Die lange weiße Linie
Wie wird aus einer Kokapflanze eine Droge, und wie reist diese Droge rund um die Welt? Wir haben den Weg des Kokains verfolgt.
Jemand nimmt die Zweige in die Hand, ein ganzes Büschel am besten, fasst sie fest am Strunk und lässt sie dann durch die Hände gleiten wie ein Tau, nicht zu schnell, das tut weh, nicht zu langsam, dann bleiben zu viele Blätter am Zweig. Damit fängt es an. Jemand nimmt einen Strohhalm, am besten von McDonald’s, schneidet ihn entzwei, stößt sich das eine Ende des schöneren Stücks in die Nase, hält das andere an die Linie und zieht hoch. Damit hört es auf. Dazwischen liegen ein Meer, ein Dutzend Grenzen und je nach Sichtweise viel Geld oder ein großes Problem. Der Begriff dafür ist der Gleiche: Drogenhandel.
Es geht um (2R,3S)-3-Benzoyloxy-tropan-2- carbonsäure-methylester, auch genannt Powder, Schnee, Charlie, Weißes, Coca, Koks oder einfach Kokain, in Guaviare sagen sie: Mercancía. Das heißt Ware und sagt viel über diese Gegend in Kolumbien, die von Koka so selbstverständlich lebt wie Kuwait von Öl. Hier wohnt Doña Mercedes. Sie sitzt auf ihrer Veranda und macht Limonade. Es ist Mittag, eine sengende Sonne steht am Himmel, die Männer sind durstig. Seit dem frühen Morgen haben sie auf den Feldern gearbeitet, jetzt stehen sie schweigend im Schatten des Vordachs, ein Dutzend Tagelöhner, die Tragetücher schwer in den schwieligen Händen. Sie sind voller Blätter. Fast sieben Arroba haben sie den Sträuchern hinter dem Farmhaus heute entrissen. Ein Arroba Kokablätter sind 11,5 Kilo. Ein Arroba Blätter macht 18 Gramm Paste macht 36 000 Pesos macht Leben für eine Woche, mindestens. Doña Mercedes löst Rohrzucker in Wasser, rührt Limonade an, reicht den Männern zu trinken. Dann tritt sie hinaus in die Hitze, um nach den Sträuchern zu sehen. Doña Mercedes, 42 Jahre alt, pflanzt die Peruana. Schon ihr Mann hat immer die Peruana gepflanzt. Er ist vor drei Jahren gestorben. Seitdem trägt sie seine Armbanduhr, so wie er sie immer trug. Und sie führt seine Farm, so wie er sie immer führte: achtzig Hektar gutes Land am Ende aller Straßen, davon sechs Hektar Maniok, Papaya, Mango für das Essen und zwei Hektar Peruana für das Geld. Mit schnellen Schritten eilt Doña Mercedes den verborgenen Saumpfad entlang, der von der Farm zu den Feldern führt, teilt ein Dickicht aus Bananenstauden, und da sind sie. Aus der Ferne sehen die Sträucher aus wie Gestrüpp, aber das täuscht. Doña Mercedes hat prächtiges Koka. Reihe um Reihe steht es dort, bis zum Waldrand glänzt das grelle Grün, das Zeichen gesunder Kokabüsche ist. Wenn es keine Probleme mit der Polizei gibt, schafft Doña Mercedes mit der Peruana sechs Ernten im Jahr. Keine Kokaart ist in Kolumbien häufiger als diese, die in der komplizierten Sprache der Biologen Erythroxylumcocavarcoca heißt und als geduldige Pflanze gilt. In Guaviare sagen sie einfach: Sie ist hurenzäh.
»Ein echtes Kraut«, sagt Doña Mercedes. Sie lacht. Sie baut Früchte an, süßer als Honig, sie hat einen Fischteich, zehn Rinder und zwei Dutzend Truthähne, aber das einzige Produkt, das sich lohnt, ist das Kraut. »So ist das Leben«, sagt sie. Sie hat schon gehört von den Gringos in Amerika und anderswo, die horrendes Geld zahlen, für nur ein einziges Gramm Kokain. Aber sie hat aufgehört, sich da rüber zu wundern. Sie ist eine Witwe mit zwei Kindern. Sie versucht, aus der Gier nach dem Kraut das Beste zu machen. Sie hat sich extra eine Kokaküche eingerichtet dafür. Sechs Ernten, drei Felder, zwei Hektar und eine eigene Küche. Das macht Doña Mercedes interessant. Für die Guerilleros der Siebten Front der FARC, Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, die größte Guerillaorganisation im Land, gerade in Guaviare stark. Und für einen indischen Satelliten mit der Kennung IRS-P6, der in knapp 800 Kilometern Höhe die Provinz Guaviare überfliegt, alle 24 Tage einmal.
Autor: Roland Schulz
DEN GANZEN ARTIKEL FINDEST DU IN DER AKTUELLEN AUSGABE VON NEON. WENN DU SIE GELESEN HAST, KANNST DU UNS HIER SCHREIBEN, WIE SIE DIR GEFALLEN HAT.




Kommentare