touchthesky 30.11.-0001, 00:00 Uhr 26 42

Du weißt nicht, wie das ist

Wie du fünf Jahre deiner Jugend damit verbrachtest gegen Depressionen zu kämpfen. Und dennoch nicht aufgabst. Ein Bericht.

Du kommst spät an diesem Tag im November 2002. Hast dich durch den Schneeregen, der die Stadt in einen Schleier aus Grau hüllt, gekämpft und umarmst mich stumm. Du bist sonderbar ruhig als wir einen Cappuchino trinken und bevor ich mir die Frage nach deinem Befinden auf der Zunge zurechtlegen kann, schiebst du sanft die Ärmel deines Wollpullovers nach oben. Ganz sacht. Während dir die Tränen in die Augen schießen, sehe ich sie zum ersten Mal. Die Stellen, an denen du dich mehrere Male so tief in die Unterarme geritzt hattest, dass das Blut hervortrat um zu einem unübersehbaren Grind zu werden.

Die Erwartungen deiner Familie, von denen ich dachte sie würden an dir abprallen, und der Noten- und Geltungsdruck unserer Klasse waren auf dich herabgestürzt und hatten dich unter ihnen begraben. Dich mitgerissen in den Sog von Depressionen.

Depressionen, dieses große, mächtige Wort. Dieser Zustand von dem du noch vor wenigen Monaten so weit entfernt schienst. Du, der Stolz der Familie, beliebt, das Tennistalent, die Klassensprecherin, die mit guten Noten in Englisch und Kunst glänzte. Du, die mal „studieren sollte“, wie deine Oma hoffte. Doch stattdessen warst du zurückgelassen worden, vergessen, so wie der Busfahrer manchmal Menschen bei Nacht an der Haltestelle vergisst. Von deinem Vater, der dich als Kind „meine Schöne“ nannte und nun kein Platz, keine Nische mehr fand zwischen der Baufirma, seinen Hobbies und dem neuen Mercedes. Deine Mutter, die sich so bemühte, aber dich genauso wenig erreichen und fassen konnte als liefe sie durch eine Nebelwand. Stück für Stück hattest du eine Mauer um dein kleines Leben und deine Gefühlswelt errichtet, zu der Niemand Zugang hatte. Du hattest den Vorschlaghammer genommen um die sich verfestigenden Vorstellungen deiner Familie zu zertrümmern, aber anstatt dem Gefühl der Befreiung trugst du nun eine zenterschwere Last auf den Schultern.
Und nun war klar, dass du Hilfe brauchtest.

Als dein bester Freund sitze ich aus diesem Grund am nächsten Tag in dem, von Neonröhrenlampen beleuchteten Praxiszimmer einer Psychologin, der ich versuche zu erklären, dass es dir nicht gut geht. Ich frage sie, ob sie dich behandeln würde. Während ich auf ein „Ja“ hoffe, wartest du vor der Tür.
Während ich mich in den darauffolgenden Wochen frage, ob du diesen Schritt überhaupt gehen wolltest, flüstern mir Klassenkammeraden von dir unbemerkt zu, du „seiest so anders geworden“. „Ach was“ erwidere ich, „Menschen ändern sich. Und manche werden eben Erwachsen“. Und weiß in Wirklichkeit doch nicht damit umzugehen.

Ich merke, wie es der Psychologin langsam gelingt, sich an dich ranzutasten. Wir streiten trotzdem noch fast jeden Tag. „Du weißt nicht, wie das ist“ wirfst du mir an den Kopf und ich muss dir zustimmen. „Stimmt, ich weiß nicht wie das ist“. Wie sollte ich auch?

Ich versuche dich zu begreifen und muss kapitulieren am Gefühl der Machtlosigkeit. Ich weiß nicht, wie es ist von der Umwelt mit Ablehnung gestraft zu werden, weil man auf einmal still und zurückgezogen ist und vielleicht ungewollt andere dabei verletzt.
Seinen Schmerz herausschreien möchte.
Der Welt leise eine Ahnung geben.

Dass ich in einer „heilen Welt“ leben würde, die nicht existiert, wirfst du mir oft vor, weil ich mich mit meinen Eltern gut verstehe. Und dennoch wird meine Familie dein Zufluchtsort, dein Bollwerk. Dein Deich, bei dem du hoffst dass er den Wassermassen stand hält.

Die Zeit fliegt an uns vorbei und ich sehe dich leiden. Gegen eine Drehtüre anrennen. Deine Verzweiflung, deine Angst ins Leere zu treten und endgültig abzurutschen. Ich versuche dich zu verstehen, dir deine Last zu nehmen und dich zu halten. Doch ich bin auch wütend. Darauf dass du angefangen hast zu kiffen, Schmerztabletten und Antidepressiva schluckst und lethargisch wirst.
Es ist deine Raumfahrt durchs Leben.

Als sich die Krankheit verschlimmert wirst du 2004 nach zwei Jahren Kampf in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die „renomierteste Deutschlands“, wie dein Vater mir versichert. Überhaupt haben deine Eltern inzwischen begriffen und versuchen dich aufzufangen .Du sollest weich landen, wie auf Daunenkissen oder Luftmatratzen.

Ich komme dich in der Klinik besuchen, ein Betonbau umgeben von Nadelbäumen.
Vielleicht sind es Orte wie dieser, die Menschen bewusst machen, das sie am Boden sind, dass sie wanken und taumeln und etwas ändern müssen. Trostlos ist es hier, so trostlos dass ich es kaum ertragen kann. Ärzte in weißen Kitteln huschen durch die Wartehalle und ich schwöre mir, dass ich dich nicht hergeben werde. Obgleich du längst zu schwer bist. Dass du dich bei mir festhalten kannst. Ich finde dich zermürbt und müde von den unzähligen Therapiestunden.
Wir gehen in dein Zimmer, wo ich eine Karte auf dem Tisch stehen sehe, die ich dir in die Klinik geschickt habe. „Wenn der Himmel ergraut, geh raus und reiß’ ihn auf!“ steht dort. Wir müssen beide schmunzeln.

Die abendlichen Sonnenstrahlen tauchen deinen Balkon in warmes Licht, aber wir dürfen ihn nicht betreten. „Verbot des Klinikpersonals“, erklärst du „erst vor zwei Wochen hat sich einer runtergestürzt“. Um nicht gesehen zu werden, lehnen wir uns mit dem Rücken an die kalte Betonwand des Balkons und hören leise dein Lieblingslied von Franz Ferdinand. „Take me out“. Hol mich hier raus.
Du rauchst und erwähnst, dass du die in der Klinik gelernt hast deinen Schmerz zu artikulieren. „Mehr als 5% aller Jugendlichen in Deutschland leiden unter Depressionen“ sagst du leise und willst zeigen, dass du nicht alleine bist. Berichtest von der Gruppen- und Einzeltherapie und den anderen Patienten. Erzählst lachend, dass du ausgerastet bist, als einmal der Aufzug in der Klinik stecken blieb, und du mit deinen Fäusten gegen die Tür gehämmert hast. Drei Schwestern hätten dich beruhigen müssen.

„Den Schmerz Schmerz sein lassen“. Über diesen, deinen, Satz denke ich lange nach während ich im Zug nach Hause sitze und sicher bin, dass du vorallem Mut brauchst. Nach drei Monaten darfst du die Klinik verlassen. Langsam beginnst du den mehrere Jahre währenden Kampf zu erfassen.
Ein Kampf, der deine Jugend bestimmte und die Wirrungen der Pubertät um so vieles dichter und komplizierter erscheinen lies. Du weißt, dass deine Welt nie mehr dieselbe sein wird. Fühlst dich deswegen aber nicht schuldig, sondern weißt, dass das schon ok so ist. Du hast deinen Realschulabschluss geschafft, im 2. Anlauf zwar, aber wen interessiert das. Du hast ganz andere Prüfungen bestanden.

In all den Jahre mit dir hatte ich mich oft gefragt, warum wir nie ein Paar geworden sind, obwohl du sagtest, dass du mich liebst. Warum du nie zärtlich zu mir warst, weil du dass „nicht könntest“. Ich habe nun verstanden, dass du einfach meine Hilfe brauchtest. Mehr als alles andere. Und trotzdem bleibt so vieles was ich noch sagen möchte, vergessen auf meiner Zunge.

Es ist ein sonniger Tag im Spätherbst 2007. Wenn ich durch die Sonne blinzle sehe ich dich auf unserer Terrasse sitzen. Du schlürfst einen Milchcafé und berichtest von deiner Woche. Zur Psychologin gehst du noch in unregelmäßigen Abständen. Außerdem hast du eine Ausbildung zur Ergotherapeutin begonnen. Ich lausche deinen Erzählungen und bin dankbar. Dafür wie weit du gekommen bist. Ich frage dich, ob du eine Probezeit bestehen musst.
„Ja“ sagst du und schmunzelst.
„Aber das ist schon ok“."Wichtige Links zu diesem Text"
Eine Definition und Hilfe bei Depressionen

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26 Antworten

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    Wunderschöner Text.

    Meine beste Freundin erkrankte in der Schulzeit nach der Trennung ihrer Eltern auch an Depressionen und einer Essstörung. Ich habe verzweifelt versucht, ihr zu helfen, sie aufzufangen - das für sie zu sein, was du für Kathrin warst. Aber sie hat sich völlig verschlossen. Später hat sie sich gefangen, aber wir haben seitdem keinen Kontakt mehr.
    Beim Lesen deines Textes war die ganze Hilflosigkeit und Traurigkeit von damals wieder da.

    03.02.2010, 15:40 von dasLaecheln
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    Ein wunderbarer Artikel, die Sorte zum Ausdrucken und irgendwo aufhängen.

    20.01.2010, 01:43 von Luanna
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    sehr schöner text. bewegende erzählung, ich finde, du hast das gefühl sehr gut vermittelt.

    03.01.2009, 16:01 von Snow.
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    Solche Freunde braucht man!

    23.07.2008, 18:38 von Kampfkruemel
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    Wow.

    11.06.2008, 21:57 von knitterpitty
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      @[Benutzer gelöscht] Das ist ein sehr wichtiger Punkt:

      die Akzeptanz der Krankeit und die Bereitschaft Hilfe anzunehmen. Genau das hat in unserer Freundschaft jedoch oft zu Konflikten geführt - ihre Schuldgefühle und das Gefühl ihrerseits, dass sie mich braucht. Dass ich ihr tausendmal gesagt habe, dass ich es für SIE mache und sie mir deswegen "nichts schuldet" - es war als hätte ich gegen eine Wand geredet.

      Auf der anderen Seite hat es mich auch irgendwann gestört, dass es immer nur um sie und ihre Krankheit ging und ich das Gefühl hatte, sie fragt nicht einmal mehr wie es mir denn geht.

      Inzwischen haben wir uns aber eine gleichberechtigte Freundschaft aufgebaut - mit Geben und Nehmen.

      Und ich nehme immernoch sehr viel von ihr.

      13.06.2008, 00:35 von touchthesky
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    ich weine auch. toll.

    24.05.2008, 20:13 von Verlchen
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    schön, wenn man von einem Erfolg berichten kann. Das ist dann ein gewisser Lohn für die Mühen.

    18.05.2008, 14:28 von oneandall
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    man sollte texte, die auch hartgesottene leser zum weinen bringen, irgendwie kennzeichnen. könnte ja sein, dass die gerade im büro sitzen, und wie sieht das denn aus, wenn sie vorm rechner in tränen ausbrechen?!? mensch.

    empfehlung.

    26.03.2008, 10:07 von misspringle
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NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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