Idealist, kein Idiot ...
... Grotesk, ja weshalb eigentlich nicht?
"Jeder Mensch erfindet sich früher
oder später eine Geschichte, die er dann für einen Teil seines
Lebens hält", langsam wurde ich ungenau, "oder vielmehr
eine ganze Reihe von Geschichten ...", ich tippelte bereits zum
wiederholten Male. Mein Hocker, einer von der alten Sorte, knarzte
gewaltig unter meinem Ungleichgewicht und diesmal hatte ich die
bittere Befürchtung, dass es kein zurück mehr geben würde. Doch zu
meiner eigenen Überraschung hatte ich bereits instinktiv nach Halt
gesucht, gefunden hatte ich die Tresenblende meiner Lieblingsbar, an
der ich mich festklammerte.
Du Glück des Südens ... mit dem
Versuch diesen geradezu winzigen Laden auf ein
Berliner-Gammelschick-Niveau mit dem gewissen Hauch an bayrischer
Gastfreundlichkeit zu trimmen, konnte man Klaus beinahe keinen
Vorwurf daraus machen, dass das Ergebnis eher dem Pennertreff vorm
Frankfurter Hbf glich.
Scheinbar traf dies neuerdings, zu meiner
Verwunderung, trotzdem den Geschmack der Individuallisten hier im
Bezirk; so voll hatte ich den Laden schon lange nicht mehr gesehen.
Noch nie war es bislang vorgekommen, das alle Plätze rings um die
Bar und sogar um die zwei Niedertische im Durchgangsbereich hin zu
den Toiletten, die mit einer waghalsig anmutenden Vorkriegsbestuhlung
ausgestattet waren, restlos belegt zu sein schienen. Mir war bereits
am frühen Abend aufgefallen, das Klaus ungewohnt erquickt
dreinschaute, er hatte beinahe einen etwas schelmisch dreinschauenden
Gesichtsausdruck aufgelegt.
Diese Situation erinnerte mich an eine Sendung die ich auf DMAX gesehen hatte "Leben und Leben lassen - moderne Lebendtierfallen", aus diesem Beitrag kann ich mich lediglich noch an eine Falle erinnern und hier musste es eindeutig Parallelen geben. Angelockt durch einen Duftstoff, zwängten sich die Tiere in den Schlund einer konisch zulaufenden Röhre, die meisten Tiere schafften es gerade einmal so, sich durch den letzten Ring der Röhre zu pressen, bevor sie endlich am Ziel, einem viel zu klein geratenen Kubus, ihrer instinktiven Begierde an kamen ... durchkämpft von den Strapazen und unfähig sich auf so engen Raum zu wenden, hatten sie unmöglich eine Chance durch den eben passierten Ring in die Freiheit zurück zu kehren.
So etwas nennt man dann tierfreundliche
Lebendfalle. Ole ole
Ich hatte schon eine Stunde zuvor die suche nach lebensbedrohlichen Fallen aufgegeben, hatte augenscheinlich keine auffälligen Veränderungen entdecken können. Irgendeinen Grund musste es
ja schließlich geben, das man auf seinen Drink geschlagene zehn
Minuten oder länger, warten musste und trotzdem nicht den Laden
wechselte. Wäre Klaus an diesem Abend nicht sichtlich mit der neuen Gegebenheit,
wirklich etwas arbeiten zu müssen, sichtlich überfordert gewesen,
hätte ich ihn liebend gerne auf meine These angesprochen, um im Anschluss
seine Reaktion darauf zu analysieren ...
Ich zog es vor mich erst einmal langsam
wieder auf eine etwas sicherer Körperhaltung zurück zu bewegen und gab ein für
Außenstehende unverständliches, "saochemal wasn loos …
fukscesa", von mir und fing an, leicht benommen vor mich her zu
schmunzelte, als Triumph darüber ... mich noch einmal auf dem Hocker
gehalten zu haben.
Dieser kurze Anflug von Euphorie verflog
ebenso schnell, wie er gekommen war, als sich das letzte bisschen
Adrenalin aus meinem bereits weichgeklopften Hirn verkroch.
Meine Gedanken, ich, zu betrunken,
um meinen eigenen Gedanken folgen zu können ...
Mein Gott, ich
... ach verdammt. War ich etwa schon wieder so weit herabgestiegen.
Es schien so.
Es war eindeutig der Zeitpunkt gekommen, um
einen meiner berühmten polnischen Abgänge aufs Parkett zu legen ...
... jetzt musste es schnell gehen, würde in in dieser
körperlichen Verfassung nicht Augenblicklich dieses Lokal verlassen,
würde ich wohl den gesamten Morgen damit verbringen, von
Endhaltestelle zu Endhaltestelle pendelnd, den Absprung vor der
Rushhour zu verschlafen.
Nach einigen Minuten, an meinem
Bier nippend, stellte ich erschrocken fest.
[... Mist, schon
wieder erwische ich mich dabei, wie ich Gedanklich immer weiter von
meinem Notfallplan abzuschweifen drohe] Ich riss mich, mit einem
kleinen Satz vom Hocker, aus der völligen Versenkung, selbst meine
Nebensitzer waren so verblüfft von meinen Erwecken, das sie mich
verdutzt anstarrten, "Ich bin mal kurz für kleine Königstiger",
mein Kopf pochte, das abrupte aufstehen zollte seinen Tribut, "bitte
werft mal zwischenzeitig n Auge auf mein Bierchen ..." versuchte
ich in einem leicht beiläufigen Ton einzuwerfen. Nachdem ich mich
mehr oder weniger souverän durch die wahr los herumstehenden Stühle
manövriert hatte, konnte ich mich endlich durch die schmuddeligen
Flure zur Herrentoilette vor tasten.
Weshalb scheint es eigentlich so schwierig zu sein, gutes Personal zu finden oder hatte er den Schmutz der Nassraumzellen gleich vom Vormieter mit übernommen, sozusagen als Starterset für Berlinkenner.
Wenn man sich hier erst einmal genauer umschaute und diesen Gedanken mit einfließen lies, war es ein leichtes zu erahnen, weshalb „Kebab to got“ nicht mit einer normalen Verwarnung, sondern nach zweiwöchiger Schließung direkt eine Geschäftsaufgabe vom KVR auf gebrummt bekam. Im nach hinein betrachtet, war ich im Zeichen des guten Glaubens an halbwegs hygienische Zustände froh darüber, dass diese Räumlichkeiten so nicht für die Öffentlichkeit sichtbar war … zu der Zeit, als hier offiziell Leute mit Lebensmitteln verköstigt wurden.
Endlich angekommen, stand ich nun vor der Notausgangstüre. Alles klar, ich checkte mein Hab & Gut auf ihre Vollständigkeit und da war es wieder, wo war meine Jacke … toll.Ich war so damit beschäftigt gewesen mich aufrecht, über den Daumen gepeilt, durch die Stuhlreihen hindurch Richtung Flur zu eilen, das ich meine Jacke über dem, mit meinem Hintern liebkosten, Hocker an mich zu nehmen.
Es half nichts, ich konnte nicht noch
einmal zurück … ich hatte ja noch Klaus, der für mich bis morgen
Abend sicher darauf aufpassen würde. Sofern ich es noch schaffen
würde, ihm mitzuteilen was ich mir da gerade zusammengereimt hatte
...
Bevor ich jedoch die Notausgangstüre hinter mir schloss,
prüfte ich im letzten Lichtstrahl der Glühlampe mein eigens
initiiertes Survivaltool für alkoholisierte Großstädter
...
Ich hatte mir vor Jahren in meinem anflug von jugendlichen Leichtsinn ein Tattoo in die Innenfläche meines linken Unterarms stechen lassen. Selbstverständlich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Sinne, aber mit dem bitter-süßen Beigeschmack, das ich mir seither in regelmäßigen Abständen meine kurzärmligen Anzughemden während der Arbeit mit Abdeckfarbe ein saue.
Als Motiv hatte ich mir eine
Kurzanleitung für Taxifahrer, mit Namens-, sowie Adressfeld und dem
Verweis, in welcher Jackentasche sich das Fahrgeld exklusive TIP, für
die Überbringung zum Reiseziel verstaut sind.
Eine exzellente
Gedächtnisstütze, gerade was mein Faible für deutsche Großstadtreisen anging,
da ich meist nicht einmal mehr meine eigene Adresse verständlich weitergeben vermag, wenn ich mich nach so einem Abend von Frischluft umgeben lasse.
Am nächsten Morgen fand ich folgendes Post auf Facebook ...
SMS von gestern Nacht:
„Kläusschen ich bin haause. Komm
morgen, Jacke is noch volllieb, Danke“
Tags: fiktion, Alkohol, Bars, Hilfsmittelchen, Nachhauseweg, Taxi






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