gluecksstraehne 12.12.2007, 15:43 Uhr 2 1

Ich bin schizophren, Schätzchen

Auf einmal war er wieder da. Aber es war nicht das gleiche.

„Ey, sag mal, Max kommt auch nicht mehr zur Schule, oder?“
„Nee, irgendwie nicht…ich seh den auch gar nicht mehr und dabei wohnt er nur zwei Blocks weiter…“
„…na ja“

Dann kam er doch noch mal. Nur ne Stunde, Geschichte bei Kirsch. Nur so zu besuch.
Danach saßen wir noch in der Küche. Alle zusammen. Haben über alte Zeiten geredet. Zeiten, die nicht lang waren und auch nicht wirklich bedeutend.
Oder? Wir waren nicht die besten Freunde, nicht alle. Aber immerhin haben wir das erste Mal zusammen gekifft. Damals in der Fabrik, die jetzt abgerissen ist. Haben uns sein Gejammer angehört als er besoffen war. Wenn man betrunken ist sagt man die Wahrheit. Er ja. Er heulte fast. Er hätte keinen auf dieser Welt. Und ich glaube das war es wirklich, was ihm fehlte. Aber dann hatte er ja das Gras.
Ich kenne wenige, in unserem Alter, die so schlau sind wie er. Und keinen der so verbittert ist. Schlau hin oder her. In den Pausen waren sie hinter der Schule, kiffen. Wir sahen ihn nur noch, im Unterricht. Wenn er denn mal da war. Ja, wenn. Dann las er unterm Tisch Bücher über Hanfanbau. Um das Buch war ein selbstgebastelter Umschlag. Bibel stand darauf.
Irgendwann trafen wir ihn. Setzten uns zusammen auf den Spielplatz. In eines dieser kleinen Häuschen. Auf Spielplätzen wollte ich nie rumhängen. Er zog einen Joint aus seiner Tasche. Reichte ihn rum. Wir zogen kurz daran. Mehr so aus Höflichkeit, wir hatten das schon lange gelassen. Er nicht. Er erzählte, dass ihm das nicht mehr reiche. Tabletten, alles. Alles? Ja, alles. Wollte er sich profilieren? Vielleicht. Oder wollte er sich bei uns ausweinen. Wie damals, als er betrunken war. Als er auf die Knie fiel. Wer fällt sagt, hilf mir auf. Ähnliches stand in irgendeinem Buch. Vielleicht sollten wir ihm aufhelfen. Aber Hilfe wollte er nie. Nie zugeben. Dann hörte ich lange nichts von ihm. Sah ihn nicht, obwohl wir in der gleichen Straße wohnen.
Bis er wieder mit uns im Geschichtsunterricht saß. In der Küche über vergangenes plauderte. Bis er ging. Nein, er komme nicht mehr zur Schule in nächster Zeit. „Ich bin schizophren, Schätzchen.“
Schizophren, scheiße. Dabei war er so normal heute. Aber was heißt denn schizophren überhaupt? Zu normal war er. Wo war der bissige Max. Der Sarkasmus. Die Diskussion über den Scheißstaat. Der Streit mit unfähigen Lehrern und angepassten Strebern. Das alles schien es nicht mehr zu geben. Stattdessen: Gleichgültigkeit. Haltung bewahren. Ist doch cool schizophren zu sein. Ja, cool.
Dann ging er. Kiffen vielleicht. Mitleid blieb.

„Ey, sag mal, kommst du mit zu dem Konzert am Mittwoch?“
„Was für’n Konzert?“
„Na, Max spielt doch mit seiner Band inner Glocke.“

Wir werden sehen.

1

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare