chapel 12.10.2007, 15:25 Uhr 12 18

Ein Jahr wie ein Leben

Mein Körper war ein Gefängnis geworden. Ich hatte die Kontrolle verloren, über mich und mein Leben. Ich war hilflos, auf ständige Pflege angewiesen.

Und alles nur wegen einer leichten Sommergrippe! Ein Schnupfen mehr nicht. Dafür wollte ich mich nicht ins Bett legen. Das Unwohlsein war lästig, aber auszuhalten. Ich ignorierte das immer stärker werdende Schwächegefühl und auch die ersten Wadenkrämpfe beunruhigten mich nicht, ebenso wie die Taubheit in den Fingerspitzen. Ein Freund war es, der mir dringend riet, jetzt doch endlich einen Arzt aufzusuchen. Er hakte solange nach bis ich mich geschlagen gab. Morgen.

Als ich am Morgen aufwachte fühlte ich meine Beine kaum noch. Das Bewegen der Arme kostete Unmengen von Kraft, ich war kurzatmig und ja: nun bekam ich Panik. Ich rief diesen Freund an und schilderte ihm meinen Zustand. Er rief den Notarzt.

Ein bisschen war es wie in einer Folge von Dr. House, bis auf das die Ärzte zu wissen schienen wonach sie zu suchen hatten. CT, Nervenleitgeschwindigkeitsmessung und Lumbalpunktion zusammen mit meinen Symptomen waren für die Ärzte eindeutig:
Guillain-Barré-Syndrom
Ein kleiner Virusinfekt – wie sich später herausstellte bei mir durch den Epstein-Bahr-Virus ausgelöst – provozierte meine körpereigene Abwehr zum Angriff auf die Myelinschicht der Nervenzellen im Rückenmark.
Ein Arzt erklärte mir, was auf mich zukommen würde. Das war vielleicht am Erschreckensten: Zu wissen, dass ich in ein paar Stunden nicht mehr selbst Atmen können würde. Dass sämtliche Muskeln des Körpers gelähmt sein können. Dass man mich in ein künstliches Koma versetzen wollte. Sie sind noch jung, sie werden es schaffen, sagte er mir.

Der Atemstillstand trat schneller ein als erwartet. Notfallintubation. Braunkanüle in die linke Hand, Injektion und ab ins Dunkel.

Nach sechs Wochen kam ich nach und nach wieder zu mir. Desorientierung und Panikattacken. Meine Umgebung nahm ich zu nächst nur schemenhaft war, wusste nicht, wann Tag und wann Nacht ist. Die Geräusche der Beatmungsmaschine und des Monotorings drangen am intensivsten in meine Welt. Ich war vollkommen bewegungsunfähig, wurde über einen Luftröhrenschnitt beatmet und über eine Magensonde ernährt. Die Lähmung hatte auf Teile des vegetativen Nervensystems übergriffen, damit war die Steuerung der inneren Organe gestört. Zweimal musste aufgrund eines drohenden Herzstillstandes der Defibrilator angesetzt werden. Meine Gesichtsmuskeln waren vollständig gelähmt. Selbst das Schließen der Augen war nicht möglich. Lange Tage trug ich einen Verband, der das Austrocknen der Hornhaut verhindern sollte und mich vollendens von der Außenwelt abschnitt. Ich konnte nicht sprechen.

Mein Körper war zu einem Gefängnis geworden. Ich hatte die Kontrolle verloren, über mich, über mein Leben. Ich war vollkommen hilflos, auf vollständige Pflege angewiesen. Das tägliche Waschen und Wenden wurde für mich zur Tortur.
In meinem Dämmerzustand hatte ich oft schlimme Albträume. Ich träumte zum Beispiel davon, dass ich zu viel Kleidung trug, die mich zu ersticken drohte oder das man mich lebendig begrub.
Das Denken lies sich nicht abstellen. Natürlich haderte ich mit mir und mit meinem Schicksal. Warum ich? Der Tod schien mir auf einmal als weniger bedrohend, gar als Alternative zu dieser Art von Leben. Ich spürte, der Ausstieg war möglich.
Ich wachte auf und sah meine Mutter neben meinem Bett. Jetzt erst machte es Klick. Noch ein Kind zu verlieren, dass könnte ich ihr nicht antun.

Ab da kämpfte ich mich zurück in die normale Welt. Allerdings war es immer noch nur meine Wahrnehmung, die klarer wurde und wieder funktioniert. Das andere, die Kontrolle über Körper und Muskeln, brauchte Wochen. Besserungen stellten sich nur in Minimalstschritten ein. Der erste große Erfolg: Ich durfte wieder selber atmen. Endlich konnte ich auch die Lider schließen und die erste Nacht ruhig schlafen. Und dann, zuerst nicht mehr als ein Flüstern, wieder Sprechen.

Sehr früh begann die physiotherapeutische Behandlung in der Frühreha des Krankenhauses. Jemand anderes bewegte meinen Körper. Auch etwas, was ich nur schwer akzeptieren konnte.
Kurz vor Weihnachten schaffte ich es mich das erste Mal im Bett aufzurichten. Zwar waren dafür auch noch zwei Pfleger als Unterstützung notwendig, aber ich hatte nun eine Aussicht: Der Rollstuhl und damit die Möglichkeit meinen Radius über das Krankenzimmer zu erweitern.

Meine Familie, die mich regelmäßig besuchen kam, hatten Bilder aufgehängt. Von der Ostsee, von unserem zu Hause, von Freunden und einen Sonnenaufgang. Genau in meinem Blickfeld hing eine Zeichnung von meinem Neffen Tim. Ihn vermisste ich am meisten. Bisher wollte ich nicht, dass er seinen großen, starken und sonst so lustigen Onkel in diesem Zustand sieht. Am 1. Weihnachtsfeiertag kam er das erste Mal mit in die Klinik. Er kletterte auf meinen Schoß und zusammen rollten wir den Krankenhausflur entlang. Seine kleinen Hände und die großen Augen halfen die ersten seelischen Wunden zu schließen.

Mit der Logopädin trainierte ich die Bewegung meines Mundes, der Kau- und Schluckmuskulatur. Dafür hatte ich die größte Motivation: Ich wollte endlich wieder etwas essen! Ein Highlight: die Schluckprüfung. Ich sollte beweisen, dass ich essen und trinken konnte, ohne mich zu verschlucken. Dazu wurde ich mit einem leicht radioaktiven Brei gefüttert, den ich schlucken musste, während man mich durchleuchtete. Es hatte geklappt! Kaum jemand glaubt, wie schön essen seien kann.

Ende Januar wurde ich aus dem Krankenhaus in die Reha entlassen. Ich verbrachte die meiste Zeit des Tages in Therapieräumen an unheimlichen Geräten oder in Kursen mit Töpfern und Seidenmalerei. Ich versuchte zu stehen, zu gehen, zu greifen, zu heben und trainierte meine Feinmotorik. Jede Bewegung musste ich neu lernen. Es war ein Kampf, aber ich wollte ihn gewinnen, musste es doch gerade zu. Da war dieser Jungen, dem ich jeden Tag auf dem Flur begegnete. Er ist nach einem Autounfall querschnittsgelähmt. Ich würde irgendwann wieder laufen können, aber was war mit ihm?

Eine Begebenheit aus der Reha:
Ich hatte Heißhunger auf Schokolade und den Ehrgeiz diesmal nicht die Schwester zu rufen. Mit viel Ächzen und Schimpfen schaffte ich es in den Rollstuhl und nach Minutenlanger schwerer Arbeit gelangte ich an ein Zwei-Euro-Stück in meinem Nachttisch. So ausgerüstet machte ich mich auf den Weg zum Kiosk im Erdgeschoss der Klinik. Beim Betätigen des Liftschalters mit dem Fuß verrutschte das Geldstück zwischen meine Oberschenkel auf die Sitzfläche des Rollstuhles. Unter Mithilfe beider Arme konnte ich zwar die Beine öffnen, allerdings nicht mehr nach der verflixten Münze greifen. Es kostete mich einigen Mut die Verkäuferin am Kiosk zu bitten das Geldstück aus dem „Versteck“ zu befreien. Aber ich bekam meine Schokolade! Auf dem Weg zurück zum Fahrstuhl passiert es: Die Tafel rutschte von meinem Schoß und landete unerreichbar neben dem Rollstuhl. Rettung nahte, aber das als Dank angebotene Stück mochte die Dame nicht annehmen. Dafür müsste sie ja die Verpackung entfernen! Mein letztes Hindernis: die Zimmertür. Meine Technik zum Öffnen der schweren Tür war sehenswert: mit beiden Ellbogen auf den Griff gestützt versuchte ich genug Schwung aufzubringen die Tür nach innen zu öffnen. Endlich sprang sie auf und die Schokolade aus dem Schoss. Eine vorbeikommende Krankenschwester, die mir auch noch gleich ins Bett half, legte mir die Schokolade liebevoll auf die Brust. Ende gut alles gut? Nein! Als es mir nach einer halben Stunde endlich gelungen war, die Verpackung aufzureißen, war die Schokolade so gut wie geschmolzen.

Im April durfte ich das erste Mal für ein Wochenende nach Hause. Wir feierten eine Riesenparty mit allen Freunden und Verwandten, aber der schönste Moment war als ich alleine am Strand im Sand saß, auf das Meer schaute und mir den Wind um die Nase wehen lies.


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Ich bin seit drei Monaten wieder zu Hause. Zu Hause in meiner Wohnung, habe mich dagegen gewehrt mein selbstständiges Leben aufzugeben. Dafür muss ich jeden Tag bei meinen Eltern anrufen und ihnen versichern, dass ich zu Recht komme. Es tut gut zu merken, dass das Leben weiter geht, als wenn es das letzte Jahr nicht gegeben hätte. Meine Freunde stehen wie selbstverständlich vor der Tür und zehren mich raus ins Nachtleben. Mein Arbeitgeber hat meine Stelle freigelassen und überlässt mir das Tempo für den Widereinstieg ins Berufsleben.

Was geblieben ist, sind leichte Empfindungsstörungen in Händen und Füßen. Die Taubheit in den Fingerspitzen lässt mich beim Schreiben auf der Tastatur den einen oder anderen Buchstaben nicht richtig erwischen und ich ärgere mich dann über die Tippfehler. Eine Muskelschwäche zaubert mir ein schiefes Grinsen ins Gesicht. Die Narbe des Luftröhrenschnittes ist glücklicherweise sehr unauffällig geraten. Bei einer Körpergröße von 1,84 wog ich zwischenzeitlich unter 60 Kilo, aber mein Hunger hat mich nicht verlassen und so futtere ich mich nach und nach zurück auf mein Idealgewicht. Obwohl mir die Ärzte zur Vorsicht rieten gehe ich zweimal die Woche laufen. Die Bewegung hilft mir meine Grenzen neu auszuloten. Die gravierendsten Veränderungen sind jedoch nicht äußerlich. Das Konzentrieren fällt mir oft noch schwer. Nachts liege ich wach und fühle wie damals die Dunkelheit auf mir lasten. Mein Hang zum Nachdenklichen hat sich verstärkt. Den Psychopharmaka habe ich mich verweigert. Die anfängliche Depression glaube ich überwunden zu haben.
Auch wenn es mir oft schlecht geht, schaue ich positiv in die Zukunft. Ich habe durch die Krankheit viel gelernt: anderen Menschen zu vertrauen, Geduld zu haben und zu kämpfen, auf die Signale meines Körpers zu achten.


Das Leben ist wieder schön.

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12 Antworten

Kommentare

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    Ich habe Tränen in den Augen und wünsche dir alles Gute für die Zunkunft.

    29.03.2012, 16:05 von Mathilda00
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    Dein Text ist toll, gibt Mut. Du hast echt schlimmes durchgemacht, ich wünsche dir weiternhin viel KRaft deinen WEg zumeistern.
    glg

    06.06.2008, 22:15 von jcf45
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    dein text lässt mich glücklich sein. ich bin glücklich, dass ich laufen kann und die blätter unter meinen füßen spüre, wenn ich im wald bin. und ich bin noch glücklicher, dass mir die Schokolade nicht wegschmilzt. und ich finde es toll, wie du das alles gemacht hast. Ich weiss manche Sachen nun mehr zu schätzen. mein Vater hatte einen Schlaganfall und ähnliche Probleme wie du. Aber da er von seiner Zeit im Krankenhaus, in der ich ihn auf seinen Wunsch nicht besuchte, wenig erzählte, habe ich bis jetzt nur schwer nachvollziehen können, wie es ihm ergangen ist. Ich denke, dass meine Vorstellungskraft einen etwas weiteren Horizont bekommen hat. Danke dafür und schreibe bitte weiter so schöne, gute, ach so glücklich machende Texte. liebe grüsse.
    alles Gute.

    10.11.2007, 15:40 von kleinepiratin
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    es ist unglaublich was manchmal mit einem körper passieren kann! ziemlich heftig.
    Dank dir für diese wunderbaren zeilen! Es eröffnet vieln einen andern blick für die wirklich wesentlichen dinge... ja auch eine schokolade kann das sein!
    fühl dich gedrückt!
    Danke!

    01.11.2007, 15:04 von Sternchen2007
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    Davon habe ich auch noch nie gehört, das ist ja echt heftig... Ich bewundere deinen Mut und die Kraft, die du aufgebracht hast und wünsche Dir für die Zukunft alles Gute!!

    27.10.2007, 21:29 von Pienzchen
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    ich bin sprachlos....

    26.10.2007, 10:55 von hinayana
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    Ich freue mich so, dass es dir wieder gut geht und herzlichen Glückwunsch,zu deiner Stärke und deinem Lebensmut.
    Das ist das wichtigste zum überleben und gesund werden. Du wirst ein schönes Leben haben!

    17.10.2007, 19:15 von TTTT
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