Mischa_will_Fruehling 30.01.2012, 03:41 Uhr 0 1

Idealist, kein Idiot ...

... Grotesk, ja weshalb eigentlich nicht?

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er dann für einen Teil seines Lebens hält", langsam wurde ich ungenau, "oder vielmehr eine ganze Reihe von Geschichten ...", ich tippelte bereits zum wiederholten Male. Mein Hocker, einer von der alten Sorte, knarzte gewaltig unter meinem Ungleichgewicht und diesmal hatte ich die bittere Befürchtung, dass es kein zurück mehr geben würde. Doch zu meiner eigenen Überraschung hatte ich bereits instinktiv nach Halt gesucht, gefunden hatte ich die Tresenblende meiner Lieblingsbar, an der ich mich festklammerte.

Du Glück des Südens ... mit dem Versuch diesen geradezu winzigen Laden auf ein Berliner-Gammelschick-Niveau mit dem gewissen Hauch an bayrischer Gastfreundlichkeit zu trimmen, konnte man Klaus beinahe keinen Vorwurf daraus machen, dass das Ergebnis eher dem Pennertreff vorm Frankfurter Hbf glich.
Scheinbar traf dies neuerdings, zu meiner Verwunderung, trotzdem den Geschmack der Individuallisten hier im Bezirk; so voll hatte ich den Laden schon lange nicht mehr gesehen. Noch nie war es bislang vorgekommen, das alle Plätze rings um die Bar und sogar um die zwei Niedertische im Durchgangsbereich hin zu den Toiletten, die mit einer waghalsig anmutenden Vorkriegsbestuhlung ausgestattet waren, restlos belegt zu sein schienen. Mir war bereits am frühen Abend aufgefallen, das Klaus ungewohnt erquickt dreinschaute, er hatte beinahe einen etwas schelmisch dreinschauenden Gesichtsausdruck aufgelegt.

Diese Situation erinnerte mich an eine Sendung die ich auf DMAX gesehen hatte "Leben und Leben lassen - moderne Lebendtierfallen", aus diesem Beitrag kann ich mich lediglich noch an eine Falle erinnern und hier musste es eindeutig Parallelen geben. Angelockt durch einen Duftstoff, zwängten sich die Tiere in den Schlund einer konisch zulaufenden Röhre, die meisten Tiere schafften es gerade einmal so, sich durch den letzten Ring der Röhre zu pressen, bevor sie endlich am Ziel, einem viel zu klein geratenen Kubus, ihrer instinktiven Begierde an kamen ... durchkämpft von den Strapazen und unfähig sich auf so engen Raum zu wenden, hatten sie unmöglich eine Chance durch den eben passierten Ring in die Freiheit zurück zu kehren.

So etwas nennt man dann tierfreundliche Lebendfalle. Ole ole

Ich hatte schon eine Stunde zuvor die suche nach lebensbedrohlichen Fallen aufgegeben, hatte augenscheinlich keine auffälligen Veränderungen entdecken können. Irgendeinen Grund musste es ja schließlich geben, das man auf seinen Drink geschlagene zehn Minuten oder länger, warten musste und trotzdem nicht den Laden wechselte. Wäre Klaus an diesem Abend nicht sichtlich mit der neuen Gegebenheit, wirklich etwas arbeiten zu müssen, sichtlich überfordert gewesen, hätte ich ihn liebend gerne auf meine These angesprochen, um im Anschluss seine Reaktion darauf zu analysieren ...

Ich zog es vor mich erst einmal langsam wieder auf eine etwas sicherer Körperhaltung zurück zu bewegen und gab ein für Außenstehende unverständliches, "saochemal wasn loos … fukscesa", von mir und fing an, leicht benommen vor mich her zu schmunzelte, als Triumph darüber ... mich noch einmal auf dem Hocker gehalten zu haben.
Dieser kurze Anflug von Euphorie verflog ebenso schnell, wie er gekommen war, als sich das letzte bisschen Adrenalin aus meinem bereits weichgeklopften Hirn verkroch.


Meine Gedanken, ich, zu betrunken, um meinen eigenen Gedanken folgen zu können ...
Mein Gott, ich ... ach verdammt. War ich etwa schon wieder so weit herabgestiegen. Es schien so.

Es war eindeutig der Zeitpunkt gekommen, um einen meiner berühmten polnischen Abgänge aufs Parkett zu legen ...
... jetzt musste es schnell gehen, würde in in dieser körperlichen Verfassung nicht Augenblicklich dieses Lokal verlassen, würde ich wohl den gesamten Morgen damit verbringen, von Endhaltestelle zu Endhaltestelle pendelnd, den Absprung vor der Rushhour zu verschlafen.


Nach einigen Minuten, an meinem Bier nippend, stellte ich erschrocken fest.
[... Mist, schon wieder erwische ich mich dabei, wie ich Gedanklich immer weiter von meinem Notfallplan abzuschweifen drohe] Ich riss mich, mit einem kleinen Satz vom Hocker, aus der völligen Versenkung, selbst meine Nebensitzer waren so verblüfft von meinen Erwecken, das sie mich verdutzt anstarrten, "Ich bin mal kurz für kleine Königstiger", mein Kopf pochte, das abrupte aufstehen zollte seinen Tribut, "bitte werft mal zwischenzeitig n Auge auf mein Bierchen ..." versuchte ich in einem leicht beiläufigen Ton einzuwerfen. Nachdem ich mich mehr oder weniger souverän durch die wahr los herumstehenden Stühle manövriert hatte, konnte ich mich endlich durch die schmuddeligen Flure zur Herrentoilette vor tasten.

Weshalb scheint es eigentlich so schwierig zu sein, gutes Personal zu finden oder hatte er den Schmutz der Nassraumzellen gleich vom Vormieter mit übernommen, sozusagen als Starterset für Berlinkenner.

Wenn man sich hier erst einmal genauer umschaute und diesen Gedanken mit einfließen lies, war es ein leichtes zu erahnen, weshalb „Kebab to got“ nicht mit einer normalen Verwarnung, sondern nach zweiwöchiger Schließung direkt eine Geschäftsaufgabe vom KVR auf gebrummt bekam. Im nach hinein betrachtet, war ich im Zeichen des guten Glaubens an halbwegs hygienische Zustände froh darüber, dass diese Räumlichkeiten so nicht für die Öffentlichkeit sichtbar war … zu der Zeit, als hier offiziell Leute mit Lebensmitteln verköstigt wurden.

Endlich angekommen, stand ich nun vor der Notausgangstüre. Alles klar, ich checkte mein Hab & Gut auf ihre Vollständigkeit und da war es wieder, wo war meine Jacke … toll.Ich war so damit beschäftigt gewesen mich aufrecht, über den Daumen gepeilt, durch die Stuhlreihen hindurch Richtung Flur zu eilen, das ich meine Jacke über dem, mit meinem Hintern liebkosten, Hocker an mich zu nehmen.

Es half nichts, ich konnte nicht noch einmal zurück … ich hatte ja noch Klaus, der für mich bis morgen Abend sicher darauf aufpassen würde. Sofern ich es noch schaffen würde, ihm mitzuteilen was ich mir da gerade zusammengereimt hatte ...
Bevor ich jedoch die Notausgangstüre hinter mir schloss, prüfte ich im letzten Lichtstrahl der Glühlampe mein eigens initiiertes Survivaltool für alkoholisierte Großstädter ...

Ich hatte mir vor Jahren in meinem anflug von jugendlichen Leichtsinn ein Tattoo in die Innenfläche meines linken Unterarms stechen lassen. Selbstverständlich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Sinne, aber mit dem bitter-süßen Beigeschmack, das ich mir seither in regelmäßigen Abständen meine kurzärmligen Anzughemden während der Arbeit mit Abdeckfarbe ein saue.

Als Motiv hatte ich mir eine Kurzanleitung für Taxifahrer, mit Namens-, sowie Adressfeld und dem Verweis, in welcher Jackentasche sich das Fahrgeld exklusive TIP, für die Überbringung zum Reiseziel verstaut sind.

Eine exzellente Gedächtnisstütze, gerade was mein Faible für deutsche Großstadtreisen anging, da ich meist nicht einmal mehr meine eigene Adresse verständlich weitergeben vermag, wenn ich mich nach so einem Abend von Frischluft umgeben lasse.


Am nächsten Morgen fand ich folgendes Post auf Facebook ...

SMS von gestern Nacht:

„Kläusschen ich bin haause. Komm morgen, Jacke is noch volllieb, Danke“





Tags: fiktion, Alkohol, Bars, Hilfsmittelchen, Nachhauseweg, Taxi
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