Jona 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 0

Das Problem mit dem Essen

Es ist kein guter Tag. Nichts klappt, wie ich es mir vorstelle und die Arbeit staut sich auf.

Außerdem musste ich mir von meiner Kollegin anhören, dass sie - ach, ist das toll- schon wieder drei Kilo abgenommen habe. Scheinbar perfekte und unnatürlich erfolgreiche Frauen um mich herum, die an ihren esprit-Oberteilen ziehen und an ihr evian-Wasser nippen. Aber das ist alles nicht so schlimm, denn ich weiß, dass ich in weniger als zwei Stunden daheim bin, wo mein Kühlschrank auf mich wartet, gefüllt mit Essen. Mit viel, viel Essen.

Ich kann es kaum erwarten, meine Hände zittern, mein Puls rast. Endlich ist es soweit, ich rase in Rekordtempo nach Hause, renne in die Küche und stürze mich wie eine Wahnsinnige auf jedes Nahrungsmittel, das ich finden kann. Ich stopfe alles in mich hinein, süß, salzig, bitter, Käse, Brot, Reis, alles durcheinander.

Eine plötzliche Gelassenheit, eine beruhigende Gleichgültigkeit überkommt mich.
Ich sitze inmitten von aufgerissenen Dosen und Kuchenbröseln und lache wie eine Irre.
Ganz leise kommt mir der Verdacht, dass ich durch meine Fressorgie alles noch schlimmer mache. Dass ich morgen NOCH schlechter, NOCH hässlicher und NOCH dicker sein werde. Ich verdränge den Gedanken.

Was kümmert es mich, was morgen sein wird, solange noch heute ist. Nach mir die Sintflut.
Mein Bauch dehnt sich aus, es sieht aus, als wäre ich hochschwanger. Für den Bruchteil einer Sekunde verliere ich mich in der Vorstellung, tatsächlich schwanger zu sein. Es wäre schön, wenn es jemanden gäbe, der mich brauchen würde. Für den ich wichtig wäre. Eine Aufgabe, einen Lebenssinn zu haben, nicht nur die permanente Versagerin, die scheinbar sarkastisch über sich selbst lachende Antiheldin sein...

Benommen taumle ich von der Küche ins Bad, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Meine Backen sind aufgedunsen, meine Haut glänzt, meine Augen sind gerötet.
Und mir ist schlecht, ich ekle mich vor mir selbst. Ich lasse mir die Essensmengen durch den Kopf gehen, die ich eben vernichtet habe. In meinem Kopf rattert eine Maschine, die versucht, die Kalorienzahl zu überschlagen. Bei 4000 gebe ich auf. Der Glücksrausch ist vorbei, die Serotonine verschwunden.

Ich fühle mich vollgefressen und dennoch leer.
Bin müde, bin es leid, jeden Tag denselben Fehler zu machen, jeden Tag nach dem gleichen Muster zu leben.

Essen zu verschlingen, das für eine ganze Woche hätte reichen können.
Ich schäme mich für das was ich mache.
Selbst die Überdosis Abführmittel, die ich panisch schlucke, macht mein Gewissen nicht leichter.
Im Fernsehen lacht mir eine ausgemergelte Claudia Schiffer und eine extrem dünne und zufrieden dreinblickende Gisèle Bündchen entgegen. Ich schalte ab, ich kann das jetzt nicht sehen.
Vielleicht sollte ich schlafen gehen.

Wer schläft, muss sich nicht selbst spüren. Muss nicht mehr an sein Leben und an das, was morgen sein wird, denken.

8 Antworten

Kommentare

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    Liebe jona, such dir hilfe. das ist das einzige was dir helfen wird. Nicht schnell, nicht ohne kraft aber du hast das gefühl du tust etwas und ab und zu mal, kommt es dir so vor, als ob es etwas nützt. Vielleicht tut es das auch...ich wünsch dir viel glück, andrea

    19.09.2004, 18:31 von Times
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      @[Benutzer gelöscht] saturnus und fuxteufelmaedchen (*g*), danke für die antworten!
      saturnus, du hast recht, eien Therapie braucht man da auf jeden fall, ... mein Problem ist irgendwie nur (ich bin schon längere zeit in therapie) dass ich schon so lang in der sch*** drin steck,dass die ursprünglichen gründe, oder wie man es nenn will,immer verschwommener und unklarer erscheinen, weil sich mittlerweile das essproblem so "verselbstständigt" hat,dass das Symptom sozusagen zum Hauptproblem wurde, ... ist vielleicht auch ne gewisse gewohnheitssache dabei,
      irgendwie kann ich probleme schon gar nimmer anders kompensieren als über's essen.
      nja, aber im moment geht es mir soweit gut, ich drück mir mal selber die daumen dass ichs eines tages auf die reihe krieg.... und allen anderen betroffenen auch. =)

      25.04.2004, 19:19 von Jona
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    Hinweis: Essstörungen sind kein Alltagsproblem. Man sollte sich nicht vornehmen damit alleine fertig zu werden. Sie gehen nämlich nicht von guten Vorsätzen weg. Das Problem bei Fressanfällen ist auch nicht das man davon dick wird. Bitter denkt nicht dass es hier nur um gesunde Ernährung geht. Bulimia und Anorexia Nervosa sind ernste Krankheiten die die Behandlung durch einen Arzt oder (viel eher und) Psychotherapeuten erforden. Beide Krankheiten führen heufig zu Kaliummangel der in schlimmen Fällen zu Gehirnschäden und sogar zum Tod führen kann. 5 bis 10 Prozent aller Fälle von Anorexia enden fatal!
    Jona, du hast den Vorteil das du erkennst das du ein Problem hast und auch darüber sprechen kannst (Respekt, übrigens). Viele Betroffene, wie etwa die Freundin von Seesternchen, sehen gar nicht dass sie krank sind. Bis es zu spät ist.
    Also: jeder der unter unkontrollierten Fressanfällen leidet sollte sich in Behandlung begeben. Wer jemanden kennt der scheinbar pathologisch wenig ist oder zu Fressanfällen neigt, sollte nicht zögern diesen dazu zu drängen sich in Therapie zu begeben. Gegenenenfalls ist es auch anzuraten Eltern oder andere Verwante zu informieren. Es ist gut möglich dass euch der Betroffene erst für eure Einmischung hasst, aber es ist auch möglich dass ihr ihm dadurch das Leben rettet.
    Essstörungen sind heilbar. In den behandelten Fällen tritt zu 70 Prozent zumindest eine deutliche Besserung auf.

    27.02.2004, 18:23 von Saturnus
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    Liebe Jona
    Ein Problem vieler Menschen-leider auch meines:(
    Es gibt gute aber wiederum auch sehr schlechte Tage.Man möchte verdrängen,vergessen,sich bestrafen,sich belohnen,man ist gelangweilt,alleine,einsam,überfordert....Ach,wozu erzähle ich das?Du weisst es selbst am besten.
    Ich würde dir gerne Mut machen-nur habe ich nach 4 Jahren Dauerkampf gegen meine latente Adipositas immer noch nicht die Oberhand,gescheige denn einen Sieg erzielt.
    Essen ist Dauerthema,man kann es sich nicht einfach abgewöhnen.Und das Thema wird langsam ernst,zu ernst.
    Es gibt viele Menschen,die helfen können-zwar haben sie auch kein Wundermittel parat,aber es wird besser.Glaub mir ;)
    Ich wünsch dir viel Glück!!

    15.02.2004, 11:02 von Jaan
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      @Jaan @Jaan: ich wünsche dir auch viel viel erfolg. jeder tag, den wir mit dem essen normal hinkriegen- weder durch nichts-essen noch durch fressen- ist ein Lichtblick. Es steht einfach in keinem verhältnis mehr, wie viel Gedanken man sich über etwas eigentlich so banales wie essen macht. eigentlich traurig, aber... naja,... nach einer zeit kann man einfach nicht mehr anders, ... und man wird ja auch tagtäglich damit konfrontiert. Ich schick dir einen lieben und sonnigen gruß. Jona

      15.02.2004, 15:18 von Jona
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      @Jona Bei einigen die zu viel Essen ist es ein Problem, dass sie zu schnell essen oder eher stopfen. Der Körper brauch seine Zeit bis das Signal "Bin voll" beim Gehirn ankommt.
      Versuch doch mal Folgendes:
      Mach Dir morgens was zu Essen was Du denkst, dass es eine normale Portion ist (oder zumindestens eine für die Du kein schlechts Gewissen hast) und leg sie Dir ins Auto. Nach der Arbeit ißt Du das und dein Körper hat die Heimfahrt lang Zeit bescheid zu sagen, dass er Essen bekommen hat.
      P.S.: und dann noch eine Kassette mit Deiner lieblings Musik ins Radio, damit Du glücklich wirst ;-)
      Wünsch Dir viel Glück!

      21.02.2004, 02:38 von Gentoo
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      @Gentoo Hi gentoo! danke für den tipp. das problem ist nur,dass ich mich bei ALLEM,was ich esse, "schuldig" oder "schlecht" fühle, selbst wenn es nur ein Apfel ist. und dann wird halt weitergegessen, weil's "eh schon egal ist". nach dem motto: Heute nimmst du sowieso nicht mehr ab.
      total dämlich, ich weiß, aber... ist schwer, da raus zu kommen.
      wenn man seit ewigen zeiten nur tage hat, an denen man entweder frisst oder gar nichts zu sich nimmt, und die tage, an denen "normal" gegessen hat,an den fingern abzählen kann, wird es schwer, so was banales und essentielles wie eine normale mahlzeit auf die reihe zu kriegen.
      aber ich arbeite dran und bin relativ optimistisch.
      :-))))

      23.02.2004, 20:23 von Jona
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    mir geht es seit fast einem Jahr so. Allerdings habe ich Essstörungen seit ich 14 bin. Mittlerweile bin ich 33 und alles dreht sich nur ums Essen. Ich kenne das Gefühl alles in sich hinein zustopfen und dann folgt das schlechte Gewissen. Meist schaffe ich es dann zwei Tage nichts zu essen und dann wieder ein wenig. Aber spätestens am 4 Tag schlag ich wieder zu. Ich halte mich nicht für dick, aber langsam aber sicher nehme ich leider zu. Ich mag meist dann auch nicht rausgehen, da ich so aufgedunsen bin. Wenn ich mich dann wieder einigermaßen wohlfühle, steht aber meist schon die nächste Attacke an. Mein ganzer Körper tut mir nach solchen Fressattacken weh. Klamotten am Leib kann ich dann nicht wirklich gut haben. Allerdings nützt mir das ja nichts, da ich auch noch arbeiten gehen muß. Ich weiß noch nicht, wie ich aus diesem Teufelskreislauf rauskommen soll. Ich glaube, dass mir einfach was fehlt und das ist Zuneigung.

    12.02.2004, 21:36 von sprossa
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      @Seesternchen ja, lass dir bloß von deiner kranken freundin nicht vorgaukeln, dass ihr verhalten richtig ist... ein normaler Mensch isst, wenn er hunger hat, und denkt nicht permanent darüber nach wann wieviel und was man essen oder eben nicht essen sollte...
      ich habe sehr lange gebraucht um das einzusehen, aber es dreht sich nicht alles nur ums essen im leben, denk mal daran was du alles verpasst in der zeit die du darüber nachdenkst... Essen ist Nahrungsaufnahme und Genuss, nicht mehr und nicht weniger..
      Lieben Gruß
      Julia

      18.03.2004, 12:41 von JulesRules
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    @rosa: Hm, hab die Zeilen an nem Tag geschrieben an dem es mir ziemlich mies ging. Es ist nicht so,dass ich kein Hobby habe oder mir das Leben keinen Spaß macht, ... nur verschiebe ich die meisten Dinge auf die Zeit, zu der ich endlich "dünn" bin, wobei ich ja insgeheim selber bezweifle dass ich mal mit mir zufrieden wäre, egal mit welchem Gewicht. Aber trotzdem denkt man dauernd: "Das kannst du tragen wenn du dünn bist, das kannst du unternehmen wenn du dünn bist" usw. total hirnrissig eigentlich, ...mir fällt da dieser Buchtitel ein, "Warte nicht auf schlanke Zeiten", ...aber ich renn eben dennoch brav der Illusion hinterher, dass man Leben dann mit einem Schlag perfekt wäre. was immer das auch heißen mag.

    12.02.2004, 19:15 von Jona
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      @Jona Mensch, ich wünsch dir, daß du das in den Griff kriegst!

      12.02.2004, 19:16 von Rosa
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    Hey, hey...
    :-(
    Vergiß diese Esprit-Tussen, sowie Claudia Schiffer!
    Aber schaff dir ein Hobby an, mit dem du dich vielleicht beschäftigen kannst, anstatt zu essen, hm?

    12.02.2004, 18:53 von Rosa
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    ich kann dir das echt nachfühlen. nur mach ichs zur zeit umgekehrt. kaum was essen und mind. 1,5 stunden sport. und trotzdem ekelt es mich manchmal, wenn ich in den spiegel schau und ich möcht gar nicht mehr raus.
    ein ander mal denk ich mir wieder - so schlimm siehst du auch nicht aus - und gehe raus.

    12.02.2004, 18:53 von Evenstar
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      @Evenstar Ich wüsst gern welchen 'Hunger' du mit Essen stoppst.Dir fehlt doch irgendwas, das du durchs essen ersetzt(zumindestens für's erste)-vielleicht hilft's dir wenn du raus findest was das ist, hmm?
      Wünsche dir das du davon loskommst!!
      Lieben Gruß.

      12.02.2004, 20:08 von croco
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