elixa 16.04.2009, 17:36 Uhr 23 10

Die Entscheidung

Schließlich finde ich dich im Hof, alleine sitzt du an der Mauer, neben dir eine Kerze, die fast herunter gebrannt ist.

Beflügelt von unserem Treffen sitze ich auf meinem Lieblingssessel und denke über deine Stärke nach. Dein sonniges, zufriedenes Lachen und deine leuchtenden Augen lassen mich lächeln. Ich fühle mich gut, befreit, irgendwie wirklich. Warum du gerade mich ausgewählt hast, um mir all das zu erzählen, weiß ich nicht, aber es macht mich unheimlich stolz.

Ich überlege gerade ob ich zu den Jungs in die WG gehen soll, entschließe mich aber stattdessen dazu, meine Großeltern zu besuchen. Als ich dort ankomme läuft gerade die Sportschau und ich fange mir einen bösen Blick ein, weil ich bei der Begrüßung wohl etwas zu lange die Sicht auf die Männer in den roten Trikots versperrt habe. Oma trägt gerade das Abendessen auf und lächelt mich an. Ich setze mich dazu und zwischen den Hassparolen, die mein Opa den Bayern entgegen brüllt und dem vorsichtigen Hinweis meiner Oma, dass das ja wohl auch leiser ginge, fühle ich mich lebendig und geborgen.

Ich denke daran, dass du dieses Gefühl nun auch endlich seit langem wieder gespürt hast. Entgegen deinen Erwartungen hat deine Familie dich, nach fast 3 Jahren Funkstille, mit offenen Armen und frei von Vorwürfen empfangen. Deine kleine Schwester hätte sogar vor Freude geweint, hast du erzählt und dass obwohl es doch so "uncool" ist seine Schwester zu vermissen. Als du mir das erzählst, muss ich lachen - ich würde auch nie zugeben, wie toll ich meine Schwester finde.

Am nächsten Tag sitze ich doch wieder im dunklen, verrauchten Zimmer von Andy und frage nach dir. Abends wolltest du noch vorbeikommen - also bleibe ich noch. Die mir hingehaltene Tüte lehne ich dankend, mit der Begründung mir wäre schlecht und ich hätte Halsweh, ab. An das andere Zeug will ich gar nicht denken.
Ich fühle mich unwohl zwischen den Zugedröhnten und gehe nach Hause. Schreibe dir auf dem Weg eine SMS mit dem Vorschlag sich am nächsten Tag in der Stadt zu treffen.

Wir verabreden uns für fünf Uhr, weil du vorher noch einen Arzttermin hättest.
Nervös schau ich auf die Uhr: 20 nach.
Endlich kommst du freudestrahlend auf mich zu.
"Ich bin schwanger!"
Ich schaue dich nur ungläubig an. Da beginnst du schon zu erzählen, dass du mit dem Vater nichts zu tun haben willst und dass du dir Sorgen um die Gesundheit des Kindes machst, wegen der ganzen Drogen. Aber bekommen willst du es, deine Eltern hätten ihre Unterstützung zugesagt, ich dürfte dann immer Babysitten, wäre ja quasi so etwas wie eine große Schwester. Ich will dir das alles von ganzem Herzen glauben und wünsche dir alles Glück dieser Welt.

Nach diesem Treffen schreiben wir uns regelmäßig: dir ginge es gut, alles sei so, wie du es dir vorgestellt hast.
Dann schreibst du nicht mehr.
Ich beginne mir Sorgen zu machen. Die Jungs wissen auch nichts. Ich schreibe dir, versuche dich anzurufen. Nichts.
Einen Monat später treffe ich dich auf einer Party. Deine Augen umrandet von schwarzen Furchen, dein Strahlen wie ausradiert. Wir verlieren uns in der Menge aus den Augen. Ich will mit dir reden, will wissen was passiert ist, beginne dich zu suchen.
Schließlich finde ich dich im Hof, alleine sitzt du an der Mauer, neben dir eine Kerze, die fast herunter gebrannt ist.
Ich laufe auf dich zu und schrecke zurück.
Später höre ich einen Sanitäter sagen: "Scheiße, schon wieder eine tot gefixt, grad mal 20"
Ich laufe wie von Sinnen nach Hause, beginne auf meinen Sessel einzuprügeln. Rasende Wut wandelt sich zu ohnmächtiger Verzweiflung.

Du hast versucht, deinen Schmerz zu betäuben anstatt nach Hilfe zu rufen. In diesem Moment, vor fast acht Jahren, habe ich mir etwas geschworen:
Ich werde rufen, nein schreien, bevor ich zu den selben Mitteln greife.

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23 Antworten

Kommentare

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    tragisch...

    06.06.2009, 10:13 von JoannaStarlette
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    Wie schön es doch ist, nicht einmal die Geringste Ahnung zu haben, wo man so Zeug überhaupt herkriegt.
    Da kommt man gar nicht erst in Versuchung...

    06.06.2009, 03:47 von Mueckenschnitzel
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    omg der artikel ist super meiner meinung nach auch wenn da dieser komische waschbär nich zustimmt...ich ahbe selber freunde die kiffen und ich kann es einfach nicht verstehen naja also ich finde es cool dass du darüber einen artikel geschriebn hast
    gruß krümelchen

    04.06.2009, 20:32 von _kruemelchen_
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    Sehr gut geschrieben. Und unendlich traurig..

    26.05.2009, 11:56 von bnzbnz
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    ja, eine schlimme geschichte.. aber irgendwie hab ich das schon x-mal in gewissen zeitschriften so gelesen..

    19.05.2009, 16:27 von dina-rosa
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      @dina-rosa Anscheinend passiert es auch x-mal so in Wirklichkeit. Unglaublich, wirklich wahr.

      19.05.2009, 16:34 von Tanea
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    Nachfühlen kann ich es nicht, aber ich kann es nachvollziehen...
    Es ist schlimm einen Menschen zu verlieren, besonders auf diese Art!!
    Schöner Text!

    17.05.2009, 22:20 von Dina-Lisa
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      @[Benutzer gelöscht] Ich seh keine Moral drin.

      26.05.2009, 11:56 von bnzbnz
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    Ganz schön krank...

    17.05.2009, 19:09 von SunshineHasl
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    Ich finds auch ein wenig "verschenkt". Aber weil sich das schon so scheiße anhört, revidier ich das gleich wieder...

    17.05.2009, 12:29 von quatzat
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