Balance_Im_Chaos 06.05.2010, 02:12 Uhr 1 1

Erst am Ende des Weges stehen die Antworten.

Man sagt, erst am Ende des Weges stehen die Antworten. Zumindest steht das auf dem Holzschild im Gebetsraum. Nicht gedacht, nochmal so zu weinen...

Heute hat mir ein junger Mann, der eigentlich dann doch noch älter war als ich, gesagt, dass es einiges braucht um das als Mann hier zu machen. Seit so ziemlich anderthalb Jahren mache ich meinen Krankenpfleger und nun enden auch meine Erfahrungen im Hospiz.

Bald wird es Sommer. Doch nicht mehr für die Menschen, die hier an das Ende ihres Weges kommen.
Es ist kurz vor neun und die sonst so flache Büroarbeit hat mich und die beiden Schwester kalt erwischt. Zwei sind gekommen und jetzt, kurz vor neun, sind heute auch 2 gegangen.
Die Frau will nicht aus meinem Kopf.
Noch nie klangen die Worte, die mit dem sicheren Tod abschließen, so surreal für mich. Natürlich, ich weiß wo ich hier bin, aber es ist so unerwartet. Hatte sie vorhin doch noch vergeblich geschnauft, gegen den Schleim in ihrem Mundwinkel gekämpft, wenn auch nicht sichtbar.

Und jetzt der Gegenschlag, mitten durch die Rippen durch. Und alles geht so schnell vorbei. Menschen, die ich kaum kenne laufen über den Gang. Am Ende der Treppe höre ich ein Schluchzen. Verzweifelt und gerechtfertigt. Eben war ich noch einmal drinnen gewesen. Deswegen das Schluchzen? Ihre Gestalt wie eine Wachsfigur.

„Wie, ohne eine Seele.“ Sage ich mehr zu mir selbst. Die Schwester nickt, halb arbeitend, halb verständnisvoll. Die Ehrenamtliche, die eben noch die Hand der Frau gehalten hatte, mit Rosenöl beträufelt und den Schmerz wegmassiert, hat das Fenster gelüftet.
Die Schwester lächelt mich an. „Damit ihre Seele den Weg nach draußen findet.“
Ich lächele nur stumpf zurück. Ob sie das auch so gefunden hätte?
Was sie wohl darüber dachte, dass sie sich bald auf eine Reise begibt, zu der kein Rückflug buchbar ist? In den letzten Tagen, in denen sie immer weniger Sprach, und wenn, dann oft im Schlaf, nur noch zuckte und bei jeder Berührung gequält aussah.

Die Dame mit dem schwierigen Nachnamen, und sie mochte es, wenn unter den Leuten, die ihn so oft falsch aussprachen, auch mal jemand wie wir da war, die dem ganzen diesen tollen französischen Akzent verliehen. Und dennoch sprach sie meinen Vornamen nie richtig aus, was soll‘s.
Die Dame, die locker 3mal so alt war wie ich.

Tochter, Exmann, Sohn, Enkelinnen. Und ganz viele Tränen. Schüchtern drücke ich jedem meine Hand und mein Beileid auf und verschwinde schnell aus dem Blickfeld.
Die Nachtschwester drückt die Tochter herzhaft, welche bitter schluchzend den Kopf in ihrem Arm sinken lässt.
Ich wünschte, ich hätte genauso Ahnung davon, was zu tun wäre, spreche ihr meine stille Bewunderung zu, während ich nur von fern wie ein aufgeschreckter Hirsch zusehe.

Eines Tages, sage ich mir. Da werde ich genauso tapfer sein. Sein müssen.
Meine Tränen. Ich kann die Frau verstehen.

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Kommentare

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  • 0

    "Ich wünschte, ich hätte genauso Ahnung davon, was zu tun wäre"

    Mal eine vielleicht dumme Frage:
    Ist es nicht das Lindern von Schmerzen (physisch) und auf psychischer, menschlicher Ebene einfach das 'da sein' ? Das zu schenken, was so wertvoll ist: Zeit, Aufmerksamkeit, Verständnis ? Das Auffangen von Ängsten, das Hoffnung geben ?

    17.05.2010, 11:41 von Cyro
    • 0

      @Cyro arr, mist - entschuldige, falscher knopf. weißt du zufällig, wie ich das wieder rückgängig machen kann?

      18.05.2010, 00:52 von Balance_Im_Chaos
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