schin 18.06.2011, 12:27 Uhr 0 1

IS 1

Als sich die Tür öffnet, sehe ich, dass es sich um zwei Männer handelt, die sich umarmt haben, ihre Augen sind rot und mit Tränen gefüllt.

Langsam schließt sich die Tür der IS 1,einer Intensivstation in einem Münchner Krankenhaus.

Hinter dem milchigen Türglas sehe ich zwei Silhouetten von zwei Gestalten. Die eine Person legt seinen Arm um die Schulter der anderen Person und die Umarmung dauert sehr lang. Die beiden Personen sind erstarrt und möchten ihre Umarmung nicht lösen, doch sie müssen, das ist ihnen beiden klar. Als sich die Tür öffnet, sehe ich, dass es sich um zwei Männer handelt, die sich umarmt haben, ihre Augen sind rot und mit Tränen gefüllt.

Ich sitze gegenüber der schließenden Tür auf einem typischen Krankenhaussessel mit zwei Armlehnen, und beobachte, wie Menschen in blauen und weißen Kitteln an mir vorbeilaufen und wie die Tür sich vor mir öffnet und schließt.

Die Götter in Weiß schleifen einen Geruch mit sich, der in mir Übelkeit hervorruft.

Alleine der Gedanke an das Antiseptikum,einem Desinfektionsmittel, das man sich in die Hände reiben muss, ehe man ein Zimmer auf der IS 1 betritt, löst bei mir eine Domino-Kettenreaktion aus.

Ich stelle mir vor, wie ich wieder den langen Gang entlanglaufe, den Geruch von Verwesung und Desinfektionsmittel aufnehme und dabei fast erbrechen muss. Mir wird ein Blick in die anderen Zimmer erlaubt und wenn ein Zimmer ein Bett weniger hat als gestern, heißt es entweder, dass jemand verstorben ist, oder auf die normale Station verlegt wurde. Ich bekomme Kopfschmerzen und meine Augen füllen sich.

So oft wie ich schon diesen Weg gegangen bin, bin ich in der Lage, die Bilder in Sekundenschnelle hervorrufen.

Mit Mundschutz und Infektionskittel kommen mir Menschen entgegen. Der Blick der Menschen ist leer und gleichzeitg von Angst erfüllt.
Die Kranke liegt abgeschirmt.

Andere Angehörige wiederum stehen an den Bettstangen und lauschen den Maschinen, wie sie die Herzströme der Kranken aufzeichnen und die Beatmungsmaschinen, wie sie arbeiten ,übertönen die tatsächliche Atmung des Kranken. Die Schläuche sind unzählbar, es kommt dir vor, als seien es tausende und jede Kanüle gibt Rätsel auf, obwohl sie lebensnotwendig sind.

Ich erfahre, dass das Mädchen in dem isolierten Raum gerade mal Abitur gemacht hat. Ihre Mutter und ich schütteln beide den Kopf, und ich erzähle, dass meine Schwester, gerade erst eine neue Arbeit angefangen hat.
Namen zu nennen, sich vorzustellen, wie es üblich ist, wird unwichtig, es sind die Schicksale, die hier zur Sprache kommen, Details aus dem Leben, die man vorher nicht wirklich wahrgenommen hatte.

Alles wird auf einmal so wichtig und nichtig.

Auf der Intensivstation gibt es keine Abstufung von schlimm und weniger schlimm.
Alles ist brutal, alles scheint wie aus dem Nichts passiert und der Schmerz aller ist gleich.
Nach ein paar Wochen grüßt man sich, und man fragt, wie es dem Kranken geht und wie es dann weitergeht. Selbst der Satz : "Sie hat die Augen heute geöffnet" ist eine gute Nachricht, obwohl es doch so selbstverständlich ist, dass jemand seine Augen öffnet.

Doch egal, ob jemand gerade Abitur gemacht hat, oder erst 27 Jahre alt ist, wie meine Schwester, es spielt in diesem Augenblick keine Rolle.

Nicht auf der IS 1.

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