sonnenkind87 24.05.2005, 00:32 Uhr 12 2

"Diese Zuckungen gehen schon wieder weg"

Epilepsie ist ein Schock. Was, wenn man sich ploetzlich nicht mehr kontrollieren kann? Verstecken ist definitiv nicht die Loesung.

"Ach, das wird schon wieder! Was soll das denn schon sein?!?" redete ich mir guten Mut zu. Seit einiger Zeit hatte ich immer mal wieder kleine Zuckungen von den Armen und Schultern nach dem Schlafen. Ich versuchte es zu verdraengen. Es ging ja immer wieder nach einigen Minuten weg. Niemand bekam etwas mit. Das war mein kleines Geheimnis. Das ganze fing vor gut 18 Monaten an. Ich war 16.
Irgendwann bekam meine Mutter es dann doch mit. Ich war gerade von einem Mittagsschlaf aufgewacht und sollte den Tisch fuers Abendbrot decken. Teller konnte ich aber nicht halten. Er fiel mir einfach aus der Hand. Aufheben konnte ich die Scherben auch nicht. "Na, heb' doch den Teller auf!" forderte meine Mutter ungeduldig, bis sie merkte das etwas nicht stimmte. Die Zuckungen gingen wie immer weg, das Verdraengen dieses mal nicht. Meine Familie war hinter mir her zum Arzt zu gehen und wollte einfach keine Ruhe geben. Schliesslich ging ich dann zum Neurologen der dann meine Gehirnstroeme mass und ein paar tolle Bilder von meinem Schaedel nahm. Dann das Ergebnis: "Du hast Epilepsie!" Buhm, ein Schock. Ich war am Boden zerstoert und wollte mit keinem darueber reden. Nicht meinen Eltern und ich schaemte mich darueber meinen Freunden zu erzaehlen. Zum Glueck sagte der liebe Herr Doktor ich braeuchte noch keine Pillen.
Dann ging ich fuer ein Jahr nach Kanada. Ich erzaehlte meiner Gastfamilie bewusst nichts von dieser unheimlichen Krankheit die sich so ploetzlich und unpassend in mein Leben draengte. Fuer sieben Monate ging es gut. Dann fuhr ich nach Washington. Ein tolles Erlebnnis... bis der Bus stehen blieb und wir die Nacht im Bus verbringen mussten. Ich konnte nicht schlafen und da kam es wieder. Ich versuchte es zu verstecken, was allerdings weniger erfolgreich war. Dann erzaehlte ich meinen besten Freunden davon und sie verstanden.
Eine Woche spaeter kam dann der Knaller. Ich hatte einen richtigen epileptischen Anfall. Ich kann mich an nichts erinnern. meine Gastmutter rief den Krankenwagen. Da war ich dann im "Emergency Room". Wie im Fernsehn. Mit der Ausnahme, dass sich da nie jemand in die Hosen macht (was allerdings nichts ungewoehnliches fuer einen epileptischen Anfall ist). Meine Gastmutter war besorgt, aber zum Glueck nicht boese. Sie verstand.
Ich konnte noch am selben Abend nach Hause und das Leben geht ganz normal weiter.
Ich habe Angst, aber wenigstens weiss ich jetzt, dass ich meine Krankheit nicht verstecken kann und darf. Ich weiss jetzt allerdings auch, dass ich kein Autofahren darf, geregelt schlafen muss und Alkohol sehr einschraenken muss. Ein Schock fuer jeden Teenager.
Trotz allem bin ich immer noch ich. Und ich weiss jetzt sicher:
"Was mich nicht toetet macht mich nur staerker!"

2

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ein paar freunde von mir haben auch dasselbe, ich denke nicht, dass du dich deswegen schämen musst. es kann doch jeder von uns plötzlich damit konfroniert werden, es ist ja schließlich keine ausnahme krankheit und das man auch ohne alkohol spass haben kann ist dir sicher bekannt;) und sehs doch positiv dadurch, dass du kein auto fahren darfst gehörst du nicht zu denn umwelverschmutzern und musst nicht für hohe benzinpreise blechen.... ;)
    alles gute

    27.09.2006, 12:54 von Juli-Puli-Kuli
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Eine gute Freundin von mir hat auch Epilepsie.
    Ihre Anfälle werden in letzter Zeit sehr häufig, zwischen den letzten beiden lagen gerade Mal 2 Monate.
    Sie ist 17 und macht ihren Führerschein.

    19.05.2006, 21:29 von Paperclip-Lena
    • 0

      @Paperclip-Lena nicht gut. sie sollte nicht autofahren wenn sie so stark anfallsgefährdet ist. ich war mal ersthelfer bei einem unfall als ein mann einen epileptischen anfall hinterm steuer hatte, er hat zum glück nur ein anderes auto gestreift und einen laternenmast umgenietet, ihm ist auch nichts passiert, aber da hätte alles mögliche passieren können, es war auf dem parkplatz von einem recht hoch frequentierten einkaufszentrum. also ich will ja niemandem seinen führerschein madig machen, aber in dem fall ist es schon etwas kritisch.

      13.07.2006, 01:54 von moralapostel
    • Kommentar schreiben
  • 0


    "Ich habe Angst, aber wenigstens weiss ich jetzt, dass ich meine Krankheit nicht verstecken kann und darf."

    Leider macht es die neutral bis peinlich berührte Umgangsweise unter Fremden es nicht gerade leicht, mit solchen Krankheiten zu leben.
    Ich hab mal in der Bahn ein Mädchen getroffen, die auf einmal einen Anfall bekam. Auf meine Frage, ob ich ihr helfen könne, konnte sie mir sage, daß das ein epileptischer Anfall ist und ich ihren Kopf festhalten solle.

    Hinterher hat sie sich bedankt und gesagt, daß die meisten immer wegschauen, was mich ganz schön traurig gemacht hat.
    Aber möglicherweise ist mir das leichter gefallen, weil ich schon im Zivildienst mit Epileptikern Erfahrungen hatte.

    Ich meine, je mehr sich Menschen auch in der Öffentlichkeit unterstützend und nicht aussondernd begegnen, um so leichter ist es, kein Geheimnis daraus zu machen. Schon von daher find ich gut, daß Du das geschreiben hast und hier schon einige kommentiert haben.

    05.02.2006, 07:43 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich sage immer "Ich habe Epilepsie", nicht "Ich bin Epileptikerin". Ich bin Julia, nicht Epileptikerin, das zuerst.

    Eine Erkrankung wie die Epilepsie ist nicht leicht, weil sie dich jederzeit ereilen kann, aus dem heiteren Himmel, aus dem Nichts. Sie sit unkontrollierbar.

    Ich hatte mit fünf meinen ersten Anfall, zack, umgefallen, konnte mich an nichts erinnern. Das war natürlich ein Schock, nicht nur für mich, vor allem auch für meine Familie.

    Ich war im Epilepsiezentrum Kork und wurde sehr gut behandelt. Von da an war ich anfallfrei.

    Mit zwölf war ich zum ersten Mal richtig besoffen, von da an jedes Wochenende, die Epilepsie war ganz weit weg. Mit 17 hatte ich einen Anfall, bei meinem damaligen Freund, morgens um fünf, ich wollte mich gerade anziehen. Plötzlich war vieles auf der Kippe, Führerschein, etc. Also habe ich mich zusammengerissen, keinen Alkohol mehr angerührt und bin seither anfallfrei.

    04.02.2006, 14:45 von odradek
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hallo du,
    find ich echt toll von dir , wie du dass hier alles beschreibst.Ich habe auch eine Epilepsie, seit ca.12 Jahre, es fing halt "sehr allmählich" mit einer Art Einschlafen des linken Arms an.Da dies nicht als Anfall gedeutet wurde, bekam ich dann nach ca. 2 Jahren auch diese klassischen Grandmal Anfälle.Da aber nie ein Arzt direkt nach einem Anfall ein EEG gelesen hat, wurde erstmal drei Jahre das ganze als Psychogetue einer Pubertären abgetan.
    Dann kam ich endlich an die richtige Adresse: die Kinder und Jugendklinik für Epilepsie in Bethel, Kidron.Seitdem bin ich nach einer Weile der Medikamenteneinstellung anfallsfrei und muss sagen dass ich ausser von gelegentlichen "Gefühlen" in Arm und Gesicht ( wie eine Aura ohne nachfolgenden Anfall) absolut nix von meiner Krankheit mitkrieg.
    Da ja der Beginn der Krankheit und auch das Tablettennehmen mit den dazugehörenden Einschränkungen wie wenig Alkohol ja sozusagen eh an den Anfang meiner "Party-Zeit" fiel, war dass für mich nie ein Problem.
    Und ich muss auch sagen, dass ich ganz tolle Freundinnen habe, die mich zig mal buchstäblich aufgefangen und auf mich aufgepasst haben, denn ich hatte meine Anfälle zu 70 % morgens in der Schule, so dass meine Klasse echt Routine darin hatte die Tische auseinanderzuschieben und zu warten bis es vorbei war.

    18.10.2005, 12:39 von wennsietanzt
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] eine hunderprozentige garantie vor anfallsfreiheit, durch vorbeugung kann es im moment trotz erstklassiger einstellung der antiepileptika nicht geben. ich selbst kenne allerdings epileptiker die seit mehr als zehn jahren keinen anfall mehr hatten.
      eine andere sache, allerdings ist es dabei wichtig die person gut zu kennen, die bei weitem auch nicht bei jedem "funktioniert" sind die augen. irgendwas verändert sich da, was es genau ist kann ich dir aber nicht sagen. (vorsicht, nicht wissenschaftlich fundierte, subjektive wahrnehmung meinerseits)
      "erfahrene" epilepsiekranke (ich persönlich kenne einen) merken schon ein paar sekunden vor dem anfall, dass es jetzt gleich wieder los geht und können sich auf den boden legen. das nennt man 'aura'.
      schon im vorfeld zu merken, das jetzt gleich wieder ein anfall kommt ist also meistens recht schwer.
      in kehl bei strassburg gibt es das epilepsiezentrum kork die haben damals bei einer innerbetrieblichen fortbildung einen referenten zu uns geschickt war sehr interessant. wenn du die möglichkeit hast sowas anzuschauen empfehle ich dir das voll und ganz.

      21.09.2005, 17:52 von moralapostel
    • 0

      @moralapostel Hallo sonnenkind,
      ich bin auch Epileptiker (Zuckungen des linken Arms) und kann sehr gut nachvollziehen, dass du dich erstmal geschämt hast. Allerdings hilft das neunmalkluge Zureden von Nichtbetroffenen auch nicht viel...
      @moralapostel... ich kriege keine "richtigen" (Ohnmacht, usw.) Anfälle, schlimmstenfalls werden die Zuckungen so stark, dass sie auf den Oberkörper übergehen, ich keine zusammenhängenden Sätze mehr (nur einzelne Silben) mehr von mir geben kann und mich nicht mehr fortbewegen kann...

      Flo

      11.10.2005, 17:55 von lyingsaucer
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Hallo sonnenkind,
    eine Freundin von mir hat auch Epilepsie, aber sie kommt ganz gut zurecht. Wichtig ist, seine Medikamente regelmäßig zu nehmen und bei den geringsten Anzeichen von Überanstrengung sofort runterzuschalten (Sie bekommt sonst eine "Aura").
    Gottseidank liegt ihr letzter Anfall 2 Jahre zurück.
    Mit dem Autofahren - Du darfst 2 Jahre keinen Anfall gehabt haben, dann darfst Du auch Auto fahren. Hoffnungslos ist der Führerschein also nicht unbedingt.
    Wünsche Dir viel Glück.

    Saphira

    06.06.2005, 18:47 von Saphira
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare