Freitagnachtschwärmer
Spätestens mit der Ankunft des Notarztes kippt die Stimmung. "Wie in so einem Drogenaufklärungsfilm", sagt einer neben mir.
Der Mann auf dem Barhocker neben mir lacht laut auf. Offensichtlich amüsiert er sich nicht schlecht, ist womöglich angenehm angetrunken. Um mich herum blicke ich in entspannte Gesichter, hier und da ein Lächeln, das Bier ist kalt und die Musik ist so passend, wie für genau diesen Ort mit exakt dieser Konstellation von Freitagnachtschwärmern geschaffen, dass sie sich einfach ins Gesamtbild einfügt, ohne wirklich aufzufallen.
Auch mein Gegenüber lächelt und prostet mir zu. Ich fühle mich wohl hier, begebe mich von meiner beobachtendenden Metaebene wieder hinunter ins Geschehen, gebe das Lächeln weiter und stürze mich mit den anderen in halbernste philosophische Diskussionen über das Leben im Allgemeinen, die immer wieder durch zustimmendes Aneinanderklicken der Bierflaschen unterbrochen werden.
Der Barkeeper mit der Baseballmütze kommt zu uns rüber und fragt beiläufig, ob wir zufällig jemanden von Roten Kreuz hier kennen. Wir verneinen, schütteln die Köpfe, ahnungslos über den Grund für die Frage, die Baseballmütze verschwindet wieder im Gedränge. Als keine fünf Minuten später ein uniformierter Rettungssanitäter den Barraum betritt, beginnen wir langsam, den Zusammenhang herzustellen. Auf die entspannten Gesichter legt sich ein fragender Ausdruck, die ersten Gerüchte über den Tathergang kursieren.
Die meisten wollen wissen, um wen es geht, zum einen aus Sensationslüsternheit, zum anderen will man ja wissen, ob man sich Sorgen um irgendeinen Bekannten machen muss, schließlich kennt ja hier jeder irgendwie jeden.
Ich bleibe vorläufig auf meinem Barhocker, will nicht gaffen oder schaulustig sein um mich am Elend anderer zu ergötzen. Als weitere fünf Minuten später ein Mann die Bar betritt, anhand der großen reflektierenden Buchstaben auf seinem Rücken als Notarzt erkennbar, und sich einen Weg durch die Menschenansammlung bahnt, ist die Atmosphäre schon deutlich angespannt. Ob man will oder nicht, aber meistens will man ja, erfährt man von anderen, die es wieder von anderen wissen, die vielleicht näher dranstehen, dass es Paul ist, der da liegt. Paul hat Liquid Ecstasy genommen, heißt es.
Dass er selbst schuld ist an seinem Zustand macht das Ganze nicht besser, man kann ja nicht einfach kalt über einen urteilen, der vor aller Augen am Boden liegt. Das Licht geht an, zum gesamten Unheil gesellen sich noch zwei Polizeibeamte und sondieren die Lage. Trotzdem geht keiner, kollektives Unbehagen geht um. Paul kennt man schließlich, der immer freundliche Lockenkopf, der aber schon lange irgendwie kaputt ist. Wie es soweit kommen konnte frage ich mich, fragen sich die anderen um mich herum.
Ein Rettungssanitäter rennt an uns vorbei und kommt mit einem Defibrillator wieder, hastet durch die Menge, in der die Einzelnen im hellen Licht mitten im Raum mit den halbvollen Bierflaschen in der Hand ein bisschen verloren aussehen. Hat der etwa schon einen Herzstillstand fragen sich die, die so ein Gerät schon mal gesehen haben. Die anderen erfahren umso schneller, um was es sich bei diesem grauen kleinen Kasten mit dem großen roten Knopf handelt. Man fühlt sich solidarisch mit Paul, der da hinten irgendwo liegt, egal ob man ihn wirklich kennt oder nicht, man hat plötzlich Angst um ihn, hier und da treten Tränen in fassungslose Augen. Es ist still geworden hier drin.
„Wie in einem Drogenaufklärungsfilm“, sagt einer neben mir. „Lustige Party, gute Stimmung, plötzlich kippt aus heiterem Himmel einer um, Arzt, Polizei, Party im Arsch.“ Genau so ist es in etwa gelaufen. Paul scheint nun so stabil zu sein, dass sie ihn mitnehmen können. Auf einer Rolltrage fahren sie ihn an uns vorbei, obwohl ich sein Gesicht nicht sehen kann, erschreckt mich sein Anblick, wie er da liegt in der stabilen Seitenlage, regungslos. Der Barkeeper mit der Baseballmütze steht wieder hinter dem Tresen und schlägt die Hände vors Gesicht. Das Licht bleibt an, die ersten gehen, schweigend und betreten.






Kommentare
Von Liquid Extacy würde ich echt jedem abraten. Scheiß Rausch und es ist gefährlich. Die Geschichte gefällt mir, da man sich sehr gut in die Lage hineinversetzen kann.
10.06.2008, 23:28 von H.S.ThompsonICH SAG EUCH MAL WAS
28.11.2007, 19:50 von aokICH HABE ZWANZIG JAHRE MEINES LEBENS DAMIT VERBRACHT;MIR ALLES ZU GEBEN WAS VORHANDEN WAR UND WENN ICH HEUTE SO DARÜBER NACH DENKE TUT ES MIR AUCH NICHT WEH.DENN DAS WAS ICH IN DIESER ZEIT ÜBER DIE MENSCHEN GELER´NT HABE; DAS NIMMT MIR KEINER MEHR. UND IHR , DIE IHR "NUR" ALKOHOL ZU EUCH NEHMT,MACHT MAL LANGSAM MIT EUREN VOR ODER VERURTEILUNGEN:
also ich find den Artikel klasse BEschrieben
28.11.2007, 19:44 von aok...und die anderen trinken auf den Schrecken erst mal einen Kurzen zum runterkommen und danach noch ein, zwei Bier und irgendwan liegst du selber am Boden und dan kannste nur hoffen das der Wirt den Notartzt ruf und dich nicht wieder auf den Hocker hebt und dich allen Ernstes fragt, ob du noch einen trinken willst. (Selbst schon erlebt)
28.11.2007, 19:40 von aokPROST!
na ja, und? das kann passieren.
23.11.2007, 00:58 von NeonBlondVon diesem schund sollte man einfach mal die finger lassen.
18.11.2007, 18:21 von MewkewHoffe, Paul geht es inzwischen besser und das Ereignis hat ihm vielleicht irgendwie klargemacht, dass er besser ohne irgendwas einzunehmen Party machen kann ...
16.11.2007, 21:26 von saltwater_77... nun ja, an der Drogen-Diskussion will ich mich gar nicht beteiligen, da ich selbst keine Erfahrungen damit habe, habe es bisher nicht als notwendig angesehen etwas zu nehmen ... aber das ist wohl jedem seine eigene Angelegenheit. Nichtsdestotrotz halte ich es für wichtig, dass es Hilfe für Leute gibt, die aufhören wollen.
Was ich eigentlich im Anschluss an diesen Artikel mal loswerden wollte ist:
Wer vermutlich am wenigsten über solche Ereignisse begeistert ist sind die Rettungssanitäter und Notärzte! Ihre Aufgabe ist ja grundsätzlich zu helfen, aber ich könnte mir vorstellen, dass es viele der Helfer nicht gerade toll finden, wenn sie an einem WE das soundsovielste Drogen- oder Alkoholopfer wiederbeleben dürfen.
Was man sich selbst antut, ist vielleicht jedem sein eigenes Bier, aber leider vergessen die meisten, dass das auch oftmals irgendwelche Konsequenzen mit sich bringt, in die andere involviert werden.
Aus eigener Erfahrung weiß ich was Drogen im Körper anstellen. Ich kenne die Folgen direkt nach bzw bei der Einnahme und die was danach kommt. Und kein Rauschzustand kann die Folgen aufwiegen.
15.11.2007, 12:41 von FluffieIch bin seit 3 1/2 jahren clean, weder illegale noch legale Drogen wie Alk oder Zigaretten habe ich seitdem zu mir genommen. Ich habe es früh genug begriffen und ohne fremde Hilfe geschafft (der Wille zählt).
Aber es hat 2 jahre gebraucht bis mein Körper wieder ganz normal war.
Übrigens, wirklich schön geschrieben.
gut geschriebener Text...und fast macht es mich schon betroffen, das ähm...Paul (??) seine Grenzen nicht einschätzen kann und vom Hocker kippt...
12.11.2007, 11:08 von DrehRummBummDas passiert hier schon recht oft und ich glaub die großen Clubs haben schon Angestellte die Wissen wie man in solchen Situationen handelt und der Notarzt wird nur noch zur Kontrolle gerufen (oder ein Taxi um den Betroffenen ins Spital zu fahren)...
Leicht angemacht oder Musik aus, das gibts hier wegen sowas schon lang nicht mehr ! Ich kann mich an eine Situation erinnern, da ist auch einer kreidebleich aufm Tanzflur umgekippt, Pupillen so groß wie 2 Euro Stücken. In dem Moment meint eine junge Dame neben mir genervt
"Man gestern ist in China auch ein Sack Reis umgekippt und da wird auch kein Trara drum gemacht..."
Spricht es, beugt sich zu ihrem Freund (!!) der auf dem Boden liegt herunter, zerrt ihn in die Sitzecke und alles war Gut!
Was ich sagen will, schöner Text, aber schockieren tun mich solche Situationen schon lang nicht mehr, eher nerven mich solche Typen da : „Lustige Party, gute Stimmung, plötzlich kippt aus heiterem Himmel einer um, Arzt, Polizei, Party im Arsch.“ PUNKT