schejne_kind 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 19

Elegie am Krankenbett

Da sitzt sie nun im Krankenbett. Ungeschminkt und auch farblos. Der Versuch des edlen Morgenmantels, der Lage Eleganz einzuhauchen, ist chancenlos.

Er muss der Unerbittlichkeit dieses Dramas weichen. Nichts ist edel, nichts ist retouschierbar in Zeiten, in denen ein intriganter Tumor es in Angriff genommen hat, meiner kleinen, starken Mutter das Leben auszuhauchen. Vor ein paar Stunden haben ein paar Handwerker in weißen Kitteln das Geschwür rausgeholt aus ihrer Brust. Davor haben sie sie betäubt, damit sie dann so da liegen konnte, wehrlos mit geschlossenen Lidern, ausgeliefert.

Sie ist noch benommen, aber ihre Augen hat sie schnell wieder charakteristisch zu kleinen Schlitzen verzogen, und die sprechen wie immer Bände. Heute nehme ich Ernst, was sie zu sagen haben, denn heute geht es nicht um jene Nichtigkeiten, denen sie es üblicherweise erlaubt, an ihrem ohnehin feingewebigen Nervenkostüm zu rütteln. Ihrem Intimfeind namens Angst, dem sich meine Mutter in dieser verschärften Situation nach kurzem Kampf geschlagen geben musste, war Kamerad Zorn hinzu gekommen. Mit einem ausgeprägtem Unrechtsbewusstsein gesegnet, fragt sie sich und mich, was das alles eigentlich soll. Warum sie da so liege, aufgeschnitten und zugenäht.

Gerne wäre ich jetzt frei von Zynismus und schön wäre es, könnte ich im Bangen um das Wohlergehen meiner Mutter mich Gott anvertrauen, nur für diesen Moment. Einmal Express-Läuterung bitte, hierher, dort wo sie gebraucht wird, würde ich rufen und alles, was notwendig wäre für meine religiöse Rehabilitation, über mich ergehen lassen.

Ausgestattet mit dem nötigen spirituellen Rüstzeug wäre ich so in der Lage, meiner Mutter jetzt weis zu machen, dass in jedem Leiden ein Sinn steckt. Dass diese Krankheit ein Zeichen ist und sie sich glücklich schätzen sollte, da ihr die Chance, ihr Leben zu ändern, zu Teil wird. Wir könnten uns an den Händen halten und Dinge wie "wen Gott liebt, das prüft er" und "auf Regen folgt immer Sonnenschein" predigen. Meine Mutter würde geläutert und mit Vertrauen ins Universum das Krankenhaus verlassen.

Sie würde die Behandlungen märtyrerinnenhaft über sich ergehen lassen und mit ihrem sonnigen Gemüt Ärzte und Krankenschwestern bezaubern. Sie könnte anfangen, Sport zu treiben und die gesamte Nachbarschaft durch ihr hartnäckiges Power-Joggen so lange mit ihrem ungebrochenen Lebenswillen beeindrucken, bis sie den Stadtmarathon gewinnt und es aufs Titelblatt der Morgenpost schafft. In der Öffentlichkeit würde sie Bewunderung für ihre schicke Perücke ernten, die sie, wie man ihr nachsagen würde, mit bemerkenswerter Natürlichkeit trage.

Durch die Krankheit zu einer Art Auszeit gezwungen, hätte sie auch endlich einmal die Zeit gefunden, sich darüber klar zu werden, "wer sie eigentlich ist". Hochmotiviert ihr Innerstes zu ergründen, könnte sie ihr Zuhause für ein paar Monate verlassen, um in einem indischen Kloster die Kunst der Meditation zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr würde ihr nur noch spirituell wertvolle Nahrung ins Haus kommen, und wir fänden sie jeden Morgen um fünf mit geschlossenen Augen und kniend vor Demut und Respekt vor dem Leben auf der Yoga-Matte wieder.

Ich erwache aus meinem Tagtraum, weil meine Mutter meinen Namen ruft. Sie will eine Antwort und ich habe keine. Ich nehme sie fest in den Arm, sage ihr, dass es in Ordnung ist, eine Zeit lang wütend zu sein und Schwäche zu zeigen. Ich sage ihr, wie lieb ich sie habe und dass sie keine Spitzenleistungen erbringen muss, um Lebenswillen zu demonstrieren. Dass die Mär von der "Lebenschance Krankheit" für sie ruhig auf ewig eine Mär bleiben darf und sie dem Krebs niemals Dank schulden muss. Sondern dass sie genau so in Ordnung ist, wie sie ist und sie sich nur darauf konzentrieren soll, gesund zu werden, um sich später das vom Leben zu nehmen, was ihr nach diesem Albtraum zusteht. Und das ist einiges.


Tags: Krankheit
19

Diesen Text mochten auch

19 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    1. sehr schöner text, den ich auch gut nachempfinden kann. meine mama leidet (im wahrsten sinne des wortes) auch an krebs.
    2. religion bzw. der glaube an etwas höheres gibt vielen menschen in solch schwierigen zeiten halt und deswegen bin ich der meinung, dass religion an sich etwas gutes sein kann. ich habe mich jedoch komplett von gott abgewandt (und von der institution kirche schon früher). gott hat mich und meine familie schon zu oft "geprüft"...
    3. indirekt hast du auch folgendes angesprochen, als du vom "sinn, der eine krankheit hat", geschrieben hast: ich kann die floskeln "deine mama muss nur positiv denken, dann wird alles wieder gut", oder "wenn man kämpft und lebenswillen hat, wird der krebs besiegt"... etc. NICHT MEHR hören! nein, der krebs vertschüsst sich nicht, nur weil man das selber will. und nein, ich kann dem krebs nichts positives abgewinnen, er zerstört meine mama, frisst sie auf, jeden tag ein bisschen mehr. da hilft es nicht, "positiv zu denken".
    schejne_kind und allen anderen, denen es ähnlich geht, wünsche ich alles gute.

    12.10.2010, 16:10 von gila87
    • Kommentar schreiben
  • 0

    DerTtext berührt mich sehr. Meine Mutter starb vor einem halben Jahr. Allerings bin ich anderer Meinung - ich gebe zum großen Teil dem Klischee recht: krnakheit ist eine Chance. Nur manchmal können wir sie nicht wahrnehmen, hinter dieser ganzen Wut ist nur ein großes Nichts. Meine Mutter konnte sich nicht mehr "umkrempeln". Sie war wie sie war, trat auf der Stelle, während sie sich selbst und der Welt vormachte, sie würde sich verändern...

    Aber eine sehr schöne Elegie!

    08.09.2009, 14:20 von ichundalldieanderen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Zunächst dachte ich: Boah, da hat einer gute, stilistische Ideen, zuviel gewollt und sie dann holprig umgesetzt. Dann hat mich der Inhalt deines Textes sprachlos gemacht! Du hast dieses komische , in der Gesellschaft gängige Klischee vom Umgang mit dem Leid als deinen Tagtraum letzendllich wirklich realistisch beschrieben und sehr sensibel darauf hingewiesen, welcher Hohn hinter dieser Auffassung von Umgang mit Leid steckt. ich persönlich glaube, dass nur leute dieses Klischee verkünden, die selbst noch nie direkt mit Krankheit und Tod in Berührung gekommen sind.
    Als besondes authentisch empfand ich Sie will eine Antwort und ich habe keine

    26.08.2009, 14:19 von zoa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr gut geschriebener Text! :)

    18.08.2009, 17:32 von Rebeccily
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Der letzte Absatz war viel Spiritueller, als der geschilderte Tagtraum :)

    13.08.2009, 18:56 von Viechie
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Habe sowas zwar/ zum Glueck noch nie selbst erlebt, aber mir gefaellt der Text sehr. Vor allem die Zeile:

    dass es in Ordnung ist, eine Zeit lang Schwaeche zu zeigen

    Ich finde, wirkliche Staerke hat nur, wer auch Schwaeche zeigen kann. Denn das erfordert die meiste Kraft. Wuensche dir und deiner Mutter auf jeden Fall alles Gute.

    11.08.2009, 13:22 von palanka
    • Kommentar schreiben
  • 0

    echt schön.erinnert mich an die gleichen stunden neben meiner mutter :) danke

    10.08.2009, 21:55 von brausebonschi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Traurige Situation.
    Schön aufgeschrieben!

    ...

    10.08.2009, 21:01 von Batida72
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Und wieder einmal sehnt sich der aufgeklärte Mensch in einer Notsituation nach Religiosität...nach Gott, oder zumindest etwas Ähnlichem!

    Schade, dass Kirche trotzdem von einer immer größer werdenden Mehrheit so strikt abgelehnt wird.
    Auch die Mutter dieser Mehrheit könnte an Krebs erkranken.

    10.08.2009, 18:33 von HerrKules
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] @evic: sehr richtig. Glaube hat mit Kirche wenig zutun. Dass man mit Kirche nichts am Hut haben will, kann ich vollkommen nachvollziehen.

      @herrkules: Glaubst du etwa, dass wenn mehr Menschen in der Kirche wären, weniger an Krebs oder anderem Shlimmen erkranken würden?! Ich finde das keine logische Schlussfolgerung... dass man in einer harten Zeit zu Gott findet - das haben sicher schon viele. Die Schwierigkeit besteht aber meines Erachtens darin, auch dann bei Gott zu sein, wenn alles prima ist.

      @schöneskind: Ich wünsche deiner Mutter viel Kraft, dass sie wieder gesund wird und all das schafft, was du oben beschreibst.

      10.08.2009, 23:36 von juhulia
    • 0

      @juhulia Stimmt. Das Problem ist ja auch, dass man nicht von einem Tag auf den anderen sagen kann: So, ich glaube jetzt an Gott.

      Für mich ist die Vorstellung, an Gott zu glauben komisch - nicht nur, weil ich die Kirche ablehne, sondern weil sich mir die Existenz von Gott nicht erschließt, weder rational noch emotional.

      Und ja, manchmal wünsche ich mir auch, ich könnte einfach glauben - aber es geht halt nicht.

      @schöneskind: Der Text nimmt einem wirklich den Atem und ist sehr traurig. Alles Gute für Dich und Mama!

      11.08.2009, 07:16 von hannabell
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich denke, es ist schon wichtig, den Kranken so zu akzeptieren, wie er ist und nicht die Frage nach der Eigenverantwortung zu stellen. Andererseits kann so eine Krankheit schon ein Anlass sein, sein Leben zu überdenken und einiges zu ändern. Ich kenne eine Frau, die nach der Brustoperation ihr Arbeitsfeld komplett geändert und eine Arbeit gefunden hat, die ihr viel mehr entspricht. Dauernder Stress kann schließlich auch das Imunsystem belasten und Krebs fördern.

    Anders sehe ich es bei manchen Krebsarten, wo man ganz klar eine Eigenverantwortung sehen kann, z.B. bei Lungenkrebs. Da finde ich es auch völlig okay, nach einiger Zeit anzusprechen, ob das Rauchen nicht eingestellt werden kann, und da macht es mich auch sauer, wenn solche Patienten weiter wie bisher machen. Es gibt auch andere Krebsarten (Bauchspeichelkrebs, Leberkrebs), die durch gesundheitsschädliches Verhalten gefördert wurden. Wenn es da einen Zusammenhang gibt, würde ich es auch ansprechen, vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit.

    10.08.2009, 18:21 von Freydis
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare