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Carol 25.02.2004, 15:20 Uhr 6 0

Knall auf Fall – Wie soll man mit der plötzlichen Behinderung seinens Partners umgehen?

Das Schicksal: Ein Unfall, eine Krankheit. Diagnose: Leben mit Behinderung, für immer.

Ich arbeite in einer Stiftung für Rollstuhlfahrer und betreue ganz normale Menschen. Menschen, die alle einmal gehen konnten und Pläne hatten, teilweise schon ihr eigenes Leben aufgebaut hatten. Und dann kam eine Krankheit oder ein Unfall. Diagnose: Behinderung, ab jetzt und für immer. Auf einmal ist nichts mehr, wie es mal war.

Letztens hörte ich, dass sich eine Frau von ihrem Mann scheiden lassen werde, weil sie mit seiner Behinderung nicht mehr klar käme. Eine erste Reaktion darauf ist oft die Äußerung von manchen, wie gemein es sei, den Partner einfach zurückzulassen und dass Liebe doch über die Grenzen der Behinderung hinausgehen müsse. Aber man ist sich oft nicht bewusst, welche Belastungen auch auf den Partnern liegen.
Was bedeutet es wohl für die Partner von „Neu-Behinderten“? Auf einmal kann der Freund nicht mehr gehen. Oder die Freundin wird nie wieder mit zum Skifahren kommen, weil sie ab jetzt im Rollstuhl sitzt. Von den Partnern wird erwartet, dass sie sich kümmern, sich einsetzen, präsent sind, Verantwortung für den Partner übernehmen, belastbar und stark und vor allem selbstlos sind. Schließlich handelt es sich doch um den Menschen, den sie lieben, mit dem sie eine Beziehung haben, vielleicht gemeinsame Kinder, ein Wohnung oder sonstwas. Nicht nur, dass man das Gefühl hat, die Umwelt würden das von einem erwarten, man stellt diese Forderungen auch selbst an sich. Wie würde man reagieren, wenn man wüsste, dass der Partner in ein Pflegeheim müsste, würde man ihn nicht pflegen wollen oder können?

Oft haben sich die Partner lange bemüht und alles getan, waren aber irgendwann nicht mehr in der Lage, der Situation gerecht zu werden. Wer kümmert sich um einen, wenn einem mal die Kraft ausgeht oder der Mut, gegen die Windmühlen anzugehen? Wohin mit dem schlechten Gewissen, wenn man sich auch mal um sich selbst kümmern will? Und wohin mit der Wut, wenn man sich am liebsten mit dem Partner richtig zoffen würde, aber das jetzt einfach nicht mehr geht, weil es ja nicht fair wäre? Was ist mit den eigenen Bedürfnissen?

Es ist so wichtig, die Situation in allen Facetten zu betrachten und zu sehen, dass es nie nur um eine Person geht, sondern dass immer auch die Partner und Freunde mit betroffen sind. Niemand darf für eine Entscheidung verurteilt werden, weder in die eine Richtung noch in die andere.
Das ist leider leichter gesagt als getan.

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    Toller Artikel!
    Meine Tante ist vor 6 Jahren über ein Kalb auf ihrem Bauernhof gestürtzt und wurde mit schwerer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert.
    Leider blieb es nicht bei einer Gehirnerschütterung.
    Die Ärzte hatten nicht erkannt, dass sich in ihrem Kopf ein Blutgerinnsel gebildet hatte. Wenig später bekam sie eine Art Schlaganfall und seither ist sie querschnittsgelähmt. Geistig ist sie noch voll aktiv, aber sie kann nicht mehr sprechen.
    Mein Onkel, der bis dahin nicht gerade dem Idealbild eines perfekten Ehemanns entsprach, ist an dieser Krankheit sehr gewachsen, liebt seine Frau immer noch und kümmert sich rührend um sie.
    Dafür bewundere ich ihn!
    Durch deinen Artikel ist mir diese Leistung und die Belastung für den Partner erst wieder klargeworden.

    23.11.2004, 15:30 von Rosa_li
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    ich habe jahrelang beim rollstuhlbasketball zweite bundesliga geholfen. dadurch habe ich gelernt, welche unterschiede es gibt, im rolli zu sitzen. wie ein familienleben weitergehen kann und und und. mir hat der umgang mit diesen menschen sehr viel spass gemacht und er hat mich sehr bereichert. falls mir oder in meinem umfeld aehnliches mal passieren sollte, denke ich, waere ich ganz gut darauf vorbereitet.

    23.10.2004, 21:38 von octopussy
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    Hallo Carol,
    das gefühl,das andere dabei empfinden,habe ich vor langen Jahren selbst gehabt.Nicht nur,daß mein damals allerbester Freund,der mir mit grossgeworden ist,weggezogen ist,nein,er hat sich einen Elektrischen Schlag an einem defekten Bügeleisen geholt und war 9 Minuten klinisch tot,als sein kleiner Bruder ihn fand.Was übrig geblieben ist,sind die zerstörten Träume,an die er sich nicht mehr erinnern kann,GEistig Behindert,mit dem Wissen eines 10jährigen und dem Körper eines 20jährigen.
    Damals war ich sehr durcheinander,weil ich mir das nicht vorstellen konnte.Er,der immer so fröhlich war,im Koma?
    Seit her habe ich ihn nur noch einmal gesehen,als er zu BEsuch war.Vieles in einem "stirbt" in dem moment,in dem man das ganze wahrnimmt.
    Vielleicht erklärt das,warum ich mich bis heute in einem Verein für Behinderte engagiere und in die Altenpflege gegangen bin.
    Der Umgang mit Behinderten ist nicht einfach,wobei eigentlich die "Gesunden" die grössere Behinderung oftmals aufweisen,weil eine Blockade in uns sagt,daß etwas so nicht sein darf...Darum befassen wir uns nicht damit,sondern gehem dem umbekannten,das uns Angst amcht,aus dem Weg...

    27.02.2004, 11:08 von Frauke
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      @Frauke toll, dass du dieses tabuthema aufgegriffen hast!

      die trennung von einem behinderten menschen oder die einweisung in ein heim hat nicht unbedingt was mit abschiebung zu tun! es kostet den partner/die familie unglaubliche kraft mit einem behinderten zu leben. respekt an alle, die das schaffen und meistern!

      auf der anderen seite darf man aber auch nicht vergessen, was für großartige menschen behinderte sind! geht mal offen auf sie zu und ihr werdet wunderbare erfahrungen erleben!

      29.03.2004, 17:46 von t_floyd
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      @t_floyd Ich hab selber häufiger mit Behinderten zu tun,da ich aktiv im Verein für Behinderte aktiv bin,den es im Rheingau gibt.
      Und bedingt dadurch,daß mein bester Freund so Jung behindert worden ist,sind die ersten Erfahrungen damit auch noch sehr prägend gewesen.
      Ich selbst bewundere jeden,der in einem Heim für Behinderte arbeitet oder sich sogar bereit findet,einen behindeten Menschen zu betreuen.

      04.04.2004, 19:11 von Frauke
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