lalumbia 11.05.2007, 14:10 Uhr 45 6

Der Mann in meinem Ohr

Tinnitus ist mein ständiger Begleiter

Ich wache mit einem lauten Piepen im Kopf auf. Sowas kenne ich schon; ist schließlich normal, wenn die Musik mal wieder ein bisschen zu laut gewesen ist - und gestern Abend war sie definitiv ein "bisschen" zu laut. Ich dreh mich nochmal im Bett um und werde langsam richtig wach. Ein bisschen komisch ist dieser Dauerpiepton schon. Hat man den sonst nicht nur, wenn man sich ins Bett legt; nicht aber, wenn man wieder aufsteht?

Bisher war das Piepen jedenfalls noch nie so laut gewesen, da bin ich mir ziemlich sicher. Als ich aufstehe, hört sich alles merkwürdig dumpf an. Als hätte ich mir eine ganze Packung Watte in die Ohren gesteckt. Hab ich aber nicht. Das wüsste ich nämlich. Irritiert gehe ich in die Küche und esse erst mal etwas. Das hat schon oft geholfen, um erstmal einen klaren Kopf zu bekommen.

Aber auch nach einer Schüssel Müsli hat sich die Watte in meinem Ohr nicht gelichtet und auch das Orchester in meinem Kopf sieht scheinbar keinen Anlass, seine Instrumente wieder einzupacken und zu gehen. Langsam werde ich nervös. Immer wieder schlucke ich, um endlich das erlösende "Plopp" zu hören, wenn der Druck im Ohr sich ausgeglichen hat. Nichts passiert.

Anfangs höre ich gar nicht, dass meine Mutter in die Küche kommt. Erst als sie lautstark die Schublade schließt, schrecke ich auf. So leise ich alle anderen Geräusche wahrnehme, so laut erscheint mir dieser unerwartete Knall. Ich stoße einen Schrei aus, der meine Mutter in die Höhe fahren lässt. Verwirrt will sie wissen, weshalb um alles in der Welt ich so ein Theater mache. Ich kann es ihr nicht sagen. Ich weiß ja selbst nicht, warum meine Ohren verrückt spielen. Verunsichert beschreibe ich meine Symptome, woraufhin sie plötzlich hellhörig wird. "Piepen im Ohr? Du hörst schlecht? Bist lärmempfindlich? Das hört sich nicht gut an. Lass uns mal lieber zum Arzt fahren!"

Widerstandslos folge ich ihr ins Auto. Wir schweigen die ganze Fahrt. Wie durch einen Nebel höre ich die Musik im Radio; die Melodie kann ich nur erahnen. Ich kann ihr ansehen, dass sie sich Sorgen macht. Genauso wie ich mir selbst
Sorgen mache. Tausend Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Gestern abend war doch alles noch okay gewesen und die Musik war auch nicht lauter als an anderen Abenden gewesen. Ob meine Freunde wohl dieselben Probleme hatten? Einige hatten sogar direkt neben den Boxen gestanden; wenn ich , die ich mich von den Boxen fern gehalten hatte, bereits solche Schwierigkeiten mit meinen Ohren hatte, wie ging es dann erst ihnen heute Morgen?

Mir bleibt keine Zeit mehr, mir über den gestrigen Abend und seine Folgen den Kopf zu zerbrechen, denn mittlerweile stehen wir direkt vor der Praxis des Hals-Nasen-Ohrenarztes. Ich bin so in Gedanken, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie meine Mutter den Wagen geparkt hat und wir gemeinsam durch die Innenstadt gelaufen sind. Meine Mutter meldet mich an, während ich mir im Wartezimmer eine Zeitschrift schnappe.

Trotz meiner sonst üblichen Frotzeleien über die Qualität von Bunte und Gala kann ich mich heute für keinen der sensationsgierigen Artikel erwärmen. Das Piepen in meinem Kopf ist mittlerweile unerträglich geworden; es ist sogar so laut, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren kann. Ich fühle mich, als hätte mir jemand Kopfhörer aufgesetzt, die Musik aufgedreht, und hindere mich nun daran, den Kopfhörer abzusetzen oder die Musik auszustellen.

Diese Hilflosigkeit macht mir Angst. Meine Gedanken drehen sich unablässig im Kreis; das einzige Thema sind meine Ohren. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was die Ursache für das Piepen und die "Watte" ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich zum Hörtest gebeten, bei dem ich das Gefühl habe, als hätte ich mich für eine Prüfung nicht richtig vorbereitet. Ich sitze in einem geräuschundurchlässigen Kasten und warte auf den Ton, der mir signalisieren soll, dass mit mir alles in Ordnung ist. Aber dieser Ton lässt auf sich warten, egal wie sehr ich mich anstrenge. Als ich endlich die Ahnung einer Tonschwingung zu hören glaube, hämmere ich erlöst auf den roten Knopf.

Das besorgte Gesicht der Arzthelferin zeigt mir allerdings an, dass meine späte - für mich doch so erlösende - Reaktion keineswegs normal ist. Dieses Spiel wiederhole ich noch ein paar Mal, und mit jedem Durchgang schwindet meine Hoffnung auf die Unversehrtheit meines Hörvermögens. Ich hatte zwar gemerkt, dass "irgendetwas" nicht in Ordnung war, war aber bis jetzt der festen Überzeugung gewesen, dass der Arzt irgendein "Zaubermittel" besäße, mit dem er mich auf der Stelle wieder "heile machen" könne.

In der Tat besitzt der Arzt ein solches Mittel. Er nennt es "durchblutungsfördernde Infusion"; meine Beschwerden werden auf den Namen "Hörsturz mit starkem Tinnitus" getauft. Der Arzt macht mir mit ruhiger - zu ruhiger- Stimme klar, dass diese Diagnose für mich mindestens eine Woche Krankenhaus, mit starken Medikamenten bedeutet. Ich sage nichts. Denke nichts. Weine nur ein bisschen.

Wie kann ich mit 16 Jahren einen Hörsturz haben? Ein Hörsturz ist etwas für Omas, oder gestresste Manager; aber doch nichts für mich. Auch meine Mutter ist geschockt. Auf ihre entsetzte Frage, woher ich "so etwas" haben solle, antwortet der Arzt gelassen, dass dies bei der "heutigen Lautstärke" kein Wunder mehr wäre. Ich hätte halt nicht so nah an die Boxen gehen dürfen. Das lasse ich mir nicht sagen. Ich protestiere, dass ich keinesfalls zu nah an den Boxen gewesen bin, sondern mich extra weit von ihnen ferngehalten habe. Aber das will er nicht gelten lassen, sondern legt mir stattdessen einen "Zugang", wie er es nennt. Mir erscheint der "Zugang" eher wie ein Tunnel mit überdimensional großer Nadel an einem Ende. Doch ehe ich protestieren kann, bin ich bezugangt worden und darf das Arztzimmer verlassen.

Ich weiß nicht mehr, wie ich mein Krankenzimmer bezogen habe und wie ich in dieses Bett gekommen bin. Mir klingen zusätzlich zu dem Tinnitus lediglich die Worte des Arztes nach, mit denen er mir "lebenslange Probleme" mit meinen Ohren garantiert und mir keine große Hoffnung auf die Beseitigung meines Mannes im Ohr macht. Meine Mutter bleibt noch ein wenig bei mir, bevor sie nach Hause fährt, um mir eine Tasche mit den nötigsten Dingen zu packen.

Ich liege mit einer Oma auf dem Zimmer, mit der ich jetzt nicht reden will. Ich starre auf den riesigen Beutel mit Medikamenten, die, durch einen langen Schlauch, in meinen Blutkreislauf geleitet werden. Ein monotones Piepen begleitet jeden Tropfen, der sich auf den langen Weg durch meinen Körper macht, als wolle es ihn auf die Monotonie seiner Aufgabe einstimmen.

Ich versuche zu schlafen, kann mich aber nicht umdrehen. Gut, dann bleib ich halt wach. Langsam machen mich die beiden Pieptöne - der in meinem Kopf und der vom Infusionsapparat - aggresiv; obwohl sie sich eigentlich recht gut ergänzen, steht mir der Sinn gerade nicht nach musikalischen Meisterleistungen. Ich wünsche mit, mein Hörvermögen wäre so schlecht, dass ich beide nicht mehr hören könne. Aber so funktioniert das leider nicht. Denn den Tinnitus kann ich komischerweise erstaunlich laut hören, während ich alles andere gedämpft wahrnehme. Das ist wirklich nicht gerecht, finde ich.

Morgens und Abends muss ich, wie vorausgesagt, starke Mittel nehmen, die mein Herz zum Rasen und meinen ganzen Kreislauf durcheinander bringen. Mir ist schwindelig und ich fühle mich schwach. Jeden Morgen muss ich in die Arztpraxis, um den Hörtest zu absolvieren. Nach und nach verbessert sich mein Ergebnis, bis der Arzt mir nach einer Woche verkündet, ich dürfe nun nach Hause. Mein Tinnitus sei zwar unverändert laut, aber daran könne er nichts ändern. Diese Krankheit sei zu wenig erforscht, als das es ein sicheres Mittel gegen sie gebe.

Toll. Wahnsinnig ermutigend diese Prognose. Aber wenigstens darf ich nach Hause. Denn trotz des vielen Besuches - meinen Freundinnen die neben den Boxen gestanden hatten ging es allen prima - und den Mitbringseln, die sich auf meinem Nachttischchen mittlerweile anhäufen, will ich so schnell wie möglich raus aus dieser Anstalt. Weg von dem Ort, wo es viel schlimmere Krankheiten gibt und ich nur durch eine "Überempfindlichkeit" meines Gehörs gelandet bin. Dort gehöre ich einfach nicht hin. Zuhause werfe ich mich auf mein Bett und höre erstmal Musik. Aber ganz leise, versteht sich.

Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen und ich habe mich mit dem Mann in meinem Ohr arrangiert. Ich höre wieder genauso gut wie vor meinen - jetzt schon - zwei Hörstürzen. Meine Eltern haben mir spezielle Ohrstöpsel gekauft, mit denen ich genauso in die Disco und auf Konzerte gehen kann, wie alle anderen auch. Im Gegensatz zu den anderen wird meinen Ohren "Diätkost" angeboten. Der schädliche Lärm wird rausgefiltert, während ich alles andere genauso gut, vielleicht sogar noch besser als alle anderen höre. Wenn ich nicht daran denke, vergesse ich ihn heute fast, den Mann in meinem Ohr.

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45 Antworten

Kommentare

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    ich kann mich da eigentlich nur der allgemeinheit anschließen. hab selber seit 11 jahren einen tinnitus und beruflich auch mit dem ein oder anderen patienten zu tun. einen "richtigen" weg gibt es sicher nicht. am besten direkt zum arzt, ohne sich zuviel stress zu machen, immerhin verzeichnet man bei 70% der betroffenen eine spontanheilung, und nur bei einem eher kleinen anteil entwickelt sich die sache chronisch, und selbst das ist zum teil eine sache der psyche (man ist eben nicht nur opfer sondern auch immer ein stück weit "täter"). vielleicht noch ein wort zu den unsensiblen ärzten, ich will jetzt nicht allen einen tieferen gedankengang unterstellen, aber meiner meinung nach ist es besser einen etwas "schrofferen" ton anzuschlagen als in der hoffnung rumzustochern. tatsache ist nun mal das man sich mit einem chronischen tinnitus abfinden muss, so blöd das auch im ersten augenblick klingt. ich hatte selber das glück an einen "unsensiblen" arzt zu geraten (man muss noch erwähnen, er hat selber einen tinnitus).
    alles im allem muss ich sagen das ich mich recht gut an meinen begeleiter gewöhnt habe, auch wenn er immer nur das gleiche erzählt. klar, es gibt auch immer mal wieder tiefpunkte, aber ob das wirklich nur daran liegt glaube ich nicht. ganz im gegenteil, an manchen abenden kann ich mir schon gar kein leben in "stille" vorstellen, so perfide das jetzt auch klingt.
    vielleicht hatte ich auch einfach nur glück...

    27.03.2008, 19:01 von Siamese
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    krass. du tust mir leid

    14.01.2008, 17:28 von MrKartoffelkopf
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    ich habs seit ca. einem jahr...war auch ziemlh geschockt! Ich hab es komischerweise nur auf dem rechten Ohr! Kann mir einer sagen, wo man diese Ohrstöpsel kriegen kann? Ganz abgesehen von einem noch stärkeren Tinnitus ist mir das auf konzerten und in der disco nämlich sowieso immer zu laut! finde das auch teils unverantwortlich =/
    schöner Artikel übrigens, neben dem ganzen Meckern ;) bringt wirklich klasse rüber, wie das ist. Besonders das Gefühl, schlecht vorbereitet zu sein auf den Hörtest...war bei mir auch so!!

    18.09.2007, 15:05 von BlondBlauBloed
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    Hallo, ich habe beruflich mit Tinnituspatienten wie lalumbia zu tun und kann nur sagen, das was sie durchgemacht hat, machen alle Hörsturz- und Tinnituspatienten durch. Tinnitus ist ein ziemlich unerforschtes Gebiet, und die "Heilungschanchen" durch medikamentöse Anwendungen o.ä. sind nicht eindeutig belegbar. Also ganz wichtig: wenn Ihr auf ein Konzert geht, privat oder beruflich mit Lärm zu tun habt, dann gibt es für jeden Bereich massgefertigten Gehörschutz, den jeder Hörgeräteakustiker in Eurer Umgebung, und nur der, anbietet. Das ist Handarbeit und hat seinen Preis (ca. 170 € / Paar), ist aber fast für die Ewigkeit gemacht und sollte jedem Wert sein. Besser vorbeugen, als das Nachsehen zu haben...

    11.07.2007, 00:06 von jumahu
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    Hallo lalumbia,
    kannst du mir verraten wo es diese speziellen Ohrstöpsel unter welchem Namen gibt? Es hört sich an, als würden sie Gespräche nicht auch dämen wie z.B. Lärmstop oder Ohropax.
    Ich habe zwar "nur" einen Stresstinnitus, aber in eben diesen stressbelasteten Zeiten ist er natürlich umso belastender. Meine Heilpraktikerin hat mir eine Blutegeltherapie empfohlen, aber da habe ich mich noch nicht ran gewagt, auch wenn ich im Netz gelesen habe, dass die Viecher tatsächlich blutverdünnend sind. Also versuche ich stattdessen, auf mein akustisches Warnsignal zu hören und den Stress zu reduzieren bzw bewußter mit meiner Zeit umzugehen.

    11.06.2007, 16:09 von fraukih
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    "Und eine wahre Wohltat ist die sprachliche Qualität Deines Berichts."

    Dem schließe ich mich an!

    21.05.2007, 22:54 von Noa2
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