Kirschbaumfee 17.09.2010, 10:05 Uhr 10 12

Die Augen schließen.

Er schaut erstaunt und ich traurig, dann schließe ich den Reißverschluss.

Wir haben Angst vor dem Tod. Ich habe mal gelesen, dass junge Menschen sich nur dann schon Gedanken um den Tod machen, wenn sie das Meer haben. Das Meer von Angst. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Wir machen uns Gedanken um den Tod, weil er gar nicht unbedingt das Ende ist, sondern das Ziel. Wenn wir es ganz furchtlos betrachten ist es das, worum es geht. Leben, so viel zu leben, wie wir können, um dann zu sterben. Wegen beidem sind wir hier. Wegen beidem schlägt unser Herz. Und vor beidem haben wir manchmal Angst.

"Ich würde es mir sehr wünschen. Ja wirklich sehr wünschen, einmal wieder sehen zu können. Man hat mir immer Hoffnung gemacht, dass es irgendwann wieder so wird wie früher. Seit drei Jahren hoffe ich jeden Tag, ich gebe sie nicht auf. Aber das kann keiner verstehen. Das verstehen nur Menschen, die wissen wie es ist, nichts sehen zu können. Niemals." Leise lächelt sie und greift mit ihrem Arm um das Kissen. Schließt die Augen, vielleicht ohne es zu bemerken.

"Ich weiß nicht. Ich würde gerne Socken anziehen. Und die Bücher, ja die können auch in den Koffer. Und sehen sie den Morgenmantel, dort hinter der Tür? Das ist meiner, hören sie. Das ist meiner. Die Taschentücher gehören auch mir. Aber jetzt würde ich gerne aufstehen, stehen, da meine Partoffeln muss ich noch anziehen. Gleich komme ich wieder auf eine andere Station. Schon wieder." Ich packe seine Zahnbürste in den Koffer. Eine kleine, weiße Visitenkarte daneben. Sein Name und seine Firma. Er war mal ein großer Mann und das hat er vergessen. Wie all das, was er gerade gesagt hat. Er schaut erstaunt und ich traurig, dann schließe ich den Reißverschluss.

"Sie ist vierzehn. Messerstiche im Bein. Man weiß nicht woher. Man weiß nicht, was diesem armen Mädchen passiert ist. Vielleicht wollen wir es auch alle gar nicht wissen, mh?" Ihr Vater steht vor mir. Einen alten Leinenbeutel trägt er in der Hand, von der Mutter ist keine Rede. Sie hat Hunger, ich bringe ihr etwas. Blass schaut sie aus, mit einer Bravo in der Hand. Sie ist doch noch ein Kind, denke ich.

Jeder Tag vergeht mit der Erkenntnis, dass wir überleben. Dass wir es schaffen, jeden Tag. Uns unseren Ängsten zu stellen. Weiter die Menschen zu lieben, die wir in unsere Leben gelassen haben. Die Traurigkeit zu akzeptieren, auch wenn sie noch so weh tut. Und wir kämpfen, jeden gottverdammten Tag.

Sie sagt, sie hat Angst vor dem Hospiz. Aber verdammt nochmal, sie muss dorthin. Verzweifelt redet er mit der Schwester. Ich glaube, er weiß sich nicht mehr zu helfen. "Hospiz bedeutet Tod", sagt sie. Sie, die alte Frau, mit dem fein gekämmten Haar und den Spangen. Die sich gerne zurecht macht, immernoch, weil sie nicht will, dass ihr Leben endet. " Aber manche Menschen kommen dort auch wieder raus, nicht wahr?" flüstert sie. Ich sage nichts.

Manchmal verlieren wir Kämpfe eben.

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    es ist manchmal so, dass diejenigen, die gekämpft haben, das beenden des kampfes nicht mit "verlieren" gleichsetzen sondern mit der tatsache, dass sie dem gegner nicht gewachsen sind und schließlich sagen können, "okay, ich hab's begriffen" und noch ein bisschen "aufräumen" (im kopf, für sich - oder nochmal bestimmte menschen sehen wollen), bis sie schließlich sterben. das ist ein sterbeprozess, den ich eigentlich ganz schön finde ("eigentlich", weil ich natürlich überhaupt nicht weß, wie sich das wohl anfühlt). das patientenkollektiv, mit dem ich mich (fast) täglich beschäftige, hat manchmal keine möglichkeit zur äußerungen mehr. die sind reanimiert, beatmet und in narkose, sie liegen in einem gerätepark und mittendrin steh' ich dann und fühle mich wie so ein angelernter halbgott, der an irgendwelchen knöpfen dreht und alles wieder gerade biegen soll.
    das "der kampf verloren" ist, ist oftmals das gefühl der pflegenden (und ärztInnen) - soviel mühe und aufwand und dann stirbt die person. das ist in der tat ein harter brocken. aber es geht dann um die frage, wieviel aufwand haben wir denn betrieben, um einem menschen das sterben leichter zu machen?

    20.09.2010, 14:25 von lavish
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    Mir ist der Text zu drucheinander.
    Irgendwie geht es um Überleben und Tod... aber da ganz verschiedene Geschichten aufeinander prallen, bleibt alles so oberflächlich.
    Der Tod hat so unterschiedliche Gesichter - manchmal verlieren wir Kämpfe - mir zu pauschal.
    Hättest du ein Schicksal näher ausgeführt, bei dem dieser Satz passen würde ok, aber so.

    18.09.2010, 20:54 von BrokenPige
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      @BrokenPige Hmm... Gerade das fand Ich so gut. Wenn man im Krankenhaus etc. arbeitet, hat man keine Zeit, jedes einzelne Schicksal bis ins Detail auszuarbeiten. Man kämpft dort jeden Tag mit verschiedenen Menschen um verschiedene Leben, und dieser Text zeigt meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll, wie man immer weiter machen muss, auch wenn jedes einzelne dieser Schicksale, selbst nur an der Oberfläche angekratzt, verzweifelnd sein mag.

      19.09.2010, 17:41 von dieses.kind
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      @dieses.kind Ok, guter Einwurf.
      Du hast Recht, wenn man in dem Bereich arbeidet, erlebt man es vielleicht genau so.

      Dennoch gefällt mir der letzte Satz nicht, da der Tod oberflächlich pauschalisiert, mit "Kampf verloren".

      19.09.2010, 18:39 von BrokenPige
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    Schöner Text zum traurig machen.
    Aber recht hast du.

    18.09.2010, 18:28 von LilCookie
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    eine empfehlung

    18.09.2010, 12:15 von ilofi
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    Anfangs etwas holprig zu lesen, leicht verwirrend ...
    Trotzdem gutes Thema, schöner Text! Berührt wie eigentlich all deine Texte bis jetzt.

    17.09.2010, 19:33 von Zimtmohn
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    schön und traurig zugleich. Ich mag den Text. Arbeite selbst auch im Gesundheitsbereich nur dass es bei mir die ganz Kleinen sind die um ihr Leben kämpfen wobei es gerade erst angefangen hat.

    Mich verwirrt der letzte Absatz etwas, ich ahne wie es vermutlich gemeint ist, aber ganz durchgestiegen bin ich noch nicht.

    17.09.2010, 17:47 von KleinVerchen
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    .. mir gefällt der text

    17.09.2010, 17:30 von ilofi
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    klingt etwas ähnlich wie die eine folge scrubs, in der eine frau tollwut hat, 4 menschen organe von ihr bekommen und dann alle sterben.in der folge rastet dr. cox richtig aus, aus genau den selben gründen...

    schön geschriebener text, muss ich auch fast jeden tag so oder ähnlich miterleben...

    17.09.2010, 13:53 von Prinzssintine
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    ...macht mich Traurig, sehr sogar. Am Anfang etwas wirr aber dann habe ich es kapiert, danke.

    17.09.2010, 13:35 von Julez_80
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