Kraftlos.
Ein Outfit das erkennen lässt, dass ich mich nicht gut fühle. Der Blick in den Spiegel ist leer. Da ist nichts mehr. Kein Ausdruck in den Augen.
Ich liege im Bett und will aufstehen. Doch ich spüre eine schwere Last auf meinen Beinen. Am liebsten würde ich liegen bleiben. Irgendetwas ist da. Als ich die Augen auf mache, kann ich nichts entdecken. Also schleppe ich mich ins Bad und steige in die Dusche. Ich ziehe eine lockere Jeans und einen weiten Pulli an. Einen Mantel und Wildlederchucks. So würde ich normalerweise nicht zur Arbeit gehen. Höchstens spazieren. Ein Outfit das erkennen lässt, dass ich mich nicht gut fühle. Der Blick in den Spiegel ist leer. Da ist nichts mehr. Kein Ausdruck in den Augen. Beim Friseur war ich seit drei Monaten nicht mehr. Meine Haare sind Federn. <?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Wie jeden Morgen seit vier Monaten steige ich ins Auto. Wie jeden Morgen weine ich. Wie jeden Morgen steige ich dennoch aus, gehe zu den Kindern und begrüße die Eltern freundlich. Wie jeden Tag wollen die Kinder neues ausprobieren. Vor einem Jahr haben wir ein Musical auf die Beine gestellt. Die Kinder erwarten überragende Aktionen von mir. Diese kennen sie schließlich auch seit 2,5 Jahren. Stattdessen vertröste ich die Kleinen auf irgendwann. Eine Vorschule wie ich sie mache, kann man kaum Vorschule nennen. Ich mache, weil ich machen muss und weil es mein Job ist. Im Team haben wir uns seit acht Wochen nichts mehr zu sagen. Absprachen laufen entweder gar nicht, über meinen Kopf hinweg oder enden mit einem handfesten Streit.
An diesem Morgen fehlen drei Kollegen, was im Kindergarten eine schwierige Sache ist. Die Chefin hilft aus. Die Chefin, die mich seit zwei Jahren ihre Freundin nennt. Ich nenne sie Arbeitskollegin. Eine Freundschaft sieht anders aus. Vertrauen gegen Vertrauen funktioniert nicht, wie sich an diesem Tag herausstellen wird. Diese Woche hatten wir viel geplant. Alles nach der Arbeit mit Kollegen. Doch ich spürte, dass ich nicht können würde. Als ich sagte, ich fühle mich nicht gut, hieß es ich solle nach Hause gehen. Aber ein Gefühl? Nicht mehr?
Später an diesem Tag stehe ich weinend im Büro und rufe meinen Arzt an. Ich weine seit Wochen scheinbar grundlos. So jemand wie ich, weint nicht. Ich bin immer Stark. Meine Beine wurden weich wie Butter und begannen zu schmelzen. Ich muss hier raus, sonst ersticke ich. „Aber es war doch heute gar nichts? Du kannst mich nicht im Stich lassen…“ sagte meine Chefin. „ Ich weine seit Wochen und du schaust zu. Ich gehe die Kinder grundlos an, das allein sollte ein Grund sein, nicht mehr hier sein zu müssen. Das Team ist kein Team mehr.“ Sagte ich. „Aber heute war doch nichts. Es ist vielleicht der letzte Tag an dem wir zusammen arbeiten. Du lässt mich allein.“ Ja ich lasse dich allein. So wie ich seit Wochen allein gelassen werde.
Als ich beim Arzt im Wartezimmer sitze ist mir bereits klar was los ist. Schon öfter, wurde mir gesagt, ich brauche eine Auszeit. Ich sei erschöpft und das nicht erst seit acht Wochen. Nein, seit vielen Monaten. Das ich überhaupt noch gerade stehen kann, sei ein Wunder. Damit hat er eindeutig Recht. Funktionieren war der Plan. Gelebt habe ich schon lange nicht mehr.
Ob mir das Musical wirklich alle Kraft aus dem Körper gezogen hatte, bleibt fraglich. Ob es die Schwierigkeiten im Team waren oder alles zusammen, kann ich bis heute nicht sagen. Es gab lediglich keine Pausen im Alltag. Es gab 12 Stunden Tage über Wochen. Ich wurde gemieden und war doch für alles verantwortlich. Mein altes Team ging und das Neue kam. Deshalb. Sie hatten sich und ich hatte Niemanden. Sie haben die Einrichtung komplett neu gestaltet und binnen kürzester Zeit war nichts von dem übrig, was wir in 2,5 Jahren geschaffen hatten.
Meine Chefin meldete sich kein einziges Mal. Wenn sie mit all ihren Freunden so umgeht, dann hoffe ich, dass diese Freunde sie nie brauchen. Sie unterstellte mir, ich würde lügen. Ich hätte nichts. Man wollte auch privat nichts mehr machen. Wer krank ist, ist krank.
Und das bin ich nun seit 12 Wochen. Drei Monate liege ich im Bett und kann nachts nicht schlafen. Überlege wie es weitergehen könnte. Schaffe nicht mehr als eine Sache am Tag. Gehe ich ins Fitnessstudio ( Sport hilft wurde mir erzählen) kann ich nichts anderes mehr machen. Kochen und backen halfen mir meine Gedanken zu ordnen. Treffen mit Freunden waren selten. Ich hatte keine Kraft und ich wollte nicht reden. Und wenn wir geredet haben, dann nie über mich. Denn weil ich so stark bin, schaffe ich das schon irgendwie. So die Aussagen. Freundschaft? Ja die sieht anders aus, aber besser als ganz allein.
Nach und nach erholte ich mich. Ein Therapeut riet mir zu kündigen, weil er nicht mich für schuldig hält. Er fragte mich, wie lange ich das schon aushalten musste. Jahrelang. Woher ich die Kraft nahm? Die gaben mir die Kinder. Er analysierte die Situation und kam zu einem anderen Schluss als ich. Aber wir beide waren der Meinung, dass mich die Arbeit krank gemacht hat. Nicht die Kinder, nein. Der Geschäftsführer in erster Linie. Die Situation im Team und letzten Endes auch die Person, die ich im Stich gelassen hatte. Meine Chefin. Sie hat jemanden gebraucht, der stark war. Jemanden hinter dem sie sich verstecken konnte. Das dieser Jemand ernsthaft zusammengebrochen ist, kann nicht sein.
Von 12 Bewerbungen 6 Vorstellungsgespräche Einrichtungen genommen. Vier Absagen. Zwei davon mit der Begründung, dass es an Kleinigkeiten festhing und das ich mich ruhig wieder melden soll. Von zweien habe ich immer wieder gehört, das das Auswahlverfahren noch Zeit braucht. Eine Stelle wollte mich kennenlernen als ich bereits eine Stelle hatte. Tja und die eine Stelle, die ich nun antrete, ist die Stelle die ich von Anfang an am liebsten wollte. Weniger Stunden, weniger Geld. Aber vielleicht ein Privatleben, das ich seit langer Zeit nicht mehr hatte. Zeit für mich. Menschen, die meine Qualitäten sehen. Alle Gespräche sind durchweg positiv verlaufen. Drei Einrichtungen hätten mich eingestellt. Ich bin gut. Diese Erfahrungen haben mir die Kraft gegeben weiter zu machen. Wieder aufzustehen. Kraft zum Friseur zu gehen. Kraft wieder Spaß zu haben. Selbstvertrauen. Ich traue mich wieder zu lachen, zu tanzen, auf Menschen zuzugehen.
Das letzte Gespräch mit meinem Geschäftsführer, möchte ich an dieser Stelle nicht ausführen. Wer als Zeugin daneben saß auch nicht. Seine Worte werden mir ewig in Erinnerung bleiben und ich habe Angst vor der neuen Stelle. Aber wenn ich mich jetzt verkrieche und nicht mehr arbeiten gehe, bringt das auch nichts. Ich muss mich wieder raus trauen und neue Erfahrungen sammeln und trotz allem, offen für neue Kinder, Eltern und Chef sein!






Kommentare
Der soziale Bereich kann so unglaublich Scheiße sein!
30.01.2012, 20:56 von MutzoeIch habe die Kommentare gar nicht gesehen. Und ja, kann er. Inzwischen weiß ich gar nicht, wie lange ich es im sozialen Bereich noch aushalten soll.
15.02.2012, 17:59 von sternenfeanger