SteveStitches 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 15

hilflos wie sie

eingebrannt für immer

Viele denken es ist  ein verdammt cooler Job:
auf dem Sanka,
der Krawall den die Sirene macht, 
alle weichen vor uns zur Seite,
wir rasen durch die Innenstadt.
Ja, die Droge Adrenalin puscht jedes Mal.
Immer eine andere Situation,
eine andere Herausforderung,
eine andere Bewährung.
Aber in solchen Momenten wie diesen 
wünsch ich mich zurück zum Bau,
von mir aus schippen und Dreck rumkarren,
tagelang. 
In Momenten wie diesen 
wünscht sich jeder weit weg, 
oder ein paar Stunden später.
Da ist nur diese schreiende Frau 
die uns entgegenläuft,
mit dem Bündel in den Armen.
Nur dieses Bild,
alles Andere hat seine Bedeutung verloren: 
die Sirene,
die gaffenden Passanten,
der Kollege.
Ein Augenblick
eingebrannt für immer.
Am Flehen der Mutter
erahnen wir,
dass wir zu spät eintreffen,
ohne das leblose Menschlein 
gesehen zu haben.
In ihrer Stimme und ihrem Blick 
ist kein Schrecken, kein Entsetzten mehr,
nur noch pure Verzweiflung. 
Klar mühen wir uns,
versuchen irgendwas,
tun so, 
als könnten wir was ausrichten. 
Keiner soll sagen wir hätten nichts getan.
Irgendwas tun,
versuchen dem kleinen Körper 
Leben einzupumpen,
irgendwas tun,
aber wir 
sind so hilflos wie sie. 

Wie’s das Glück geben muss,
gibt es so Etwas:
der falsche Dienst,
die falsche Schicht,
der falsche Wagen,
ausgerechnet wir.
Sie wiegt ihr Kind, 
klammert sich fest
und als der Leichenwagen kommt,
noch immer.
Sie will’s nicht hergeben,
weil sie meint,
sie hätte es einmal zu oft 
verlassen. 
Sie gibt sich Schuld
wo keine ist,
nicht bei ihr,
nicht bei Gott,
nirgendwo. 

Wir fahren die Schicht zu Ende,
schlimmer kann’s nicht werden.
Erst daheim,
als mich  meine Kinder lauthals begrüßen,
sind die Tränen 
stärker.

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12 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    In seiner Nüchternheit sehr erdrückend. Find ich super gut geschrieben und das bei einem so schwierigen Thema...

    12.01.2013, 15:50 von MissesBiscuit
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Nur zu oft habe ich in diese Augen gesehen und nur ein klägliches jedoch ehrliches DANKE sagen können. Danke den Menschen, die diesen Job machen können.

    10.01.2013, 10:56 von jetsam
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  • 0

    sanka fahren ist auch sonst n ziemlicher scheißjob

    10.01.2013, 10:32 von Loo
    • 0

      Warum?

      11.01.2013, 12:24 von SteveStitches
    • 0

      n früherer nachbar hat das gemacht und meine mutter musste (als ärztin) das früher auch mal machen.
      Ist halt einfac hsaugefährlich über die ganzen roten ampeln zu rasen und zu hoffen das die anderen ausweichen.

      11.01.2013, 15:40 von Loo
    • 0

      *einfach sau gefährlich

      11.01.2013, 15:40 von Loo
    • 0

      Macht aber auch Laune (das Rumbrettern) - solange man nicht hängenbleibt.

      12.01.2013, 23:37 von SteveStitches
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  • 1

    Mal was ganz anderes hier, gefällt mir aber die Umsetzung

    10.01.2013, 10:24 von EliasRafael
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  • 1

    ... der Grund, warum ich heute Fahrräder repariere, male und fotografiere ....( es waren zwei Jahre auf nem RTW in den 80ern im Ruhrgebiet)

    10.01.2013, 08:22 von erha
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