merlina21 20.06.2004, 17:51 Uhr 3 0

Kann ich dich trösten?

7 Uhr, der Alptraum des Tages beginnt...

Der Morgen fängt an wie der Abend davor. Ich höre dich meinen Namen rufen, ja ich werde gleich zu dir kommen und für dich da sein, bitte nur noch einen Augenblick.

Es dauert nicht lang, vielleicht habe ich auch nur zwei Atemzüge gemacht, ich weiß es nicht, so schnell war die Zeit zwischen deinem Rufen und dem Verschluss der Sektflasche die gut behütet und geschmackvoll kühl im Kühlschrank steht.

Ich höre dich noch einmal rufen, etwas lauter, etwas härter und ich weiß, ich sollte es nicht auf ein drittes Mal ankommen lassen.
Ich rieche deinen Trost aus der Flasche, bei jedem Wort was du von dir gibst.

Ich sehe deinen grünen Plastikbecher, dessen Inhalt als prickelnd schön gekennzeichnet ist.

In diesem Plastikbecher befand sich vor Monaten am frühen Morgen frisch gepresster O-Saft.
O-Saft gibt es schon lange nicht mehr, "Magenschmerzen krieg ich davon", sagst du heute.

Du redest und redest und redest. Mein Magen krümmt sich zusammen, mein Herz schlägt schnell, ich hab Angst.
Bitte wird nicht böse, nicht böse auf mich.
Ich bin immer für dich da, nur gerade jetzt nicht, ich muss zur Schule. Danach werde ich gleich nach Hause kommen.
Ich werde dann wieder für dich da sein. Ich werde dir zuhören...

Ich werde mein Handy ausstellen, keine Verabredungen machen und die Hausaufgaben im Bus erledigen. So hab ich am Nachmittag und Abend nur Zeit für dich.

Du bist immer traurig, immer wütend, du willst immer Hilfe, immer mich zum zuhören, immer mich zum anschreien, immer mich um immer alles zu tun was du immer willst.
.... du willst immer deinen Plastikbecher bei dir haben....immer...

Ich bin jetzt erwachsen, du wohnst allein, wenn ich zu Besuch komme, find ich deine Flaschen im Badezimmerschrank unter den Handtüchern...dein grüner Plastikbecher ist auch dabei...

Liebe Mutter, kann ich dich trösten?

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    egal ob wahr oder erdacht, der text hat mich total umgehauen! wow...!

    28.02.2006, 17:17 von lali
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dein Text macht mich betroffen. Und ich möchte Dir nicht Deine Illusion rauben. Trösten kannst Du sie vielleicht oberflächlich, helfen kannst Du gar nicht - nicht solange sie das nicht von sich aus will.
    Ich wünsche Dir die Kraft, das zu überstehen und Dich selbst zu retten.

    22.06.2004, 12:13 von waldquellfee
    • 0

      @waldquellfee danke für eure beiträge. mir geht es inzwischen gut und ich versuche mich nicht für ihr leben verantwortlich zu machen, manchmal gelingt es, manchmal nicht.
      diesen text habe ich geschrieben, um es mir selber einmal klar zu machen und ich fühl mich wirklich ein stückchen besser, auch wenn es sehr viel überwindung gekostet hat

      22.06.2004, 14:40 von merlina21
    • 0

      @merlina21 Huh, mir aus ist auch ein Schauer über den Rücken gelaufen. Ich glaube auch, das Schwierigste ist, sich für solche Probleme anderer Menschen (und schon gar nicht der eigenen Eltern) die Schuld zu geben. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Wünsche Dir viel Kraft. Hat sie denn einen Entzug gemacht? Oder eine Therapie?

      26.06.2004, 19:37 von Butterkeks
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mein mund steht offen... mir fällt nicht viel ein. ausser: ich wünsche dir (euch) kraft und viel glück!

    21.06.2004, 22:32 von Gaudibus
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android