüssigkeit in die Bauchhöhle laufen, somit findet die Blutwäsche im Körper statt. Viermal am Tag muss die Flüssigkeit gewechselt werden. Jetzt wird mir wirklich schlecht. "Das schlimmste ist, dass ich diesen Zustand selbst herbeigeführt habe", sagt Martin und schaut mich traurig an.

Wir waren die Generation "No Future", die Generation "Grunge". Hasse deinen Nächsten wie dich selbst, aber fordere bedingungslose Liebe. Es war mehr als nur en vogue, niemals glücklich zu wirken. Das Spiel mit den Substanzen gehörte so selbstverständlich dazu wie die Gitarre. Martin war immer ganz vorn mit dabei, dieser zappelige und immer gut gelaunte Typ, der nie seinen Mund halten konnte. Die ganze Schule kaufte Gras bei ihm - selbst im Unterricht verhökerte er das Zeug. In den Pausen wurde ausgiebig gekifft, auf dem Friedhof gegenüber. Es waren High Times und wir hatten eine Menge Spaß. Durch seinen "Nebenjob" hatte Martin immer mehr Taschengeld als alle anderen. Mit 14, 15 gingen wir regelmäßig feiern. Die Clubphase begann. Berlin war damals liberaler und es interessierte niemanden, wie alt wir waren. Nur eine Frage der Zeit, bis der wirklich harte Scheiß begann. Pillen, Koks - wir haben alles ausprobiert, was es zu kaufen gab. Außer Heroin und Crack - darauf waren wir stolz. Ecstasy war bald unser ständiger Begleiter. Wir tanzten die ganze Nacht und liebten die Musik. Martin begann selbst aufzulegen und war ein richtig guter DJ.

Für das Kinderfernsehen vom ZDF drehte er damals ein kleines Feature, in dem er den Kids erklärte, was ein DJ so macht . Abends war in unserem Jugendclub eine Party, das Fernsehteam blieb noch, um ein paar Bilder von der Stimmung einzufangen. Wir saßen backstage und zogen eine Nase nach der anderen - bis zum völligen Wahnsinn. "Wenn uns jetzt die Kinder dabei zusehen..." feixten wir. Als Martin dran war und schon eine Weile spielte, bekam er plötzlich Nasenbluten. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Er verbrauchte mehrere Tempopackungen - ich lachte mich schief. Wie er da so stand, eine Hand an der Platte, die andere auf die Nase gedrückt.

Martin verließ die Schule mit 17. Er wolle sein eigenes Ding machen, sagte er. Sein eigenes Ding bestand darin, jetzt auch in der Woche auszugehen. Er war ein richtiger Cokehead. Trotzdem wurde er nicht zum stumpfen, abgefuckten Junkie - im Gegenteil, er war sehr charmant und feinsinnig im Umgang mit anderen Menschen. Und er zeigte oft eine Allgemeinbildung, dass ich manchmal Angst vor ihm hatte. Warum macht so ein intelligenter Typ sein Abitur nicht? Er konnte, wenn er wollte. Er konnte so vieles, wenn er nur wollte.

Dann kam der Break. Martin lernte ein nettes Mädchen kennen. Auf einem Konzert, damals spielte er Saxophon in einer Funk-Band. Er war nie ein Frauenheld. Er war der Typus Junge, den Mädchen süß und niedlich finden - ein Babyface. Deswegen hatte er immer jüngere Verehrerinnen. Plötzlich war Schluss mit dem ganzen Scheiß. Ab und zu dreht er sich noch 'nen kleinen Joint, aber das war's dann auch schon. Seine Interessen veränderten sich, er fand Gefallen an gutem Essen und konnte vorzüglich kochen. Er tat alles um ein guter Lover zu sein. Da war er 19 Jahre alt.

"Wie lange?" will ich wissen "Wie lange weißt du schon, was mit dir los ist?" "Mein ganzes Leben." antwortet er. Fragend schaue ich ihn an. "Ich bin mit einem Nierendefekt geboren worden. Dem Alport-Syndrom. Es kommt zu einer vermehrten Eiweißausscheidung, weil die Nieren nicht in der Lage sind, diese Proteine im Körper zu halten. Die Eiweißstoffe dringen durch das Nierengewebe und zerstören es nach und nach. Es kommt zu chronischem Nierenversagen."
Ich bin sprachlos. "Naja, so richtig weiß ich das erst seit zwei Jahren. Meine Mutter hat mich nie darüber aufgeklärt, deswegen war ich so verschwenderisch mit meiner Gesundheit in der Vergangenheit. Bei einem Arztbesuch wurde mir dann bewusst gemacht, wie ernst die Lage ist. Da war die Nierenfunktion schon stark eingeschränkt, lag bei 50 Prozent, jetzt ist sie bei 18 Prozent. Es dauert also nicht mehr lange." Der Kloß in meinem Hals wird größer und größer. Wie kann das sein? Mit 23 an die künstliche Niere. "Es ist wie eine Strafe. Eine Strafe für all die schlechten Dinge, die ich früher getan habe." "...das,... das wird schon wieder." sage ich kleinlaut aus meiner Verlegenheit heraus. "Komm' mir jetzt bloß nicht mit so 'nem Scheiß" ruft Martin. "Möchtest du so ein Leben?" Seine Stimme zittert. "Das ist die totale Abhängigkeit! Ohne so eine Maschine kann ich nicht mehr leben, verstehst du!?" "Warum hast du mir das nicht früher gesagt?"

Martin sackt in sich zusammen, ein kleines Häufchen von einem Freund sitzt da neben mir auf der Bank. "Ich dachte, du hältst mich für einen Krüppel! ...Weißt du, was es heißt, in der heutigen Zeit unheilbar krank zu sein? All die perfekten Menschen um mich herum, mit ihren lächerlichen kleinen Problemen..."
Tränen rinnen über sein Gesicht.

Plötzlich fällt der Schleier vor meinen Augen. Wie konnte ich nur so blöd sein? Ich hätte Martins Zustand schon viel früher erkennen können. Diese seltsame Melancholie, das In-Sich-Gekehrte, das Grüblerische hätten mich stutzig machen müssen. Er hatte sich wirklich verändert in letzter Zeit. Ich Idiot schob es auf's Alter, auf's Erwachsenwerden. Diese nervöse Anspannung hat er komplett abgelegt, schaut oft tief in Gedanken versunken mit großen, dunklen Augen in die Ferne, als fixiere er einen Punkt weit weg am Horizont.

Der Zorn steigt in mir hoch. "Gibt es denn keine Alternative?" "Sterben!" antwortet er. "Nach einigen Jahren bekomme ich vielleicht ein Spenderorgan. Doch bis dahin gibt's nur Dialyse." Wütend kickt er einen Stein ins Wasser. "Das wird ein richtiger Horrortrip!" Martin lacht nervös. "Man darf dann nur eine ganz geringe Menge trinken am Tag. Einen halben Liter, oder so. Ist so ein Leben erstrebenswert? Ich habe bisher nichts erreicht, worauf ich aufbauen könnte. Nichts!" Wieder vergräbt er das Gesicht in seinen Händen. "Dein Leben - jetzt in drei neuen Geschmacksrichtungen: Straight, Rock'n'Roll und Light.
Mmhh, ich glaub', ich nehm light, denn ich bin zu schwach für die volle Dosis!"

Nach einer Weile stehen wir wortlos auf und gehen zum Auto. Ich bringe Martin nach Hause. Auf Essen habe ich gar keine Lust mehr, mir ist der Appetit gehörig vergangen. Als wir vor seinem Haus stehen, schaut er mir nochmal lange ins Gesicht und sagt leise: "Ich muss da durch, irgendwie." Dann steigt er aus und wirft die Tür hinter sich zu. Traurig sehe ich ihm nach und mich beschleicht der Gedanke, dass er es vielleicht nicht schaffen wird. "Sterben!" Dieses Wort hallt noch durch meinen Schädel, wie ein Echo durch eine tiefe Schlucht. Ich bemerke, dass ein Teil von Martin schon längst gestorben ist.
Mühsam unterdrücke ich meine Tränen bis ich zuhause bin. Dort werfe ich mich auf's Bett, heule wie ein kleines Baby und frage mich, wie meine Strafe wohl aussehen könnte.

16

Diesen Text mochten auch

20 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    3,5 Jahre später. Was ist aus Martin geworden?

    18.02.2011, 23:41 von somemightsay
    • 0

      @somemightsay Rückfall in alte Verhaltensmuster. Endlose Nächte in Clubs, mit allem was dazu gehört.

      Wahrscheinlich geht er daran zugrunde. Er konnte mir glaubhaft vermitteln, warum für ihn ein solches Leben in völliger Unfreiheit und hundertprozentiger Abhängigkeit nichts wert ist. Ich kann ihm nicht helfen. Niemand kann das.

      22.02.2011, 01:11 von Malique
    • 0

      @Malique Ich hatte mir eine schönere Antwort erhofft, aber immerhin hat er es bis hierhin geschafft.

      Es klingt wahrscheinlich ein wenig makaber, aber muss der von ihm gewählte Weg wirklich der Falsche sein? Ich überlege das allerdings ohne zu wissen wie wahrscheinlich es ist eine passende Spenderniere zu finden. Vielleicht google ich das besser erstmal.

      22.02.2011, 15:39 von somemightsay
    • 0

      @somemightsay Da die durschnittliche Wartezeit bei seiner Blutgruppe ca. 8 Jahre beträgt, ist jetzt noch nicht mal Halbzeit.
      Nach einer Transplantation ist auch nicht alles gut. Es ist nicht sicher, ob der Körper das Organ nicht abstößt, starke Medikamente sind nötig.
      Vielleicht war die lange Wartezeit dann total umsonst und alles beginnt wieder von vorn.

      Es ist keine Schande, aufzugeben. Ich würde es wahrscheinlich auch tun.

      22.02.2011, 15:51 von Malique
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Die Sprache in deinem Artikel ist sehr "real". Schreib mehr!

    13.11.2007, 01:00 von Maditha
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schreib noch nen Artikel!! Ich warte :) Deine Sprache ist "real"

    13.11.2007, 00:57 von Maditha
    • Kommentar schreiben
  • 0

    martin kann froh sein das er dich hat. alles liebe für euch und viel,viel kraft.

    31.08.2007, 20:01 von leen6784
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    "Hasse deinen Nächsten wie dich selbst, aber fordere bedingungslose Liebe." das gefällt mir gut. genauso war's.
    niere spenden ist eine schwierige sache, da gibt es vom gesetz her keine möglichkeit solange ihr "nur" befreundet seid. aber für alle und generell: http://www.organspende-info.de/extra/bestellservice/Organspendeausweis/
    ist ganz einfach.
    alles gute für martin. und für dich viel kraft beim unterstützen.

    28.08.2007, 14:31 von porcelina
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] "Und das mit der Strafe ist ein Riesenblödsinn, klingt nach verquer-christlicher Prägung."

      Eher nicht. Ich will lediglich seinen Gedankengang darstellen. Gerade in scheinbar ausweglosen Situationen neigt man doch zum Personifizieren, um seinem Unglück eine Gestalt, ein Gewand zu geben.
      Christlich geprägt ist keiner von uns.

      Er sagt ja auch: "Es ist wie eine Strafe..." Das Wörtchen "wie" drückt nur den Vergleich aus, er sieht die Strafe nicht als solche.
      Er weiß, dass er seinen Zustand allein sich und seinem Erbschaden zuzuschreiben hat.
      Aber das Paradoxe ist, dass sein älterer Bruder, der nachweislich den selben Defekt hat, keine Anzeichen einer Verschlechterung der Nierenfunktion zeigt.

      28.08.2007, 14:23 von Malique
    • 0

      @Malique Hey, wir hier sind alle irgendwie christlich geprägt. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort und so. Da muss man kein Fundi sein, um auf solche Gedanken zu kommen.

      el

      30.08.2007, 18:45 von Eldorado
  • 0

    Super geschrieben, ich hätte heute fast vergessen, was für ein Geschenk die Gesundheit ist.

    LG Dschungel

    27.08.2007, 22:07 von Dschungelkoenig
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Was ein guter Text!
    Hätte heute fast vergessen, was für ein Geschenk die Gesundheit ist. Danke, dass du den Text geschrieben hast!

    27.08.2007, 21:57 von Dschungelkoenig
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare