nyx_nyx 07.02.2012, 16:54 Uhr 12 8

Draußen ist mehr Platz als drinnen

Wenn die Hoffnung schleichend stirbt

Wie jeden Abend der vergangenen Wochen, sitzt sie auf dem Holzstuhl und obwohl es nicht viel zu sehen gibt, schweift ihr Blick wie in Zeitlupe immer wieder durch die fünfundzwanzig Quadratmeter. Zwei Betten, vereinzelte Fotos und von Kinderhand gemalte Bilder, wenige persönliche Gegenstände, dafür aber viele Schläuche die zu diversen Geräten führen, ein gerahmter Kunstdruck und ein Kalender, der ihrer Meinung nach erbarmungslos aufzeigt, dass die Tage nur noch schleppend voran gehen, während der Zeiger der Wanduhr nervös tickt. Wie hypnotisiert bleiben ihre Augen immer dann daran hängen, wenn ihr die Worte ausgehen und sie die Stirn in Falten legt, als würde sie angestrengt nachdenken, was sie noch erzählen könnte. Es kann ja nicht viel Neues geben, so viel Zeit, wie sie hier verbringt, die Hand ihres Mannes geduldig umschlossen.
 

Wenngleich ihr niemand sagen könne, ob er sie überhaupt versteht, achte sie darauf, sich in ihren Erzählungen nicht zu wiederholen. Sie wolle ihn schließlich nicht langweilen, wo doch eh kaum etwas in diesem Raum passiert, erzählt sie dem Pfleger, der nach kurzem Klopfgeräusch das Zimmer betritt. Sie hat ihn unter den ständig wechselnden Gesichtern der vielen Mitarbeiter schon mehrmals gesehen.
Die gemeinsamen Gespräche am Esszimmertisch seien ihnen beiden in den vielen Jahren heilig gewesen. Kommunikation in einer Beziehung müsse man pflegen, gibt sie ihm als Rat mit auf den Weg, während er höflich nickt und die vielen Kissen aus dem Bett nimmt. Er zieht den Saum der Windel ihres Mannes, der sich wie eine leblose Puppe drehen lässt, beiseite und sieht nach, ob sie gewechselt werden muss. Angespannt steht sie daneben, den Blick starr auf den Kunstdruck gerichtet, als traue sie sich aus Angst etwas falsch oder kaputt zu machen, nicht zu helfen.
Die abgebildete Blumenwiese erinnere sie jeden Tag an den vergangenen Sommer, setzt sie an, während sie in ihrer Hosentasche nestelt. Der Pfleger lächelt und schwärmt vom angenehmen Wetter des Sommers, der ja nun leider schon vorbei sei. Ihre Mundwinkel hängen unverändert so tief, wie es ihre straffe Haut zulässt. Es sei in der Tat ein schöner Sommertag gewesen, als sie spazieren waren und er ohne Vorwarnung einfach umfiel, fährt sie fort. Sie habe den Notarzt gerufen und ihrem Ehemann auf dem Feldweg zwei Rippen gebrochen, ihn über den Mund beatmet, bis sie endlich abgelöst wurde und erst sehr viel später gesagt bekam, dass er operiert werden müsse. Er habe eingeklemmt. Darunter verstehe sie so etwas, wie den Finger in der Tür einzuklemmen, habe aber rein gar nichts damit zu tun. Nach der Hirnblutung sei das Gehirn angeschwollen, weswegen sie den Schädel öffneten und ein Stück Knochen entnahmen. Draußen sei mehr Platz als drinnen, hätten sie ihr erklärt. Der Pfleger reagiert auf die Schilderungen mit verständnisvoller Miene und der Frage, ob sie beim Frischmachen dabei sein, oder lieber vor der Tür warten wolle. Mit einem sanften Streicheln über den schlaffen Arm ihres Mannes, verabschiedet sie sich flüchtig und macht sich mit dem Straffen ihrer Schultern bereit für die Welt außerhalb der Klinik.


Von Freunden, deren Besuche inzwischen seltener würden, bekäme sie oft gesagt, sie sähe schlecht aus und habe abgenommen. Dabei sei sie schon immer schlank gewesen. Die dunklen Augenringe seien Zeugen ihrer Erschöpfung, über deren Grenze sie momentan absichtlich trete, um erst dann in einen tiefen Schlaf zu fallen, wenn sie keine Kraft mehr für Gedankengänge übrig habe. Sie käme nicht zur Ruhe und müsse ja nun nach der Arbeit noch so viel erledigen, sich um die Kinder kümmern, die Rolle des Vaters mit übernehmen und dutzende Formulare ausfüllen. Sie fahre täglich siebzig Kilometer, um bei ihrem Mann zu sein. Die Ärzte würden ihr zu wenig Auskunft geben, sie fühle sich kaum einbezogen.
Die Physiotherapeutin stellt heute keine Zwischenfragen, lässt die Angehörige erzählen, während sie die Gelenke des Patienten durchbewegt, um Kontraktionen vorzubeugen. Auf das flehende Erbitten reagiert sie gelassen. Sie könne und wolle keine Prognose abgeben, wann der Patient wieder gesund und arbeitsfähig sein wird; wolle ihr die Hoffnung nicht rauben, jedoch auch nicht, dass sie sich an fragilen Grashalmen festhält. Sie könne jederzeit gerne bei der Therapie dabei sein, es wäre ja auch schon ein großer Fortschritt, dass die Vitalwerte mittlerweile bei der Bewegung im Bett stabil bleiben. Sie würde ihr gern ein paar Übungen zeigen, die sie mit ihm machen könnte, die ihm gut täten.


Während sie ihm aus einem Buch vorliest, liegt er röchelnd im Bett, nur mit einem dünnen Laken zugedeckt. Er würde sonst so stark schwitzen. Das Atmen durch die Trachealkanüle strengt ihn sichtlich an, aber wenigstens benötige er keine Beatmungsmaschine mehr. Wenn es beim Atmen blubbert oder er stark hustet, solle sie die Klingel drücken, dann würde jemand zum Absaugen kommen. Manchmal dauere das so lange, dass sie die Wartezeit damit verbringe, die verschiedenfarbigen Linienbewegungen auf dem Überwachungsmonitor auswendig zu lernen. Sobald die Ernährungspumpe piepst, anstatt gleichmäßig zu surren, schrecke sie auf, obwohl sie längst wissen müsse, dass nur der Beutel mit der cremefarbenen Flüssigkeit leer ist. Meist piepse es dann auch kurz darauf am Nachbarbett.

Sie habe einige Patienten in diesem Zimmer kommen und gehen sehen, so lange liege ihr Mann schon hier. Die meisten seien weniger stark betroffen gewesen und hätten ein erweitertes Therapieprogramm bekommen, weswegen sie erfolglose Diskussionen mit Ärzten und Therapeuten geführt habe, die allesamt der Meinung seien, ihr Mann würde momentan nicht davon profitieren, er sei nicht stabil, belastbar und aktiv genug.
Besuch hätten die anderen Patienten jedoch kaum gehabt. Zumindest nicht zu den Zeiten, zu denen sie täglich hier gewesen sei. Wenn doch, habe sie sich direkt in Unterhaltungen gestürzt, von der gemeinsamen Vergangenheit erzählt, von ihren Kindern und den Bildern, die sie bei ihren Großeltern malen, solange diese sich um sie kümmern. Es sei belastend, dass die beiden sich vor ihrem Vater fürchten und deshalb nicht mitkommen. Sie habe mit dieser Wahrheit schon oft schockiert, jedoch ließe der Vergleich mit den aufgehängten Fotos aus glücklichen Zeiten, deutlich erkennen, dass er sich auch äußerlich stark verändert habe und es dann kein Wunder sei, wenn ihn die Kinder nicht mehr als Papa erkennen.
Es klopft, der Hauspsychologe stellt sich vor und bietet ihr gemeinsame Gespräche an, da in solch schwierigen Zeiten draußen mehr Platz für Gefühle und Gedanken sei, als drinnen. Sie lehnt dankend ab, wolle stark für ihren Mann bleiben, komme klar und habe den Spruch in einem anderen Zusammenhang schon einmal gehört. Überzeugungsarbeit bleibt erfolglos.


Er liegt weiterhin regungslos im Bett und sieht durch seine Frau hindurch, als wäre sie gar nicht da. Und dennoch versucht sie unermüdlich, Kontakt zu ihm aufzubauen, interpretiert jedes Muskelzucken und jegliche mimische Veränderung als Reaktion und Interaktion. Sie vermisse die Nähe zu dem Mann, den sie einst aus Liebe geheiratet habe. Nun wisse sie nicht einmal, ob er noch weiß, dass sie verheiratet sind. Sie küsst ihn nicht, berührt ihn immer nur an den Außenseiten des Körpers, wischt ihm gelegentlich den Speichel von der Wange und sieht ihn mit wässrigen Augen an. Früher habe er ihr immer Stärke und Halt gegeben, heute versuche sie sich dafür zu revanchieren, wisse jedoch nicht einmal genau, ob er das will. Sie hätten nie darüber gesprochen, was in einer solchen Situation das Beste sei. Zu weit entfernt seien Krankheit und derartige Schicksalsschläge bisher gewesen. Er habe nie über eine Patientenverfügung nachgedacht, oder darüber, ob er seine Organe spenden möchte, falls es so weit kommen sollte. Ebenso sei kein Testament vorhanden und um Versicherungen habe immer er sich gekümmert, sie müsse das nun endlich in Angriff nehmen. Vielleicht würden die auch einen Teil der Umbaumaßnahmen bezahlen, würde sie ihn mit nach Hause nehmen. Aufgrund der Kanüle, stehe ihm eine 24h-Pflegekraft zu. Er habe sicher nie gewollt, in einem Pflegeheim zu landen. Das Haus sei noch nicht abbezahlt und sein Arbeitsplatz gefährdet. Vielleicht könne er ja nie wieder arbeiten. Er sei doch noch so jung. Sie hasse sich für diesen Gedanken, aber vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben und somit erlöst. Sie hält seine Hand und weint.
Ich weiß nicht was ich sagen soll, habe einen Kloß im Hals, stammle etwas von ‚es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen’, schnappe meinen Putzkram und verlasse den Raum. Einmal tief durchatmen, anklopfen und auf ins nächste Zimmer.

8

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Auch mir machte der lästige Konjunktiv zu schaffen. Wenn ich mal drauf und dran war, mich reinzulesen und -fühlen, riss er mich wieder raus.

    07.03.2012, 07:17 von konsTante
    • 0

      Das musste einfach mal sein. Lass mich mich ausprobieren und rumtoben :) Die drauffolgenden zwei Texte waren ja komplett ohne Konjunktiv. Daher darf das auch mal sein ;)

      07.03.2012, 20:01 von nyx_nyx
    • 0

      Jaja, klar darf das auch mal sein...dennoch muss es mir nicht gefallen, nech?

      Im allgemeinen mag ich aber, wie Du schreibst.

      07.03.2012, 20:59 von konsTante
    • 0

      Nö, muss natürlich nicht und für Feedback bin ich immer dankbar, egal in welche Richtung es geht.

      Dankesehr, das freut mich!

      07.03.2012, 21:01 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • 1

    sprachlos!

    07.03.2012, 05:58 von snaty
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich bin leider mit dem Text durch des dominierendem Konjunktives nicht warm geworden. Auch wenn der Inhalt schon ergreifend war.

    10.02.2012, 10:58 von topfbluemchen
    • 1

      äh, meine gerade mal abhanden gekommene Grammatik bitte ignorieren ;-)

      10.02.2012, 11:00 von topfbluemchen
    • 1

      :)
      Das war meine Experimentierfreude mal wieder. Anderer Blickwinkel und so. Der nächste wird ganz ohne Konjunktiv, extra für dich ;D

      10.02.2012, 13:15 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    das regt mich zum nachdenken an. sehr gut, aber auch traurig beschrieben. da wünscht man sich direkt, niemals in eine solche situation zu geraten. well done!

    09.02.2012, 16:59 von HIRSE
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Sie hasse sich für diesen Gedanken, aber vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben und somit erlöst."

    Sehr einfühlsam und sensibel geschrieben dieser Text. Vielschichtige Gedanken um einen solchen Patienten und seine Frau/Familie. Sehr nachvollziehbar.
    Lediglich: "schnappe meinen Putzkram und verlasse den Raum."  hatte mich etwas irritiert. 

    08.02.2012, 14:13 von Jackie_Grey
    • 1

      Dankesehr Jackie. :)
      Der Schluss war als dritte Anspielung auf "draußen ist mehr Platz als drinnen" gedacht und sollte aufzeigen, dass in diesem Bereich sämtliche Berufsgruppen mit den Schicksalsschlägen zu tun und evtl. auch zu kämpfen haben, als individueller Seelsorger teilweise standhaft sein und sehr viel Frust, Trauer und Leid abfangen müssen.

      08.02.2012, 14:18 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

  • Links der Woche #25

    diesmal u.a. mit den Kid-Emmy-Awards 2014, einem Podcast zum Einschlafen und Hunden, die ihre Herrchen drücken.

  • Wie siehst du das, Stefano Marchionini?

    Jeden Mittwoch interviewen wir Fotografen. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare