frl_smilla 10.02.2010, 08:55 Uhr 58 66

Enten frühstücken auf Verkehrsinseln

"Eine Beziehung bedeutet immer Kompromisse, Rücksprachen und Diskussionen, weißt du." sagte er zu mir. Ohne Fragezeichen.

In diesem Tonfall, den unechte Freunde an den Tag legen, wenn sie einem "als Freund" aber eigentlich in der widerlichen Gewissheit einer subjektiven Überlegenheit die Welt erklären wollen.
"Das gehört dazu."

Es war sieben Uhr morgens. Ich sah nach draußen den Möwen zu und blies den Rauch aus dem Dachfenster. Es war jetzt schon heiß, ich trug Flip-Flops und ultrakurze Shorts und irgendetwas Schwarzes ohne Ärmel.
Ich war versucht, ihm und seiner Freundin, die unten im Auto darauf wartete, dass er nach unten kommen und sie eine angemessene Portion lang lieben und ihre Hand halten würde, zu sagen, dass mich das alles nicht interessierte. Ich wollte meine Zigarette in seinem Gesicht ausdrücken und sagen, dass ich überhaupt nicht zugehört hatte.
Stattdessen sagte ich "Jaja" und "Deine Freundin wartet." und verstand kein Wort von dem, was er gesagt hatte.

Ich hasste es, ihren Namen auszusprechen. Ich nannte sie immer "deine Freundin" - namenlos lassend versuchte ich, ihr damit das Menschliche abzusprechen. Mich ereilte tiefste Verachtung, wenn sie immer bei uns im Flur stand, total verunsichert ob meiner Zigarette-Im-Munwinkel-Ignoranz, die ich ihr entgegenbrachte. Sie sagte Sätze wie "Ich mag den Frühling. Da fliegen die Haare nicht so schrecklich." oder "Ich habe beim Radio angerufen und zwei Kinokarten für die Sex And The City Premiere gewonnen." und dann zog er sich sein Punisher-T-Shirt und die schwarzen Chucks an und nahm sie an die Hand und zeigte ihr mit seiner gut gemeinten Oberlehrerart die Welt.

Ich mochte sie nicht. Ihre formlosen Beine, die sie in hässliche Röhren quetschte, ihre untrainierten Arme. Wie Würste. Ihr x-beiniger Gang. Wie sie das Knie immer nach innen knickte, wenn sie irgendwo stand.
Ihr Gesicht war schön.
Der Sommer war jeden Tag stickig und heiß und ich zog mir immer die dünnsten Leibchen und kürzesten Hosen an, weil ich wollte, dass sie sieht, wie ein Körper aussieht, den man regelmäßig bewegt.

Wir sprachen nur über sie, wenn ich damit anfing. Ich ließ mir alles haarklein erzählen. Und erklären. Bohrte tief rein und wollte mich bis zum Knochen vornagen, wollte es zerfleischen, damit er irgendwann sieht, dass nichts bleibt außer ein paar Splittern und Fasern. Ich machte keinen Hehl aus meiner Neugierde, aus meiner fordernden Art, zu suchen und Scheiterndes zu finden. Ich hasste ihn in diesen Momenten, weil er mir nie Einhalt gebot, sondern mich mit seinem milden Lehrerlächeln passieren ließ und mir somit signalisierte, dass er nichts kapierte. Es war eigentlich kein Lehrerlächeln. Es war die Art von Lächeln, die man zwischen seine Mundwinkel bettet, wenn man in friedlicher Absicht in einem Land landet, dessen Sprache man nicht spricht und man nichts, aber auch gar nichts versteht.

Manchmal stritten sie nebenan. Weil er dachte, wenn er sie an die Hand nehmen würde, dann würde sie auch den Rest der Welt verstehen. Er sah es als Transferaufgabe, als den Verständnisteil dieser ganzen Sache, die sie da miteinander hatten und lebten und liebten und sie versagten jedes Mal. Ich lauschte an der Wand wie sie beide verzweifelt versuchten, Dinge zu kitten, die sie noch nie als Ganzes besessen hatten und wenn es immer lauter und heftiger wurde, dann fiel oft auch mein Name, und dann musste ich immer lachen.

Sie arbeitete für einen großen Spielwarenhersteller und große Firmen schicken ihre Mitarbeiter mal schnell nach Afrika zum Aufbau eines "Dorfes" und dann dürfen junge und hübsche Mädchen dort im Boden graben, sich unter Palmen legen und sich gut und humanitär fühlen und nach einer Woche oder zehn Tagen wieder nach Hause fliegen. Sie boxte mit ihrem Augenaufschlag und dem Rest ihres Gesichtes durch, dass er mitfliegen durfte.

Ich genoss die Zeit in der leeren Wohnung, ließ alle Fenster permanent offen, legte mich aufs Dach, warf die Kippen in die Dachrinne und roch an ihren Duschsachen, die sie hier stehen hatte. Flamingovanille. Als mir langweilig wurde, packte ich in aller Herrgottsfrühe Decke, Zigaretten und Player und fuhr los, um dem Meer guten Tag zu sagen.
Auf den Verkehrsinseln frühstückten die Enten.



Und als die Flut die Beine hochkrabbelte und die Krebse im Wasser schlechter zu erkennen waren, kletterte ich auf das Theorie-Gerüst, auf dem ich mich so Zuhause fühlte. Auf dem ich viel dachte und nichts wusste.
Davon.
Wie das so wäre.

Ich mit einem anderen Menschen. Verbundenheit. Nähe. Wie würde das gehen? Wie würde das anfangen? Ich hatte keine Ahnung.
Nie gelernt.

Wir würden durch die Straßen laufen, mit Portugiesengebäck in den verklebten Händen, mit dem Schiff ans andere Ende der Stadt schippern und Treppen hinunter und alte Tunnel entlang flitzen, uns zwischendurch immer mal wieder beschimpfen und schubsen und vor Schaufenstern seltsame Kleidungsstücke betrachten, Postkarten kaufen und ohne Text verschicken und wir würden uns fragen, ob man dies oder jenes möchte und man würde Ja oder Nein antworten und an diesem Punkt meiner Gedanken angekommen wartete ich immer noch wie bestellt und nicht abgeholt auf die Diskussionen und Kompromisse in meinem Kopfkino.
Am Abend würden die Beine weh tun vom vielen Laufen und die Arme schmerzen vom vielen Boxen.

Wir würden streiten und ich würde daran nichts Verwunderliches finden, weil Schatten und Kehrseiten und ein anderes Tageslicht ein Teil des Ganzen sind und wahrscheinlich würde ich das erste Mal anfangen zu streiten, um zu wissen, wie das so ist.
Und wenn wir keine Lust mehr hätten, würden wir mitten in der Nacht ans Meer fahren und Technomusik im Auto hören und im Dunklen stumm auf die Krebse treten.
Es gibt nichts zu reden am Meer.

Ich fuhr wieder zurück und fühlte mich leer und unwissend.

Ich ging zu ihm in die Wohnung auf der anderen Seite der Stadt und legte mich bei ihm auf den Fußboden, rauchte, blies den Rauch an die Decke und es gab offene Augen und Ohren und man sagte all jene Sätze zueinander, die einen am Leben erhalten, und mit Humor hielten wir uns vom Galgen fern.

Wir mussten einander nicht berühren, weil wir uns immer alles sagten und wussten, man würde nicht sterben, wenn man mal wieder meinte, man wäre noch nicht oft genug gegen eine Wand gerannt und so ergab sich für uns diese Art von Zuneigung, die wir beide mit unseren Hackfleischherzen am besten beherrschten.

Er stand in der Küche und machte Pfannkuchen, und so, wie er die Pfannkuchen einrollte, rollte er danach seine Hosen, die er dann in den Koffer legte, weil er zu ihr fahren und all das mit ihr machen wollte, worüber ich immer nachdachte und nichts wusste.
Ich fragte, was mit ihm sei und mit ihr, die tausende Kilometer woanders den Sommer erlebte und sie hatten ihn noch nie zusammen erlebt, und er sagte erst wenig und wurde dann wütend und antwortete: "Was fragst du mich, ich habe keine Ahnung! Ich bin genau so ein Junkie auf Entzug wie du!"

Ich fühlte mich nicht wie ein Junkie. Eher wie ein Pegeltrinker. Manchmal.


Nach zehn Tagen kam er wieder aus Afrika, seine Blässe war weniger geworden, ich fragte ihn, wann er das letzte Mal glücklich gewesen sei. "Hab ich vergessen. Du?"
"Neulich. Am Meer."
"Schön für dich."
Sein Lehrerlächeln war verschwunden. Er wusch das Punisher-T-Shirt und rollte sich die schwarzen Hosen bis zum Knie hoch und fragte "Gehen wir schwimmen?". Also gingen wir schwimmen.

Als der Sommer starb, ich war einmal um den See gelaufen, kam ich nach Hause und als ich unsere metallene Wohnungstür aufschloss, wogte mir diese Art von schwerer Luft entgegen, die zwei Menschen erzeugen, wenn sie sich gegenseitig anschreien. Ich ging in die Küche, dort saßen sie nicht auseinander, aber auch nicht beieinander und bewegten die Lippen. Ich nahm die Stöpsel aus den Ohren und sagte "Guten Tag."
Seine Freundin sah mich an und fragte mich, warum ich eigentlich immer die Musik im Ohr hätte.
"Weil ich den Lärm dieser Welt nicht ertragen kann." sagte ich, goss mir ein Glas Milch ein und ließ die beiden mit ihren harten Worten füreinander allein.
Irgendwann hörte ich wieder meinen Namen an der Wand zerschellen und kurz darauf stand sie auf und ging nach Hause.

An einem der letzten Sommermorgen ganz in der Früh saßen wir auf dem Balkon und sahen den Menschen zu, die noch früher zur Arbeit gingen als wir. Er erzählte mir von dem letzten Streit. Ihre Mutter hatte Geburtstag gehabt und ihn eingeladen, obwohl sie ihn nicht mochte und nur duldete, weil er der Mann an der Seite ihrer Tochter war. Die Klamotten zu schwarz. Die Seele auch.
Er erzählte, dass er die Mutter auch nicht möge, sie wäre unerträglich, schon ab der ersten Sekunde ein leicht alkoholisiertes Schreckgespenst einer anderen Generation, die oft nur wegen den Kindern zusammen geblieben war und irgendwann war das Kind dann ausgezogen und nichts mehr übrig.
Aber er sei trotzdem hingegangen.
Ich rauchte und fragte ihn, warum.
"Das hat mit Respekt zu tun, weißt du."
Ohne Fragezeichen.
Nein, ich wusste nicht.
Ich blies den Rauch in die Luft und sah nach unten auf die Straße.
Auf der Verkehrsinsel frühstückten die Enten."Wichtige Links zu diesem Text"
Sommerhaut

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    "Weil ich den Lärm dieser Welt nicht ertragen kann." sagte ich, goss mir ein Glas Milch ein und ließ die beiden mit ihren harten Worten füreinander allein.

    schön.

    21.03.2013, 11:01 von Sommerschein
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    Ich bin höchst angetan! Dein Text hat mir ganz klare Bilder ins Hirn geblasen. Ich hab das Gefühl dabei gewesen zu sein.

    24.02.2012, 20:55 von rubs_n_roll
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    das ist mit einer der tollsten Texte die ich bisher hier gelesen habe!!..Krass toll!!(:

    29.06.2010, 00:04 von Regenbogaen
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    Ich bin vielleicht kein großer Literat, aber der Text spricht mich überhaupt nicht an. Du wirkst extrem arrogant und überheblich. Ich hätte als Kerl genauso wenig Lust auf ein Mädchen, das immer schlecht gelaunt ist und ständig auf die Welt schimpft, wie auf das andere Mädchen.

    Verstehe ehrlich gesagt nicht, was alle an diesem Text finden. Bin von dieser Art Text nur noch genervt!

    27.04.2010, 14:18 von KunstderPhilosophie
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    Wie kommt das eigentlich, dass sogar Death Cab hiergegen irgendwie flach wirken? ;)
    Auch wenn du dich mies fühlst - fühl mich grad richtig kacke, weil ich mich eher in die Ecke des dummen Mädels stellen muss. Und nicht will. Ecken sind doch eh menschengemacht. Aber alles worauf wir verdammt nochmal wertlegen ist menschengemacht.
    Du bist wenigstens ne Könnerin, und es klingt nicht mal, als ob das Arbeit gewesen wär.

    05.04.2010, 00:55 von MissMorningTea
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    hmm... genießerisch dieser Text.

    05.04.2010, 00:22 von MissMorningTea
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    wirklich interessant. wird sie ihn bekommen?

    25.02.2010, 11:39 von Junger_Faust
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