DieKleine 04.04.2007, 11:13 Uhr 2 1

Der Normalität entgegenwachsen

Knochenverlängerung. Klingt grausam - ist es auch, irgendwie. Und doch - für Menschen wie mich - Kleinwüchsige - die Chance, auf ein "normales Leben".

13 Jahre ist das nun her. Ich betrete unser Wohnzimmer, meine Eltern sitzen mit ernsten Mienen und viel Papierkram vor sich am Tisch. Normalerweise kein gutes Zeichen.
"Jule schau mal, ich hab das was gefunden," sagt mein Vater. Ich sehe Bilder von Kindern mit Drähten durch die Füße. Fassungslos zuerst. Dann beginnt er zu erklären.
Bei dieser Methode werden die beiden Knochen des Unterschenkels und die Achillessehne durchtrennt. Anschließend werden Drähte durchgeschossen und um diese Drähte ein Apparat gebaut, an dem der Knochen Millimeter für Millimeter auseinandergezogen wird. Im entstehenden Vakuum bildet sich durch Belastung neuer Knochen...
Ich bin Kleinwüchsig. Durch einen angeborenen Gehirntumor und einer daraus resultierenden Hormonstörung war ich zum damaligen Zeitpunkt - mit knapp 15 ausgewachsen und nur 1,40 groß.
Nach einem langen Gespräch beschließen meine Eltern und ich, uns die Klinik, in der diese Methode angewandt wird, einmal anzuschauen und mit dem zuständigen Arzt zu sprechen.
Am Tag des Gesprächs bin ich gelassen. Weiß nicht so genau, was auf mich zukommt. Der Arzt ist sympathisch. Erklärt genau, um was es geht. Zeigt Chancen auf, die sich durch die OP ergeben könnten. Ein normaler Führerschein, weniger Ausgegrenztsein, viele Dinge des Alltags leichter erledigen können, einfacher Klamotten kaufen.... Erklärt uns auch, dass wir jetzt gleich einen OP-Termin machen könnten, völlig unverbindlich, und ich danach ein Jahr Zeit hätte, die nötigen Voruntersuchungen machen zu lassen, mit ehemaligen Patienten zu sprechen und mir vor allem gut zu überlegen ob ich das will.
10. Oktober 1995, orthopädische Kinderklinik Aschau: Ich bin aufgeregt, habe nur aufgrund einer Tablette gut geschlafen. Meine Eltern kommen. Meine Mutter hält über Stunden meine Hand. Anästhesist, rumwuselnde mich waschende Schwestern, alles schon halb im Nebel.
Erwachen. Gefühlte hundertmal gefragt werden, wie ich heiße. Aufgefordert werden bis 10 zu zählen. Sofort will ich meine Beine sehen. Nein, heißt es. Warte noch. Der erste Anblick dann ein Schock. Bei den anderen sah das irgendwie weniger schlimm aus.
Schon nach einer Woche die ersten Schritte. So schwer als wäre ich mindestens 100 Jahre alt. Dann die Handhabung des Fixateurs mit dem Schraubenschlüssel. Ich selbst bin für meine eigentliche Verlängerung zuständig. Ein eigenartiges Gefühl.
Verbandswechsel. Die Stellen, an denen die Drähte austreten müssen regelmäßig von sich ablagerndem Sekret gereinigt werden. Anfangs schmerzhaft, dann selbstverständlich.
Nach 4 Wochen endlich wieder zuhause. Alles neu lernen. Treppensteigen und Duschen ein Abenteuer. Die ersten Stürze ein Drama. Zur Schule gehen eine tagesfüllende und kraftraubende Angelegenheit. Jeden Tag Physiotherapie. Nicht immer angenehm. Oft genug schreie ich meine Therapeutin an.
Fünf Monate später, die ersten 10 Zentimeter sind geschafft, zwei sollen es noch werden. Der Frühling kommt und damit auch die Selbständigkeit. Nicht mehr mit den Krücken auf Glatteis auszurutschen ist prima. Sicherheit gewinnen. Die lästigen Dinger auch mal in die Ecke stellen und breitbeinig ein paar freie Schritte wagen. Toller Lohn für viel Mühe, nicht nur meine Mühe, nein, alle, Familie, Freunde, Verwandte, alle sind beteiligt, alle fiebern mit.
Die eigentliche Verlängerung ist geschafft, jetzt muss der Knochen härten. Inzwischen sind meine Fixateure für mich Alltag. Zum Horror meiner Eltern und Ärzte gehe ich damit in die Diskothek und sogar Zelten.
Oktober 1996 genau ein Jahr später kann der rechte Fixateur abgenommen werden. Der linke Knochen wollte nicht so wie wir und dauert noch ein wenig.
Die Abnahme erlebe ich bei vollem Bewusstsein. Eine halbe Stunde Schmerzen, dann unfassbares Glück.
Drei Monate später bin ich ganz befreit. Muss nur noch Schutzschienen tragen und lerne wieder alles neu. Der erste Weg in den Jeansladen. Endlich normale Größen kaufen. Dann zuhause die vielen kleinen Plastikhocker wegräumen, die ich immer brauchte um alles zu erreichen.
Ich bin gewachsen, vor allem innerlich.

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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Wahnsinn !

    04.04.2007, 13:29 von b.nigna
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