Insulinabhängig - Wenn das Leben an der Nadel hängt
Von Zuckerpuppen und Nadeln und wie es ist etwas Besonderes zu sein. Und davon, wie es ist "süßes" Blut zu haben
„Hallo Zuckerpuppe!“ ruft der 25-jährige Hannes und winkt aufgeregt einem rothaarigen Mädchen zu, das gerade das Café Segafredo in Steyr betritt. Es sieht den BWL-Studenten an, winkt fröhlich zurück und setzt sich zu ihm an den Tisch. Das Mädchen putzt die beschlagene Brille und schimpft über den Winter. Eine ganz gewöhnliche Szene in einem gewöhnlichen Kaffeehaus. Nichts, was darauf hindeuten würde, dass die beiden etwas Besonderes sind. Niemand im Kaffeehaus ahnt, dass die Rothaarige wirklich eine Zuckerpuppe ist. Genauso wie Hannes. Und auch die drei nächsten Personen, Ina, Sarah und Sandra, die gerade das Café betreten, sind Zuckerpuppen im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben alle eines gemeinsam: Diabetes mellitus Typ 1.
Diabetes mellitus ist die Volkskrankheit Nummer eins in Europa. Laut der International Diabetes Federation (IDF) sterben jährlich 3,2 Millionen Menschen an den Folgen der Stoffwechselkrankheit. Das sind 200.000 Tote mehr als bei Aids (drei Millionen Tote pro Jahr). In Europa leiden laut IDF acht bis elf Prozent der Bevölkerung an Diabetes. 90 Prozent davon sind an Typ 2 erkrankt. Diese Form von Diabetes wird umgangsprachlich auch Alterdiabetes genannt. Besonders übergewichtige Menschen und Personen, die sich zu wenig bewegen und zu kohlehydratreich ernähren, leiden an diesem Typ. Die jungen Steyrer haben alle Diabetes Typ 1. Nur fünf bis zehn Prozent aller Diabetiker leiden an dieser Form der Stoffwechselerkrankung. Bei ihnen entsteht die Krankheit durch eine Autoimmunerkrankung. Die körpereigenen Antikörper zerstören die Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse, in denen das lebenswichtige Hormon Insulin produziert wird. „Ärzte vermuten, dass Diabetes Typ 1 auch bei Menschen, die einen schweren psychischen Schock erlebt haben, entstehen kann“, erklärt Sarah. Bei der 19-jährigen wurde die Krankheit ein Jahr nach der Nierentransplantation ihrer Mutter festgestellt. „Ich hatte einen Tumor im Knie. Ein Jahr nach der Operation bekam ich dann auch noch Diabetes. Toll, nicht?“ sagt Hannes. Er lächelt, aber seine Augen glänzen traurig.
Mindestens fünf Spritzen am Tag. In den Bauch, in den Oberschenkel oder den Oberarm. Dazu noch ungefähr fünf Mal täglich das Stechen mit einer kleinen Nadel in einen Finger zum Bluttzuckermessen. Beim Essen immer Mitzählen. Mitrechnen. Wie viele Broteinheiten sind das jetzt? Wie viel Insulin muss ich dafür spritzen? Immer auf den Körper hören. Wie geht es ihm gerade? Das alles bestimmt den Alltag eines Diabetikers. Einen Tag Pause machen geht nicht. Die Folgen könnten tödlich sein.
Jeden zweiten Donnerstag im Monat treffen sich die „Zuckerpuppen“ in diesem Kaffeehaus. „Manchmal braucht man jemanden zum Reden, der dasselbe hat, wie man selbst. Jemanden, der einen wirklich verstehen kann, weil er die Krankheit auch tagtäglich am eigenen Leib erlebt“, erklärt die 19-jährige Sarah. Es sei nicht immer leicht, darum sei dieser Diabetikerstammtisch für sie sehr wichtig. „An manchen Tagen möchte man alles hinschmeißen“, ergänzt Nicole. Sie fährt sich durch ihre rote Strubelfrisur. Ihr Blick ist jetzt sehr ernst. „Manchmal will man einfach normal leben, so wie alle anderen auch. Dann würde ich am liebsten die Spritze in den Müll werfen.“ Doch vor den Folgen eines solchen Schritts hat sie Angst: „Ich will nicht, dass mir eines Tages ein Bein amputiert wird. Oder dass ich in den Füßen nichts mehr spüre.“ „Am meisten habe ich Angst, dass ich blind werde“, sagt Hannes leise. Die Stimmung am Tisch ist plötzlich gedrückt. Da helfen auch nicht die Pophits, die eine Spur zu laut im Café gespielt werden. Und die fröhlich rot-gelb gestrichenen Wände wirken auf einmal sehr fehl am Platz.
„Die Diabetes-Spätschäden (Erblindung, Nierenversagen, Nervenschädigung) entwickeln sich durch eine chronische Erhöhung des Blutzuckers und sind somit Folge einer nicht optimalen Behandlung dieser Stoffwechselstörung. Die Wahrscheinlichkeit von Spätkomplikationen ist bei einer anhaltend guten Stoffwechselkontrolle geringer“, erklärt die Diabetologin Kinga Howorka auf der Internetplattform von Diabetes Austria, einem Verein zur Soforthilfe für Diabetiker. Spätschäden an Nieren, Augen, Füßen und am Herzen seien häufig. Jeder dritte Diabetiker sterbe an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Um Folgeschäden und –erkrankungen zu vermeiden, sollten Diabetiker auf weitere Risikofaktoren wie die Anti-Baby-Pille, Zigaretten und häufigen Alkoholkonsum verzichten. Regelmäßige Blutzuckerkontrollen seien extrem wichtig. Howorka weiß, wovon sie spricht: Sie ist selbst seit vielen Jahren Diabetikerin. Sie entwickelte die Funktionelle Insulintherapie (FIT), die es Diabetikern ermöglicht selbstbestimmt zu leben. Durch FIT können Zuckerkranke selbst entscheiden wann, wo und wie oft sie essen. Früher wurde ihnen das von Ärzten vorgeschrieben.
Auch die Mitglieder des Diabetikerstammtischs leben mit der Funktionellen Insulintherapie. Howorkas Buch „Insulinabhängig? Funktioneller Insulingebrauch: Der Weg zur Freiheit mit nahezu normalem Zucker“ dient ihnen als Leitfaden. Außerdem besuchen sie alle drei Monate die Diabetesambulanz im Landeskrankenhaus Steyr zur Vorsorgeuntersuchung. „So können Schäden durch die Krankheit sofort erkannt und behandelt werden“, erklärt Manfred Politor, Chef der Diabetesambulanz.
Eine weltweite Steigerung der Diabeteserkrankungen um 75 Prozent erwartet die IDF bis 2025. Das wären 324 Millionen Diabetiker. Nicht nur die Anzahl der Typ 2 Diabetiker wird steigen. Die Zahl der an Typ 1 erkrankten unter 14-jährigen hat sich in den letzten Jahren verdoppelt.
„Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen“, sagt Sandra. „Ich bin krank, aber daran kann man jetzt nichts mehr ändern.“ „Vielleicht gibt es ja bald eine Heilungsmöglichkeit für uns“, sagt Nicole hoffnungsvoll. In Amerika gäbe es schon Uhren, die den Blutzucker messen. Diabetiker müssten sich dann nicht mehr in den Finger stechen, um ihre Werte zu kontrollieren. „Bald wird alles besser,“ sagt Hannes, „da bin ich zuversichtlich. Und bis dahin müssen wir eben mit der Krankheit leben so gut es geht.“ „Bis dahin sind wir alle Zuckerpuppen“, sagt Sarah und lacht. Und die Hoffnung, die stürbe ohnehin zuletzt.






Kommentare
Wenn es nach dem Willen eines Türstehers meiner (ehemaligen!) Stammdisko gegenagen wäre, dann hätte ich meinen Blutzuckertest und die darauf folgende Spritze auf dem Klo machen sollen. Wie ein Drogenabhängiger... und auf einem Diskoklo ist es ja auch so sauber.
31.05.2006, 18:31 von MeinsManchmal denk ich wirklich, dass die Leute bescheuert sind.
@Meins so ein a....
01.08.2006, 12:08 von Evenstareinfach mal pause machen und die spritze in den müll werfen....das verlangen hab ich nur allzuoft, und trotz risiken, schmeiss ich gelegentlich auch einfach alles. nach ein paar tage kommt dann wieder die vernunft (oder der krankenwagen) und ich merke dass ich wohl oder übel damit leben muss und mich drum kümmern...aber manchmal....
10.03.2006, 23:30 von keks84@keks84 bei mir klappts mittlerweile ganz gut, Sport hilft da sehr. Nur am WE hab ich meist nen schlechten Blutzucker, weil der auf Parties, wenn ich ordentlihc trinke, eigentlihc immer außer Kontrolle gerät.
25.06.2006, 12:53 von hapevielleicht nehmen die den Oberarbm, weil sie nicht vor allen Leuten in den bauch spritzen wollen, aber das wär mir zu doof. Außerdem ist in den Oberarbm doch viel auffälliger, bringt also auch nciht viel, wenn man kein aufsehen erregen will. In der Mensa oder im Büro hat noch nie einer was gesagt, wenn ich das am Tisch gemacht habe
05.03.2006, 13:16 von hape@hape anfangs war mein vater dagegen, dass ich neben anderen menschen spritze. er fand das wohl peinlich oder so. aber meine freunde haben mich darin bestärkt, dass ich mich nicht für die krankheit schämen muss und soll und dass ich so den menschen auch zeigen kann, dass auch junge leute diabetes haben können. somit leiste ich einen beitrag zur aufklärung. ;)
05.03.2006, 19:20 von Evenstar@hape: danke für das lob. :)
04.03.2006, 17:00 von Evenstarund wegen dem oberarm: ich kenne tatsächlich einige diabetiker, die sich das insulin in den oberarm spritzen. die machen sich dann auch keine falte, sondern rammen einfach so die nadel rein. einer sogar durch sein hemd. ich find das unhygienisch. außerdem könnte ich es nicht. hab's einmal versucht, hat höllisch weg getan (wie zeckenimpfen) und ich hab's gelassen. da ist mir der bauch hundertmal lieber. :)
joa, der Text ist gut, über Typ 1 liest man nämlich so gut wie nie was, meist nur über Typ 2. Ich find das uach deswegen interessant, weil ich seit 6 Jahren, als ich das letzte mal im Her-und Diabeteszentrum NRW war, keinen Typ 1 - Diabetiker mehr getroffen hab.
03.03.2006, 21:51 von hapeNur eine Anmerkung: niemand spritzt sich in den Oberarm, denn mit Durchschnittsgelenken ist es nicht gerade eifnach, mit der einen Hand an der Einstichstelle am Oberarbm eine Speckfalte zu formen und mit der anderen das Insulin zu injizieren ;).
Lob, das endlich mal jemand was zu dem Thema schreibt. Schade, dass es so unkritisch geworden ist. Nicole und Hannes aus deinem Text kann ich nur sagen: Träumt weiter. Oder lest mal Bücher wie "On the Take" von Jerome P. Kassirer. Die Pharmaindustrie verdient viel zu gut an all dem Zeug was man als Diabetiker so braucht - ein Leben lang.
23.02.2006, 18:18 von redstrawberryEin netter Artikel ist es trotzdem und dass Du den Unterschied von Typ 1 und 2 erklärst finde ich sogar sehr gut!
@redstrawberry wo hättest du dir mehr kritik gewünscht? ich wollte nur mal einen einblick geben in das leben eines diabetikers. weil in den medien so viel müll darüber verbreitet wird.
24.02.2006, 19:20 von Evenstar@Evenstar LOB, LOB, LOB Ich finds echt gut geworden... Hatte auch Diabetes ist aber vorüber gegangen (lag an Steorid-Einahme zur Erkärung) und das ist schon echt Anstrengend...
26.02.2006, 17:56 von PresidenteGut geschrieben. Aber für die Nichtdiabetiker unter uns vielleicht etwas viel Typ 1 & 2 vermischt.
21.02.2006, 23:13 von hoeffy