flyingtoohigh 02.01.2007, 16:52 Uhr 16 36

Einundvierzig

Einundvierzig Treppenstufen zu deiner Wohnung. Ich habe sie schon tausendmal gezählt. Heute ist das letzte Mal. Für immer.

1. Das erste Mal trafen wir uns bei mir zu Hause. Mein Bruder hatte dich mit hineingebracht, aus Mitleid, weil du bei Minusgraden verloren in der Nähe unserer Haustür gesessen hattest. Mit blutender Nase. Als ich dazukam, warst du schon wieder relativ normal. Ausgenüchtert. Oder wie nennt man das, wenn die Drogen langsam aufhören zu wirken? Vielleicht warst du auch noch ziemlich drauf. Als gut behütetes, naives Kind hätte ich dir Drogenkonsum nicht mal zugetraut, wenn du direkt vor mir eine Spritze aufgezogen hättest. Du warst zwei Jahre älter als ich, sahst aber eher jünger aus. Irgendwie normal, ungeschminkt, unscheinbar.

2. Ich setzte mich zu dir, weil deine Augen mir neugierig folgten. Mein Bruder verschwand und wir begannen zu reden. Du erzähltest, dein Freund hätte dich geschlagen. Dann wärst du geflüchtet, aber du wolltest nicht nach Hause und dich den Fragen deiner Eltern stellen.

3. Gott, war ich naiv. Ich dachte, wir wären uns gar nicht so unähnlich. Beziehungsprobleme und Elternprobleme konnte ich ja immerhin noch nachvollziehen.

4, 5, 6, 7. Wir wurden Freunde, irgendwann. Schleichend. Weil du mich abgöttisch liebtest von der ersten Sekunde an. Ich frage mich immer noch, warum. Vielleicht weil du Einzelkind warst und ich eine kleine Schwester. Eher nicht. Vielleicht weil ich so herrlich normal auf dich gewirkt haben muss. Weil ich eine ganz normale 15-Jährige war, auf den ersten Blick. Weil ich noch nie auf der Straße geschlafen hatte. Noch nie geschlagen worden war. Noch zur Schule ging. Und über Drogen nicht so Recht Bescheid wusste. Weil du dich mit mir fühlen konntest wie ein normaler Teenager. Vielleicht hast du gehofft, dass ein bisschen Normalität von mir auf dich abfärben würde.

8, 9, 10, 11, 12, 13, 14. Monate, die in meiner Erinnerung zu einer Einheit verwachsen sind. Wir trafen uns öfter bei mir, manchmal auch bei dir zu Hause. Du hast mich über meinen Alltag gelöchert, über die Schule, das ganz normale Leben einer 15-Jährigen, das du nie hattest. Über deine Probleme sprachen wir selten. Du wolltest das nicht. Ich wollte, dass du eine Ausbildung machst. Dein Leben auf die Reihe kriegst. Wie deine Eltern, die mich sehr mochten. Du schwiegst.

15. Eines Tages ging ich durch die Stadt und traf dich. Du warst zu, das sah ich auf den ersten Blick. Als du mich erkanntest, fielst du mir um den Hals. Ich war trotz allem erwachsen genug, um zu wissen, dass ich jetzt nicht mit dir reden konnte. Ich war noch zu jung, um zu verstehen, dass das hier keine Ausnahme war. Ich nahm dich mit nach Hause und legte dich in mein Bett. Der erste von vielen hilflosen Versuchen, dich nicht als Junkie auf der Straße verkommen zu lassen.

16, 17, 18, 19. Am nächsten Morgen gabst du zu, dass du Drogen nimmst. Regelmäßig. Du zeigtest keine wirkliche Motivation aufzuhören, und darum wusste ich, dass ich unsere Freundschaft beenden musste. „Ich kann dir nicht zusehen, wie du dich kaputt machst“, sagte ich. Du sagtest, dass ich deine einzige Verbindung zur Normalität sei. Die einzige, bei der du nicht nur Junkie bist. Dass du ohne mich noch viel mehr in diesen Drogenstrudel gezogen würdest. Dass ich die einzige sei, die noch einen Finger von dir habe, der dich vom Verschwinden retten würde.

20, 21, 22, 23, 24. Also blieben wir Freunde. Trotzdem änderte sich etwas, zwischen uns, von da an. Ich erzählte dir immer noch jedes Detail meines Alltages, um dich daran teilhaben zu lassen. Aber du erzähltest auch. Von deinen Depressionen. Deiner Hoffnungslosigkeit. Deinem ersten Freund. Der falschen Clique. Selten von Drogen. Weil du genug Leute hattest, mit denen du über Drogen reden konntest. Weil du genug davon hattest, dass sie der Mittelpunkt deines Lebens waren.

25. Also gingst du auf Entzug. Ich war so erleichtert, Jen. So hoffnungsvoll. So glücklich. Ich machte Pläne für uns, wenn du wieder da sein würdest. Wir wären so glücklich geworden. Ich war so naiv.

26, 27, 28, 29, 30, 31. Deine Eltern riefen mich an und erzählten, dass du den Entzug abgebrochen hättest. Mit irgendeinem anderen Junkie verschwunden wärst. Zwei Monate. Unsicherheit, Angst, Enttäuschung. Aber ich fühlte, dass du lebtest, irgendwo, zumindest so etwas ähnliches wie leben.

32. Du meldetest dich nicht bei mir, als du wieder nach Hause kamst. Deine Eltern riefen mich an. Darauf kam ich zu dir nach Hause. Du warst so kaputt, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Du sahst mich an und sagtest: „Ich bin ein Junkie, Nessy, was dachtest du?“. Ich wusste, dass du die Hoffnung aufgegeben hattest. Ich redete stundenlang auf dich ein, während du schwiegst. Du warst noch so jung. Dein Leben hatte noch nicht angefangen. Du konntest es noch anfangen. Gott, war ich naiv.

33, 34, 35, 36. Wir sahen uns kaum mehr, danach. Du wolltest das alles nicht mehr. Die Monate vergingen, ohne dass ich etwas von dir hörte. Die Verbindung zur Normalität war dir egal, weil dein Leben auch durch mich nicht normaler wurde. Und deine Hand war von meinem Finger abgerutscht. Du bist mit voller Geschwindigkeit den Strudel nach unten gerast.

37. Eines Abends standest du vor meiner Tür. Als wir in meinem Wohnzimmer saßen, warst du seltsam still. Auf eine andere Art und Weise als bei unseren letzten Gesprächen. Ich versuchte, Informationen aus dir zu bekommen, aber du warst nicht sehr gesprächig. Irgendwann hast du dich bedankt. Für alles, was ich getan hatte, damals. Weil ich immer wieder für dich da sein würde. Ich hätte etwas bemerken müssen. Im Nachhinein habe ich keine Ahnung, wie ich nichts bemerken konnte. Ich dachte, du wolltest einfach im Guten mit unserer Freundschaft abschließen. Ich sehe dich immer noch vor mir, wie ich nachts die Tür öffne, und dir sage, dass ich immer hier sein würde und auf dich warten. Wie ich dich frage, ob du jetzt nach Hause gehst, voller Sorge. Wie du lächelnd nickst. Und im Dunkeln verschwindest.

38, 39. Deine Eltern schreiben mir einen Brief, wenige Tage später, der mir erklärt, dass du vor drei Tagen wirklich für immer im Dunkeln verschwunden bist. Worte leuchten mir entgegen, Überdosis, Bahnhof, Tod; der Sinn ergibt sich mir lange nicht. Nie angefangenes Leben beendet. Am Ende des Strudels angekommen. Auf dem Boden aufgeknallt.

40, 41. Einundvierzig Briefe habe ich dir geschrieben. Einundvierzigtausend Tränen habe ich geweint. Einundvierzigmillionen Selbstvorwürfe habe ich mir gemacht. Jetzt gehe ich ein letztes Mal die Treppen zu deiner Wohnung hoch. Ich kenne immer noch jeden Fleck an der Wand, jede Schramme im Geländer. Ich hole mir die CDs ab, die wir stets zusammen hörten. Deine Eltern haben mich gefragt, ob ich sie haben will. Ein Vorwand, damit ich ihnen erzählen kann, was ich über dich weiß. Damit ich versuchen kann, Schmerz zu lindern, den du verursacht hast. Damit ich erklären muss, warum ich die letzte war, die du sehen wolltest. Die vorletzte, vor deinem Dealer.

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16 Antworten

Kommentare

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    wow. ich bin wiklich sprachlos. der Text geht unter die Haut und trifft einen mitten ins Herz.

    16.02.2010, 00:35 von paperwings
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    Der letzte Satz hat mich sehr bewegt...

    Toller Text, alles Gute!

    20.08.2007, 00:35 von HighD
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    gänsehaut. super geschrieben!

    21.06.2007, 20:15 von Mirror_Of_Me
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    Gänsehaut!

    09.04.2007, 20:09 von Luise84
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    oh mein gott!!!!!! nun sitz ich hier und weine.....unglaublich!!!!

    25.03.2007, 16:31 von Michel2
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ...echt traurig...hat mich total berührt!

    25.01.2007, 16:45 von H_a_n_n_a
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    hat mich richtig beruehrt..
    toll geschrieben :)

    21.01.2007, 16:44 von Naschkaetzchen
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    41 Atemzüge, die mir die Luft nahmen.

    14.01.2007, 00:57 von benni-baum
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    ist wirklich seltsam so in ungewissheit über das zu leben, was mit einem nahestehenden menschen wiederfährt...

    wirklich ein schöner text...gefällt mir wie du schreibst...
    Lg

    12.01.2007, 15:07 von schnuddelpferdchen
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