Kokomiko 25.01.2012, 15:15 Uhr 82 119

Ich in der Mitte

Irgendwann als ich anfing, immer weniger zu werden, wurde die Welt, in der ich war immer mehr und nahm Überhand.

Die Leute fingen an, mir zu sagen, ich sei zu dünn. 85 Kilo auf 1,85. So wie seit 20 Jahren, sagte mir der zittrige Zeiger der alten Waage beim Apotheker. Trotzdem sagten es viele. Sprich doch mal lauter. Man versteht dich überhaupt nicht, sagten auch einige. Auf einmal. Ich hatte schon immer lieber leise gesprochen. In lauter Umgebung, Discotheken und Kneipen, im Stadion, verstanden mich die Gesprächspartner nur, wenn ich ihnen direkt ins Ohr sprach, während andere noch über Köpfe und Pegel hinweg zu hören waren. Aber in normaler Umgebung war ich schon zu verstehen gewesen. Bei der Bundeswehr musste ich oft laut sprechen. Im Formaldienst häufig schreien, damit die Kommandos aus der Mitte des Exerzierplatzes deutlich für die Soldaten zu verstehen waren, die von mir ferngesteuert ihre Runden drehten. Aber sonst musste ich dort in der ganzen Zeit kein einziges Mal schreien. Die Soldaten verstanden auch ruhige Befehle sehr gut. Auch, wenn in meinen Beurteilungen immer zu lesen war, ich müsse mehr aus mir herausgehen. In der mir eigenen Art, habe ich nicht lauter gesprochen, sondern aufgehört, Beurteilungen zu lesen. Ich wusste ja selbst, wo meine Schwächen sind. Die Lautstärke meiner Sprache empfand ich nie als eine. Ganz im Gegenteil.

Doch nun merkte ich selbst, dass mir die Stimme weniger wurde. Sie verkroch sich in mir und versteckte mich mit. Brach mir richtig zusammen im Satz. Also hörte ich auf, zu sprechen und empfand es wie Wohltat, es nicht mehr zu müssen. Es gab genug andere, die gerne und schnell diesen Freiraum mit ihren Worten besetzten. Ein guter Zuhörer war ich wohl schon immer gewesen. Aber auch das veränderte sich. Es wurde mir alles zu laut. Auch die Gedanken der anderen. Oft hatte ich am offenen Fenster gesessen und die Geräusche der Stadt gerne gehört. Meine Fenster ließ ich nun geschlossen. Aus allem war einfach nur Lärm geworden. Ich erschrak mich im Auto, wenn es hinter mir hupte und fühlte mich gehetzt und belästigt vom Straßenverkehr. Unter Druck gesetzt von Geschwindigkeit und Tempo. Die Wege des Alltags wurden mir eine dauernde Flucht. Jedes Treffen auf Menschen eine Lebensgefahr. So vermied ich es, ihnen zu begegnen. Wie ich mich selber vermied. Ohne Zwang oder Wollen und Wissen hörte ich erst auf zu lachen. Dann zu lächeln. Zu denken. Essen wurde zur Überwindung aus Notwendigkeit und ich tat alles langsamer als gewöhnlich. Zeitlupendasein ohne Kontrolle und Plan. Ich wechselte die Straßenseite, wenn ich in Entfernung einen Fußgänger kommen sah. Fühlte mich getrieben, bedrängt und beobachtet, wenn ich hinter mir jemand hörte. Wie im Fokus aller Welt wollte ich am liebsten unsichtbar werden. Jeder Schritt in der Öffentlichkeit wurde mir peinlich zur Not. Wie zur Strafe.

Zuhause machte ich die Lampen nicht mehr an und gewöhnte mich daran, meinen Weg durch die Wohnung im Dunkeln zu finden. Ich wurde ein blinder Mensch. Jedes Licht wurde Angriff. Selbst das Atmen ging flacher und flacher. Tiefes Luftholen Arbeit gegen den Ring aus Beton um die Brust. Also ließ ich es.

Der Tod war mir mehr Verlockung geworden als Drohung und ich wünschte mir, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Am liebsten, nie dagewesen zu sein.

Wenn ich früher über Depressionen aus Erschöpfung gelesen, davon gehört hatte, dachte ich immer, dass man andauernd traurig sei. Ganz schwer traurig und schwermütig. Dass man Angst hätte und weinen müsse. Das war aber falsch. Es hat sich irgendwann angefühlt, als wenn ich an einer Stelle durchgerostet wäre und nun mein Leben ganz langsam, aber stetig durch das Loch auslaufen würde. Und mit jedem Tag wurde ich mir irgendwie leichter. Weil ich aufgeben konnte. Das hatte eine sehr reinigende Kraft. Denn zum Schluss blieb nur noch mein Körper übrig und das war noch zuviel. Dabei nicht dramatisch oder selbstmitleidvoll, wie ich immer dachte, sondern als würde ich langsam zu Luft werden. Ganz inhaltslos. Frei und verflüchtigt von allem Leben. Das war eine recht seltsame Erfahrung und ich bin sehr froh, dass ich damals alleine sein konnte damit. Denn es versteht niemand, der nicht in der Lage ist oder war. Sich erklären zu müssen, war mit am schwersten dabei.

Heute meide ich die Ursachen und habe mir beigebracht, mich heraus zu nehmen und zu entziehen. Dann bleibt alles stehen und liegen und es tut mir gut, was undenkbar war. Ich in der Mitte.

 


Tags: Pass auf dich auf
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82 Antworten

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    "Oft hatte ich am offenen Fenster gesessen und die Geräusche der Stadt
    gerne gehört. Meine Fenster ließ ich nun geschlossen. Aus allem war
    einfach nur Lärm geworden."

    *

    21.03.2012, 22:45 von Sternseherin
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  • 0

    danke. für diesen Text. gerade jetzt, hilft er mir doch so. gerade jetzt, habe ich mich trauen können, ihn bis zum Schluss zu lesen.

    ich danke dir.

    02.03.2012, 04:19 von Buchliebhaberwichtel
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  • 0

    .. fein und eindringlich zugleich!

    18.02.2012, 21:58 von Schmeichelkatze
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  • 1

    du sprichst mir aus der seele!

    15.02.2012, 20:11 von manu120187
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  • 1

    danke für diesen text.

    29.01.2012, 23:44 von AugenBlickLich
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  • 1

    ganz groß.

    29.01.2012, 16:14 von wortkotze
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  • 1

    Jedes einzelne Wort hätte von mir stammen können. Es war die Hölle, doch es ist vorbei und ich bin froh, wieder zu leben. Deine Zeilen haben mich sehr sehr berührt und mir wieder vor Augen geführt, dass wir nicht alleine sind mit dieser Krankheit, oder wie auch immer man es nennen mag.
    Danke.

    29.01.2012, 13:53 von Mathilda00
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  • 1

    auf den punkt gebracht.  nicht auf den punk...

    29.01.2012, 00:43 von lavish
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