Laylalila 29.09.2009, 22:06 Uhr 5 15

Das mit dem Weinen

Enna läuft über die Station und streichelt über Bens Foto. Die ganze Zeit macht sie das. Mukoviszidose.

Als ich Ben und Enna kennenlernte, war ich gerade traurig. Ich war traurig, weil mein Leben langsam war und das der anderen so schnell. Weil die Zeit einfach weiterlief, alle so lebten wie bisher, während ich stagnierte. Einfach stehen blieb, an einer Stelle, mich nicht bewegen konnte. Nicht vorwärts, nur zurück, indem ich Fotos anguckte von mir und dem Mann, den ich liebte, geliebt hatte, der mich verließ, verlassen hatte, schon als ich noch Abendessen machte, Salat mit Fisch und Wein dazu, billigen, denn viel Geld hatten wir nie.

Der Mann, den ich liebte, geliebt hatte, machte einfach die Tür zu, er ließ noch einen Zettel da. Da stand drauf, ich gehe lieber, bevor wir uns zerfleischen, er meinte, bevor du mich zerfleischst. Ich warf den Zettel in sein Zimmer auf den Boden, da stand noch alles so wie vorher, als ich dachte, alles sei gut, der Tisch, Instrumente, Papier, Stifte, Farbe, das Sofa, jetzt mit einem Schlafsack darauf, zusammengeknüllt, eine Raupe von einem Schlafsack. Ich musste daran denken, dass man schwitzt in einem Schlafsack. Immer eigentlich. Egal ob einem kalt war oder warm war. Dass Schlafsäcke immer unbequem sind, immer rascheln, dass man nie lange in einem Schlafsack bleiben will, dass man sich immer freut, wenn man wieder eine Decke über sich hat, eine Warme, mit Bettwäsche aus Baumwolle bezogen.

Ich schloss die Tür zu dem Zimmer, kaufte mir Zigaretten und rauchte so gut und so viel ich konnte, versuchte den Rauch tief in meine Lunge zu ziehen, stellte mir vor, wie sie langsam schwarz wurde, wie sich der ganze Nebel in beide Flügel legte, wie Tumore wachsen würden, wie ich leiden würde, wie er an meinem Grab stehen würde, unfähig mich zurückzuholen, wie er leiden würde. Wie er leiden würde. So wie ich. Aber das mit dem Weinen, das klappte nicht. Ich starrte. Tagelang. Aus dem Fenster in andere Fenster. Da gingen Lichter aus und an, da gingen Leute ein und aus, aßen, morgens und abends, manchmal auch mittags. Ich stellte mir vor, wie ich aussehen würde für diese Leute, hinter den vielen Fenstern, weit weg, Haare zu Berge, Augen schwarze Höhlen und Ringe darunter und trockene Haut, die auf den Regen wartete.

Das war, als ich Enna und Ben traf. Sie waren ein bisschen älter als ich, sie waren vielleicht 35, sie waren krank, ihr ganzes Leben schon. Mukoviszidose. Alles verschleimt. Alles. Die Lunge. Ben brauchte eine neue, sonst würde er sterben, sagten alle, die Ärzte, auch Enna. Sie hatten ein Zimmer zusammen im Krankenhaus. Zwei einzelne Betten. Sie hatten Spiele mitgebracht. Ihren Computer sogar. Das Zimmer fühlte sich nach Jugendherberge an, nicht nach Krankheit, nach Ende schon gar nicht. Ich saß zwischen ihren Betten. Wir kannten uns kaum. Sie sagten Du siehst traurig aus und ich dachte, das darf ich gar nicht, denn ihr, ihr seht glücklich aus und ihr wisst, ihr könnt bald sterben, heute oder morgen oder nächstes Jahr. Ich darf nicht traurig sein, das sagte ich. Ich habe kein Recht zu weinen, wenn ihr noch lacht. Du darfst traurig sein, sagte Enna. Liebe verlieren ist traurig. Ein Ende ist traurig. Du darfst traurig sein. Du darfst weinen. Auch hier. Bei uns. Sie sagte das und ich fing leise an zu weinen. Enna guckte Ben tief ins Gesicht. Er setzte die Sauerstoffmaske auf, richtete seinen Blick auf den Fernseher über unseren Köpfe und dämmerte weg. Sein Atem war laut, es rasselte in seiner Brust, jedes Mal, bei jedem Zug nach Luft. Die Lunge voller Schleim. Er braucht eine neue, flüsterte Enna. Bald. Und sie hielt meine Hand.

Heute habe ich den Mann, den ich liebte, den ich geliebt hatte, angerufen, ich habe ihm von Ben erzählt. Ich habe gesagt Ben ist jetzt tot. Ich habe gesagt, erst ging alles gut mit der Spenderlunge und dann waren da auf einmal lauter Löcher. Sie haben sie gestopft, wie Löcher in Socken, so stellte ich mir das vor, und am nächsten Tag war wieder ein Loch da und dann später wieder eins, dann noch ein paar. Dann ließen sie die Löcher. Und jetzt läuft Enna über die Station im Krankenhaus und streichelt ein Bild von Ben. Die ganze Zeit macht sie das.
Der Mann, den ich liebte, den ich geliebt habe, hat gesagt: Bitte weine doch nicht. Ich sagte: warum soll ich nicht weinen. Draußen regnet es. Draußen ist alles dunkel und nass.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wie ich mich gefreut habe, über einen neuen Text von dir.

    Vielen Dank. Sehr gut gelungen.

    18.10.2009, 17:49 von Siddharta_B
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    um grosse themen zu beschreiben, braucht es keine grossen worte. dieser text hier ist ein gutes beispiel dafür. mit gebremsten pathos kurz und unumwunden auf den punkt gebracht. mir gefällt das.
    aber vielleicht ist mir der versuch, den eigenen emotionalen verlust zu einer geliebten person paralell zu setzen mit der realen todeserfahrung einer anderen person, zu dramatisch. ist der emotionale verlust von liebe mit dem absolutem ende überhaupt vergleichbar...?

    11.10.2009, 17:10 von magnus
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    Total schön geschrieben !
    -> Gänsehaut

    04.10.2009, 12:26 von Rumplestiltskin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    der bombt weg.

    geil.


    (boom)

    01.10.2009, 21:59 von frl_smilla
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