Eislilie 04.01.2008, 14:47 Uhr 46 5

Das Loch in meiner Brust

Mein Magen knurrt. Nach zwei Tagen des Hungerns werde ich endlich von zwei Schwestern abgeholt, um in den O.P. Saal gebracht zu werden.

Mein Magen knurrt. Nach zwei Tagen des Hungerns werde ich endlich von zwei Schwestern abgeholt, um in den O.P. Saal gebracht zu werden. Doch bevor ich aus dem Zimmer geschoben werde, ziehen sie mir das Krankenhaus-Hemd über den Bauch, um mein Bauchnabelpiercing abzukleben. Es stört mich inzwischen nicht mehr, dass alle im Raum anwesenden mich entblößt sehen. Da sowieso schon alle Schwestern der Station und die Stationsärztin meine Brust gesehen, wenn nicht sogar angefasst haben.
Ich bekomme noch ein Beruhigungsmittel, dann geht es los. Denke ich jedenfalls.

Vor dem O.P. Saal muss ich noch warten. Ich werde an Geräte angeschlossen, die meinen Puls messen und meinen Herzrhythmus anzeigen. Alles viel zu hoch. Ich bekomme noch zusätzlich Beruhigungsmittel durch die Vene gespritzt. Danach werde ich in den Aufwachraum geschoben, es sei zu Komplikationen gekommen, ich müsse warten. Drei Stunden später bin ich endlich an der Reihe. Anfangs hieß es, ich würde frühs operiert. Als ich auf die Uhr schaue, zeigt sie 18 Uhr an. Inzwischen ist mir alles egal, ich will es einfach nur noch hinter mir haben. Hauptsächlich, um endlich wieder in den Genuss von Lebensmitteln zu kommen. Das letzte, woran ich mich erinnern kann, ist die Maske, die sie mir aufsetzen.

Nach der Operation scheint alles vernebelt. Ich nehme meine Umgebung kaum wahr. Ich spüre nur Schmerzen in meiner rechten Brust, verlange nach noch mehr Schmerzmitteln.
Am nächsten Tag fängt das tägliche Spülen an. Die Spaltung des Mamma-Abzesses allein reicht nicht. Es steckt eine Drainage in meiner Brust und jeden Tag wird mit einer Spritze Wasser hinein gepumpt. Damit es von innen zuheilt, nicht von außen, sonst könnte sich wieder eine Eiteransammlung bilden. Ich hasse es. Es tut weh und ist eine einzige Tortur für mich. Jeden zweiten Tag nehmen sie mir Blut ab und jeden Abend bekomme ich eine Thrombose-Spritze. Ich hasse Nadeln. Es wäre aber nur halb so schlimm, wenn die Ärzte und Schwestern etwas freundlicher wären. Die Stationsärztin riecht nach Zigarettenrauch, als sie meinen Verband wechselt. Ich versuche Smalltalk mit ihr zu führen, doch sie blockt ab, verschwindet wieder. Ein kleines Lächeln hätte mir schon viel geholfen. Dann müsste ich nicht jedes Mal weinen und im Selbstmitleid versinken, nachdem ich eine Nadel in mir gespürt habe. Es ist nicht nur wegen der Schmerzen. Es ist dieses Gefühl, allein zu sein. Die Schmerzen verstärken dieses Gefühl nur und das ist es, was die Tränen auslöst. Die einzig nette Schwester, über deren Besuch ich mich jedes Mal gefreut habe, hat jetzt Urlaub.

Meine Zimmernachbarin ist wesentlich älter als ich. Der Alterunterschied beträgt mindestens fünfzig Jahre und sie ist wegen einer wesentlich schlimmeren Sache hier im Krankenhaus als ich. Sie hat Brustkrebs. In beiden Brüsten. Schon vor Jahren wurde sie deswegen operiert, doch er hat sich erneut ausgebreitet. Ihre erste O.P. hat sie schon hinter sich und sie weiß, dass noch eine folgen wird. Sie ist so viel tapferer als ich. Sie ist so stark. Nach ihrer ersten Operation spaziert sie schon wieder durch die Gänge, da sie es leid ist, den ganzen Tag im Bett zu verbringen. Ich bewundere sie dafür. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten, sie zittern unkontrolliert.

Anfangs habe ich mich noch ziemlich aufgeregt, mit einer „alten Oma“ in einem Zimmer zu sein, aber das lag wohl hauptsächlich an der Angst und der Verzweiflung, die ich verspürt habe. Am ersten Tag viel heftiger, als an den darauf folgenden. Inzwischen habe ich sie ins Herz geschlossen. Ihre Art gefällt mir und sie scheint wirklich eine starke Frau zu sein. Was mich beeindruckt. Vor allem, wegen ihres Alters.
Doch dann heißt es, ich solle umziehen in ein anderes Zimmer. Die Schwestern können mir keine Begründung liefern und ich muss mich fügen. Wir sind beide sehr traurig darüber und sie setzt sich dafür ein, dass ich in unserem Zimmer bleiben kann. C30. Aber ohne Erfolg.

Jetzt sind wir beide allein. Zwar habe ich für einen halben Tag noch eine Zimmernachbarin, aber um 15Uhr wird diese entlassen. Ich fange wieder an zu weinen. Noch verzweifelter bin ich, als mir gesagt wird, dass ich wahrscheinlich eine Woche hier verbringen muss. Es ist wirksamer, das Antibiotikum durch die Vene zu verabreichen. Außerdem ist es praktischer, da meine Brust jeden Tag gespült werden muss. Sieben mal am Tag werde ich an Antibiotikum gehängt. Fünfmal tagsüber und zweimal in der Nacht. Ich habe es mir angewöhnt, so zu schlafen, dass meine Hand in einer Position daliegt, indem es gut rein fließen kann.
Inzwischen habe ich am ganzen Körper blaue Flecken von den Spritzen. Ich sehe aus wie ein Junkie. Eigentlich sollte ich nicht rauchen, da es den Heilungsprozess verlangsamt, aber ich kann einfach nicht anders. Jedes mal, nachdem mir Blut abgenommen wird oder ich eine weitere Impfung bekomme, flüchte ich danach ins Raucherzimmer.
Das einzige, was mich für ein paar Stunden aufheitert, sind meine Besucher. Nicht oft, nicht viele, aber es ist für mich jedes Mal der Himmel auf Erden. Auch meine alte Zimmernachbarin besucht mich ab und zu mal. Sie braucht auf jemanden zu reden.
Ich biete den Schwestern Schokolade an und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, doch es scheint nicht recht zu funktionieren. Ich weiß, sie haben viel zu tun. Die Frau, die jeden Tag mein Zimmer reinigt, scheint sich allerdings sehr darüber zu freuen. Auch darüber, dass ich mich bei ihr dafür bedanke.

Es wird besser, als ich einen neuen Stationsarzt bekomme. Er ist viel netter, redet mit mir und passt auf, mir nicht weh zu tun. Auch entschuldigt er sich jedes Mal, wenn ich mein Gesicht vor Schmerz verziehe. Er spricht nur gebrochen deutsch. Irgendwie sind es die Ausländer hier im Krankenhaus, die nett zu mir sind, fällt mir auf. Auch die nette Schwester war keine Deutsche und meine Zimmernachbarin, die ich nur einen halben Tag lang hatte, und mit der ich mich richtig gut verstanden habe, war Türkin. Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht lassen sie den Stress nicht so auf sich einwirken.
Ich hasse diese Drainage. Es zwickt und juckt an meiner rechten Brust. Widerliches Gefühl!
Den größten Teil des Tages verbringe ich im Bett und lass den Fernseher laufen, obwohl ich gar nicht schaue, was läuft. Hauptsache, es ist ein bisschen Bewegung in dem Zimmer, dann fühl ich mich nicht ganz so einsam, wenn ich keinen Besuch habe.

Als ich endlich, nach einer Woche, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, entlassen werde, bin ich erleichtert. Ich besuche meine frühere Zimmernachbarin und stelle ihr die Blumen, die ich von einem Besucher bekommen habe, auf den Tisch. Sie freut sich. Sie muss zunächst noch im Bett bleiben, da sie erst vor einigen Stunden das zweite Mal operiert wurde. Ich unterhalte mich mit mir, bis ich abgeholt werde. Sie erzählt mir, dass ihr fünfjähriger Enkel sich gestern suchend im Raum umgesehen und gefragt habe: „Oma, wo ist denn der Krebs jetzt?“

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46 Antworten

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    Toller Text. Ich war vor einem Jahr auch oft im Krankenhaus (und muss immer noch zu Untersuchungen), ich hatte Glück mit Ärzten und Pflegern. Ich wünsch dir noch viel Glück!

    06.05.2008, 11:51 von lisaklein
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    An alle die hier so richtig abrotzen, aber selbst wahrscheinlich noch niemals wirklich krank waren.
    Ich habe den Text gelesen und es hat mich sehr berührt, denn ich fühlte mich zurückversetzt, in die Zeit meiner eigenen Krankheit und KH-Geschichte. Ich war damals auch erst 19 Jahre und bekam die niederschmetternde Diagnose : Lymph-Krebs. OK, ich bin ein absolut positiver Mensch und bin da anfangs ganz unbedarft und stark rangegangen. Habe zwölf (!!!) überaus aggressive Chemo´s mit allen dazugehörigen Nebenwirkungen durchgemacht und ungefähr ein Jahr mehr od. weniger im KH verbracht. Doch irgendwann ist jeder Mensch mal an seine phsychische wie physische Belastungsgrenze angelangt und da kamen dann auch genau diese Gedanken auf. Ich verstehe das vollkommen. Solange man das Ziel (gesund zu werden) aber nicht aus den Augen verliert ist das auch OK und nur natürlich. Es geht halt jeder anders um mit solchen Ereignissen und es zwingt einen ja auch niemand solch einen Artikel zu lesen. Ich finde es anmaßend über so etwas zu urteilen oder gar Verbesserungsvorschläge zum Schreib-Stil zu machen. Es ging hier um eine absolut persönliche Erfahrung und deren Verarbeitung und wenn Eislilie es nunmal so empfunden hat, dann ist das ihr DIng ! Das ganze Geschrei um die Gesundheitsreform und die daraus entstehenden Umstände, waren bestimmt nicht ihr Anliegen. Hackt nicht so auf ihr rum ! Wenn ihr selbst mal erfahrt was wirklich krank bedeutet, DANN könnt ihr auch mitreden!
    Was mir nicht so gefiel war lediglich der Schluß, der ziemlich offen läßt, was weiter mit der Schreiberin passierte, ob sie aus dem "Tal der Tränen" wiedergekehrt ist. Was ich aber doch sehr stark hoffe und annehme. Ich bin aus meiner Krankheitsgeschichte nämlich als gesunder Mensch und starke Persönlichkeit herausgegangen und habe letztendlich nur gewonnen dadurch.
    Das wünsche ich dir auch liebe kleine Eislilie, auch wenn es "nur" ein widerlicher Abszess und eine Woche KH war.
    LG
    dakini

    P.S.
    Die besten Wünsche auch noch an gimme_shelter !
    Bleibe stark und positiv !

    26.01.2008, 13:26 von dakini
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    hallo.
    ich mache derzeit ein fsj im krankenhaus und kann mir vorstellen, wie schwer es dir fiel, dich aufzurappeln. sehe das grade immer wieder bei jungen patienten: diagnose kriegen und 2 tage mit dem gesicht zur wand liegen. man ist verletzlicher, wenn man schon krank ist. und jung und schwer krank ist unfair (in meinem umfeld sind es viele leukämie-patienten).

    ich wünsch dir ganz viel kraft, dich immer wieder aufzurappeln. sonst dauert alles nur doppelt so lange...

    25.01.2008, 21:52 von huepfer
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    das pflegepersonal nimmt sich sehr wohl zeit für den pat. ist zwar schwierig da manchmal einfach die zeit fehlt. doch ich spreche aus erfahrung, da ich selber dem pflegepersonal angehöre und auf meiner letzten station onkologie war. dort haben die pat. einen enormen gesprächsbedarf.

    19.01.2008, 16:08 von Maultasche
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    da is es dir ja nicht so gut ergangen im kh.
    ich habe auch krankenschwester gelernt und muss sagen dass ich auch verschiedene eindrücke vom umgang mit patienten erlebt habe. auf manchen stationen bzw. bei manchen schwestern hatte auch ich des gefühl, dass sie patienten nur als "arbeitsobjekt" ansehen und nicht als menschen.
    es gab aber auch stationen wo ich hinkam und es soviel zu tun gab, dass man prioritäten setzen musste, vor allem wenn viele pflegefälle da waren. wo man einfach gar ned wusste wo man anfangen soll. mir persönlich tuts auch leid, wenn man dem patienten nicht die zeit geben, die er bräuchte um über seine ängste oder bedürfnisse zu sprechen, aber was soll man tun wenn die zeit nicht da ist?
    und auch wenn es heißt, dass ein lächeln keine zeit kostet. das stimmt, aber manchmal ist man von dem was man auf der station erlebt so frustriert bzw. mitgenommen, erschöpft, dass man einfach ned lächeln kann. dann möchte man einfach nur heulen, weil dass was man macht nix mehr mit seinem eigentlichen job zu tun, dass man menschen hilft.
    auch im krankenhauswesen geht es halt nur noch um gewinn bzw. ja keinen verlust zu erwirtschaften. und da bleibt der mensch (patient genauso wie personal) leider auf der strecke.

    17.01.2008, 17:12 von fetzmaus
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    auch wenn selbstmitleid nicht das allercoolste ist, dann hilft es dem ein oder anderen in situationen, in denen man sich unwohl fuehlt, ja doch. geht es nicht darum, sich selbst wege zu schaffen, mit etwas unangenehmem umzugehen? macht halt jeder anders... kann man auch mal verstaendnis fuer haben. und nur weil es anderen noch schlechter geht, heisst das nicht, dass man auch mal was scheisse findet. was mich viel mehr nervt als selbstmitleid hin oder her ist dieses ewige beschweren ueber das deutsche gesundheitssystem. stellt euch kurz vor, ihr sitzt mit nem englaender, ner franzoesin und nem spanier in einem raum - ich garantiere euch, ihr habt die besten zaehne bzw. habt am wenigsten dafuer bezahlt! und jaja, ich weiss, dass das deutsche gesundheitssystem alles andere als perfekt ist, aber muss man sich ueber alles permanent nur beschweren?! mir verdirbt das oft gehoerig die laune.

    17.01.2008, 09:50 von laerm
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    Hey, wow, jetzt kann ich ja mal mein Blog bewerben, ohne dass es allzu unpassend wirkt...! Bin nämlich jetzt gerade im Moment im Krankenhaus, weil mir Metastasen operativ entfernt werden sollen, u.a. aus einem Lungenflügel. Die ganze Krebskiste ist unter

    ein-star.blogspot.com

    nachzulesen. Zum Text: ja, man kann es wirklich etwas tapferer ertragen. Aber auf der anderen Seite finde ich dich irgendwie schon wieder süss, Eislilie. Wahrscheinlich sprichst du irgendeinen männlichen Beschützerinstinkt in mir an. Na ja...

    14.01.2008, 14:10 von gimme_shelter
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