To_be_crazy 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 2

Ich könnt kotzen

Jeder sagt es. Auch ich. Nur, dass ich es tatsächliche tue.

Wenn wieder mal ein Tag zu Ende geht. Ich habe mir fest vorgenommen, dass heute Schluss sein muss. Es muss. Ich gehe die Straße lang. Und ich spüre es. Ich will, ich will, ich will. Meine Seele schreit. Ich versuche nicht hinzuhören. Es geht nicht. Ich könnte heulen. Jetzt schon. Ich weiß, wie es enden wird und wo.

Ich gehe in den Laden. Ich kaufe ein wie für eine Woche. Die Angst entdeckt zu werden, lähmt mich fast. Alle wissen, was ich tue. Alle wissen, was passieren wird. Zumindest bilde ich mir das ein. Und trotzdem tue ich es. Das Verlangen ist stärker, viel stärker. So viele Dinge habe ich schon getan für die ich mich schämen sollte. Schämen müsste. Meine Hemmungen habe ich lange verloren.

Ich kaufe ein, ich esse. Meine Nachbarn können mich sehen. Ich weiß es. Interessieren tut es mich wenig. Jeden Tag schleppe ich die Tüten ins Haus. Ständig bestelle ich Pizza. Natürlich, ich habe Besuch. Jeden Tag. Immer eigentlich. Und tatsächlich ich habe Besuch.

Mia heißt sie in Pro-Kreisen. Manchmal nenne ich sie auch so. Klingt eben schöner als Bulimia Nervosa. Ihr voller Name. Sie besucht mich. Sie wohnt bei mir. In mir. Und so kaufe ich ein, für uns beide. Ich esse, nein, ich fresse. Wenn jemand anruft, bin ich nicht da. Klingeln braucht auch keiner.

Und so verbringe ich Ewigkeiten damit mich voll zu stopfen. Ich kann nicht mehr laufen, keinen Meter. Also krabbele ich. Das geht. Ins Bad. Ich muss doch nur ins Bad. Dort sitze ich nun. Die Kloschüssel fest im Arm. Wie gut das tut. Der Magen leert sich.

Doch dann- kommt nichts mehr. Die Tränen laufen. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Ich habe es wieder nicht geschafft. Ich bin ein Versager. Alles tut weh. Ich robbe ins Bett. Bin müde, will schlafen. Bloß nicht denken, nicht jetzt und nicht morgen. Wie furchtbar es mir jetzt geht. Nein, das mache ich nie wieder. Ich schlafe ein. Träume wirr. Wache auf, gehe zum Kühlschrank.

Drehe mich um. Überlege. Setze mich hin. Eins, zwei, drei. Es hilft nichts. Es muss. Ich muss. Das Verlangen so viel stärker. Ich gehe zum Kühlschrank. Ich mache ihn auf. Nehme alles, was noch da ist. Viel ist das nicht. Aber irgendwo muss noch mehr sein. Nudeln vielleicht. Gefunden. Gekocht. Gegessen. Gekotzt.

Wieder ins Bett. Diesmal endgültig. Und morgen ist ein besserer Tag. Einer ohne das Ganze. Denke ich und schlafe ein. Träume von Essen, von Tod. Wache auf. Fühle mich wie erschlagen. Dusche, ziehe mich an. Gehe raus. Erledige Dinge. Es ist Mittag. Hunger habe ich keinen. Also esse ich auch nicht. Es wird Abend. Ich gehe nach Hause. Komme beim Bäcker vorbei, sehe den Kuchen, die Brötchen, das Baguette. Hunger habe ich nicht. Aber sie ist wieder da.

Die kleine Stimme, die immer größer wird und mich zwingt zu tun, was ich nie wieder tun wollte…"Wichtige Links zu diesem Text"
www.bulimie.de

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5 Antworten

Kommentare

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    dank deines textes habe ich endlich eine vorstellung wie es einem geht wne man unter sowas leidet....
    und es ist härter als ich dachte, ich hoffe das du das schaffst ansonsten viel glück

    21.07.2007, 11:57 von Sarph
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      @Sarph Was soll ich sagen?! Härter als du dachtest. Mag sein. Aber dieser Text ist noch harmlos im Gegensatz dazu, was noch alles passiert. Unmengen an Geld, soziale Isolation, Suizidgedanken... das ganze Spektrum an negativen Gefühlen. Das, was ich beschrieben habe, ist hart und ehrlich, ja, aber auch oberflächlich. Wie sehr die Seele leidet, kann sich - zum Glück- kaum jemand vorstellen.

      22.07.2007, 02:29 von To_be_crazy
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      @[Benutzer gelöscht] Ich gebe mein Bestes. Jeden Tag. Leben will ich. Frei sein auch, aber das ist nicht so einfach. Wie oft habe ich mir gewünscht, da wäre jemand, der mich schüttelt. Dann wieder wollte ich jemanden, der mich in den Arm nimmt. Doch weder das eine noch das andere hätte etwas geändert. Der Wille muss von innen kommen. Ich habe ihn. Nicht immer 100%ig, aber er ist da.
      Doch bis heute ist mir noch nicht die Erkenntnis gekommen, dass mir diese Krankheit mein Leben nehmen könnte. Sie kann töten...

      22.07.2007, 02:26 von To_be_crazy
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      @[Benutzer gelöscht] Ich muss ehrlich zugeben, dass mich deine Antwort hart trifft. Mal abgesehen von nur einem "aber", finde ich nicht, dass du so über mich urteilen solltest. Ich selbst kann ganz gut einschätzen, wie es mir geht. Und ja, ich kann mir glauben. Ich tue es. Immerhin hat mir mein Wille schon 3 "cleane" Monate gebracht. Und, dass ich ihn nicht immer gleichermaßen habe, ist denke ich völlig normal. Jeder, der süchtig ist, spürt manchmal Schwäche. Und auch Verlangen. Ich habe nicht nachgegeben und ich will es auch nicht. Nur versprechen kann ich es nicht, weil ich schon mal zurück gegangen bin in die Hölle- nach 5 Monaten. Und nicht, weil mein Wille nicht stark genug war, sondern, weil ich vergessen hatte, dass es die Hölle war.

      22.07.2007, 21:25 von To_be_crazy
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      @[Benutzer gelöscht] Ist ok... passiert manchmal. Manchmal kommt es eben vor, dass man zu vorschnell urteilt. Ich kann dir nicht mehr sagen als die Wahrheit. Die Wahrheit über meine derzeitige Situation. Dir ist diese Hölle nicht unbekannt- darf man fragen, was das heißt?

      23.07.2007, 10:04 von To_be_crazy
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    danke für den einblick.
    ich wünsch dir, dass du die kraft findest, auch mal ans telefon zu gehen oder aufzumachen, wenn es klingelt. und nach und nach vielleicht hilfe von anderen annehmen zu können.

    19.07.2007, 07:51 von lila-hexe
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      @lila-hexe Bitte. Kein schöner, aber ein ehrlicher.
      Die Kraft finden, etwas zu ändern. Das ist nicht leicht, aber ich habe es geschafft. Ob für immer- wer weiß das schon. Die Stimme ist noch da, nur leiser ist sie geworden. Aber danke. Kraft kann ich immer gebrauchen. Jeden Tag neu

      19.07.2007, 13:48 von To_be_crazy
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    groß was sagen brauche ich nicht, ana macht das gleiche. du kennst es, ich kenne es. süchtig sind wir, die stimmen werden immer dableiben.
    ich wünsche dir alles gute!
    liebe grüße

    19.07.2007, 00:14 von herzschmerz
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