stereoG 16.12.2016, 13:44 Uhr 13 9

Läuft bei mir

aber richtig

Ich sitze in der Bahn wie immer mittig auf den Dreiern. Eine Maus sitzt mir gegenüber und mir läuft die Nase. Da die Stehenden zwischen uns eine kleine Gasse gebildet haben, fühle ich mich wie auf dem Präsentierteller, denn die Konsistenz des Rotzes ist natürlich die Beschissenste überhaupt, was ich draußen in der Kälte nicht geschnallt hatte. In der Wärme der Bahn begann dann die reinste Schnodderschmelze, deren Evolutionsstufen Geoökologen feuchte Träume besorgen würde. Um das Problem am Schnellsten zu lösen, wäre ein ordentliches Ausschnauben vonnöten, aber keine Chance. Auch wenn mich keiner kennt, würde eine öffentliche Nasenreinigung - mit all ihren Facetten wie Schnäuzen, Popeln und Schnoddern - mich selbst kränken. Außerdem spottet mein Taschentusch seiner Bezeichnung.

Also versuche ich es zunächst anders zu klären, in dem ich mir immer wieder kurz an die Nasenflügel greife und leicht und so geräuschlos wie möglich den Rotz hochziehen will, was sich aber bei der Feuchtigkeit zur reinsten Sisyphusarbeit entwickelt, den Schnodder vor dem „Point of no Return“ zurück zu stauen. Doch mit dem Reiben entsteht auch dieser penetrante Juckreiz in der Nase und ich spüre, wie der Rotz noch flüssiger wird, was mehr Jucken und auch wieder mehr Reiben bedeutet. Ein beschissener Teufelskreis. Ich habe meinen Blick mit finsterer Mine mittlerweile auf den Boden gerichtet, damit meine glänzende bis gläserne Nase nicht zu sehen ist. Durch die Reibung ist es noch schlimmer geworden. Jetzt fließt es auch schon in meinem rechten Nasenloch, das ich noch für mindestens drei Tage als verstopft erachtet hatte. Ich werde gleich blöde, dazu macht mir diese Krankenhausbeleuchtung in der Bahn zu schaffen und die Alte gegenüber könnte langsam mal aufhören rüberzuglotzen und sich wie jeder anständige Mensch ihrem Telefon und Candy Crush widmen.

In Gedanken liste ich zu jeder Station Möglichkeiten der Erleichterung auf, die aber alle nicht in Frage kommen, da diese Verbindung hier die einzigletzte und schnellste nach Hause ist. Punkt. Ein Ausstieg bedeutet A-Bereich im Saturdaynight-Fieber mit 9 bis 15-minütigen Warteintermezzi an ausgewählten Stationen wie F-Straße und Alex. Nein, da verzichte ich dankend. Von Bundesplatz bis Ostkreuz auf dem Ring ist schon schlimm genug. Die Partyinvasion der Zugezogenen aus dem Wedding und Moabit Richtung Szeneclubs im Osten ist mir ausreichend bekannt und unterscheidet sich auch nicht großartig vom Südring.

So ertrage ich das wie ein Mann und Minuten werden bei einer fließenden und juckenden Nase schnell zu Jahren. Partielle Erlösung finde ich nur kurz an jeder Haltestelle, wenn Leute aussteigen und ich mit der überbenutzten Serviette, die ich geistesgegenwärtig bei einem Imbiss im Vorbeilaufen abgestaubt hatte, als mir auf der Hintour schon sporadisch die Nase zu laufen begann, etwas Feuchtigkeit abschmieren kann. Da die Mietze letzte Station endlich ausgestiegen ist, begutachte ich mich in der Scheibe gegenüber und sehe wie das Klischee eines kränklich blassen Trinkers mit einer rötlich glänzenden und aufgequollenen Nase aus.

Wo ist bloß meine gesunde Sommerbräune hin? Ich hasse den Winter, wo alles nur Mogelware ist. Du musst immer richtig hinschauen, weil die Weiber übereingepackt rumrennen, ob Rollkragenpullover, XXL-Schal-Boa oder Pelzkragenmäntel, die bis über die Knie reichen, so dass du anhand der Beinproportionen ausrechnen musst, ob sich ein Blick ins Gesicht lohnt. Ist aber mit etwas Übung äußerst einfach abzuschätzen. Sieht man sich nicht mal ein Knie abzeichnen, hat die Grazie sogenannte Nilpferdstampfer und ist damit genauso unter ferner liefen zu finden, wie ihre unförmigen Kameradinnen, die diese fettheitsbedingten X-Beine haben, weil sie sich nur durchs Leben sitzen und naschen und deren größter Alptraum eine kaputte Rolltreppe oder Fahrstuhl ist.

Natürlich muss jetzt auch noch so eine X-Beinige mit Fahrrad in die volle Bahn einsteigen, der ich niemals abnehme, mehr als die dreißig Meter von Haustür zum Bahnhof zu radeln, denn wie sonst ist ein blanker Lenker und keine Handschuhe zu erklären? Hermannstraße, was sonst? Noch vier bis fünf Stationen. Ich denke daran, meine Leiden als Fontanesche Ballade nieder zu schreiben, aber dann müsste ich meine Einschübe weglassen. Die Zigeunerkapelle, die eben eingestiegen ist und ihren U2(*)-Klassiker „Hit The Road Jack“ intoniert, bringt mich auf die Idee, wie man Brechts Dreigroschenoper mit Aktualitätsbezug umsetzen könnte.

Wenn jetzt gleich Neukölln kommt, habe ich die längsten Stationen hinter mir, denn wirklich viel mehr Rotz nimmt „The Taschentuch formerly known as Serviette“ auch nicht mehr auf. Bei einem erneuten Griff an die Nase merke ich, wie etwas Schnodder an meinem Finger kleben bleibt und da es langsam anstrengend wird, gegen die Schwerkraft in meiner Nase anzukämpfen, beschließe ich Treptower Park schon auszusteigen und darauf zu hoffen, dass mich mein Abfahrtszeitgedächtnis vom N94er nicht im Stich lässt. Der müsste bald kommen. Doch vorher steigt Sonnenallee so eine richtige Dulli-Brigade ein, bei der einer freakiger sein will als der andere. Renton haut in Trainspotting eins meiner Lieblingszitate raus, als er am Ende mit Begbie in dem Club ist und bei Anblick der ganzen Feierschwuchteln denkt, dass es in tausend Jahren keine Männer und Frauen mehr gibt, sondern nur noch Wichser. Aber Renton hat danebengelegen, denn es hat nur knapp 20 Jahre gedauert und ist in Berlin mittlerweile zu einer täglichen Travestieshow ausgeartet.

Auf dem Weg zur Tür schmiere ich meine Rotzgriffel am Bomberblouson des Oberdullis ab und remple zur Krönung auch noch einen Spasten mit Döner in der Hand beim Ausstieg um. Ich fliege runter zum Imbiss, mache dabei Geräusche wie eine Wildschweinfamilie beim Schnorchelkurs und klaue mir dort einen riesigen Stapel Servietten, bevor ich weiter zur Treptower Brücke stiefle, wo ich mir wie ein Vorstopper in den 90ern die Nasenlöcher in die Spree freicharlottenburger. Ich atme tief durch, reiße die Arme hoch und rufe „Ich bin der König der Welt“ in die kalte Berliner Nacht. Dann pfeif ich mir ein Taxi ran und lass mich nach Hause fahren.

(*) Die U-Bahnlinie ist gemeint, nicht die Band.

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13 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Text ist ziemlich super.
    Aber:

    Auch wenn mich keiner kennt, würde eine öffentliche Nasenreinigung - mit
    all seinen ihren Facetten wie Schnäuzen, Popeln und Schnoddern - mich selbst
    kränken.

    17.12.2016, 21:58 von JackBlack
    • 0

      Vielen Dank für die Korrektur-Anmerkung.

      18.12.2016, 00:05 von stereoG
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  • 0

    Bei "läuft bei mir" muss ich immer irgendwie an Inkontinenz denken ^^.;),
    Irgendwelche Wasserhähne, Klospülungen und dergleichen, aber naja ^^

    17.12.2016, 20:34 von Gluecksaktivistin
    • 0

      genau "lass es laufen".

      17.12.2016, 20:35 von Gluecksaktivistin
    • 0

      ich denke bei dem "lass laufen"  immer neun Monate weiter :-(

      17.12.2016, 23:55 von Dr_Lapsus
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  • 0

    Dir empfehle ich Venezuela. Keine vermummten  Maedels, sondern alle mit grosszuegigen Balkons ausgestattet, die sie gerne praesentieren,  damit bei den Maennern keine Langeweile aufkommt.  Die  meisten der chicas sind karamellbraun und huebsch.  

    Achso.  Und Schnupfen haben die Einheimischen hoechst selten.  Wenn, dann kannste hier hinrotzen oder spucken, wohin du Lust hast.  Nur halt nicht deinem Nachbarn ins Gesicht. Dann wird auch der unlustig.

    17.12.2016, 18:10 von Dr_Lapsus
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  • 1

    bist du rummelsburger? friedrichsfelder?

    das hat mich gerade an den drughead erinnert, den ich letztens in der 194 angraunzt habe, weil er seine verfickte schniefnase in einen taschentuchfetzen entlud, dieses taschentuch dann aber auch beim drücken über den türknopf legte, damit er sich nicht mit den bakterien da drauf ansteckt. was für ein beschissen dummer flachwichser.

    17.12.2016, 15:29 von libido
    • 0

      ooooooooooh.  i´m  shocking, my love.


      hihi.

      17.12.2016, 18:11 von Dr_Lapsus
    • 0

      Ja, war ich aber nicht. @libido

      18.12.2016, 00:04 von stereoG
    • 0

      stereo: du siehst natürlich besser aus, klar!

      18.12.2016, 14:26 von libido
    • 0

      Wir selbst sprechen aber lieber von Rommelsburg und wie ein Druffi sehe ich nur aus. wenn ich Montagfrüh ausm S falle.

      18.12.2016, 14:58 von stereoG
    • 0

      hartet los! rommel-burger stelle ich mir in etwa so vor: zwei weißbrotscheiben, dazwischen elefantenpimmel mit weißkraut. prost!

      ;)

      18.12.2016, 15:05 von libido
    • 0

      Mann koennte meinen,  Zeckenleibchen schreibt fuer libido :-)

      18.12.2016, 15:09 von Dr_Lapsus
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