Vera_Schroeder 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 6

Größen-Wahn

Jessica, 1,55 Meter, will endlich Jeans von der Stange kaufen. Ihre Rettung: ein Arzt, der Beinverlängerungen von bis zu zwanzig Zentimetern anbietet.

Am schlimmsten ist es nachts. Wenn sich langsam im Schlaf ihre Beine spreizen, bis die Füße rechts und links über die Matratze hängen. Wenn Jessica*, 29, dann davon aufwacht, ihre Beine wieder zusammendrückt, eine Schmerztablette nimmt und trotzdem nicht mehr einschlafen kann. Wenn sie anfängt, ihren Mann zu vermissen, der tausende Kilometer entfernt daheim in Kalifornien sitzt und wartet, bis seine Frau, die einmal 1,55 Meter klein war und bald 1,67 Meter groß sein wird, endlich aus dem Saarland wieder nach Amerika heimkommt. Jessicas Beine spreizen sich im Liegen, weil die Muskeln, die sie mit dem Rumpf verbinden, sich nicht schnell genug dehnen. Sie kommen den Nägeln nicht hinterher, die sich in ihren Oberschenkeln ausfahren. Jeden Tag einen Millimeter.

»So was ärgert mich! Das muss nicht sein. Jessica ist ein bisschen faul. Von einer Asiatin hätte ich eigentlich mehr erwartet«, sagt Professor Dr. Augustin Betz dazu, ihr Arzt, den sie hier alle »Betzi« nennen oder einfach nur »den Besten«. Den besten Beinverlängerer der Welt. Seit über zehn Jahren trennt Betz, 58, grauweißes Haar und große Armbanduhr, Ober- und Unterschenkelknochen durch und setzt sogenannte Distraktionsmarknägel in die Knocheninnenräume ein. Die Nägel schieben sich, ein mal ein gesetzt, ähnlich wie eine Autoantenne auseinander, so langsam, dass der Körper neue Knochensubstanz bilden kann, um die Lücken an den durchtrennten Stellen immer wieder zu schließen. Bis zu zehn Zentimetern kann sich der Nagel ausfahren. Patienten, die Ober- und Unterschenkel strecken lassen, können so in ein paar Mona ten zwanzig Zentimeter wachsen.

Erst operierte Betz vor allem Unfallopfer oder Patienten mit unterschiedlich langen Extremitäten. In den letzten Jahren kamen aber auch immer mehr gesunde Menschen zu ihm. Models, Anwälte, Millionäre oder Studentinnen, die sich schlicht und einfach zu klein fanden, besuchten Betz in seiner rustikalen Praxis in einer alten Mühle im Ort Wadern-Wadrill. Sie ließen sich von ihm im nahe gelegenen Caritas- Krankenhaus operieren. Sie zogen, nach ein paar Tagen in der Klinik auf Krücken in eine private Unterkunft in der Gegend um, ein Bed and Breakfast oder ein Zimmer in einer Familie. Manche lernten, während sie wuchsen, Deutsch. Manche fuhren auch schon bald wieder nach Hause und schickten ihre Röntgenbilder mit der Post. Alle sollten in den Wochen des Knochenwachstums trainieren, um Muskeln und Sehnen zu dehnen, auch wenn sie sich nur auf Krücken fortbewegen konnten. Wer nicht genug dehnt, während er wächst, bei dem wehren sich die Weichteile länger. Mittlerweile hat Betz rund 200 Menschen aus der ganzen Welt aus rein kosmetischen Gründen vergrößert. Die Kosten der Verlängerungen liegen bei etwa 40 000 Euro, wenn man sich nur die Oberschenkel machen lässt, mit den Waden sind es 80 000 Euro.

Neben Jessica versucht im Moment auch Michael, 26, aus Schweden, die Zeit zwischen Physiotherapie in der Halle hinter der Mühle und Röntgenterminen in der 70er-Jahre-Hochhausklinik möglichst schnell rumzukriegen. Der junge Mann, blond, smart, Typ Highschoolschwarm, dünne Beine, aber wohlproportioniert, ist diesmal nur ein paar Tage in Deutschland, zur Kontrolle, weil die Nägel immer noch in seinem Körper stecken, um die gewachsenen Knochen zu stützen. Michaels erste Operation, mit der er seine Oberschenkel um 3,5 Zentimeter strecken ließ, liegt bereits eineinhalb Jahre zurück. Seine zweite Verlängerung, noch mal 3,5 Zentimeter an den Unterschenkeln, ist auch schon über ein Jahr her. Im Herbst kommen wahrscheinlich alle Nägel raus, dann piepst der Metalldetektor am Flughafen auch nicht mehr. Und es sind bis auf ein paar winzige, unauffällige Narben an den langen, gebräunten Beinen alle Zeichen beseitigt, die Michael daran erinnern könnten, dass er früher einmal 1,74 Meter klein war. »Mein Großvater, mein Vater und mein Bruder: alle 1,81 Meter. Das wäre auch meine genetisch richtige Größe gewesen. Und nun habe ich diesen Fehler der Natur eben nachträglich korrigieren lassen«, begründet Michael, der in Schweden als Webdesigner arbeitet, seinen Entschluss, sich operieren zu lassen. Er habe sich immer zu klein gefühlt, das sei das einzige Problem ins seinem sonst perfekten Leben gewesen. Und wenn es für Probleme Lösungen gebe, weshalb sollte man die dann nicht nutzen. Für das Geld, sagt Michael, der so aussieht, als spiele es bei ihm zu Hause keine große Rolle, habe er »ein bisschen sparen« müssen.

Nachdem er den Namen des Professors im Internet gefunden hatte, fiel die Entscheidung, zu Dr. Betz zu gehen, schnell. »Am Freitag bin ich für das Beratungsgespräch nach Deutschland geflogen, am Montag hatte ich mich entschieden und am Freitag in der Woche darauf lag ich bereits auf dem OP-Tisch«, sagt Michael, der nicht einmal glaubt, dass die neue Größe seinen Erfolg bei den Mädchen erhöhe. Das hätte bei ihm ja schon immer gut geklappt. »Ich habe es ausschließlich für mich selbst gemacht. Und ich bin sehr glücklich, dass ich es geschafft habe. Es war die härteste Prüfung meines bisherigen Lebens«, sagt er, während Jessica, die neben ihm im ausgebauten Dachgeschoss der Mühle an einem Holztisch sitzt, ihre Krücken auf den Bo den legt und das rechte Bein auf die Bank hievt. Sie habe heute noch gar nicht geklickt, sagt sie.


»Klicken« sagen die Patienten zu dem Vorgang, mit dem der Nagel, der laut Katalog Albizzia heißt, im Knochen aktiviert wird. Jessica legt dafür die Hand an ihr gebeugtes Knie, drückt den Oberschenkel einmal fest nach außen, als müsste sie die Innenseite dehnen. Es macht leise aber deutlich hörbar »Klick« im Bein. Dann drückt sie den Schenkel in die entgegengesetzte Richtung nach innen bis es, viel lauter diesmal, »Klack« macht. Wenn sie das Bein fünfzehn Mal hin und her »geklickt« hat, ist der Nagel einen Millimeter weiter herausgedreht, die tägliche Längenportion. Jessica, die an den Oberschenkeln sieben Zentimeter wachsen will, muss diesen Vorgang dafür also siebzig Tage lang wiederholen.

Nach der Wachstumsphase kann sie die Krücken dann erst mal weglegen, bis ein paar Wochen später das Prozedere für die restlichen fünf Zentimeter an den Waden erneut beginnt. »Das Klicken ist vor allem am Anfang schrecklich«, erzählt Jessica, »manche brauchen über eine Woche, um sich zu trauen, manche sogar eine kleine Narkose dazu. Dabei hört man ja gar nicht die Knochen, sondern nur das Metall.« Als Professor Betz Ende der 80er Jahre anfing, mit implantierbaren Nägeln herumzuexperimentieren, waren diese noch lange nicht so ausgereift wie heute. Später brachen manche im Bein auseinander und mussten stückchenweise herausoperiert werden. Aber immer schon, meint der Arzt, sei die Verlängerung von innen viel risikoärmer als jede externe Streckung gewesen. In Ländern wie China, Russland oder Serbien werden nach wie vor Menschen von außen die Knochen zersägt, um sie dann mit einem externen Fixateur auseinanderzuziehen.

»Die Risiken bei einer operativen Beinverlängerung mit voll implantierbaren Distraktionsnägeln sind heute sehr gering. Es sind vor allem die normalen OP-Risiken. Knochen ist ein lebendiges Gewebe, das auch beim Erwachsenen im Prinzip unbegrenzt nachwachsen kann«, erklärt Betz, der bei seinen Patienten »nur in sehr wenigen Fällen« Komplikationen festgestellt haben will. Dass es trotzdem viele Kollegen gibt, die kosmetische Verlängerungsoperationen ablehnen, weil zum Beispiel nicht jeder Knochen gleichmäßig und symmetrisch wachsen muss, weil verkürzte Sehnen die Ge - lenke langfristig versteifen oder Zugschäden an den Nerven im schlimmsten Fall sogar zu Lähmungen führen könnten, ganz abgesehen von bisher unerforschten Langzeitschäden, kann Betz nicht wirklich verstehen. Brustvergrößerungen seien meistens viel gefährlicher als das, was er hier mache. Aber die Leute würden es eben noch nicht kennen. In zehn Jahren, glaubt er, werden Beinverlängerungen zumindest keine Seltenheit mehr sein.

Auch psychologische Vorbehalte schließt Betz weitgehend aus. Bei den wenigen Patienten, die ihm im Vorbereitungsgespräch nicht belastbar genug erscheinen oder bei denen er hinter der Größe ein anderes Problem vermutet, lässt er ein Gutachten erstellen. Ein Psychotherapeut unterhält sich etwa zwei Stunden mit Wackelkandidaten, nachdem diese daheim ein paar Fragebögen ausgefüllt haben. Er habe, sagt Betz stolz, auch schon kosmetische Beinverlängerungen abgelehnt. Ansonsten gilt: Wenn er es nicht macht, macht es ein anderer. Und der könne es im Zweifelsfall nicht so gut. Von ihrem Traum, endlich Jeans von der Stange kaufen zu können, hat die Aufklärung, die der Professor vor jeder Operation durchführt, Jessica jedenfalls nicht abbringen können. Mode sei ihr immer schon wahnsinnig wichtig gewesen, erklärt die hübsche Apothekerin chinesischer Abstammung, die auch nach fast acht Wochen in der deutschen Provinz noch perfekt gepflegte Haare und Fingernägel hat. »Ich habe meine Körpergröße immer gehasst. Das kann jemand, der normal groß ist, nicht verstehen. Ich war immer das winzige Mädchen, das niemand ernst genommen hat.« Ihr Mann, über 1,80 Meter, sei erst nicht begeistert gewesen, als sie ihm von ihren Verlängerungsplänen erzählte.

Für ihn war sie auch vorher schon perfekt. Aber als er, ein Kardiologe, dann von den Nägeln hörte, die neben Dr. Betz noch etwa ein Dutzend andere Ärzte weltweit einsetzen, ließ er sich überzeugen, nahm einen kleinen Kredit auf und flog mit Jessica ins Saarland. Für die OP und die ersten Tage danach blieb er bei ihr. Dann musste er wieder zurück in die Arbeit. Jetzt skypen und telefonieren sie drei Mal täglich. Ihr Mann ist der Einzige, mit dem Jessica über die Schmerzen, die Langeweile und die Kraft, die ihr manchmal ausgeht, offen reden kann. Ihre Mutter und ihre beste Freundin wollten sie eigentlich immer nur von der Operation abbringen. Und der Rest ihrer Bekannten weiß überhaupt nicht Bescheid. »Wenn ich in einem Jahr etwa wieder zu arbeiten anfange, werde ich einfach allen erklären, dass ich ein paar künstliche Befruchtungsversuche hinter mir hätte. Das mit dem Baby hätte nicht geklappt, aber von den Hormonen sei ich ziemlich ge - wachsen.« Als Michael in seine Heimatstadt in Schweden zurückkehrte, acht Monate, nachdem er allen Freunden erzählt hatte, dass er zu einer großen Backpackerreise durch Amerika aufbreche, war er sich eigentlich sicher, dass irgendjemand etwas bemerken muss. Wenigstens der Freund, der immer genauso klein gewesen war. Aber auch der schaute ihn nur einmal seltsam an und stellte dann fest, dass Michael wohl abgenommen habe und irgendwie erwachsener geworden sei. »Die Leute wissen nicht, dass man so etwas machen kann«, sagt Michael. »Deshalb kommen sie auch nicht darauf.«

Michaels Eltern wussten Bescheid. Der Vater begrüßte ihn nach der »Reise« mit dem Satz: »Du bist aber groß geworden!« Von seiner Freundin hatte sich Michael noch vor der Abreise vor sorglich getrennt. Sie kannte seinen Körper zu gut und hätte etwas bemerken können. »Es ist schon komisch, mit so einem großen Geheimnis zu leben. Aber ich möchte einfach auf keinen Fall der Typ sein, auf den die Leute mit dem Finger zeigen, weil er sich die Beine verlängern lassen hat. Deshalb darf es niemals jemand er fahren«, sagt Michael heute, fast ein Jahr später. »Die einzige Frage, die mich im Moment ziemlich beschäftigt, ist die, ob die Mutter meiner Kinder, die ich irgendwann kennen lernen werde, ein Recht auf die ganze Wahrheit hat. Aber irgendwie tut es ja auch nichts zur Sache.« Während Michael und Jessica im holzverkleideten Dachgeschoss der Mühle ihre Geheimhaltungstaktiken preisgeben, schwirrt unten im Haus der Professor in die Praxis. Aus dem Augenwinkel beobachtet er, wie Jessica versucht aufzustehen, um sich ein Glas Wasser zu holen. Doch auch mit Krücken kann sie sich nicht richtig aufrichten, ihr Oberkörper ist nach vorne gebeugt, der Po in die Höhe gereckt.

»Jessica hat einen schrecklichen Duck Ass. Sie muss einfach mehr trainieren!«, murmelt der Professor, während er die Treppe wieder hinuntereilt. Jessica lächelt. Sie weiß, dass sie mehr trainieren sollte. Sie weiß aber auch, dass der Körper sich irgendwann ganz von alleine wieder aufrichtet. Gegen die Nägel haben die Muskeln auf Dauer eben doch keine Chance. Und nächstes Jahr wird sie, Jessica, auf jeden Fall endlich in das wunderschöne Kleid passen, das ihr Mann geschickt hat. Sie wird mit High Heels und langen, schlanken Beinen aufrecht und beinahe auf Augenhöhe mit ihm durch die Stadt ziehen. Und auch obenherum wird dann alles perfekt sein. Direkt nach der Beinverlängerung plant Jessica eine Brustvergrößerung.

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