Immer gut drauf
Neue LIFESTYLEMEDIKAMENTE sollen uns zu funktionierenden Glücksmaschinen tunen. Schon bald kann jeder Anflug von schlechter Laune weggedopt werden.
Vor einiger Zeit war ich in der Apotheke, weil ich eine Zahncreme kaufen wollte. Vielleicht war ich etwas blass an diesem Tag. Jedenfalls reichte mir die Frau in der weißen Uniform eine Broschüre, auf der »Sonne für die Seele« geschrieben stand. Im Sommer seien die meisten Menschen gut drauf, wurde mir darin mitgeteilt, doch wenn man feststelle, dass einem der An trieb fehle, könnten das »erste Signale einer seelischen Verstimmung sein«. Die Lösung hieß »Neuroplant Aktiv«, ein pflanzlicher Stimmungsaufheller, »ab 12 Jahren«. Seltsam, dachte ich, nun gibt es also schon eine Pille, die mich durch den Sommer bringt. Die Monate, in denen man sich naturgemäß am allerbesten fühlt. Und falls nicht, wie wäre es dann mit einem guten Wort statt einer kalten Pille? Eine Pille ist immer die Aufgabe, die Resignation, wenn nichts anderes mehr hilft. Sie ist eigentlich das Ende.
Doch leider fängt damit erst alles an. Das hoch dosierte Johanniskrautextrakt, das mir angeboten wurde, gehört noch zu den harmloseren Mitteln, die derzeit auf dem so genannten Neuro-Enhancement-Markt sind. »Man kann viel Geld machen«, schrieb das British Medical Journal, »indem man Gesunde davon überzeugt, sie seien krank«. Für die Pharmaindustrie sind Stimmungsaufheller und Antidepressiva ein Milliardenmarkt geworden. Alleine das Mittel Neuroplant der Firma Schwabe aus Baden-Württemberg verkauft sich im Jahr fast eine halbe Million Mal, nach Herstellerinformation sind Menschen mit »leichten depressiven Episoden« die Zielgruppe. Also: alle.
Ein härterer Wirkstoff wie Modafinil (in Deutschland: Vigil), der zur Behandlung von Narkolepsie entwickelt wurde, ist heute als Wachmacherdroge bei Managern im Umlauf. Oxytocin, ein Hormon, das zur natürlichen Mutter-Kind-Bindung beiträgt, soll moralisches Verhalten fördern. Seitdem 2005 eine Studie die Wirksamkeit demonstrierte, wird der Stoff als »Liebesvermittler « propagiert. Das Antidepressivum Seroxat wird gegen Schüchternheit eingenommen.
Man kann auch seine Wetterfühligkeit wegschlucken, Medikamente gegen Egoismus und Emphatiemangel sind in Entwicklung. Dabei scheint ein Mittel gegen Schüchternheit genau so absurd, wie in gesundes Fleisch zu schneiden, um einen größeren Busen zu bekommen. Nur verändert man durch diese Lifestylemedikamente nicht sein Äußeres, sondern greift erstmals sein Innerstes an: »Neu ist, dass wir direkt in das System eingreifen, das wir als essenziell für unsere Persönlichkeit ansehen – das, was uns zu dem macht, was wir sind«, sagt Saskia Nagel, die als Kognitionswissenschaftlerin und Philosophin das Thema bearbeitet. Ein kurzer Marktüberblick zeigt, welche Eigenschaften der Mensch der Gegenwart haben sollte: Konzentriert, kommunikativ, potent, belastbar, anpassungsfähig und vor allem glücklich sollte er sein. Vielleicht werden in ein paar Jahrzehnten nicht nur dieselben Stupsnasen, sondern ähnlich getrimmte Gehirne he rumlaufen.
»Jedes Jahrzehnt hat seine Pille«, sagt der Arzneimittelforscher Gerd Glaeske. »In den 60ern war es Valium, um sich zu beruhigen nach der anstrengenden Aufbauarbeit. In den 70ern kamen die psychedelischen Mittel, die Trotzphase, die Eltern haben versagt, und die Kinder wollten ihren eigenen Weg gehen. Seit Ende der 80er, Anfang der 90er sind nun Wirkstoffe gefragt, die individuell anregen, Antidepressiva vor allem.
Man möchte sich in immer stärkerem Maße aus der Masse herausheben, fröhlich und kommunikativ sein, individuell sein. Das Widersprüchliche ist nur, dass letztendlich alle das Gleiche wollen.« Das Gleiche heißt in erster Linie: gut drauf sein, fit sein. Der US-Arzt und Philosoph Carl Elliott beschreibt diesen Prozess in seinem Buch »Better than well. American me –dicine- meets the American dream«. Der Traum von der Selbstverwirklichung, das lange Zeit propagierte Ideal vom erfüllten Leben sei eine Pflicht geworden, auf die nun die Möglichkeiten des Neuro-Enhancement träfen.
Elliott spricht von der »Tyrannei des Glücklichseins«, und dieser Anspruch findet sich in allen westlichen Gesellschaften wieder. Man kann es jederzeit ausprobieren, beim Mittagessen mit Kollegen, abends bei Freunden, einfach mal eine Weile lang melancholisch dreinblicken, schon kommen die Fragen, was denn los sei, ob es einem nicht gut gehe. Gibt es noch ein Recht auf Traurigkeit? Oder bewegen wir uns nicht längst in einer Gesellschaft, in der die ganze Bandbreite von Gefühlen nicht mehr zugelassen wird? Und wenn das so ist: Kann chemisches Glück dann echtes Glück sein?
Es gibt offensichtlich sehr viele, die darauf vertrauen. Die Powerpille Prozac, in Deutschland als Fluctin vertrieben, gehört in den USA schon selbstverständlich ins Küchenschränkchen. Ritalin, das Mittel gegen Hyperaktivität bei Kindern, das zur gleichen Gruppe von Stimulanzien gehört wie Kokain, nehmen angeblich 16 Prozent der amerikanischen Studenten vor Prüfungen. Auch in deutschen Schulen wird Ritalin längst unter Kindern getauscht, ihre Mütter schlucken es zur angenehmen Beruhigung. Genaue Zahlen gibt es keine, wer Ritalin nicht vom Arzt verschrieben bekommt, kann es wie jedes andere der Lifestylemedikamente problemlos im Internet bestellen. Konsumiert wird durch alle Schichten. Von Männern wie Frauen. Der medizinische Psychologe Elmar Brähler hat in einer Studie herausgefunden, dass bei Stimmungsaufhellern vor allem Frauen mit höherem Bildungsgrad gerne zugreifen. »Eine Frau in einer Führungsposition muss mindestens zweimal so gut sein wie ein Mann«, sagt er. Also auch zwei mal so gut drauf.
Die Pharmaindustrie hat sich den emotionalen Leistungsanspruch längst zunutze gemacht. Sie verwandelt Wünsche in medizinische Probleme. »Wollen Sie ein ganzer Mann werden?«, fragt eine Werbung für Potenzmittel. Wer möchte das nicht. Der Viagra-Hersteller Pfizer führt die Internetseite www.mann-info.de, auf der man seinen Penis-Härtegrad testen kann. Doch selbst wenn man Härtegrad 4, die höchste Stufe, erreicht hat, lässt sich »die Anzahl der Erektionen bei entsprechender Medikation noch steigern«. Auf der Pfizer-Seite www.depressonline.de werden »Bekannte und Berühmte mit Depression«, wie Sebastian Deisler und Kurt Cobain, vorgestellt, als könnte man sich im Kreis solcher Berühmtheiten bedeutend fühlen mit seiner Depression.
In der Broschüre von Felis, einem Antistressmittel von Hexal, wird erläutert, dass schon eine »Weihnachtsfeier« oder auch nur »die Lektüre einer Bedienungsanleitung « Stress auslösen können. Kaum noch ein Apothekenschaufenster, in dem nicht eine Frau im Blumenregen steht oder ein Kind zappelfrei am Tisch sitzt. Oft werden Schaubilder benutzt, die wie Backrezepte daherkommen: Eine Zeichnung vom Gehirn hier, eine bunte Synapse da, eine kleine Pille mit Botenstoff, schon hat das Ganze einen pseudowissenschaftlichen Anstrich und verkauft sich leichter. Für das Marketing gibt die Branche mehr aus als für die Forschung.
Sie will ein Bewusstsein wecken, dass in uns et was störend ist, das wir zuvor vielleicht nicht mal wahrgenommen haben. Wenn langjährige, kostspielige Forschungen gegen Krebs und Aids nicht die gewünschten Erfolge bringen, ist es dann aus Unternehmersicht nicht eine gute Lösung, sich den Gesunden zuzuwenden? Indem man zum Beispiel eine neue Krankheit für ein Medikament einführt: Im Falle vom Wachmacher Modafinil wurde Jet Lag von der Firma Cephalon zum »Time Zone Change Syndrome« erhoben. Um Seroxat möglichst breitenwirksam verkaufen zu können, wurde das Krankheitsspektrum »Depression« einfach um die »Schüchternheit« erweitert. Das Neuro-Enhancement dringt tröpfchenweise in unser Leben, ähnlich wie die Schönheitschirurgie.
Jahrelang wurde uns in Lifestylemagazinen eingetrichtert, dass ein Facelift nichts anderes als ein kleiner Urlaub sei. Der Medizinethiker Matthis Synofzik glaubt, dass die Hemmschwelle beim Neuro-Enhancement so gar noch viel niedriger ist: »Eine Pille zu schlucken erscheint weniger invasiv, als an sich he rumschnippeln zu lassen. Bei einer Operation sieht man allerdings hinterher, ob etwas schief gelaufen ist. Im Gehirn nicht.« Dabei können schon pflanzliche Mittel starke Nebenwirkungen wie Leberschäden, Allergien oder Impotenz auslösen.
»Die Formel pflanzlich = gesund, mit der die Werbung spielt, stimmt schlichtweg nicht«, sagt Synofzik. Grundsätzlich besteht ein großer Unterschied darin, ob ein Kranker oder ein Gesunder Psychopharmaka nimmt: »Bei jemandem, der an einer Depression er krankt ist, kann man die Risiken vertreten, weil es einen Nutzen hat«, sagt Arzneimittelforscher Gerd Glaeske. Nur, wer entscheidet heute, was krank und was gesund ist? Der Therapeut Udo Baer, der mit Ritalin-Kindern arbeitet, sagt: »ADHS lässt sich nicht im Blut nachweisen, sondern wird anhand einer Symptomliste diagnostiziert, auf der finden sich Punkte wie ›stört häufig, redet dazwischen‹. Wenn ich das lese, denke ich auch, ich bin hyperaktiv «. Er hat Kinder gesehen, die wie »Zombies rumlaufen«.
Wie bei allen Lifestylemedikamenten sind die Langzeitwirkungen noch nahezu unerforscht. Die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit ist generell hoch, die Pillen können möglicherweise sogar persönlichkeitsverändernd wirken. Udo Baer erzählt von einem jungen Studenten, der ihm gestanden hätte: »Ritalin hat mir meine Ge fühle gestohlen.« »Die Pharmafirmen tun so, als könnte man Probleme einfach durch eine Pille wegklicken«, sagt Gerd Glaeske. In Wahrheit wird auch die Fähigkeit, sich mit seinen Problemen und Ängsten auseinanderzusetzen gestört. Das, was einen als Menschen erst wachsen und reifen lässt. Zudem wird die Schuld auf einen selbst abgewälzt, befürchtet Saskia Nagel: »Wenn es selbstverständlich wird, dass Menschen sich mit Psychopharmaka behelfen, verlieren Aspekte wie Mitleid und Vertrauen an Bedeutung. Das Individuum passt sich an, und nicht die Gesellschaft wird verändert.«
Aber ist es wirklich nur schlecht, sich »enhancen« zu wollen? Und gibt es überhaupt noch einen Weg zurück? Sind wir, wenn wir uns in der Mittagspause den »Espresso doppio« bestellen, nicht auch schon im Rad der Selbstoptimierung? Der medizinische Philosoph Joel Anderson sieht durchaus auch Positives im Neuro-Enhancement: »Ich glaube, Menschen finden immer neue Herausforderungen. Wenn jemandem eine Pille hilft, sich besser zu konzentrieren, wird er vielleicht auch besser vorhersehen, was seine Handlungen bei anderen auslösen, das könnte auch zu einem sozialeren Umgang miteinander führen.«
Das Problem bleibt, dass die erträumten Eigenschaften homogen sind. Der Berliner Psychologe Jens Asendorpf warnt davor, gleiche Psychonormen anzustreben: »Dieter Bohlen mag ja ganz lustig sein. Aber stellen Sie sich vor, in der Fußgängerzone würden Ihnen nur Dieter Bohlens begegnen«, sagt er. »Eine Gesellschaft braucht mutige und schüchterne Menschen: Die Mutigen sind die Entdecker, die Schüchternen überlegen länger.« Wenn alle glücklich sind, ist es nicht mehr glücklich. Dann gibt es keinen Kontrast mehr, der einen erfahren lässt, was Glücklichsein bedeutet. Wenn im Büro alle 14 Stunden lang permanent konzentriert sind, entsteht ein Druck, dem nicht jeder entsprechen will oder kann. Wer garantiert eine gerechte Verteilung, wenn die Mittel ausgefeilter und teurer werden?
Vielleicht erfindet die Pharmaindustrie bald ein Mittel gegen Gähnen und Schwitzen. Vielleicht werden wir uns auf Partys bald nicht mehr mit »Wie geht’s«, sondern mit »Was nimmst du?« begrüßen. Gesundheit würde dann zu einem Zustand, den niemand mehr erreichen kann. Wir würden in einer Gesellschaft leben, die Scheitern nicht mehr als Chance sieht. In der man auf verletzende Situationen nicht mehr verletzt reagieren darf.
Das Problem im Job wird jedoch eine Pille nicht lösen. Das Problem mit dem Tod auch nicht. Vielleicht sollten wir erkennen, dass die Pharmaindustrie vor allem unsere Angst behandelt. Und das ist vielleicht die eigentliche Krankheit.






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